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Gilles Dauvé/Karl Nesic - Kommunisierung: ein „Aufruf“ und eine „Einladung“ (2004)
Samstag 19. September 2026
Der Lauf der Dinge hat dafür gesorgt, dass es im Frühling 2004 zu zwei Versuchen „kommunisierender“ Bekräftigung kam. Einerseits ein Treffen zur Vorbereitung einer Zeitschrift, Meeting, mit dem Ziel, verschiedene, sich auf die Strömung der Kommunisierung berufende Leute zusammenzubringen, obwohl sie in diesem Fall vor allem Théorie communiste nahestehen. Parallel dazu, ohne sichtliche Verbindung zu diesem Zeitschriftenprojekt, die Veröffentlichung eines kleinen Büchleins, Aufruf, ohne Autor, Adresse oder Ort der Veröffentlichung, ein Beitrag zu Aktivitäten, die ebenfalls zur Kommunisierung hin tendieren.
Von Kommunisierung zu sprechen, ist gleichbedeutend mit der Bekräftigung, dass eine künftige Revolution nur einen emanzipatorischen Zweck und Erfolgschancen haben kann, wenn sie von Anfang an auf allen Ebenen eine kommunistische Transformation einleitet, bezüglich der Lebensmittelproduktion als auch der Art und Weise, wie sie verspeist werden, aber auch, wie wir von einem Ort zum anderen kommen, uns unterbringen, lernen, reisen, lesen, nichts tun, lieben, nicht lieben, debattieren und über unsere Zukunft entscheiden usw. Ein solcher Prozess ersetzt die (notwendigerweise gewalttätige) Zerstörung des Staates und der die Ware und die Lohnarbeit stützenden Institutionen nicht, sondern begleitet und verstärkt sie. Diese weltweite Transformation würde sich wahrscheinlich über Generationen erstrecken, ohne jedoch vorher die Grundlagen einer Gesellschaft zu erschaffen, die erst danach entstehen sollte, nach einer mehr oder weniger langen „Übergangsphase“. Diese Transformation wäre nicht zuerst eine Ergreifung (oder gar Zerstörung) der politischen Macht und dann eine gesellschaftliche Umwälzung. Sie wäre das Gegenteil dessen, was die Formel von 1921 des (damals bolschewistischen) Victor Serge auf den Punkt bringt: „Die Revolution ist ein Opfer, das der Zukunft gebracht wird.“ Um es positiv auszudrücken, es geht nicht nur darum, die Revolution zu machen, sondern sie zu sein.
Wenn das, was man die „Strömung der Kommunisierung“ nennt, all jene bezeichnet, welche sich in dieser Perspektive verorten, dann sind wir Teil davon und betrachten jede dahingehende kollektive Bestrebung als positiv. Wir haben jedoch die Einladung ans Vorbereitungstreffen für die geplante Zeitschrift im Mai abgelehnt.
Meeting
Das Einvernehmen bezüglich der Kommunisierung ist eine unerlässliche Bedingung für einen Zusammenschluss, doch es genügt nicht. Die für das Treffen ausgewählten Texte enthielten einen langen Auszug Karl Nesics („L’appel du vide“, 2004), der insbesondere unsere Meinungsverschiedenheiten mit Théorie communiste darlegt, diese sind tief genug, um eine theoretische Zusammenarbeit weitgehend unmöglich zu machen.
Wenn wir (wie TC glaubt) in den idealistischen Humanismus abgleiten oder TC (wie wir glauben) in einen deterministischen Strukturalismus abgleitet, dann verunmöglicht das jegliche gemeinsame theoretische Bestrebung und erschwert gar jegliche Diskussion. Man kann nur diskutieren, wenn man sich im Wesentlichen einig ist, wenn man sich einig ist über die zu stellenden Fragen und darauf einfach verschieden antwortet.
Unserer Meinung nach ist die Revolution seit einigen Jahren nicht möglicher (und noch weniger unvermeidlicher) geworden, als dass sie zuvor logisch unmöglich gewesen wäre. Sie ist nur eine Möglichkeit, offensichtlich zusammenhängend mit dem Stadium und den Formen der kapitalistischen Entwicklung zu einem historischen Zeitpunkt, aber nicht abhängig von diesem Stadium. Keine Schwelle macht sie unmöglich und auch nicht möglich oder gar unumgänglich. Die Revolution war Mitte des 19. Jahrhunderts möglich, genau wie sie es zu Beginn des 21. Jahrhunderts bleibt. Sollte sie stattfinden, wird sie allen voran ein Resultat der Aktivität der Proletarier sein. Sie wird Bruch und Selbstemanzipation sein. Das Scheitern der vergangenen Versuche muss nicht im Entwicklungsstadium des Kapitals, sondern in der Aktivität des Proletariats selbst gesucht werden. Das Wesentliche ist nicht, was die Gesellschaft aus uns macht, sondern was wir aus dem machen, was sie aus uns gemacht hat.
