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Zur „Wurzel“ des Islamischen Staats: Eine Kritik der „Thesen zum Islamismus“ von La Banda Vaga

Mittwoch 26. Juni 2019, von Doc Sportello

Im Oktober 2018 hat La Banda Vaga ihre „Thesen zum Islamismus“ veröffentlicht. Ihre eröffnende Feststellung kann durchaus geteilt werden: „Die journalistische und wissenschaftliche Flut an Interpretationen und Theorien ist kaum noch zu überschauen, lediglich brauchbare materialistische Analysen tauchen wenn überhaupt nur vereinzelt auf. Darum erscheint es uns dringend notwendig eine linke Debatte über das Wesen des Islamismus und den Umgang damit in Gang zu setzen.“ Zudem ist es sehr begrüssenswert, dass der Islamismus als „ein modernes Phänomen“ charakterisiert wird, der Bezug auf einen konstruierten „wahren Islam“ ist diesbezüglich nur scheinbar ein Widerspruch.

Wir haben es also nicht mit einer „Steinzeitideologie“ zu tun, wie gemeinhin oft schwadroniert wird. Die gesamte seriöse Forschung zum Thema teilt in der Regel diese Definition als kleinsten gemeinsamen Nenner: „Die politische Dimension des Islamismus ist komplex und weitgehend verbunden mit den Identitätspolitiken seiner Anhänger. Islamistische Ideen sind allerdings in einem grossen Ausmass Teil eines muslimischen Modernismus, der mehr als ein Jahrhundert zurückreicht. Der Islamismus hat seine Wurzeln im späten 19. Jahrhundert, als viele muslimische intellektuelle Bewegungen entstanden. Sie waren im wesentlichen die Antwort der intellektuellen Eliten auf den politischen Niedergang des Osmanischen Reiches und die damit einhergehende Stärkung der kolonialen Kontrolle muslimischer Gesellschaften durch imperiale europäische Mächte.“ [1]

Diese Zeilen wären jedoch niemals geschrieben worden, wenn es an den Thesen nicht auch einiges zu kritisieren gäbe. Ein erster Kritikpunkt ist die mangelnde definitorische Präzision: „Eine Bewegung ist dementsprechend erst dann islamistisch, wenn sie den Anspruch hat eine alternative Wirklichkeit zu den bestehenden Verhältnissen zu schaffen, die sozialen Strukturen, kulturellen Normen und ökonomische Basis der Gesellschaft weitgehend entsprechend islamistischen Doktrinen umzugestalten.“ So ziemlich jede politische Bewegung will „eine alternative Wirklichkeit zu den bestehenden Verhältnissen“ schaffen und die Umgestaltung „d[er] sozialen Strukturen, kulturellen Normen und [der] ökonomischen Basis“ ist alles andere denn eine präzise Beschreibung von irgendwas. In Bezug auf „die sozialen Strukturen“ und die „kulturellen Normen“ ist die Definition tautologisch: Es ist Islamist, wer will, dass die Gesellschaft islamistisch wird. In Bezug auf die „ökonomische Basis“ fragt man sich hingegen, was das genau bedeuten soll. Sind wir uns einig, dass die „ökonomische Basis“ weltweit die globale kapitalistische Gesellschaft als Totalität ist oder ist für La Banda Vaga der „Islamismus in einem Land“ möglich?

Oxford formuliert es jedoch auch nicht viel präziser: „Der Begriff ‚Islamismus‘ repräsentiert allermindestens eine Form von gesellschaftlichem und politischem Aktivismus, der auf der Idee gründet, dass das öffentliche und politische Leben von einer Reihe an islamischen Prinzipien geleitet sein sollte. In anderen Worten sind Islamisten jene, welche glauben, dass der Islam eine wichtige Rolle in der Organisation einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft spielen sollte, und versuchen, diese Ansicht zu verbreiten.“ [2] Das liegt hauptsächlich daran, dass der Begriff „Islamismus“ unter einem Etikett sehr viele, teilweise sehr unterschiedliche Strömungen vereint und sich daher denkbar schlecht für eine präzise Definition eignet. Das ist das grundlegende Problem der Thesen: Sind es Thesen zum IS, zu den Taliban, zu den Muslimbrüdern, zum Iran oder zum gesamten von konservativen Traditionen auf die eine oder andere Art inspirierten Islam?

Iran als Sündenbock

Aus nahezu unerklärbaren Gründen wird zuerst mal der Iran erwähnt: „Dieser Ansatz führt unseren Blick nicht nur, aber in starkem Maß, auf den Iran. Mit dessen ‚islamischer Revolution‘ bzw. korrekterweise Konterrevolution betrat der Islamismus im Jahr 1979 zum ersten Mal als eigenständige Macht die Weltbühne. Als einflussreiches ‚Erfolgsmodell‘ des Islamismus bildet er trotz aller (nicht zuletzt konfessionellen) Differenzen auch eine Wurzel für den gegenwärtigen Terror und die Staatsbildungsversuche des IS.“ Das Problem hier ist, dass das Staatsmodell des Irans alles andere als ein „traditionell muslimisches“ ist: Der Iran ist eine Republik mit einer Verfassung, einer Gewaltenteilung und mehr oder weniger demokratischen Wahlen.

Olivier Roy hat die Situation bereits 1992 in seinem Werk L‘Échec de l‘Islam politique ziemlich treffend analysiert: „Wieso sollte ein positives Recht aufgebaut werden, obwohl es die Scharia gab? Der Iran hat sich tatsächlich eine wahrhaftige Verfassung gegeben, die nicht nur eine leere Parole ist, sondern wirklich die Funktionsweise einer Gesamtheit von Institutionen organisiert, ohne sich gross ob ihrer Konformität mit der Scharia zu sorgen; auf bedeutende Art und Weise ist die Legitimität der Verfassung in ihrem Artikel 1 explizit auf den Volkswillen gegründet, und nicht einzig und allein auf der Scharia.“ [3] In der Schlussfolgerung betont er noch einmal explizit die kulturelle Modernität des schiitischen Islamismus im Vergleich mit seinem sunnitischen Pendant: „Die politischen und sogar kulturellen Modelle, welche in der islamischen Revolution im Iran am Werk sind, sind modern im Verhältnis zu Regimen wie jenem in Saudi-Arabien oder sogar im Verhältnis zu den Debatten unter Neofundamentalisten über die Tugenden, welche ein künftiger ‚Emir‘ eines islamischen Staates haben muss.“ [4]

„Die islamische Konterrevolution“ war eben auch eine bürgerliche Revolution, wenn auch angeführt von der konservativen und religiösen Bourgeoisie. Es sollte nicht vergessen werden, dass dabei eine mehr als 2‘000 Jahre alte Monarchie in den Mülleimer der Geschichte befördert worden ist. Die Niederlage des kommunistischen Teils des Aufstands gegen den Schah ist ein Ausdruck des beginnenden Niedergangs der Arbeiterbewegung weltweit. Hätte die Tudeh-Partei die Macht an sich gerissen, wären die iranischen Proletarier einfach nach Afghanistan statt in den Irak als Kanonenfutter gekarrt worden und der iranische Staat wäre zwölf Jahre später mit dem ganzen sowjetischen Imperium untergegangen. Es gab zumindest die Scharfsinnigkeit in der Tendenz rund um Mansoor Hekmat und unter den sowieso grösstenteils skeptischen kurdischen Kommunisten, einem Bündnis mit den Mollahs per se zu misstrauen. Die Geschichte hat ihnen, zumindest diesbezüglich, Recht gegeben.

Heutzutage sind Teheran und Moskau nichtsdestotrotz enge Bündnispartner. Mit der Entstehung des IS hat die ganze Sache wenig bis gar nichts zu tun, während mit Al-Qaida eine Art Waffenstillstand vielleicht immer noch existiert oder zumindest existierte, der jedoch nie eine wirkliche Zusammenarbeit war, wenn es die gab, war sie geprägt von Opportunismus und gegenseitiger Erpressung, gab es das mit dem IS nie, iranische Truppen bekämpfen ihn aktiv im Irak, auch mithilfe von Kanonenfutter in Form von Hazara aus Afghanistan, denen man die iranische Staatsbürgerschaft verspricht, sollten sie das Gemetzel tatsächlich überleben. Die jüngere Geschichte des Irans würde einen eigenständigen Text verdienen und kann ganz sicher nicht als eine „Wurzel“ des IS dargestellt werden, umso weniger, als dass auch die Beziehungen zu Al-Qaida und der historischen Tradition dahinter voller Widersprüche sind.

Sunnitischer Islamismus

Diese Wurzel sucht man besser in der Geschichte des sunnitischen Islamismus. Grob schematisch kann seine moderne Phase in drei Perioden unterteilt werden. Die erste davon beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts wie weiter oben von Poljarevic skizziert, sie ist die Periode der theoretischen Hervorbringung, der Islamismus ist auf der politischen Bühne nicht oder kaum präsent. Die 1906 gegründete All-indische Muslimliga ist eine der ersten explizit politischen Organisationen. Es handelte sich jedoch v.a. um einen alternativen Nationalismus zu jenem der hinduistischen Mehrheit, das gleiche gilt für die 1941 gegründete Jamaat-e-Islami, historisch sind diese Entwicklungen allerdings sehr wohl bedeutend, sei es nur schon wegen der mit ihr verbundenen Deobandi-Tradition, ein wichtiger ideologischer Bezugspunkt der Taliban. Wie im Text von La Banda Vaga wird diese spezifisch regionale Tradition des Islamismus auf dem indischen Subkontinent häufig übersehen, viel bekannter ist die mit Azhar verbundene ägyptische Tradition und die damit verbundene Gründung der Muslimbruderschaft 1928.

Das ist der Beginn der politischen Periode, sie ist durch den zunehmenden Aktivismus einer Bourgeoisie geprägt, die in der Regel mehr oder weniger politisch isoliert ist und ideologisch für eine alternative Form der kapitalistischen Modernisierung steht, welche den religiösen Traditionen mehr Platz einräumen würde. Politisch war der Einfluss der Muslimbruderschaft beschränkt, einen gewissen Einfluss gewann sie durch die Verwaltung von Bildungsinstitutionen, z.B. in Katar ab den 1950er Jahren. Auf dem indischen Subkontinent lieferten sich die muslimische und die hinduistische Bourgeoisie einen Zweikampf um die Aufteilung des postkolonialen Kuchens, das führte zur Abspaltung Pakistans, wovon sich später wiederum Bangladesch abspaltete.

