Startseite > Artikel > Mexiko: Niemand sagte, es sei friedlich

Mexiko: Niemand sagte, es sei friedlich

Dienstag 20. August 2019, von Doc Sportello

AdÜ: Nachdem mehrere Frauen von Bullen vergewaltigt worden sind, kam es letzten Freitag zu heftigen Protesten. Dieser Text ist die deutsche Übersetzung eines Kommuniqués mexikanischer Genossinnen. Mangels Spanischkenntnissen ist der Text aus dem Englischen übersetzt worden, im spanischen Originaltext sind die Adjektive weiblich markiert, was im Deutschen so nicht wiedergegeben werden kann.

Der mexikanische Staat, die Medien, jene Leute, welche uns jedes Mal Lügnerinnen nennen, wenn wir einen sexuellen Angriff denunzieren, welche sagen, dass wir übertreiben, verkünden nun öffentlich, die Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau durch die Polizei sei eine Lüge, weil sie Angst hatte, die Anzeige weiterzuführen, da ihr niemand eine Sicherheitsgarantie für sie und ihre Familie geben konnte, die Skeptiker nörgeln und bestätigen ihre verfaulten Haltungen einmal mehr; nun jubeln sie darüber, dass sie Recht hatten, weil die Frau log, und beteuern galant einmal mehr, dass sie unschuldige Männer sind.

Die Leute sind zufrieden mit der Version in den von den Medien veröffentlichten Videos, wo die angepöbelte Frau widerlegt wird; und es ist einfacher so, sie schwelgen im ruhigen Bewusstsein, dass sie ihren Henkern weiterhin vertrauen können, es ist so viel einfacher für sie, genau wie sie weiterhin ohne schlechtes Gewissen ein gesellschaftliches System unterstützen können, das zum x-ten Mal Gewalt gegen Körper von Frauen ermächtigt; sie können friedlich herumlaufen, während sie sich vorstellen, dass die Polizei ihre Töchter nicht sexuell angreifen wird...

Was sie vergessen, ist die Tatsache, dass es nicht das erste oder das letzte Mal ist, dass Frauen rund um den Globus öffentliche Figuren aufgrund eines sexuellen Angriffs gegen sie denunzieren; sie missbrauchten stets ihre Macht und sie werden das weiterhin tun, genau wie ein Mann, der kein Staatsfunktionär ist, sich zum Angriff im Schatten verstecken wird, verstecken sich diese öffentliche Figuren hinter ihren Titeln als Polizist, Militärangehöriger oder Politiker.

16. August 2019: Proteste gegen geschlechtsspezifische Gewalt im mexikanischen Territorium

JPEG - 58.1 kB
Von Frauen zerstörter Bullenwagen in Puebla, Mexiko.

Mit dem Beginn der Abenddämmerung kann alles unter Musterbeispielen guten Verhaltens, guter Staatsbürgerschaft abgebucht werden, anständig, Parolen rufend, Forderungen stellend, schon fast flehend, um gehört zu werden…, dass wir es nicht geniessen, in einem alltäglichen Leben zu überleben, das geprägt ist von der Angst, entführt, zu Tode gefoltert, ermordet zu werden; oder uns vorzustellen, wie unsere Mütter unsere verwesten Körper ansehen müssen oder uns überhaupt nie mehr finden...

JPEG - 58 kB
Eine entschlossene Frau.

Später wurden die Wände bemalt, Darbietungen mit Feuer, Bewegung, immer lautere Schreie, das erste Glas wird zerbrochen, Schreie der Empathie ufern aus, improvisierte Werkzeuge und mehr Glas fällt. Wir schreien mit Wut, mit Freude, mit Traurigkeit… Ja, wir waren es, und ja, wir würden es tausend Male wieder tun, ja, wir verjagten die Männer aus unseren Versammlungen, aus unserem Raum der Aktion. Sie hatten dort nichts verloren, sie waren nicht eingeladen. Sie waren als Freunde oder Verbündete nicht willkommen.

JPEG - 38.9 kB
Die Leidenschaft für die Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft.
JPEG - 33.2 kB
Die Leidenschaft für die Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft.
JPEG - 13.8 kB
Die Leidenschaft für die Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft.
JPEG - 40.1 kB
Die Leidenschaft für die Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft.