Das Kapital ist nicht eine Entität, bestimmt von Gesetzen, die letztendlich die unumgängliche proletarische Erhebung auslösen, sondern ein prozessierender gesellschaftlicher Widerspruch. Es existiert keine Krise des Kapitals, nur seiner Akteure. Wir haben Mühe, zu verstehen, dass jene, welche so stark, und zurecht, auf der „gegenseitigen Verstrickung“ von Kapital und Arbeit bestehen, zugleich die Geschichte als ein Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung mit dem Proletariat in der Rolle der Wirkung und dem Kommunismus als einem programmierbaren Ende analysieren. Wie häufig hat man doch in der Vergangenheit die Endkrise und die Revolution als ihre logische Folge prognostiziert… Alles, was wir anbieten können, sind Hypothesen über die Entwicklung des Widerspruchs Kapital/Proletariat, Hypothesen, deren eventuelle Widerlegung durch die Tatsachen nicht unsere Perspektive in ihrer Gesamtheit infrage stellen, denn sie gründet nicht auf irgendeiner Vorhersage, da der Klassenkampf weitgehend unvorhersehbar bleibt. Wenn das Kapital ein prozessierender gesellschaftlicher Widerspruch ist, impliziert das nämlich eine dialektische Beziehung zwischen den Wesen und gesellschaftlichen Gruppen: Die Individuen, Klassenfraktionen und Klassen determinieren sich selbstverständlich nicht gemäss einem freien Willen, sondern jeder historische Scheideweg zwingt sie, innerhalb eines gewissen Spektrums an Möglichkeiten eine Entscheidung zu treffen. Die Geschichte ist kein grosses Buch, das schon vorweg geschrieben ist.
Die revolutionäre Theorie und ihre „konkreten Analysen konkreter Situationen“ gründen selbstverständlich auf theoretischen Vorannahmen, aber sie erheben nicht den Anspruch, die gesamte Vergangenheit und Gegenwart dieser Welt zu erfassen. Obwohl sie den Anspruch haben sollte, so rigoros wie möglich zu sein, ist die kommunistische Theorie nicht wissenschaftlich: Sie erhebt nicht den Anspruch, einen Forschungsgegenstand zu konstruieren, der von jenem unabhängig wäre, welcher ihn studiert, ausgehend von einer privilegierten Stellung, aufgrund welcher der Gelehrte glaubt, er beherrsche die Totalität des Phänomens und könne davon Gesetze ableiten. Die kommunistische Theorie ist auch nicht prophetisch. Jede Prophezeiung ist unwiderlegbar und kann von den Tatsachen nicht dementiert werden, denn sie ist auf einer überhistorischen Ebene verortet, zu der die banale Materialität von Natur aus keinen Zugang hat. Die immer wiederkehrende Debatte in der kommunistischen Bewegung über die Unvermeidbarkeit der Revolution ist zweck- und gegenstandslos. Wir sind widerlegbar…
...besonders, wenn wir bekräftigen, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Realität verhindert, dass der Kommunismus auf der Tagesordnung steht, dass die Revolution, so wie sie die Strömung der Kommunisierung versteht, heutzutage ein Thema ist, das nur von einer Handvoll Individuen und Gruppen debattiert wird, und dass diese Situation sich nicht grundlegend von jener vor 10 oder 20 Jahren unterscheidet. Es ist weiterhin die Bourgeoisie am Drücker und die einzige „wirkliche“ Kritik dieser Welt ist jene des radikalen Reformismus, die ausserdem bis anhin weder einen wahrhaften Inhalt noch eine gesellschaftliche Wirkung hat. Unsere Epoche ist weiterhin von der Ohnmacht der Proletarier im Allgemeinen und der Kommunisten im Besonderen geprägt.