Ein wichtiger Theoretiker der ägyptischen Tradition dieser Zeit war Sayyid Qutb, obwohl er diese Bedeutung grösstenteils erst posthum erhielt. Er wurde am 9. Oktober 1906 in eine Familie konservativer Landeigentümer geboren und schloss sich Anfang der 1950er Jahre der Muslimbruderschaft an, nachdem er bereits seine ersten theoretischen Schriften verfasst hatte. Gilles Kepel fasst Qutbs spezifische theoretische Innovation folgendermassen zusammen: „Für Saiyid Qutb und seine Nacheiferer dagegen hatte die moderne Geschichte der islamischen Länder seit ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit keinerlei exemplarische Bedeutung. Sie wurde von ihm sogar durch ein arabisches Wort, das aus dem Koran stammt – jahiliyya –, entwertet und geächtet; dieses Wort bezeichnet den Zustand der Unwissenheit, in dem die Araber lebten, bevor der Islam zu Beginn des 7. Jahrhunderts dem Propheten Muhammed offenbart wurde. Wie die heidnischen Araber der ursprünglichen jahiliyya, so Qutb, seien auch die Muslime im Zeitalter des Nationalismus von einer tiefen Unkenntnis über den Islam erfüllt. So wie die vorislamischen Araber steinerne Götzenbilder anbeteten, verehrten die Zeitgenossen von Qutb in seinen Augen symbolische Götzen wie Nation, Partei und Sozialismus. Indem Qutb auf diese Weise den Anspruch der Nationalisten bestritt, die Geschichte neu zu begründen, und indem er die Nationalisten gleichsam in die finstere Epoche vor der Offenbarung einordnete, wollte er eine kulturelle Revolution anstoßen.“ [5]

Er ist wohl der erste islamistische Theoretiker, welcher den tauhid in einer konsequenten und modernen politischen Version theoretisierte. Tauhid ist der Glaube an die Einheit/Einzigkeit Gottes, die ersten Worte der Schahada, das Glaubensbekenntnis, welches die erste Säule des Islams darstellt. Kaum ein Muslim würde auf die Idee kommen, sie so auszulegen, niemand will sich das Leben unnötig komplizierter machen als es ist. Qutb wurde 1966 unter Nasser hingerichtet, aber sein theoretisches Erbe hat mehr Schaden angerichtet als anfangs irgendwer hätte glauben können. Im Namen dieses Prinzips mussten im März 2001 beispielsweise zwei Buddha-Statuen in Bamyan von den Taliban gesprengt werden, um den Bewohnern ihres Emirats schirk zu ersparen, den Fall in die Götzendienerei, den Unglauben, das Gegenteil von tauhid. Alte Statuen lösten damals viel Empörung aus, viel mehr als die permanente und systematische Repression gegen alle politischen Gegner und gegen fast alle, insbesondere Frauen. Es ist der theoretische Hintergrund gegen jegliche westlichen Konzepte der Staatsführung, das Ziel ist das Kalifat, die Herrschaft der Umma, man ist sich nur nicht einig wie, doch die Begeisterung über die Idee einer islamischen Republik ist in diesen Kreisen ganz klar eher bis ganz inexistent.

„Sieg des Petroislam“

Der „Sieg des Petroislam“ war saudisch, nicht iranisch. Die Ölkrise 1973 erlaubte es Saudi-Arabien, die Büchse der Pandora zu öffnen: „Saudi-Arabien verfügte nunmehr über schier unbegrenzte Mittel, um sein altes Streben nach ‚Deutungshoheit‘ über den Islam auf der Ebene der umma, der Gemeinschaft der Muslime, in die Tat umzusetzen. In den sechziger Jahren hatte der dynamische Nationalismus die politische Bedeutung der Religion geschwächt. Der Krieg von 1973 mischte die Karten neu. Die wahhabitische Doktrin stand außerhalb der Arabischen Halbinsel nur bei orthodoxen Gruppen (bzw. den Salafisten) in hohem Ansehen, die ein buntgemischtes Spektrum umfaßten: neben den arabischen Muslimbrüdern fanden sich hier indische und pakistanische Gruppen sowie schwarzafrikanische und asiatische Muslime, die nach Mekka gereist waren und nach der Rückkehr in ihre Heimatländer ‚auf arabische Art‘ predigten, um den Islam von ‚abergläubischen Vorstellungen‘ zu reinigen.“ [6]

Nicht dass das irgendwie beabsichtigt oder geplant gewesen wäre (höchstens erhofft), aber die Konjunktur war passend. Das Problem war, dass diese „neue Frömmigkeit“ unvermeidlich früher oder später die Frage des saudisch-wahhabitischen Pakts und des saudischen Herrschaftsanspruchs stellen musste. Das geschah am 20. November 1979, dem ersten Tag des Jahres 1400 gemäss islamischem Kalender. Die Wahl des Datums bezieht sich auf die muslimische Tradition des mujaddid, auf den sich auf einen Hadith beziehenden Glauben, dass an jedem Jahrhundertwechsel ein Erneuerer erscheint, der den Islam von äusseren Elementen reinigt und ihm seine ursprüngliche Reinheit zurückgibt. Zwischen 300 und 600 bewaffnete Kämpfer brachten die Grosse Moschee von Mekka unter ihre Kontrolle. Sie nannten sich die Ichwan, die Brüder, der Name der hanbalitischen Miliz, welche in den 1910er und 1920er Jahren für einen grossen Teil der saudischen Territorialgewinne verantwortlich gewesen war und daraufhin zwischen 1927 und 1930 erfolglos gegen die Dynastie der Saud revoltiert hatte. Erst am 4. Dezember, nach heftigen Kämpfen, mehreren Hundert Toten und Verletzen und dem Einsatz pakistanischer und französischer Spezialkräfte konnte die saudische Armee die Kontrolle über die Moschee zurückgewinnen.

Man sollte nicht vergessen, dass Saudi-Arabien, wie es Steve Coll treffend bemerkte, der einzige moderne Nationalstaat ist, der durch einen Jihad geschaffen worden ist [7]. Diese Tatsache prädestinierte das Königreich dazu, auch im 1979 ausgerufenen Jihad gegen die sowjetischen Invasoren Afghanistans eine zentrale Rolle zu spielen. Ende April 1978 übernahm die Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) mithilfe eines militärischen Putsches die Macht in Kabul. Entgegen anfänglichen Vermutungen im Westen war der Putsch nicht von Moskau angeordnet worden. Obwohl die DVPA die offizielle moskautreue Partei Afghanistans war, war ihr Putsch nicht Grund für besonders grossen Enthusiasmus im Kreml: „Später offenbarte mir der Anführer der DVPA, Taraki, dass die afghanischen Anführer die Möglichkeit gehabt hätten, die Sowjets über den sich abzeichnenden Staatsstreich zu informieren, doch dass sie es absichtlich nicht getan hätten, denn sie befürchteten, dass Moskau sie davon würde abbringen wollen, eine bewaffnete Rebellion zu unternehmen, mit dem Argument der Abwesenheit einer revolutionären Situation in Afghanistan als Vorwand. Diese Befürchtungen waren nicht unbegründet. Hätte die UdSSR Kenntnis gehabt von ihren Absichten, hätte sie ihnen wahrscheinlich geraten, von diesem Projekt abzusehen, denn es gab von einem marxistischen Standpunkt aus tatsächlich keine revolutionäre Situation im Land und die Beziehungen der UdSSR mit Afghanistan waren freundschaftlich unter Zahir Schah und unter Daoud, trotz dem Flirt Daouds mit dem Westen.“ [8]

Die DVPA wurde Anfang 1965 im Haus Tarakis gegründet. Sie war von Anfang an gezeichnet vom Graben zwischen Stadt und Land, verkörpert durch die beiden Fraktionen Parcham („Fahne“) und Khalq („Volk“). Parcham war jene Fraktion, welche Daoud 1973 in seinem Putsch unterstützte und grundsätzlich das Vertrauen Moskaus genoss, der eher urbane Flügel der Partei, Khalq, die rurale, hauptsächlich paschtunische Fraktion der Partei hatte in Moskau wenig Kredit. Zwischen 1966 und 1976 waren sie komplett gespalten, die Wiedervereinigung 1976 erlaubte den Putsch 1978, der sich sehr bald für praktisch alle Beteiligten als sehr problematisch erweisen würde, Nur Muhammad Taraki, der historische Anführer der Khalq-Fraktion, sass auf einem Schleudersitz [9].

Neben dem „Aufbau des Sozialismus“ genoss auch die Liquidation der gegnerischen Fraktion eine sehr hohe Priorität: „Sie nahmen eine maximalistische Politik mit Landreform und Alphabetisierung in Angriff und leiteten den sofortigen Aufbau des Sozialismus ein, der sie – begleitet von Tausenden Verhaftungen und Hinrichtungen – der breiten Masse der Bevölkerung entfremdete. Mit einer Säuberungsaktion, der sogar führende Köpfe aus den eigenen Reihen zum Opfer fielen, schaltete die radikalere Khalq-Fraktion die Parcham aus, deren Führung nach Moskau flüchtete. Ab April 1979 brachen überall im Land Aufstände aus, und im Dezember kontrollierte die Partei nur noch die Städte.“ [10] Im September 1979 traf es Taraki selbst: Er wurde von seinem „Genossen“ Hafizullah Amin zum Rücktritt gezwungen und einen Monat später ermordet.

Der afghanisch-sowjetische Krieg

Mit der 1968 als nachträgliche Rechtfertigung der Invasion der Tschechoslowakei erschaffenen, die Irreversibilität einer sozialistischen Revolution postulierenden Breschnew-Doktrin auf der einen Seite und der Pflicht zum defensiven Jihad im Falle einer Invasion des Dar al-Islam auf der anderen war der Spielraum für Verhandlungen schon auf rein ideologischer Ebene gering, die geostrategische Bedeutung Afghanistans und der Kontext des Kalten Krieges besorgten den Rest. Gemäss Akram wurde die Entscheidung zugunsten einer sowjetischen Intervention am 12. Dezember 1979 in Moskau gefällt [11]. Zuerst einmal mussten die Fraktionskämpfe zu Moskaus Zufriedenheit geregelt werden, deshalb wurde am 27. Dezember 1979 Amin von einem sowjetischen Spezialkommando im Präsidentenpalast eliminiert und durch Babrak Karmal ersetzt, den Anführer der Parcham-Fraktion.

In Washington war man sich selbstverständlich einig, dass man Moskau nicht einfach gewähren lassen könnte. Schon ein paar Tage nach dem sowjetischen Einmarsch war für Brzezinski klar: Endlich würde man sich an der UdSSR für Vietnam rächen können. Das „sowjetische Vietnam“ war in den folgenden Jahren ein geflügeltes Bonmot in prowestlichen diplomatischen Kreisen. Besonders ein texanischer demokratischer Kongressabgeordneter machte sich Afghanistan zu seiner Mission: Charlie Wilson, ein undurchsichtiger Geschäftsmann, persönlicher Freund von Somoza, Alkoholiker und nicht besonders diskreter Kokainkonsument [12]. Zusammen mit seinem Kumpel Gust Avrakotos von der CIA war er dabei, der im Sommer 1979 unter Carter lancierten Operation Cyclone eine ganz neue Qualität zu verschaffen, ohne sich gross um demokratische Gepflogenheiten und Transparenz zu sorgen.