Die Nacht beschützte uns und wir fürchteten uns nicht vor der Polizei oder den dunklen Strassen, wir waren eine Flut des Unbekannten, zusammen, stark, wild und desorganisiert, krank vor Wut und Frustration. Wir bemalten alles auf unserem Weg, wir zerstörten jedes Symbol der für unseren täglichen Ärger verantwortlichen Autoritäten. Wir brannten nieder, was wir niederbrennen konnten.

Sie fragen uns, wieso wir verrückt sind.

Während andere uns folgendermassen bezeichnen: Schlampen, gestört, hysterisch, Nutten, schamlos. Sie machen sich über uns lustig, sie verhöhnen uns, sie beauftragen andere, uns zu ermorden, uns sexuell anzugreifen, uns einzusperren; sie sagen, wir wüssten nicht, wie man protestiert; sie sagen uns, wir sollen die Wände, die Scheiben, die Monumente verschonen; sie fragen, wer die Stadt wieder sauber machen wird, sie sagen, wir seien eine Bande lästiger Puppen, dass die Bewegung wegen uns vom Weg abkommt, wir seien Eindringlinge, Provokateurinnen, Faschistinnen, Agentinnen der Yankees, porras [1] der Linken.

Ich bin mit diesem Körper geboren worden, der mich quer durch die Geschichte und Länder hindurch als etwas markiert, das sie Frau nennen, und sie haben mich erschaffen, um unterwürfig zu sein, niedergetrampelt und angegriffen zu werden, eine Mutter und Versorgerin zu sein, auf andere zu warten, alles zu akzeptieren, still zu sein, um dem Diener des Bosses und auch dem Boss zu dienen und deshalb waren wir alle da, deshalb lassen wir nicht eine einzige zurück und zelebrieren die Handlungen von uns allen.

Niemand rief zu einem friedlichen Marsch auf, keine von uns kam im Namen einer anderen, wir wollen weder irgendwen repräsentieren, noch von irgendwem repräsentiert werden, wir bitten den Henker nicht nach Gerechtigkeit, wir bitten weder den Verräter Sheinbaum [2], noch den Sitz des Präsidenten um irgendwelchen Schrott; was gestern [16. August 2019] geschah, war eine Explosion der Wut; wir wissen, dass [die Behörden] keinen Finger rühren werden, um für unsere Sicherheit zu garantieren oder unsere Angreifer zu bestrafen. Es werden auf dieser Welt weiterhin Frauen umgebracht werden, schlicht und einfach, weil sie Frauen sind; sie werden uns weiterhin die Schuld geben; sie werden uns weiterhin Lügnerinnen nennen; Betrüger familienorientierter Ideologien werden kommen und uns sagen, wir seien keine richtigen Feministinnen oder Anarchistinnen; dass wir nicht wissen, wie Politik gemacht werden muss; und die Mütter der Getöteten und Verschwundenen werden mit ihrem Schmerz weiterleben; sie werden weiterhin ihre Töchter in Massengräbern suchen; es werden neue Ermittlungsorganisationen entstehen; die Kinder der ermordeten Mütter werden immer noch da sein; sie werden aufwachsen, nur um festzustellen, dass es der Menschheit scheissegal ist, was ihren Müttern zugestossen ist...

Die gestrigen Ereignisse erlaubten uns, uns gegenseitig mit komplizenhaften Blicken anzuschauen und zu erkennen, mit in Glitzer gehüllten Körpern, nackten und vibrierenden Körpern, uns zu zeigen, dass wir nicht alleine sind… Und wir wollen uns nicht weiterhin verstecken und ein gesellschaftliches System des Todes aufrechterhalten, weder als Frauen, noch als menschliche Wesen.

Ich erkannte mich selbst in den Blicken anderer, ich nahm ihre Hand, dann umarmten wir uns aufrichtig, eine Umarmung zwischen Frauen, eine Umarmung zwischen Genossinnen, nachdem wir einige Scheiben zerschlagen und neugierige Männer und Polizisten verjagt haben, lief jede von uns nach Hause mit einer letzten Botschaft für den Abend, wofür es sich lohnt, zu kämpfen: um sicher nach Hause zu kommen und sich ausruhen zu können.

Nur eine weitere Anekdote.

Antidemokratische Proletarierinnen

Spanische Originalversion

Englische Übersetzung

Übersetzt aus dem Englischen von Kommunisierung.net

PDF - 435.6 kB

Anmerkungen

[1Ein Begriff ohne deutsche Entsprechung. Porros sind rechte Strassengangs, die häufig vom mexikanischen Staat gegen linke Gruppen eingesetzt werden.

[2Der amtierende Bürgermeister von Mexiko-Stadt.