Es ist heute noch zweckloser als gestern, zu glauben, die Theorie könne durch ihre eigene Aktivität die Unstimmigkeit mit sich selbst und der Gesellschaft regeln, sie könne jetzt schon nicht mehr partiell, fragmentarisch und parteiisch sein. Wenn man kaum über die „Waffen der Kritik“ verfügt, ist man weit von der Kritik der Waffen entfernt. Die Geschwindigkeit des Informationsaustausches und der unmittelbare Zugang zu Tausenden von Texten fällt mit einer relativ armseligen Konfrontation damit zusammen. Man kann vermuten, dass das virtuelle Zeitalter diese Schwäche nicht schlimmer macht, sie merzt sie jedoch auch nicht aus. Die Geschwindigkeit der Ideenzirkulation scheint umgekehrt proportional zur Intensität der dadurch ausgelösten Debatten. Der Besitz einer ausufernden Bibliothek war noch nie der Garant für die Qualität der Überlegungen. Man erspare uns das Lächeln über unsere „Technophobie“. Obwohl wir es für nützlich halten, eine Website zu haben, stellen wir fest, dass viele Revolutionäre die Illusionen der informatischen Revolution teilen. Die Kritik des Fleisches ist verbreiteter als jene des Computers und jene der Autobahnen für Fahrzeuge als jene der „Informationsautobahnen“. Die extreme Rarität oder gar die schiere Unauffindbarkeit der Texte von Bakunin, Pannekoek oder sogar Marx verhinderte jedoch 1967 das Aufkommen eines an sie anknüpfenden Protests nicht. Einige Jahre zuvor wurden 50 bis 500 Exemplare von Potlatch verteilt. Die scheinbar unmittelbare Verfügbarkeit von allem hindert die Gesellschaftskritik 30 Jahre später nicht daran, sich auf einem viel tieferen Niveau abzuspielen. Zehnmal so viele Treffen oder tausendmal so viele virtuelle Verbindungen werden daran nichts ändern. Die revolutionäre Bewegung ist nicht eine Frage der Zirkulation und die Überwindung unserer Befangenheiten keine der geknüpften Beziehungen. Nur die Entwicklung der gesellschaftlichen Realität, zu welcher die kommunistischen Minderheiten beitragen werden, aber kaum mehr als die anderen Proletarier, ist determinierend und wird es weiterhin sein, sie bestätigt oder entkräftet alle (Hypo)Thesen oder einen Teil davon und trägt zur Totalisierung bei.
Im gegenwärtigen Zustand wird ein Zusammenschluss wie jener, der rund um Meeting in Erwägung gezogen wird, es sei denn, er ähnle einer erweiterten Version von Théorie communiste, im besten Falle ein internes Nachrichtenblatt der Kommunisierer hervorbringen. Aber eine Aneinanderreihung ist kein Dialog und jeder Dialog nicht zwingend eine Klärung. Die vorbereitenden Dokumente zeugten von sehr verschiedenen, manchmal schwierig miteinander zu vereinbarenden Ansätzen. Entscheidend ist der Inhalt, den man den Worten Kommunisierung, Klasse, Klassenkampf und Abschaffung der Klassen gibt. Viele Genossen, und nicht nur „Kommunisierer“, übernehmen die Idee einer Klasse, die, während sie existiert und als Klasse kämpft, letztendlich alle Klassen vernichten wird, doch sie interpretieren die Formel sehr verschiedenartig und häufig widersprechen diese Interpretationen einander. Es ist schwer ersichtlich, wie eine solche Zeitschrift qualitativ bessere Aktivitäten als bis anhin begünstigen soll. Nach 1945 teilten Bordiga und Pannekoek, gemäss Kriterien, die sich stark von der Kommunisierung unterscheiden, aber nicht minder stichhaltig sind, einen Kern, der sie zum Beispiel klar von den Trotzkisten, den Anarchisten usw. unterschied: Niemand hätte sich jedoch vorstellen können, dass sie zusammen in einer gemeinsamen Organisation sein könnten.