Im Januar 1980 gab Carter grünes Licht für die direkte Bewaffnung der Mudjahedin, in Wirklichkeit begann die Unterstützung allerdings wohl schon im Mai 1979, als ein „Beamter der CIA“ Hekmatyar traf, die ersten Treffen begannen ab April 1979, das wissen wir kurioserweise nur, weil iranische Studenten Anfang November 1979 in die amerikanische (und auch in die britische) Botschaft eindrangen, dort heftig randalierten und u.a. die das belegenden Dokumente der CIA plünderten. Washington und Riad waren im wesentlichen für die Beschaffung von Geld und Waffen verantwortlich, der pakistanische Geheimdienst ISI für die Verteilung des Materials und dem Kontakt zu den afghanischen Aufständischen. Die Verbindungsmänner zwischen CIA und ISI waren hauptsächlich Wilson und Avrakotos. Die militärische Operationshoheit über die Geld- und Waffenflüsse wurden, einmal in Karachi angekommen, dem ISI übergeben, welcher sich um den Transport nach Peschawar und die dortige Verteilung an die afghanischen Mudjahedin kümmerte. Sieben sunnitische islamistische Parteien wurden unterstützt, die drei ersten werden allgemein als „gemässigt“, die vier letzteren als „radikal“ klassifiziert:

- Islamische und Nationale Revolutionsbewegung Afghanistans: kleine Bewegung, aktiv hauptsächlich im Süden und Osten Afghanistans, zerfiel in den 1990er Jahren, einige desertierten zu den Taliban, andere gründeten die marginale Nationale und Islamische Partei für Wohlstand Afghanistans;

- Nationale Befreiungsfront: konservative paschtunische Sufi-Tradition, die Bewegung zerfiel weitgehend, der historische Anführer Sibghatullah Modschaddedi zog sich nach dem Rückzug der Russen fast vollständig aus dem politischen Leben zurück und erschien zwischendurch wieder als Experte und/oder Vermittler auf der politischen Bühne, er starb Anfang 2019;

- Nationale Islamische Front Afghanistans: einflussreich v.a. in der Provinz Nangarhar und in Kabul, hauptsächlich ein Familienunternehmen von Ahmed Gailani (1932-2017), er unterstützte Ende der 1990er die Nordallianz gegen die Taliban und 2004 Karzai in seinem Präsidentschaftswahlkampf, verschwand daraufhin nahezu gänzlich in der Bedeutungslosigkeit;

- Islamische Vereinigung Afghanistans: als überwiegend von ethnischen Tadschiken geprägt ist sie die einzige nicht-paschtunische vom ISI unterstützte Partei – verbündet damals mit Ahmad Schah Massoud, dem „Löwen von Pandjschir“ und unglücklichen Geheimfavoriten des MI6, der am 9. September 2001 von zwei sich als belgische Journalisten ausgebenden Selbstmordattentätern ermordet wurde – Ende der 1990er Jahre Teil der Nordallianz und heute im afghanischen Parlament vertreten;

- Islamische Union für die Befreiung Afghanistans: paschtunische Partei mit einer tadschikischen Minderheit, hauptsächlich stark in Paghman, im Westen der Provinz Kabul, Partei von Abdul Rasul Sayyaf, verdächtigt, in der Ermordung Massouds eine Rolle gespielt zu haben, heute relativ erfolgreicher Politiker in der Provinz Kandahar, im Bürgerkrieg auf der Seite der Taliban und für hemmungslose Brutalität berüchtigt, seit 2007 marginale Partei in der rechten Ecke des afghanischen Parlaments, die sich hauptsächlich für die Begnadigung von gefangenen Kämpfern der Taliban einsetzt;

- Islamische Partei (Chalis-Fraktion): eine „gemässigte“ Abspaltung von Gulbuddin Hekmatyars 1973 gegründeter Islamischer Partei, die Partei unter der Führung von Junis Chalis unterstützte in den 1990er Jahren die Taliban, aus dieser Partei stammt ursprünglich auch der 2018 gestorbene Jalaluddin Haqqani (den Wilson damals als „personifizierte Gottheit“ bezeichnet hatte [13]), dessen Haqqani-Netzwerk, das seit 2014 von seinem Sohn angeführt wird, bis heute eng mit den Taliban zusammenarbeitet;

- Islamische Partei (Hekmatyar-Fraktion): 1973 gegründete islamistische Partei unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar, der als Urvater des afghanischen Jihadismus bezeichnet werden kann und der heimliche Favorit des ISI war, die Praxis der Partei während dem Krieg und dem darauf folgenden Bürgerkrieg waren von einer kompromisslosen Linie und hemmungsloser Brutalität geprägt, den Übernamen „Schlächter von Kabul“ hat sich Hekmatyar redlich verdient, das 1984 von Abdallah Yusuf Azzam, Osama bin Laden und Aiman al-Zawahiri gegründete Dienstleistungsbüro (das weiter unten etwas ausführlicher analysiert wird) arbeitete hauptsächlich mit ihm zusammen, während dem Taliban-Regime war er im iranischen Exil, schloss sich aber ab 2001 bin Laden an, proklamierte 2015 seine Unterstützung des IS und unterzeichnete am 22. September 2016 ein Friedensabkommen mit der afghanischen Regierung.

Daneben kämpften eine vom Iran unterstützte schiitische und eine von China unterstützte maoistische Koalition gegen die sowjetische Invasion, in Anbetracht der, je nach Schätzungen, zwischen zwei und sechs von der CIA im Rahmen der Operation Cyclone in die sunnitischen Gruppen investierten Milliarden sind diese beiden Koalitionen jedoch vernachlässigbar und es soll hier nicht weiter auf sie eingegangen werden. Es sollte allerdings präzisiert werden, dass die Maoisten unter der DVPA mit einer systematischen Repression konfrontiert waren, aber auch von ihren islamistischen „Waffenbrüdern“ sehr misstrauisch beäugt und immer mal wieder angegriffen wurden, so wurde z.B. Faiz Ahmad, der Anführer der Afghanischen Befreiungsorganisation, am 12. November 1986 zusammen mit sechs seiner Genossen von Hekmatyars Schergen ermordet. Eine erwähnenswerte Ausnahme des afghanischen Maoismus in diesem Kontext ist die 1977 gegründete Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA), sie verurteilte sowohl die Regierung der DVPA als auch das Bündnis mit den Islamisten und hat bis heute den historischen Verdienst, seit ihrer Gründung keine einzige afghanische Regierung und ausländische Invasion unterstützt zu haben.

Es soll hier nur in den groben Linien auf den genauen Kriegsverlauf eingegangen werden. Akram folgend kann er in drei Abschnitte unterteilt werden, die „Stationierung der Truppen“ 1979-1982, der „intensivste Abschnitt“ 1982-1986 und „sowjetische Rückschläge und Rückzug“ 1986-1989 [14]. Er schätzt, dass schon 1981-1982 80% des Territoriums von den Mudjahedin kontrolliert war, nachts wurde es dort vollständig dunkel, um sowjetische Luftangriffe zu vermeiden [15]. Vielleicht noch mehr, je nachdem, ob seine Schätzung sich auf den Tag oder die Nacht bezieht, denn sie kontrollierten die ländlichen Regionen in der Nacht, auch wenn es am Tag nicht unbedingt der Fall war [16]. Desertionen waren ein grosses Problem für die afghanische Armee, bis zu 60% der Soldaten sollen zu den Mudjahedin übergelaufen sein [17]. Ein gewisser Teil vielleicht aus ideologischen Gründen, aber wohl eher wegen der kaltblütigen Grausamkeit der Kriegsführung auf beiden Seiten, in einer solchen Situation kann es vorkommen, dass man sich der stärkeren Fraktion ohne jegliche ideologische Betrachtungen anschliesst [18].

Abgesehen von einigen wenigen kritischen, hauptsächlich feministischen Stimmen war die Begeisterung über die afghanischen „Freiheitskämpfer“ in der westlichen Medienwelt einhellig. In einem Anflug orientalistischen Übereifers war der Enthusiasmus für die frommen und bärtigen Mudjahedin überschwänglich, sie wurden als unschuldige und bescheidene Stammesangehörige dargestellt, die, in Anbetracht einer Invasion durch das „Reich des Bösen“, bloss ihre Traditionen und ihre Religion verteidigen wollten und dabei von westlichen Geheimdiensten „ein bisschen“ unterstützt wurden. Kritische Journalisten riskierten, von eingebetteten Missionen mit den Mudjahedin ausgeschlossen zu werden und somit fast jeglichen Zugang zu Informationen zu verlieren. Die Berichterstattung der sowjetischen Presse war vermutlich sogar kritischer und objektiver, sie wird häufig als Beleg für Gorbatschows Politik der Glasnost angeführt [19]. Im Gegensatz zu den anderen sowjetischen Journalisten, die in Kabul stationiert waren, war Artyom Borovik ab 1987 in diverse sowjetische Truppen eingebettet [20]. Er schrieb kritische Artikel im Magazin Ogonyok und veröffentlichte 1990 ein Buch, das simultan auf Englisch und Russisch erschien [21].

Schon auf der ersten Seite ist der defätistische Ton gegeben: „Verrückte Leute nannten Afghanistan ‚eine Schule des Mutes‘. Und waren weise genug, ihre Söhne nicht dorthin zu schicken. Sie sprachen von ‚internationaler Pflicht‘, ‚der Schlacht gegen die Söldner des Imperialismus an den südlichen Grenzen unseres Vaterlandes‘, ‚der resoluten Zurückweisung der Aggression durch die Reaktionäre der Region‘. Und so weiter, und so fort. Sie versuchten, sich selbst und den Rest des Landes von der Tatsache zu überzeugen, dass Afghanistan ‚aus unreifen Jugendlichen standhafte Kämpfer für unseren kommunistischen Glauben macht‘. Doch sollte Afghanistan Leute zum Glauben inspiriert haben, so war es ein Glaube, der ganz anders war, als jener, welcher von unserer Propaganda proklamiert wurde.“ [22] Zudem räumt er offen ein, dass Amin vom KGB ermordet worden ist [23], spricht von Desertionen, verkauften sowjetischen Dienstwaffen [24] und auch über die von sowjetischen Soldaten begangenen Grausamkeiten [25]. Darüber hinaus zeigt sein Bericht, dass phantasievolle improvisierte Sprengfallen nicht vom IS erfunden worden sind: „Der Zwischenfall [die Entdeckung eines Thermoskruges mit eingebauter Sprengfalle] erweckt Verwunderung in mir über den beträchtlichen Erfindergeist dieser Banditen, über deren reiche und unerschöpfliche Vorstellungskraft. Innerhalb jedes befestigten Punktes – den Bunkern, Betonbunkern, den vierstöckigen Schützengräben unter dem Boden – finden die Soldaten mit Sprengfallen versehene Kugelschreiber, Uhren, Feuerzeuge, Kassettenrekorder und ähnliches. Der versteckte Tod ist so meisterhaft getarnt worden, dass nur jemand mit einem geübten Auge ihn sehen kann.“ [26]