Die kommunistische Theorie gründet auf einer noch nicht bestätigten Vorannahme, was zwingend zu einer Fragmentierung führt, die in jeder Periode einer schwachen Intensität des Klassenkampfes unvermeidlich verstärkt wird. Marx und Engels, die weit weniger isoliert waren als wir, räumten ein, dass sie sich ihr „Mandat“ als revolutionäre Theoretiker selbst gegeben und es nicht von einer sie anerkennenden breiten Bewegung erhalten hatten. Nachdem der Kapitalismus 150 Jahre später zehnmal auf seinem Totenbett geschildert worden ist, ist er immer noch quicklebendig und die tatsächliche Überprüfung der Theorie (durch eine kommunistische Revolution) lässt auf sich warten. Man kann alles und das Gegenteil davon theoretisieren: die Gewissheit der Revolution aufgrund des Fortbestehens der proletarischen Bewegung oder ihre Unauffindbarkeit aufgrund der nachhaltig nicht kommunistischen Praxis ebendieser Proletarier. Diese beiden gegenteiligen Standpunkte könnten mit der gleichen demonstrativen Strenge basierend auf nachgewiesenen historischen Tatsachen und ähnlichen Konzepten aufgezeigt werden und sich nicht allzu missbräuchlich auf unsere Klassiker berufen. Obwohl sie einander diametral entgegengesetzt sind, haben diese beiden Positionen eine gemeinsame intellektuelle Vorgehensweise. Die eine wie die andere glauben, die Kohärenz und die Stichhaltigkeit eines Konzepts aufgrund dessen, was es von sich selbst sagt, beurteilen zu können. Nur ist der Klassenkampf diesbezüglich der einzige Friedensrichter und wird es immer sein. Einzig das proletarische Hereinplatzen auf die historische Bühne „beweist“ die Gültigkeit der Theorie des Proletariats und endgültig wird sie nur eine kommunistische Revolution „beweisen“. Zwischen jeder gesellschaftlichen Welle und bis zur letzten, die endlich „die richtige“ sein werde, vermitteln jegliche revolutionäre Überlegung und Aktivität den Eindruck, in einem luftleeren Raum zu schweben. In einem solchen Fall entsteht eine natürliche Tendenz, diese Leere so gut es geht zu füllen. Aber die Verwandlung von Niederlagen in Siege ist nur auf dem Papier möglich. Man anerkennt besser, dass man provisorisch besiegt ist, wenn man es nicht bleiben will.
Die Aufgabe der Stunde ist weder die Organisation eines gemeinsamen Ausdrucks noch jene aneinander vorbeigehender Diskussionen, sondern die Vertiefung unserer besonderen Vorannahmen unter dem Eingeständnis und der Integration ihrer Unfertigkeit und ihre Konfrontation mit den analysierten Tatsachen. Wenn das einmal getan ist und so unerlässlich diese Aktivität auch sein mag, wird sie jedoch nicht zu einer kritischen Synthese führen, eine solche ist gegenwärtig nicht erreichbar. Um die Situationistische Internationale zu paraphrasieren, was heute wichtig ist, ist nicht die Einheit, sondern die eingestandene Spaltung: Eine gegebene Situation, vor allem eine der Schwäche und Isolation, kann nur überwunden werden, wenn man sich ihrer annimmt, nicht wenn man so tut, als ob sie nicht existierte und vor allem vom (guten) Willen der Kommunisierer abhinge…
… oder von „konzessionslosen“ Polemiken. Die Polemik ist gleichbedeutend mit Personalisierung, mit der Betrachtung des Anderen als Eigentümer von Ideen, wovon er nur Verwahrer ist, und somit von vornherein ein falscher Weg. Die Polemik hat die Zerstörung der gegnerischen Partei zum Ziel, diese wird im schlimmsten Fall als Feind behandelt, im besten als Instrument zur Selbstdarstellung. Wir ziehen es vor, das zu kritisieren, was uns interessant scheint und es verdient, dekonstruiert zu werden, um es in ein anderes Ganzes zu reintegrieren und ihm einen neuen Sinn zu geben. Wir kritisieren nicht das, was wir als absurd oder dumm (und noch weniger „gefährlich“!) betrachten, sondern das, was wir lesen und wovon wir möchten, dass es gelesen wird.
Aus diesem Grund zitieren wir im Allgemeinen kaum aus uns kritikwürdig scheinenden Texten. Der Polemiker auf der Suche nach einem leichten Ziel wählt beim Gegner jenen Satz, welcher in seinen Augen der schwächste ist. Wir ziehen es vor, unsere Position darzulegen, und überlassen es dem Leser, sie mit der Logik der anderen Position zu konfrontieren. Wozu sollte man 30 Sätze zitieren, die den Determinismus von TC beweisen? Ein Widersacher könnte 30 andere finden, die das Gegenteil beweisen. Es ist die gesamte Bewegung einer Vorgehensweise, die einer deterministischen Linie folgt oder nicht folgt. Ein Leser, der sich mit Zitaten begnügen würde, um sich mit uns einverstanden zu erklären, hätte unsere Methode überhaupt nicht verstanden.
Kaum Polemiken also, und gewiss keine Neugründung. Das ist es womöglich, was die an Meeting interessierten Leute miteinander gemeinsam haben, und gewiss der Kern dessen, was uns von einem solchen Projekt entfernt. Trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten teilen Théorie communiste und die anderen Teilnehmer (die Zeitschrift und Website La Matérielle zum Beispiel) die Einschätzung, dass ein theoretischer Wiederaufbau notwendig ist, freilich basierend auf grundlegenden Konzepten (Klasse, Produktionsverhältnisse, Kapital, Staat, Kommunismus…), aber im Dienste der Produktion einer Theorie der Revolution für unsere Zeit stehend, einer Theorie, welche die damalige Unmöglichkeit des Kommunismus (die Periode 1960-1980 läuft auch unter damals) und seine gegenwärtige Möglichkeit-Notwendigkeit aufzeigen würde. Einer Theorie also, welche die vergangenen Misserfolge und die möglichen-wahrscheinlichen künftigen Erfolge erklären würde.