Heroin als Bumerang

Wie schon damals in Vietnam, war Heroin erneut der Treibstoff des Krieges: „Aber sie [die amerikanischen und arabischen Zahlungen] führten auch, da sich viele an ihnen bereichern wollten, zu einem rapiden Anstieg der Kriminalität, vor der jeder die Augen verschloß, solange die Russen in Afghanistan standen, deren verheerende Folgen aber den Verwerfungen am Ende des Jahrzehnts den Weg bereiteten. So versorgten riesige Schiffsladungen mit leichten Waffen, die von der CIA geliefert und im Hafen von Karatschi gelöscht wurden, zunächst den lokalen Markt (und machten diese Stadt zu einer der gewalttätigsten der Welt), ehe sie an die offiziellen Empfänger weitergeleitet wurden. Und zurück kamen die Lastwagen mit Heroin, das aus dem in Afghanistan und in den ‚Stammesgebieten‘ an der pakistanischen Grenze angebauten Opium gewonnen und über Karatschi exportiert wurde. Die Begehrlichkeiten, die die amerikanischen und arabischen Hilfslieferungen weckten, und die riesigen Profite, die Gelegenheitskriminelle aus ihnen zogen, bereiteten nach Abzug der Sowjets zunächst den USA, dann auch den arabischen Staaten größtes Kopfzerbrechen, als hochgerüstete Gruppen, die ihrer Kontrolle entglitten waren und vom Drogenhandel lebten, nach eigenem Gutdünken überall auf dem Globus den Dschihad ausriefen.“ [27] Dieser Drogenschmuggel der Mudjahedin war ein offenes Geheimnis und wird auch von Mohammad Yousuf, dem für die Mission verantwortlichen Kommandanten des ISI, in seinen Memoiren offen eingeräumt [28].

Mitte der 1980er Jahre begann als direkte Folge der Heroinpreis ziemlich überall im Westen zu sinken und Heroinabhängige wurden in dieser Zeit in den meisten grossen Städten zu einem gängigen Strassenbild. Der Goldene Halbmond löste gleichzeitig allmählich das Goldene Dreieck als wichtigster geographischer Ursprung des weltweit konsumierten Heroins ab. Heutzutage produziert Afghanistan je nach Schätzungen etwa 90% davon. 2017 wurde der Umsatz der Heroinproduktion Afghanistans auf zwischen 4.1 und 6.6 Milliarden Dollar geschätzt, was 20 bis 32% des afghanischen BIP repräsentiert, sie garantiert etwa 400‘000 Afghanen einen Job, mehr als die afghanische Armee. Gleichzeitig ist die Abhängigkeit von Opiaten auch in der afghanischen Bevölkerung explodiert, was in einem Land, wo es an Platz für Friedhöfe mangelt, alles andere als erstaunlich ist. Epizentrum der afghanischen Drogenszene ist das Untergeschoss der Brücke Pul-sokhta in Kabul, eine massive Konzentration verdrängten Elends.

In die andere Richtung flossen anfänglich hauptsächlich leichte Waffen und die Absender waren um eine gewisse Diskretion bemüht. Gemäss Yousuf seien bis 1985 nur ursprünglich aus dem sozialistischen Block stammende Waffen an die Mudjahedin geliefert worden [29]. Damit konnten sie zwar den Boden kontrollieren, doch die sowjetische Armee kontrollierte die Luft: „Luftmacht war gewiss des Feindes grösste Stärke. Sie bescherte ihm nicht nur unbegrenzte Feuerkraft sondern auch Mobilität. Richtig benutzt und zusammen kombiniert könnte dies zur taktischen, oder gar strategischen Niederlage der Guerillas auf dem Schlachtfeld führen. Das Problem vom Standpunkt der Mudjahedin aus gesehen war nicht einmal, dass sie selbst keine Luftmacht hatten, sondern dass ihre Mittel, um den Beschuss der Flugzeuge und Helikopter des Feindes zu erwidern, sich auf einige alte SA-7 beschränkten, schultergestützte Kurzstrecken-Boden-Luft-Raketen.“ [30]

Das sollte sich 1986 ändern: Am 26. September testeten Kämpfer Hekmatyars zum ersten Mal die brandneue amerikanische Flugabwehrrakete Stinger im Gefecht [31]. Ob diese Tatsache ein Wendepunkt im Kriegsverlauf darstellte oder nicht, darüber streiten sich die Experten. Sie dürfte jedenfalls die sowjetische Niederlage besiegelt haben [32]. Unerwünschter Nebeneffekt der Sache war, dass die etwa 1‘000 gelieferten Stinger aufgrund der Korruption oder als Kriegsbeute manchmal bei ungeplanten Empfängern landeten, schon bald waren auch der Iran und Russland stolze Besitzer davon. Noch 2011 fragte man sich, wo die Stinger mittlerweile genau sein könnten, diverse jihadistische Gruppen rund um die Welt besitzen einen oder mehrere und die CIA investierte sogar doppelt so viel wie die Stinger selbst gekostet hatten, 65 Millionen Dollar, um so viele wie möglich davon zurückzukaufen.

Sowjetischer Rückzug, Machtergreifung der Taliban und Globalisierung des Jihad

Genau wie heute ein bisschen überall auf der Welt schlossen sich auch damals ausländische Freiwillige den Mudjahedin an, hauptsächlich von der arabischen Halbinsel und anderen islamischen Regionen. Während gewisse junge Araber aus reichem Haus (oder Palast) Afghanistan benutzten, um einen abenteuerlichen Urlaub zu verbringen [33], kamen andere ausländische Freiwillige mit ernsthafteren Absichten, so reiste z.B. ein gewisser Abu Mus‘ab al-Zarqawi Ende der 1980er Jahre nach Afghanistan, um sich Hekmatyars Fraktion anzuschliessen. Es war der Beginn einer langen jihadistischen Karriere und man würde später noch viel von ihm hören.

Zur Betreuung der ausländischen Freiwilligen gründete der Palästinenser Abdullah Azzam, ein nicht unbedeutender jihadistischer Theoretiker dieser Zeit, 1984 gemeinsam mit Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri das Dienstleistungsbüro, das 1986 sogar ein erstes amerikanisches Büro in Tucson im Bundesstaat Arizona eröffnete, um dort in der arabischen Gemeinschaft für die Mudjahedin zu rekrutieren [34]. Azzam starb am 24. November 1989 und bin Laden übernahm das Dienstleistungsbüro. Er gab ihm einen neuen Namen: die Basis, auf Arabisch Al-Qaida [35]. Sorgen darüber machte sich bei der CIA damals niemand, bin Laden war schliesslich gemäss der gängigen Einschätzung „nicht anti-amerikanisch“ [36].

Zu diesem Zeitpunkt war der sowjetische Rückzug schon weit fortgeschritten und der sowjetisch-afghanische Krieg ging allmählich in den afghanischen Bürgerkrieg über. Bereits am 4. Dezember 1987 war in Washington der geordnete sowjetische Rückzug zwischen der CIA und dem KGB diskutiert worden [37]. Nach dem Mauerfall Anfang November 1989 war den meisten Beteiligten klar, dass die Bündnisse von gestern nicht mehr die Bündnisse von morgen sein würden, das „Ende der Geschichte“ und seine genauen Konturen kannte allerdings noch niemand.

Im Herbst 1990 kam es zum Bruch zwischen bin Laden und Saudi-Arabien. Bin Laden wollte das Problem der irakischen Invasion von Kuwait mithilfe des Jihad lösen, Saudi-Arabien hielt eine amerikanische Intervention für die vernünftigere Lösung, auch Hekmatyar und Sayyaf wollten kein Bündnis mit den USA [38]. Mitte 1991 wurde bin Laden vom saudischen Geheimdienst freundlich informiert, dass die USA ihm womöglich auf den Fersen seien und er zu „seinem eigenen Wohl“ [39] aus Saudi-Arabien verbannt werde. Nach einem Zwischenhalt, je nach Quellen, in Afghanistan oder Pakistan fand er 1992 Unterschlupf im Sudan [40], wo 1989 die islamistische Nationale Kongresspartei von Omar al-Bashir durch einen Putsch an die Macht gekommen war.

Am 13. September 1991 einigten sich der amerikanische Staatssekretär James Baker und der sowjetische Aussenminister Boris Pankin auf eine beidseitige Einstellung der Unterstützung für die Rebellen respektive die Regierung der DVPA [41]. Im Dezember 1991, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, zog sich der KGB aus Afghanistan zurück und Anfang 1992 wurde wie vereinbart die Hilfe für Najibullah eingestellt [42]. Nach dem Fall seiner Regierung im April 1992 gibt es nicht mehr viele Gründe für eine aufgrund der grossen Gefahr und der chaotischen Lage sehr kostspielige amerikanische Präsenz. Die Türen der amerikanischen Botschaft waren schon seit 1989 in der Regel geschlossen, Ende 1992 zog dann das gesamte Personal in ruhigere Gefilde.

Der letzte amerikanische Botschafter in Kabul für eine Periode, die neun Jahre dauern sollte, Peter Tomsen, sorgte sich in seiner letzten Memo am 18. Dezember 1992 ziemlich weitsichtig über „die Bemühungen der islamischen Extremisten, Afghanistan als Basis für Training und Ausführung von Terrorismus in der Region und darüber hinaus zu benutzen“ [43]. Seine Einschätzung der Lage war (zurecht) düster, er schrieb einige Wochen später: „Amerikanische Beharrlichkeit in der Aufrechterhaltung unserer schon etablierten Stellung in Afghanistan könnte beträchtlich – auf günstige Art und Weise – zu einem gemässigten Ausgang beitragen, das wäre gleichbedeutend mit der Untergrabung der Extremisten, der Aufrechterhaltung einer Freundschaft mit einem strategisch gelegenen, freundlich gesinnten Land, einem Beitrag zur Erfüllung anderer Ziele in Afghanistan und einer breiteren zentralasiatischen Region, z.B. Betäubungsmittel, Wiedererlangung der Stinger, Anti-Terrorismus… Wir setzen uns der Gefahr aus, jene Stärken wegzuwerfen, welche wir uns in den letzten zehn Jahren zu einem beträchtlichen Preis aufgebaut haben… Unser Einsatz, wenn auch beschränkt, ist wichtig im heutigen geostrategischen Zusammenhang. Die Gefahr ist, dass wir das Interesse verlieren und vorteilhafte Investitionen in Afghanistan aufgeben, was eine Region gefährdet, wo wir wenige, aber wertvolle Hebel haben.“ [44] Kassandra hätte es nicht besser formulieren können…

Es soll hier nicht detailliert auf den bis 1996 dauernden Bürgerkrieg eingegangen werden, einzig auf jene politische Kraft, welche am Ende davon an die Macht gelangt war: die Taliban. „Taliban“ ist Paschtunisch für „Studenten“ und verweist auf ihren Ursprung in den Koranschulen der Region Kandahar und der pakistanischen Grenzregion. Im Frühling 1994 eroberten sie die erste Ortschaft, das Dorf Spin Boldak an der pakistanischen Grenze. Am 3. November des gleichen Jahres fiel ihnen die zweitgrösste Stadt Afghanistans, die südliche Grossstadt Kandahar in die Hände, weniger als ein Jahr später, im September 1995, die drittgrösste, mehrheitlich nicht-paschtunische Grossstadt Herat im Westen. Schon seit Frühling genossen sie die alleinige – wenn auch etwas misstrauische – Unterstützung des ISI, die Fraktion von Jaladdin Haqqani hatte sich damals ebenfalls den Taliban angeschlossen [45]. Im September 1996 eroberten sie Kabul und proklamierten am 27. das „Islamische Emirat Afghanistans“, der Beginn ihrer fünfjährigen Herrschaft über das Land.