Unserer Meinung nach und ohne auf Invarianz machen zu wollen, ist eine solche Neugründung gegenstandslos. Unter der Gefahr, in den Augen einiger als Bordigisten durchzugehen, sagen wir, dass die wesentlichen Grundlagen der revolutionären Theorie in den 1840er Jahren gelegt worden sind. (Unter der zusätzlichen Gefahr, andere auch noch zu überraschen, würden wir hinzufügen, dass die Situationistische Internationale nicht weit davon entfernt war, das auch so zu sehen.) Welche wesentlichen Grundlagen? Die Definition des Proletariats als neue historische Kraft im Vergleich zu Sklaven, Leibeigenen, Armen, Ausgebeuteten und Entrechteten vor dem Kapitalismus (vor der Renaissance und vor allem vor der Industrialisierung).
Und dies nicht aus Liebe zur Industrie oder den Produktivkräften (obwohl die Ambivalenz bei Marx und anderen diesbezüglich unbestreitbar ist, doch wir sind hier mit der Stärke der Sichtweise verbunden, nicht mit ihren Schwächen). Sondern weil der Kapitalismus das erste Ausbeutungssystem ist, das man als universell bezeichnen kann, und weil er auf einem Proletariat gründet, das aufgrund seiner Existenz im Kapital, seiner Verflechtung damit, eben genau seiner „gegenseitigen Verstrickung“ potenziell revolutionär ist und deswegen die Kapazität erlangt, als Subjekt einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung zu handeln, die Kapazität, eine menschliche Gemeinschaft zu erschaffen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war die Perspektive des Inhalts des Kommunismus gegeben: Abschaffung des Privateigentums, des Kapitals, des Geldes, der Arbeit, des Staates. Diesbezüglich trennt kein grundlegender Unterschied den englischen Minenarbeiter oder den proletarisierten Pariser Handwerker von 1850 vom Angestellten eines Call Centers in Indien oder einem kalifornischen Lastwagenfahrer 2004. Alles, was man als das analysieren kann, was 1850 eine kommunistische Handlung des Minenarbeiters oder des proletarisierten Handwerkers verhindert, als „objektive“ Grenzen (d.h. nicht von ihnen abhängig, sondern auferlegt durch die Lage, in welche sie gebracht worden sind), wird man auch beim Angestellten des Call Centers oder dem Lastwagenchauffeur 2004 wiederfinden. Was sie alle vier gemeinsam haben (hinsichtlich der historischen Möglichkeit wie auch der gesellschaftlichen Hindernisse und Trägheit), ist weit bedeutender als das, was sie voneinander unterscheidet. Das ist der wesentliche Punkt.
Diese Theoretisierung mag vielleicht falsch sein. Wir haben im Grunde genommen keine andere. Keine neue Theorie ist fähig, sie zu beweisen oder zu entkräften. Nur die Geschichte (die noch ungeschehene, also die Zukunft) wird es können. Und nichts garantiert heute, dass die Proletarier von 2015 oder 2030 mehr oder besser als Revolutionäre handeln werden als jene von 1848, 1919 oder 1969 und niemand kann es aufzeigen.
Die wesentlichen Grundlagen enthalten nicht alles. Die Zerstörung des Staates, die Kritik der Arbeiterbewegung, aller Vermittlungen, der Nation, des alltäglichen Lebens, das Verständnis der Revolution als Kommunisierung, all diese unerlässlichen Beiträge sind erst nach 1848 hinzugekommen und konnten erst dann hinzukommen. Und die Kommunisten von 1920 oder 1970 waren sogar häufig, indem sie diese verschiedenen Punkte hervorhoben, im Widerspruch zu den Positionen von Marx und Engels. Trotzdem haben diese Beiträge nur integriert in die wesentliche Definition Sinn ergeben und tun dies immer noch, sonst verschwindet die gesamte kommunistische Perspektive.