Erst nach einem langen Hin und Her schafften sie es, den Norden des Landes vollständig zu kontrollieren. Die im Mai 1997 begonnene blutige Auseinandersetzung mit den hauptsächlich von Russland und dem Iran unterstützten lokalen Machthabern der Metropole des Nordens und viertgrössten Stadt Masar-e Sharif kulminierte im August 1998 in der Machtübernahme der Taliban und einem Massaker Tausender, hauptsächlich schiitischer Zivilisten. Nachdem ihre Regierung schon nach der Eroberung Kabuls von den USA anerkannt worden war, folgten nun Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, auf der zwischenzeitlich im Herbst 1997 erschienen ersten offiziellen amerikanischen Liste ausländischer terroristischer Organisationen sucht man die Taliban oder Al-Qaida vergeblich [46].

Kurz vor dem Fall von Kabul griff bin Laden, der bereits im Mai 1996 nach Afghanistan zurückgekehrt war, tief in seine Tasche und übergab den Taliban drei Millionen Dollar von seinem persönlichen Vermögen zur Unterstützung des Angriffs auf Kabul, die Unterstützung des ISI verstärkte sich derweil mit dem Fall der Hauptstadt [47]. Nach den erfolglosen Attentatsversuchen gegen den ägyptischen Premierminister Atef Sidki 1993 und den Präsidenten Hosni Mubarak 1995 geriet die mit bin Laden verbundene ägyptische Gruppe Al-Jihad zunehmend unter Druck, genau wie die Gamaa Islamiya, die ebenfalls Kontakte zu ihm unterhielt, 1992 den Publizisten Faradsch Fauda ermordete und 1997 für das Massaker von Luxor verantwortlich war (62 Tote, hauptsächlich Touristen), und damit einhergehend auch das sudanesische Regime, das ihn beherbergte.

Die Rückkehr der „Afghanen“ nach Ägypten und Algerien Anfang der 1990er Jahre war gleichbedeutend mit der Einführung ihrer in Afghanistan gelernten Methoden: „In beiden Ländern führte die Einnahme Kabuls durch die Mudschahiddin noch im gleichen Jahr [1992] zu einer deutlichen Zunahme der Gewalt. Mehrere hundert algerische und ägyptische ‚Afghanen‘ waren in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie hatten in Peschawar den ‚salafistischen Dschihadismus‘ kennengelernt und sorgten nun mit ihrer internationalen Erfahrung für eine Radikalisierung des lokalen Dschihad.“ [48] Andere ausländische Afghanistan-Veteranen trugen den Jihad nach Bosnien, Tschetschenien und Tadschikistan [49], auch der Kaschmir-Konflikt nahm als direkte Folge zunehmend eine jihadistische Wendung auf Seiten Pakistans [50].

Während der ersten Schlacht von Mogadischu, dem amerikanischen Fiasko am 3. und 4. Oktober 1993, waren ebenfalls „Afghanen“ beteiligt [51]. Black Hawk Down, das 1999 erschienene Buch darüber vom Journalisten Mark Bowden wurde 2001 von Ridley Scott verfilmt. Nach dem Abschuss von zwei Helikoptern wurden zwei amerikanische Soldaten vom Mob gelyncht, einige konnten gerettet werden, die Operation kostete 18 Soldaten der amerikanischen Koalition (zusammen mit Malaysia und Pakistan) das Leben, mehr als Tausend auf Seiten der Somalischen Nationalen Allianz und der mit ihnen verbündeten Jihadisten.

Die Truppen der UNO verliessen 1995 das Land und die verschiedenen Fraktionen bekriegten sich weiter. Die 2000 in Nairobi gebildete Übergangsregierung konnte erst im Dezember 2006 mit tatkräftiger Unterstützung Äthiopiens die jihadistische Allianz Union islamischer Gerichte aus Mogadischu vertreiben und eine prekäre Kontrolle über die Hauptstadt erlangen. Die gemässigten Kräfte der Allianz gingen ins Exil, eine Fraktion blieb: Al-Shabaab, Arabisch für „die Jugend“, der vollständige Name ist „Bewegung der Mudjahedin-Jugend“. Bereits als unabhängige Fraktion innerhalb der Allianz bestehend, wurde sie 2006 von Aden Hashi Ayro neu organisiert, er soll zuvor in einem afghanischen Trainingslager von Al-Qaida ausgebildet worden sein.

Al-Qaida, ein globales Netzwerk für den Jihad

Doch Afghanistan-Veteranen auf der Suche nach dem verlorenen Jihad alimentierten nicht nur diverse Kriege rund um den Globus, sondern waren auch dabei, Al-Qaida in Form eines globalen jihadistischen Netzwerkes neu zu organisieren, in jener Form also, wie man die Organisation heutzutage im wesentlichen kennt. Am 29. Dezember 1992 kam es in Aden, der ehemaligen Hauptstadt des Südjemens, zu einem gegen das amerikanische Militär gerichteten Bombenanschlag. Die Bomben explodierten in zwei Hotels, die bekannt dafür waren, amerikanisches Militärpersonal zu beherbergen, doch er verfehlte sein Ziel, es starben dabei ein Hotelangestellter und ein österreichischer Tourist, auch unter den Verletzten waren einzig Hotelangestellte und Touristen. Es ist historisch das erste Attentat von Al-Qaida in ihrer heutigen Form.

Die Autobombe, die am 26. Februar 1993 in einem unterirdischen Parkhaus des World Trade Center in New York explodierte und sechs Opfer forderte, genau wie jene am 13. November 1995 in einem Trainingszentrum des amerikanischen Militärs in Riad, welche fünf Amerikaner und zwei Inder tötete, werden ihr zugeschrieben, obwohl sie sich nie offiziell dazu bekannte. Erst die parallelen Anschläge gegen die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salam mit 224 Toten und mehr als 5‘000 Verletzten am 7. August 1998 konnten die amerikanischen Kriegsstrategen endgültig davon überzeugen, dass für die Verbündeten von gestern das Bündnis definitiv Geschichte war.

Es war der Wendepunkt im amerikanischen Verhältnis zu den Taliban. Aufgrund der seit Anfang der 1990er Jahre geplanten Trans-Afghanistan-Pipeline hatte die amerikanische Ölfirma Unocal 1996 gar ein Büro in der Taliban-Hochburg Kandahar eröffnet [52], um die Chancen auf einen lukrativen Vertrag gegenüber ihrer argentinischen Konkurrentin Bridas zu erhöhen. Der zunehmende feministische Druck hatte schon im Herbst 1997 dazu geführt, dass das Regime der Taliban erstmals von amerikanischer Seite durch Madeleine Albright und Hillary Clinton öffentlich kritisiert worden war [53].

Während die CIA begann, über eine geheime Operation zur Ergreifung bin Ladens in Afghanistan nachzudenken, verlor das Regime der Taliban Mitte September 1998 die Unterstützung Saudi-Arabiens [54]. Die Zusammenarbeit mit den pakistanischen und saudischen Partner im „Kampf gegen den Terrorismus“ war jedoch prekär und von Ambivalenzen geprägt und trotz dem saudischen Bruch mit den Taliban flossen immer noch Millionen via saudische islamische Hilfsorganisationen in ihre Kassen [55]. Keinem Geheimdienst gelang es, den harten Kern von Al-Qaida zu infiltrieren [56] und niemand wusste, dass bin Laden seit spätestens Ende 1999 in Kandahar dabei war, grosse Pläne zu schmieden [57].

Diese Pläne wurden am 11. September 2001 umgesetzt, zwei Tage nach der Ermordung Massouds, die Folgen davon sind allseits bekannt. Die im Oktober 2001 begonnene amerikanische Invasion Afghanistans genoss sogar die Unterstützung Russlands und ein paar Monate später war das Regime der Taliban gestürzt. Die Chefetage landete entweder in Guantanamo oder im pakistanischen Exil, wo die Bewegung als Miliz 2003 wieder neu aufgebaut war. Der pakistanische Geheimdienst ISI hielt all das nicht davon ab, weiterhin einen Fuss in der Bewegung zu halten und sich gleichzeitig als treuer Verbündeter im „Krieg gegen den Terror“ darzustellen. Seitens der USA genoss Afghanistan seit dem Sturz der Taliban nicht mehr die oberste Priorität, man war mittlerweile schon mit dem Irak beschäftigt, eine Invasion, die auch für Al-Qaida gleichbedeutend mit dem Beginn eines neuen Kapitels war.

Nach dem Sturz von Saddam Hussein durch die amerikanische Invasion 2003 war der Widerstand gegen die amerikanische Besatzung von Anfang an beträchtlich. Die von Abu Mus‘ab al-Zarqawi angeführte Organisation Jamaat al-Tawhid wal-Jihad („Partei für den Monotheismus und den Jihad“) war eine massgebliche Kraft im Guerillakrieg gegen die neuen Machthaber in Bagdad. Im Herbst 2004 schwor er Al-Qaida die Treue und seine Organisation wurde zu ihrer Filiale im Irak, der Name wurde geändert in Tanzim Qaidat al-Jihad fi Bilad al-Rafidayn („Basisorganisation des Jihad in Mesopotamien“), gemeinhin bekannt als Al-Qaida im Irak. Die Gruppe wurde 2007 umbenannt in Islamischer Staat im Irak, 2013 endete das schon immer angespannte Verhältnis in einem Bruch und es entstand der Islamische Staat im Irak und der Levante [58], der 2014 ein globales Kalifat proklamierte und sich von da an, um diesen universellen Anspruch zu unterstreichen, schlichtweg Islamischer Staat nannte.