Es braucht keine Postarbeitertheorie der Revolution, denn jene, welche wir haben, jene von Marx, Pannekoek, Bordiga oder Debord war keine „Arbeitertheorie“. Gewiss fetischisierte und ideologisierte der Kommunismus die Arbeiterschaft. Aber zutiefst in seinem offensiven Kern suchte er den Proletarier im Arbeiter, nicht den produzierenden Fabrikanten, der mit als in sich selbst als befreiend vorausgesetzten Werkzeugen und Maschinen hantierte. Die Arbeiterideologie war nicht das Programm des Proletariats, sondern der Konterrevolution. Es mangelt hier an Platz, um aufzuzeigen, dass das sogar in Bezug auf die „arbeiterideologischste“ der kommunistischen Strömungen zutrifft, die deutsche Linke: Die wahre Partei des Arbeiters war die USPD, nicht die KAPD.
Ausser man begibt sich, freiwillig oder nicht, kontrolliert oder nicht, auf eine Irrfahrt, was bei Meeting gewiss nicht der Fall ist, kann eine neue Ausarbeitung der Theorie nur bedeuten, dass man einen besonders günstigen Beobachtungspunkt sucht, von wo aus sich einem die gesamte Geschichte der Menschheit entfaltet, wenn man den richtigen Schlüssel besitzt. Wir haben es hier mit einem neuen Beispiel des (verständlichen, aber illusorischen) Glaubens an die Allmacht des menschlichen Geistes zu tun.
At the end of the day scheint es, dass die Teilnehmer am Projekt Meeting der Kommunisierung einen ganz anderen Inhalt geben, als jener, welcher am Anfang des Texts skizziert worden ist. Sie beschreibt für sie weniger den konkreten Prozess der kommunistischen Transformation der gesellschaftlichen Beziehungen, als dass sie eine gänzlich neue Epoche definiert, jene der endlich möglichen-notwendigen Revolution. Es ist schwierig, darin nicht einen Rückschritt gegenüber dem zu sehen, was von „Eine Welt ohne Geld“, La Banquise oder gar in jüngerer Vergangenheit Hic Salta jeweils auf ihre eigene Art und Weise versucht worden ist.
Aufruf
Zwar auf ganz andere Art und Weise illustriert der Aufruf auch eine Krisensituation, die er sich bemüht, auf seine Art und Weise zu überwinden.
Eine Reaktion auf den Aufruf durch das Hervorholen unserer theoretischen Waage, um das Pro und Kontra abzuwägen, wäre absolut sinnlos oder würde von einer traurigen Gleichgültigkeit gegenüber einer entstehenden, handelnden, sich suchenden und formalisierenden gesellschaftlichen Subversion zeugen. Was auch immer die durch es ausgelösten Vorbehalte sein mögen, drückt dieses Buch eine Existenz, eine Erfahrung aus, besonders in den Aktionen der letzten Jahre gegen die Globalisierung und zieht auf seine Weise Bilanz aus der Epoche. Ausgedrückt in einer zur Lektüre einladenden Sprache, enthält die theoretische Errungenschaft wesentliche Elemente des Verständnisses, übernommen namentlich von Marx, der kommunistischen Linken, der Situationistischen Internationale, der Anarchie, ohne dass irgendeine Abstammung beansprucht würde und ohne irgendwelche Klassiker zu zitieren: Die in den Text integrierten Zitate werden häufig „einem Freund“ oder „einem alten Freund“ zugeschrieben.
„Wenn wir uns unter dem Feind immer wieder ein Subjekt vorstellen, das uns die Stirn bietet - anstatt ihn als ein Verhältnis zu empfinden, das uns hält – führt das dazu, dass man sich im Kampf gegen das Einsperren einschließt.“
„Die Praxis des Kommunismus, so wie wir sie leben, nennen wir ’die Partei’. Wenn wir gemeinsam ein Hindernis überwinden oder einen höheren Zustand des Teilens erreichen, dann sprechen wir davon, dass ’wir die Partei aufbauen’. Sicherlich bauen andere, die wir noch nicht kennen, die Partei anderswo auf. Dieser Aufruf wendet sich an sie.“
„[D]er Aufbau der Partei in seinem sichtbarsten Aspekt [besteht] für uns darin, zu teilen oder zu kommunisieren, was uns zur Verfügung steht. Einen Ort zu kommunisieren bedeutet: seine freie Nutzung zu ermöglichen und auf der Grundlage dieser Befreiung mit verfeinerten, intensivierten und komplexeren Beziehungen zu experimentieren.“
„Es gibt Umstände, wie die eines Krawalls, in welchen die Fähigkeit, sich unter Genossen zu pflegen, unsere Fähigkeit zu zerstören beträchtlich steigert. Wer kann sagen, dass sich zu bewaffnen nicht Teil der materiellen Konstitution einer Kollektivität ist?“
Die Kommunisierung wird hier als antagonistisch zu dieser Welt definiert, in einem unversöhnlichen und gewalttätigen Konflikt mit ihr (bis hin zur Illegalität). Sie unterscheidet sich also von der Alternative, die (häufig mit Erfolg) am Rande nach Akzeptanz und einer nachhaltigen Koexistenz mit dem Staat und der Lohnarbeit strebt, in der Hoffnung, dass das Kräfteverhältnis sich eines Tages von allein umkehrt und dass die „befreiten“ Gebiete und Aktivitäten die Überhand gewinnen und letztendlich alles mit sich reissen, ohne Revolution dank der natürlichen Überlegenheit der menschlichen und brüderlichen Beziehungen über die Handels- und Herrschaftsverhältnisse. Diese Sichtweise wird vom Aufruf nicht nur nicht geteilt, sondern auch bekämpft.
Nur, wie soll man „die Situation der Ausnahme bewohnbar […] machen“, z.B. ausserhalb der Arbeit leben, ohne eine breite Bewegung, die mit der herrschenden Ordnung gebrochen hat?
Der Aufruf geht davon aus, dass jene, an welche er sich richtet, schon organisiert (oder daran arbeiten) und relativ zahlreich sind. Man darf bezweifeln, dass das der Fall ist. Das Buch räumt ein, dass die Erfahrung der Schwarzen Blöcke an die Grenzen des gesellschaftlichen Widerstands gestossen ist: Wenn es schwierig ist, sich zu verteidigen, wie soll man in die Offensive gehen?
Wenn man sich die Frage nicht stellt, läuft man Gefahr, eine Kommunisierung zu theoretisieren, die auf einen Schritt zur Seite beschränkt ist, der ist für eine Revolution sicher notwendig, aber er reicht nicht. Kommunisieren bedeutet, mit anderen Beziehungen, anderen Lebensarten zu experimentieren, in jeglicher Hinsicht. Doch es ist zwingend auch mehr und etwas anderes als die maximale Ausweitung der von dieser Gesellschaft eingeräumten autonomen Ränder. Wir erkennen uns wieder in der Definition des Kommunismus als Teilen, Zusammensein und Zusammenarbeit, Prozess und Konflikt. Aber wie soll man jetzt, in der 2004 vorherrschenden gesellschaftlichen Realität, Verbindungen, Orte und Sezessionen praktizieren, die, obwohl sie gewiss gewalttätiger und stärker unterdrückt, da häufig ausserhalb des Gesetzes stehend, doch auch integriert in die Funktionsweise des modernen Kapitalismus sind, nicht nur radikalere Alternativen als andere darstellen?
Mittlerweile hat jede Stadt Europas und Nordamerikas (und Asiens bald auch immer mehr) ihre radikale Ökogruppe, ihre anarchistische Gemeinschaft, ihr besetztes Haus. Das Leben ausserhalb der Lohnarbeit ist möglich (oder zwingend) für Millionen von Europäern. Der zeitgenössische Hedonismus kehrt die am Anfang dieses Essays zitierte Formel Victor Serges um: Sie regt uns dazu an, die Gegenwart nicht der Zukunft zu opfern, intensiv Situationen zu entwerfen, im Hier und Jetzt andere gesellschaftliche Verhältnisse zu leben. Dieser Hedonismus überschneidet sich mit dem Altermondialismus in einer gleichen Verweigerung der Gesamtheit und jeglicher Zerstörung der zentralen politischen Macht: Es sei möglich, die Macht über sich und lokal zu ergreifen und eine künftige soziale Revolution durch Millionen von persönlichen und mikrokollektiven Revolutionen zu ersetzen.
Der Aufruf beschreibt einen ursprünglich subversiven Antimondialismus, der daraufhin von verschiedenen Bürokratien absorbiert worden ist, ohne die Wirklichkeit einer solchen Bewegung, ihre Entstehung etwa 15 Jahre nach der Niederschlagung der revolutionären Angriffe der 1960er-1970er Jahre, deren Verständnis für jenes unserer Zeit unerlässlich ist, genügend zu hinterfragen.
Wenn es, wie es das Buch behauptet, stimmen würde, dass die radikalen Globalisierungsgegner die mondialistische Linke auf der Strasse besiegt und sie gezwungen hätte, sich in ihre Sozialforen zurückzuziehen, hätten wir (die Autoren des Aufrufs, wir selbst und viele andere) eine Existenz und würden regelmässig auf der Strasse in Erscheinung treten, was, das müssen wir einräumen, selten der Fall ist. Es mangelt diesem Aufruf an einer Analyse der gegenwärtigen sozialen Bewegung, der Kämpfe, der Rückschläge und Widerstände in der Arbeitswelt, der Streiks, ihres Auftauchens, ihrer häufigen Niederlagen, ihres gelegentlichen Ausbleibens, in einem Wort, einer Analyse all dessen, was der Altermondialismus abdeckt und wovon er die Grenzen ausdrückt.