Zu den Thesen

Soviel zur wirklichen historischen Wurzel des IS, kommen wir nun zu den eigentlichen Thesen. Es ist ein marxistischer Gemeinplatz, eine beliebige unangenehme Sache als „ein Phänomen der kapitalistischen Krise“ zu proklamieren und dieser Versuchung erlag auch La Banda Vaga. Die Verbindung zwischen Weltwirtschaftskrise und Aufstieg der Muslimbruderschaft müsste allerdings schon belegt werden. Wie weiter oben schon angesprochen, muss der Ursprung des Islamismus eher in der Konkurrenz verschiedener Fraktionen der Bourgeoisie im Kampf gegen die britische Kolonialisierung gesucht werden.

Bezüglich der 1970er Jahre geht bei La Banda Vaga vergessen, dass die damalige Ölkrise für Öl exportierende Länder wie den Iran und Saudi-Arabien alles andere als eine Krise war. Wie weiter oben schon erwähnt, hat sie und die damit beginnende kapitalistische Restrukturierung zweifelsohne mit der Ausbreitung des Islamismus zu tun, doch diese Verbindung sind die daraus folgende ideologische Missionierung Saudi-Arabiens und der beginnende Niedergang der Arbeiterbewegung, der es den Islamisten erst möglich machte, „die arme städtische Jugend“ [59] zu rekrutieren, nicht ein von La Banda Vaga insinuiertes historisches Gesetz, gemäss welchem das Kapital bei jeder Krise mechanizistisch eine Dosis Islamismus absondere.

Auch die Abhandlung über den – im islamistischen Diskurs durchaus präsenten – Antisemitismus kann mit einem kurzen Verweis auf Bernard Lewis nicht als erledigt betrachtet werden. Es ist erst einmal sehr erstaunlich, dass eine kommunistische Gruppe auf diesen höchst kontroversen Autoren verweist. Lewis war zwar zum Anfang seiner Karriere Marxist, aber 1986, als das Buch Semites and Antisemites erschien, war er schon längst ein etablierter Propagandist der amerikanischen Neokonservativen. Der Verweis auf das antideutsche Dogma des „europäische[n] Exportgut[s] des Antisemitismus“ wird als Erklärung weder den jeweiligen historischen Zusammenhängen, noch jeglichem materialistischem Anspruch gerecht.

Sogar Lewis selbst führt einen materialistischen Grund für die Übersetzung der ersten Texte an: „Die christlichen Minderheiten hatten gute Gründe, gegen die Juden zu opponieren, denn sie waren ihre schärfsten kommerziellen Konkurrenten und es ist bezeichnend, daß Ausbrüche antijüdischer Agitation ohne Ausnahme von Boykottaufnahmen begleitet waren.“ [60] Natürlich wird die Bourgeoisie die „Schuld an allem Elend“ nicht in den Produktionsverhältnissen suchen, sei es nur schon, weil diese ihr alles andere als Elend bringen. Zudem müssten diese Übersetzungen wohl auch im Kontext der ersten zionistischen Auswanderungswelle in Richtung osmanisches Palästina gesehen werden, sowie der damit einhergehenden, beginnenden Theoretisierung des Zionismus, für welche – zumindest im Falle Herzls – die Tradition des deutschen Nationalismus eine nicht unbedeutende Inspirationsquelle darstellte.

Man braucht gar nicht erst auf die Tatsache zu verweisen, dass Lewis Anfang der 2000er Jahre einer der fleissigsten intellektuellen Propagandisten für die amerikanische Invasion des Iraks war, auch im zitierten Werk findet man höchst dubiose Aussagen, die nur mit einem Verweis auf den damaligen geopolitischen Kontext erklärt werden können. So behauptet er z.B., Kurdisch sei keine Sprache, und es gebe keine kurdische Literatur [61]. Die Erklärung für diese – offensichtlich falsche – Behauptung muss im Kontext der starken Aktivität und Propaganda der PKK in den 1980er Jahren und in der Tatsache gesucht werden, dass für Lewis die Türkei – neben Israel – den verlässlichsten Partner des Westens im Nahen Osten darstellte und somit natürlich gegen die separatistischen Bestrebungen der Kurden unterstützt werden musste. Genau aus dem gleichen Grund wiederholt er auch in diesem Werk seine hanebüchene These, gemäss welcher es nie einen Völkermord an den Armeniern gegeben habe, es war schlichtweg „eine entsetzliche menschliche Tragödie“ [62]. Der Berbersprache spricht er ebenfalls Schriftlichkeit und literarische Tradition ab [63], das ist nicht minder falsch denn die Verbannung des Kurdischen in die weniger zivilisierten Ränge, auch in diesem Fall ist die implizite Verteidigung der Arabisierungspolitik des damaligen algerischen Präsidenten und Freund des Westens Chadli Bendjedid als Reaktion auf den Berberfrühling 1980 alles andere als ein Zufall.

Für seinen epischen Widersacher Edward Said ist Lewis einer der Hauptvertreter des Orientalismus, d.h. jener Forschung, die, gemäss Said, den imperialistischen Interessen des Westens dient, indem sie einen durch den westlichen Intellektuellen konstruierten Orient zu analysieren versucht. Seine Analyse ist massgeblich von Michel Foucault beeinflusst und sie weist die gleichen Grenzen auf, nämlich den Widerspruch, dass einerseits jeglicher Diskurs als konstruiert gesetzt wird, aber andererseits dem „orientalistischen Diskurs“ vorgeworfen wird, er spreche nicht vom „Orient als solche[n]“ [64]. Said und Lewis führten gewissermassen einen Stellvertreterkrieg zwischen Palästina und Israel innerhalb der Mauern der angelsächsischen Akademie, doch ihre kulturalistische Sichtweise hinderte beide daran, die kapitalistische Produktionsweise als solche zu erfassen. Die „Beherrschung durch Europa“ [65] bei Lewis findet ihr Echo in der „Stärke des westlichen kulturellen Diskurses“ [66] bei Said. Beide verkennen die Erschliessung des Weltmarkts durch das Kapital als materielle Grundlage der vermeintlichen kulturellen Überlegenheit des Westens.

Genau aus diesem Grund ist es problematisch, sich zur Etikettierung des Islamismus als antisemitisch auf Lewis zu berufen. Für ihn ist der Antisemitismus ein „Virus“, der „in den Blutkreislauf des Islams eingedrungen ist“ [67], Kultur also als gesunden, homogenen Körper, der von Krankheiten bedroht wird, eine Sichtweise, die Kommunisten eigentlich fernliegen sollte. Islamistischer Antisemitismus ist nicht ein „Exportgut“, sondern manifestiert sich in den meisten Fällen im Zusammenhang der Unterstützung nationalistischer Ansprüche der palästinensischen Bourgeoisie. Die islamistische Feindschaft gegenüber Juden artikuliert sich weder auf einer rassistischen noch auf einer kulturalistischen Grundlage, Juden sind schlicht und einfach Ungläubige und werden aus diesem Grund gehasst, genau wie die Christen, sie haben jedoch genau wie diese, zumindest theoretisch, als ahl-ul-kitab, „Leute des Buches“, die Möglichkeit, die Schutzsteuer Jizya zu bezahlen und unbehelligt im Kalifat zu leben, im Gegensatz z.B. zu den als Ketzern betrachteten Schiiten oder den als Teufelsanbeter betrachteten Jesiden, die in der Hierarchie des IS deutlich tiefer stehen und denen im besten Falle ein Leben als Sklave zugestanden wird.

Ende November 2015 erschien in der Nr. 7 der französischsprachigen Zeitschrift des IS Dar al-Islam gar ein Nachdruck eines Texts des jihadophilen französischen Schriftstellers Marc-Édouard Nabe (auch bekannt unter seinem literarischen Pseudonym Alain Zannini), in welchem er die Verschwörungstheorien Alain Sorals angreift [68]. Islamisten glauben gewiss auch, dass Juden in diversen Verschwörungen engagiert sind (wozu jihadistische Anschläge selbstredend nicht zählen), aber dieser Glaube ist nicht ein ideologisch überdeterminierendes Element wie für Nazis oder Spezialisten für Verschwörungstheorien wie z.B. Elsässer, Soral oder Meyssan. „Schuld an allem Elend“ sind für Islamisten logischerweise nicht „die Produktionsverhältnisse“, aber auch nicht „verborgene Strippenzieher“, sondern schlicht und einfach die Tatsache, dass die Welt dekadent bleiben wird, solange sie nicht unter der Herrschaft eines globalen und gottgefälligen Kalifats steht. Konvertiten jüdischen Ursprungs sind beim IS übrigens sowohl in der Telegram-Gruppe als auch im Kalifat selbst willkommen [69].

Was die Thesen 2 und 3 betrifft, sind wir uns hingegen im wesentlichen einig. Leider haben beide einen toten Winkel, denn sie nicht fähig, zu erklären, weshalb sich die „arme städtische Jugend“ ab den 1970er Jahren den Islamisten anschloss, vorher jedoch nicht. Die Erklärung hierfür ist die beginnende kapitalistische Restrukturierung und der damit einhergehende Niedergang der Arbeiterbewegung, zuvor engagierte sich dieses Segment der Bevölkerung grösstenteils in panarabischen und/oder sozialistischen Bewegungen. Diese Restrukturierung kann gemäss Théorie communiste folgendermassen zusammengefasst werden: „Die Restrukturierung als Niederlage, Ende der 1960er Jahre und während den 1970er Jahren, dieses auf die Arbeiteridentität gegründeten Kampfzyklus hatte als Inhalt die Zerstörung all dessen, was zu einem Hindernis der Fluidität der Selbstvoraussetzung des Kapitals geworden war. Man fand einerseits alle Trennungen, Absicherungen, Vorschriften, welche der Wertminderung der Arbeitskraft entgegen standen, da sie verhinderten, dass die gesamte Arbeiterklasse, weltweit, in der Kontinuität ihrer Existenz, ihrer Reproduktion und ihrer Vergrösserung, sich als solche dem gesamten Kapital stellen musste. Man fand andererseits alle Zwänge des Kreislaufs, des Umschlags, der Akkumulation, welche die Umwandlung der Überproduktion in Mehrwert und zusätzliches Kapital verhinderten. Jegliche Überproduktion muss überall ihren Markt, jeglicher Mehrwert überall seine Möglichkeit, als zusätzliches Kapital zu operieren, d.h. die Möglichkeit, sich in Produktionsmittel und Arbeitskraft umzuwandeln, finden können, ohne dass eine Formalisierung des internationalen Zyklus (Ostblock, Peripherie) diese Umwandlung vorherbestimmt. Das Finanzkapital war der leitende Architekt dieser Restrukturierung. Mit der in den 1980er Jahren vollendeten Restrukturierung fallen die Mehrwertproduktion und die Reproduktion der Produktionsbedingungen desselben zusammen.“ [70]

Diese Tatsache ist sicherlich eine „Niederlage der Linken“, doch sie ist viel mehr als nur das, allen voran hat sie grosse Auswirkungen auf die „sogenannte Unterentwicklung großer Regionen des politischen Südens“. Am Ende der zweiten These wird der politische Islam auf einen Taschenspielertrick der herrschenden Klassen in den jeweiligen Ländern reduziert: „Nicht zuletzt angesichts dieser strukturellen Desintegration entdeckten viele Staaten des Nahen Ostens den Islam als integrative Kraft, um die gesellschaftlichen Probleme wenn schon nicht zu lösen, so doch ideologisch zu überdecken.“ Ideologie ist weit mehr als diskursiver Betrug, „jede Ideologie [hat] die (sie definierende) Funktion […], konkrete Individuen zu Subjekten zu ‚konstituieren‘“ [71]. Die 1973 beginnende „islamistische Epoche“ [72] ist auch damit zu erklären, dass kriselnde nationalistische Regime die zunehmend erstarkenden Islamisten als repressive Hilfskraft gegen die Linken benutzten [73]. Die ideologische Neuorientierung der ägyptischen Bourgeoisie auf den Trümmern des Nasserismus und der im Werk Kepels umfassend dargestellte Aufstieg des Islamismus in der gesamten islamischen Welt können nicht auf eine „Manipulation der Massen“ reduziert werden, sie sind gleichbedeutend mit dem Beginn einer neuen Epoche.