Trotz der „Verwüstung“ der menschlichen Beziehungen liegt die alte Welt nicht im Sterben und hat auch durch die Krise Bestand, in ihr erschöpft sich alles, um fortzubestehen, Bourgeois und Proletarier.
Ein „Aufruf“ kann nicht widerlegt werden. Entweder man hört oder ignoriert ihn. Der Leser wird unsere Entscheidung verstanden haben. Der Aufruf widerspiegelt die Dilemmas unserer Epoche und ihre Ambitionen. Falls eine Ambivalenz besteht, wird diese nur durch die Praxis jener aufgelöst, welche einen solchen Aufruf lanciert haben, aber vor allem durch all jene, welche er betrifft. Ein Zeichen einer positiven Entwicklung hin zu gesellschaftlicher Reife wäre z.B. eine Verbindung zwischen den Teilnehmern an Meeting und den Initiatoren des Aufrufs, eine Fähigkeit, zu verstehen, was diese beiden Wege gemeinsam haben und was sie trennt, um unter Umständen zum Schluss zu kommen, dass sie nicht miteinander kompatibel sind. Wenn die Situation so ist, wie sie jene, welche Meeting vorbereiten, und jene, welche den Aufruf veröffentlicht haben, beschreiben, dann sollte das schlichte Nebeneinander der Projekte zumindest ein gegenseitiges Interesse bei ihren jeweiligen Initianten auslösen. Soweit wir wissen, ist das nicht der Fall.
Präzisierungen (2004-2014)
Der Zusammenschluss von Meeting ist seinem Lauf gefolgt, danach kam etwas später SIC. Siehe die jeweils so lautenden Websites, so wie jene von Théorie communiste. Man kann nicht sagen, dass diese Entwicklungen unsere Einschätzung vor zehn Jahren entkräftet haben.
Das Zitat von Victor Serge stammt aus „Die Anarchisten und die Erfahrungen der russischen Revolution“ (1921), enthalten in Marxismus und Anarchismus, Manifest Verlag, 2021.
Was die Polemik betrifft, wird man vielleicht dagegen einwenden, dass das Beispiel Marx gegen Proudhon (Das Elend der Philosophie, 1847) durch die Konfrontation viel zur Schärfung und Ausarbeitung der kommunistischen Theorie beigetragen hat. Das stimmt wahrscheinlich. Aber zwei Jahre zuvor war Marx in seiner Polemik gegen Der Einzige und das Eigentum, eben gerade, weil sie sich nur damit befasst, Falschaussagen, um nicht zu sagen Absurditäten, zu widerlegen, blind für das, was für Marx selbst in Stirners Perspektive trotz Stirner wichtig sein konnte (siehe Daniel Joubert, Marx versus Stirner, L’Insomniaque). Hinsichtlich Marxens Angriff gegen Bakunin anerkannten so wenig anarchistische Historiker wie Franz Mehring vor langem dessen Unaufrichtigkeit und Verzerrung der Tatsachen. Die Demolierung tatsächlich sehr kritikwürdiger Schriften und Praktiken Bakunins tragen dazu bei, dass Marx die Tragweite der gerechtfertigten Kritiken des Anarchismus gegenüber den Gewerkschaften und den entstehenden sozialdemokratischen Partien nicht erkennt (siehe Madeleine Grawitz, Bakunin. Ein Leben für die Freiheit, Nautilus, 1999). Ein gutes Gegenbeispiel der Verdienste der Polemik.
„Eine Welt ohne Geld“: eine Broschüre in drei Teilen, herausgegeben von der Organisation des jeunes travailleurs révolutionnaires Mitte der 1970er Jahre.
Hic Salta: eine Zeitschrift, herausgegeben von Leuten, die sich früher im näheren Umfeld von TC bewegten oder Mitglied waren, einer davon hat La Matérielle herausgegeben, der andere, Bruno Astarian, ist Autor von wichtigen Texten zur Kommunisierung (siehe das Literaturverzeichnis von „Communisation“), siehe seine Website Hic Salta.
Unter dem kollektiven Namen Unsichtbares Komitee waren die Redakteure des Aufrufs an der Niederschrift des weltweit bekannten Werks Der kommende Aufstand beteiligt.
Übersetzt aus dem Französischen von kommunisierung.net