Diese neue Epoche, die von der Banda Vaga diagnostizierte „Niederlage der Linken“, ist der Beginn der Restrukturierung, sie beginnt zur gleichen Zeit wie Kepels „islamistische Epoche“. Die Ölkrise lieferte Saudi-Arabien die nötigen Erträge und machten ihren Beginn erst möglich. Die Restrukturierung eröffnete den Niedergang der Arbeiterbewegung und die industriellen Heilsversprechen diverser nationalistischer Regime wurden nun endgültig als Illusion wahrgenommen. Diese Entwicklung wird in These 4 in ihren Grundzügen zusammengefasst. Auch in Bezug auf das Recycling des anti-imperialistischen Diskurses sind wir uns einig: „Obwohl er [der Islamismus] ein Produkt einer gescheiterten Modernisierung und des Niedergangs des panarabischen Nationalismus darstellt, führt er das Erbe des panarabischen Antiimperialismus in einer religiösen Form weiter, die Umma wird als von imperialistischen Ungläubigen belagert betrachtet.“ [74] Einzig die „emanzipatorische Hoffnung“ des Sozialismus gilt es zu relativieren: Als vom Programmatismus getragene Affirmation der Arbeiterklasse ist diese Perspektive obsolet geworden.

In These 5 bezeichnet La Banda Vaga den „Islamismus“ als „patriarchales Projekt“. Es handelt sich jedoch viel eher um eine moderne Form der Männerherrschaft. Ein „Patriarch“ ist ein Stammesführer, der Begriff „Patriarchat“ kann u.U. eine adäquate Darstellung der Männerherrschaft z.B. in von Taliban beherrschten paschtunischen Stammesgebieten oder von Al-Shabaab kontrollierten Dörfern irgendwo im somalischen Hinterland sein, aber bestimmt nicht bezogen auf den IS und auch nicht auf den Iran, beide sind Produkte der Moderne. Olivier Roy betonte schon 1992 den Unterschied zwischen dem Frauenbild im traditionellen Islam und im Islamismus: „Die Frauenfrage ist […] einer der Punkte des Bruches des Islamismus mit dem traditionellen Fundamentalismus. Die Islamisten halten die Rolle der Frau in der Bildung und der Gesellschaft für wesentlich. Sie sehen sie als Person und nicht mehr nur als Instrument zur Befriedigung der sexuellen Begierde und zur Reproduktion.“ [75] Einmal mehr ist der Iran ein denkbar schlechtes Beispiel, um diese These zu belegen. Zwar werden Frauen im Iran in diversen gesellschaftlichen Bereichen diskriminiert, doch die öffentliche Sphäre ist ihnen nicht vollständig verschlossen wie unter einem eher traditionalistisch geprägten islamistischen Regime wie z.B. jenem in Saudi-Arabien oder der Taliban.

Das gleiche gilt für das Regime des IS. Betreffend der Rolle der Frauen beim IS stellt der Soziologe Farhad Khosrokhavar zurecht einen Paradigmenwechsel fest: „Bevor der IS 2014 auftauchte, engagierten sich sehr wenige Frauen in Europa für den Jihad. […] Zwischen 2013 und 2015 sieht man einen beträchtlichen Anstieg der Anzahl im Jihad engagierten Frauen: Sie sind mehr als 500 (10%) von den ungefähr 5‘000 Personen, die aus westlichen Ländern nach Syrien gereist sind.“ [76] Frauen formten im Kalifat eine eigene Brigade der Sittenpolizei, sie kämpften manchmal an der Front oder verübten Anschläge, alles Tätigkeiten, die z.B. ein paschtunischer Anhänger der Taliban als für Frauen höchst unangebracht betrachten würde. Vermutlich stimmt die etwas paternalistisch tönende Bemerkung der Banda Vaga, dass Frauen „in diesem System also eigentlich nichts zu gewinnen haben“, nur gibt es auf dieser Welt ohnehin nicht viel zu gewinnen, insbesondere als Frau und noch weniger als proletarische Frau.

Würde es stimmen, dass sich diese Frauen, wie es La Banda Vaga behauptet, nur dem IS anschliessen, „weil sie zumindest psychisch vom Ordnungsversprechen des Islamismus profitieren, das ihnen einen festen Platz in der Weltordnung zuweist und dadurch Orientierung bietet“, muss die Frage aufgeworfen werden, wieso sich zuvor so wenige Frauen jihadistischen Gruppen anschlossen. Es muss wohl eher davon ausgegangen werden, dass für die meisten dieser Frauen das Leben im Kalifat eine emanzipatorische Perspektive im Vergleich zum Leben im konservativen Elternhaus darstellte, auch wenn man diese Tatsache nur zähneknirschend akzeptieren kann.

Die von La Banda Vaga vorgebrachten psychoanalytischen Erklärungsversuche erklären in Wirklichkeit nicht gar viel, der subtil gehaltene Nazivergleich in Form der Anspielung auf Theweleits „Männerphantasie“ noch weniger. Pathologisierung ist keine Erklärung. Im Absatz über die rekrutierten Frauen glaubt man, zwischen den Zeilen eine Art Bedauern zu erkennen, dass „wir“ es nicht geschafft haben, sie vorher zu rekrutieren, da es bei „uns“ vermeintlich viel mehr „zu gewinnen“ gibt. „Frauenrechte“ sind, auch „wenn vorhanden“, proletarischen Frauen sowieso meistens nicht zugänglich, genauso wenig die öffentliche Sphäre, das Netzwerk der RAWA in Afghanistan unter den Taliban beispielsweise wurde einfach noch klandestiner, besonders öffentlich war es schon zuvor nicht. Die Situation der Frauen unter islamistischen Regimes gründet nicht auf „Männerphantasien“, sondern ganz klaren ideologischen Vorgaben im theologischen Kleid (Koran, Hadithe, Scharia und einer bestimmten Interpretation davon), und „Männerphantasien“ können auch bestens unter säkularen Regimes ausgelebt werden, so war es z.B. in Ägypten 2011 der heutige Präsident al-Sisi, der sich besonders eifrig für „Jungfräulichkeitstests“ an Demonstrantinnen einsetzte.

Bezüglich der These 6 könnte man schwer das Gegenteil behaupten, nur wie hätte der Arabische Frühling sein „Scheitern“ vermeiden sollen? Einzig eine kommunistische Weltrevolution hätte uns letztendlich erlaubt, von einem „erfolgreichen“ Arabischen Frühling zu sprechen. Zudem waren die Proteste nicht zuerst „explizit säkular bzw. sozial“ und nach ihrem „Scheitern“ tauchten aus dem Nichts Islamisten auf. In Tunesien gelten Epizentren der Proteste wie Sfax, Kasserine oder Ben Guerdane als islamistische Hochburgen und das war auch vor 2010 schon so. Die Tatsache, dass die Muslimbrüder ihren Mitgliedern in Ägypten verbieten mussten, an den Protesten teilzunehmen, deutet darauf hin, dass die Basis wohl ziemlich enthusiastisch daran teilnahm, vermutlich hauptsächlich zur Verteidigung ihrer grundlegendsten Klasseninteressen, im Gegensatz zu radikaleren Islamisten wie z.B. die Anhänger des IS, die sich wohl eher in einer strategischen Optik der Destabilisierung der Staatsgewalt daran beteiligt haben dürften. Was Théorie communiste zum Interklassismus in den Gelbwesten schrieb, kann auch auf den Arabischen Frühling angewendet werden: „Die Frage ist jene des Lebensstandards, der Einkommen. Doch diese Frage bleibt nicht eine wirtschaftliche Frage, sie wird unmittelbar politisch. Die Abgaben, die Steuern, das ist der Staat. In dieser unmittelbaren Verwandlung der Wirtschaft in Politik findet der Interklassismus seine Form, die ihn definiert und stärkt.“ [77]

In der These 7 bezeichnet La Banda Vaga den „Islamismus als ein Mittel imperialistischer Machtpolitik“, was er selbstverständlich sein kann, aber nicht zwingend sein muss. Während im Falle der Al-Qaida durch das Büro der Taliban in Doha eine lose Verbindung zur „Staatengemeinschaft“ besteht, kann das vom IS nicht behauptet werden. Trotz punktueller türkischer Unterstützung, kann nicht von einem „Bündnis“ gesprochen werden, wie in einem älteren Text bereits dargelegt wurde: „Waffenlieferungen aus der Türkei treffen freilich ziemlich regelmässig in Syrien ein, wie z.B. jene, welche vor ein paar Jahren einen Skandal ausgelöst hatte. Es ist auch wahrscheinlich, dass der Islamische Staat vom türkischen Militärapparat als geringeres Übel im Vergleich zur PYD betrachtet wird. Das reicht jedoch nicht, um von einem ‚Bündnis‘ zu sprechen, die wirklichen Verbündeten der Türkei sind eher gemässigtere islamistische Gruppen wie z.B. der Jabhat Tahrir Suriya.“ [78]

Das diplomatische Parkett des IS ist die kriminelle Unterwelt und dort werden sehr wohl Beziehungen gepflegt, z.B. zu als Rekrutierungsagenturen fungierenden islamistischen Strassengangs in Trinidad und Tobago oder zur Camorra. Es dürfte somit kein Zufall sein, dass sich die Attentäter von Paris 2015 ihre gefälschten Dokumente via Neapel beschafften. Diese kriminelle Unterwelt ist natürlich auch „in imperialistische Politik und die Dynamiken der Staatenkonkurrenz eingebettet“, nur ist es nicht immer so einfach, herauszufinden, auf welche präzise Art und Weise. Es wird auch immer wieder mal gemutmasst, dass diese pax mafiosa der Hauptgrund dafür ist, dass es in Italien noch nie zu einem jihadistischen Anschlag gekommen ist.

In der These 8 kommt La Banda Vaga zu folgender Schlussfolgerung: „Wer deshalb seine Hoffnung im Kampf gegen den Islamismus auf den aufgeklärten Westen setzt, scheint zumindest unter historischer Kurzsichtigkeit zu leiden.“ Da sind wir natürlich gleicher Meinung, das gleiche gilt für die Bemerkung in der folgenden These: „Eine Verharmlosung des Islamismus aus Angst, die antimuslimischen Rassismus im Westen zu stärken und zu befördern, ist vor diesem Hintergrund ebenso fehl am Platz wie die ‚antiimperialistische‘ Verklärung des Islamismus zu einer antikapitalistischen Bewegung, wie sie zumindest in Teilen der Linken bis heute anzutreffen ist.“ Nicht minder einig sind wir uns in der Verurteilung einer „Volksfront gegen den Islamismus“, doch im restrukturierten Kapitalismus sind die Zeiten der Volksfronten sowieso hinter uns. Schade, dass auch hier wieder der implizite Nazivergleich durchschimmert, genau wie in der folgenden Bemerkung: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Islamismus schweigen.“ Extremismustheoretische Betrachtungen sollten wir der Bourgeoisie überlassen, sie sind nämlich ebenfalls eine „Aufgabe der eigenen Positionen“.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass wir in vielen Punkten gleicher Meinung sind. Neben den methodologischen Differenzen verorten sich unsere Meinungsverschiedenheiten allen voran in der Analyse des Antisemitismus, der Rolle des Irans, der Situation der Frauen und allgemeiner auf taxonomischer Ebene. Wie weiter oben betont, tendiert La Banda Vaga dazu, Äpfel mit Birnen zu vergleichen und nicht zwischen eher politischen und jihadistischen Ausprägungen des Islamismus zu unterscheiden, zudem wird der quietistische, unpolitische Teil des Salafismus nicht erwähnt, obwohl er eigentlich ebenfalls in die Kategorie „Islamismus“ gehört.

Die Unterschiede zwischen dem Iran, den Muslimbrüdern und dem IS sind viel grösser, als man es bei der Lektüre der Thesen erahnen könnte, es wäre deshalb wohl auch sinnvoller, diese Phänomene getrennt voneinander zu analysieren. Sowohl die Islamische Republik als auch die Muslimbruderschaft sind Überbleibsel der Moderne, der IS hingegen repräsentiert nicht den „idealtypischen Islamismus“ (eine materialistische Geschichtsschreibung kennt keine „Idealtypen“), sondern schlichtweg jihadistischen Islamismus auf der Höhe unserer Zeit, seine Verschmelzung mit der kriminellen Unterwelt als ein Produkt des restrukturierten Kapitalismus.

Was tun? „Kommunismus oder Barbarei“, das ist in der Tat die Alternative. Erst wenn auch der letzte Gold-Dinar kommunisiert sein wird, werden wir keine solchen Texte mehr schreiben müssen. Théorie communiste beschrieb das Verhältnis vom Islamismus zur Globalisierung des restrukturierten Kapitalismus folgendermassen: „Er [der Islamismus als innere Opposition] ist nicht ihr Widerspruch, sondern ihr Schatten.“ [79] Wer einen Schatten bekämpfen will, würde auch gegen Windmühlen kämpfen, die Erfolgsaussichten sind in beiden Fällen gering. Und leider muss man davon ausgehen, dass das Kapital nicht den gleichen Fehler machen wird wie Peter Schlemihl.

Doc Sportello

Juni 2019

Anmerkungen

[1Emin Poljarevic, "Islamism" in The Oxford Encyclopedia of Islam and Politics. Oxford Islamic Studies Online, 2015, S. 2.

[2Ebd., S. 1.

[3Olivier Roy, L‘Échec de l‘Islam politique, Paris, Seuil, 2015 [1992], S. 252.

[4Ebd., S. 286.

[5Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München/Zürich, Piper, 2004 [2000], S. 42. Bedauernswert ist die ungenaue Übersetzung in dieser Passage. Gemäss der französischen Version „wollte er“ nicht nur „eine kulturelle Revolution anstoßen“, sondern hat eine Kulturrevolution ausgelöst (die Anspielung auf die chinesische Kulturrevolution ist, darüber hinaus, aus der Feder des ehemaligen Trotzkisten Kepel ziemlich sicher gewollt), siehe Gilles Kepel, Jihad. Expansion et déclin de l‘islamisme, Paris, Gallimard, 2000, S. 24.

[6Ebd., S. 94-95.

[7Siehe Steve Coll, Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001, New York, Penguin, 2004, S. 77.

[8Assem Akram, Histoire de la guerre d‘Afghanistan, Paris, Balland, 1996, S. 119. Siehe insbesondere das Unterkapitel „Le coup d‘État communiste vu par Moscou“, S. 118-120, die Übersetzung eines Auszugs der Memoiren des damaligen sowjetischen Vize-Aussenministers Georgi Kornienko.

[9Siehe ebd., S. 98-108.

[10Gilles Kepel, op. cit., S. 174.

[11Siehe Assem Akram, op. cit., S. 141. Am 10. gemäss Rodric Braithwaite, siehe Rodric Braithwaite, Afgantsy. The Russians in Afghanistan 1979-89, London, Profile Books, 2011, S. 77.

[12Falls nicht anders angegeben, stammen alle Angaben zu Wilson aus George Crile, Charlie Wilson‘s War. The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, New York, Atlantic Monthly Press, 2003. Das Buch ist 2007 sogar mit Tom Hanks in der Rolle von Wilson, Julia Roberts in jener von Joanne Hering und Philip Seymour Hoffman in jener von Gust Avrakotos verfilmt worden.

[13Ebd., S. 473.

[14Siehe Assem Akram, op. cit., S. 173-176.

[15Siehe ebd., S. 176.

[16Siehe Rodric Braithwaite, op. cit., S. 164. Das gleiche gilt heute in vielen Regionen in Bezug auf die Taliban.

[17Siehe ebd., S. 136-137.

[18Siehe Gregory Feifer, The Great Gamble. The Soviet War in Afghanistan, New York, HarperCollins, 2009, S. 201.

[19Siehe z.B. ebd., S. 213.

[20Siehe Sarah E. Mendelson, Changing Course. Ideas, Politics, and the Soviet Withdrawal from Afghanistan, Princeton, Princeton University Press, 1998, S. 114.

[21Siehe Artyom Borovik, The Hidden War. A Russian Journalist‘s Account of the Soviet War in Afghanistan, London/Boston, Faber and Faber, 1991 [1990]. Der Titel der russischen Ausgabe lautet Афганистан. Ещё раз про войну.

[22Ebd., S. 1.

[23Siehe ebd., S. 5.

[24Siehe ebd., S. 36.

[25Siehe z.B. ebd., S. 258.

[26Ebd., S. 35-36.

[27Gilles Kepel, op. cit., S. 180-181.

[28Siehe Mohammad Yousaf, Mark Adkin, The Bear Trap. The Defeat of A Superpower, Barnsley, Leo Cooper, 2001 [1992], S. 135. Natürlich vertritt er die Ansicht, dass der ISI damit nichts zu tun hatte und, so gut es ging, versuchte, den Schmuggel zu verhindern (siehe S. 108 z.B.).

[29Siehe ebd., S. 83.

[30Ebd., S. 59.

[31Siehe George Crile, op. cit., S. 426-427.

[32Siehe Rodric Braithwaite, op. cit., S. 205.

[33Siehe Gilles Kepel, op. cit., S. 185.

[34Siehe Steve Coll, op. cit., S. 155.

[35Siehe ebd., S. 204.

[36Ebd., S. 156.

[37Siehe ebd., S. 168-169.

[38Siehe ebd., S. 222-223.

[39Ebd., S. 231.

[40Siehe ebd., S. 601-602.

[41Siehe ebd., S. 232.

[42Siehe Rodric Braithwaite, op. cit., S. 299.

[43Steve Coll, op. cit., S. 239.

[44Ebd.

[45Siehe ebd., S. 293.

[46Siehe ebd, S. 334, 349 und 351.

[47Siehe ebd., S. 331-332.

[48Gilles Kepel, op. cit., S. 332.

[49Siehe ebd., S. 356.

[50Siehe ebd., S. 179-180.

[51Siehe ebd., S. 377.

[52Siehe Steve Coll, op. cit., S. 338.

[53Siehe ebd., S. 362-363.

[54Siehe ebd., S. 413-415.

[55Siehe ebd., S. 511-513.

[56Siehe ebd., S. 513.

[57Siehe ebd., S. 485.

[58Siehe den Text Doc Sportello, „Contre l‘État islamique, contre la guerre – eine Kritik“ für eine etwas ausführlichere Darstellung des Bruches zwischen Al-Qaida und dem Islamischen Staat. Al-Zarqawi wird dort fälschlicherweise als ehemaliger Anführer von Ansar al-Islam bezeichnet, es handelt sich um eine Verwechslung, Ansar al-Islam ist eine hauptsächlich im kurdischen Teil Iraks aktive Gruppe, die jedoch mit Zarqawis Koordination zusammenarbeitete, 2013 sich allerdings nicht seiner Fraktion anschloss.

[59Gillel Kepel, op. cit., S. 32.

[60Bernard Lewis, „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt a.M./Berlin, Ullstein, 1989 [1986], S. 156-157, deutsche Ausgabe von Semites and Antisemites.

[61Siehe ebd., S. 50.

[62Ebd., S. 19.

[63Siehe ebd., S. 50.

[64Edward W. Said, Orientalismus, Frankfurt a.M., S. Fischer, 2009 [1978], S. 127.

[65Bernard Lewis, op. cit., S. 160.

[66Edward W. Said, op. cit., S. 36.

[67Bernard Lewis, op. cit., S. 319.

[68„L‘État islamique dans les mots de l‘ennemi“ in Dar al-Islam, Nr. 7, 30. November 2015, S. 35-37.

[69Siehe auch Farhad Khosrokhavar, Le Nouveau Jihad en Occident, Paris, Robert Laffont, 2018, S. 526.

[70Théorie communiste, „Kommunisierung im Präsens“.

[71Louis Althusser, „Ideologie und ideologische Staatsapparate“ in Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie, Hamburg, VSA, 1977, S. 140.

[72Gilles Kepel, op. cit., S. 28.

[73Siehe ebd., S. 92-93.

[74Doc Sportello, op. cit.

[75Olivier Roy, op. cit., S. 82.

[76Farhad Khosrokhavar, op. cit., S. 127.

[77Théorie communiste, „Anmerkung zur Bewegung der Gelbwesten“, November 2018.

[78Doc Sportello, op. cit.