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Hic Salta - Elemente zur Periodisierung der kapitalistischen Produktionsweise: Geschichte des Kapitals, der Krisen und des Kommunismus (1997)

Dienstag 3. Dezember 2019, von Doc Sportello

Die folgenden Anmerkungen sind ein kurzer Kommentar zu einem Schema, das die Gesamtheit des historischen Verlaufs der Kapitalakkumulation zeigt. Das Interesse der Erstellung einer Gesamtschau der Geschichte des Kapitals liegt darin, zu zeigen, dass diese Geschichte einen globalen Prozess darstellt, der einer widersprüchlichen Logik gehorcht, dass er einen Anfang und ein Ende hat und dass seine Invarianz (die Wiederkehr der Krisen) eine Entwicklung hin zur Hervorbringung der tatsächlichen Bedingungen der kommunistischen Revolution nicht ausschliesst.

Der Inhalt dieses Textes würde es verdienen, gründlich überarbeitet zu werden. Er begeht besonders den Fehler, für die vierte Periode jegliche Rückkehr zur absoluten Form der Mehrwertextraktion auszuschliessen, was von der Entwicklung von Ländern wie China widerlegt wird. Man wird andere Mängel und Ungenauigkeiten in den anderen Perioden finden. Weil mir scheint, dass das allgemeine Schema der Analyse gültig bleibt, veröffentliche ich den Text in seinem Zustand von 1998.

B.A.

2010

Die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise besteht aus zwei Hauptperioden (formelle und reelle Unterordnung), die selbst in zwei lange Zyklen unterteilt werden, die wir durch die Modalitäten der Mehrwertextraktion voneinander unterschieden haben. Jeder Zyklus enthält seinerseits konjunkturelle Variationen, die im Schema nicht dargestellt sind.

Die historische Analyse der kapitalistischen Produktionsweise wird simultan in den Begriffen der Unterordnung und der Ausbeutung vorgenommen. Man muss nämlich unterscheiden zwischen der Ausbeutung, die auf der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit gründet und aus der unentgeltlichen Aneignung der Mehrarbeit durch den Kapitalisten besteht, und der Unterordnung des Proletariats unter das Kapital, die gleichbedeutend ist mit der Gesamtheit der Mittel und Bedingungen, welche im Klassenverhältnis eine solche Teilung erlaubt und die Modalitäten jeder Periode definiert. Die Unterordnung ist das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Klassen und es konkretisiert sich in jedem der drei Momente der Reproduktion des Proletariats. Auf allgemeine Art und Weise ist das Proletariat dem Kapital durch die einfache Tatsache untergeordnet, dass dieses das Monopol der Produktions- und Reproduktionsmittel besitzt und dass das Proletariat somit reservelos und gezwungen ist, seine Arbeitskraft im Tausch für den Lohn zu verkaufen. Jenseits dieser brutalen Realität wird die Unterordnung des Proletariats in drei komplementären Momenten analysiert:

1. dem Arbeitsmarkt, wo über den Wert der Arbeitskraft verhandelt wird;

2. dem Arbeitsprozess, wo die eigentliche Ausbeutung stattfindet;

3. der unmittelbaren Reproduktion, oder dem Privatleben, des Proletariats, wo der Wert der Arbeitskraft durch den Preis des Lebensunterhalts bestätigt und der Proletarier als auf den Arbeitsmarkt zurückzuschickende Arbeitskraft reproduziert wird.

Weder der Kapitalist noch der Proletarier wissen, was die Ausbeutung ist. Weder der eine noch der andere wissen, wann die notwendige Arbeit aufhört und die Mehrarbeit beginnt. Doch die beiden Klassen wissen sehr wohl, was die Unterordnung ist, und auf diesem Terrain sind sie täglich miteinander konfrontiert. Je nach den Unwägbarkeiten der Ausbeutung, die sich in konjunkturellem Steigen und Sinken der Profitrate ausdrücken, führt die Klassenkonfrontation zu Anpassungen in den Modalitäten der Unterordnung. Wenn die Rentabilität des Kapitals hoch ist und die Kapitalakkumulation eine bedeutende Nachfrage nach Arbeitskraft erschafft, profitiert das Proletariat davon, indem es eine Entlastung seiner Unterordnung fordert. Und umgekehrt, wenn die Rentabilität sinkt, versucht das Kapital eine Verschlimmerung der Unterordnung durchzusetzen, um den Zwang zur Mehrarbeit zu stärken, die Daseinsberechtigung der Unterordnung. Die Krise [1] bricht aus, wenn diese Verschlimmerung die Unterordnung im einen oder anderen dieser drei Momente unerträglich macht. Die Krise wird dann als Krise der Insubordination definiert. In sehr allgemeinen Begriffen erhebt sich das Proletariat, weil seine Unterordnung ihre Gegenleistung verloren hat, die unmittelbare Reproduktion. Die Krisenaktivität besteht also für das Proletariat darin, jene Unterordnung anzugreifen, mithilfe welcher das Kapital es an jenem Ort hält, wo dieses es eben genau für notwendig hält, sie zu verschlimmern, um seine Profitrate wiederzuerlangen. Dieser Ort variiert hinsichtlich der Perioden und er ist es, der die historische Spezifität der Aufstände genau wie auch den projizierten Inhalt des Kommunismus determiniert. Die Krise der Insubordination ist immer Affirmation des Proletariats als lebendes Element des Verwertungsprozesses gegen die Verschlimmerung der Modalitäten der Unterordnung, welche es in seinem Leben bedroht.

I Erste Periode: Formelle Unterordnung

1) Definition

Marx definiert die Periode der formellen Unterordnung durch die Tatsache, dass der Arbeitsprozess weitgehend seine vorkapitalistischen Eigenschaften behält und sich als solcher in die Form der Lohnarbeit einfügt. Der Kapitalist ist Befehlshaber über eine Arbeit, die mehr oder weniger die gleiche ist wie jene des Handwerkers und er begnügt sich damit, ihr eine Disziplin, eine Regelmässigkeit und eine Ausdehnung zu geben, was den Unterschied ausmacht zwischen Werkstatt und Manufaktur. Diese Erfassung der formellen Unterordnung ist in Wirklichkeit nur eine auf das weiter oben definierte zweite Moment der Unterordnung beschränkte Definition. Wenn man das Verhältnis des Kapitals zur Gesamtheit der Gesellschaft betrachtet, besteht die Definition der formellen Unterordnung darin, auch zu sagen, dass die vorkapitalistischen Produktionsweisen (kleine Warenproduktion, feudale Landwirtschaft…) nicht verschwunden sind und dass das Kapital seine Herrschaft über die Gesellschaft mit den herrschenden Klassen dieser anderen Produktionsweisen teilen muss. Dieser Aspekt ist bedeutend, um zu verstehen, weshalb Marx in einem anderen Ansatz der Frage auch formelle Unterordnung und absolute Mehrwertextraktion gleichsetzt.

Das Überleben der vorkapitalistischen Produktionsweisen impliziert nämlich, dass gewisse Elemente des Kapitalverwertungsprozesses sich dem Einfluss des Kapitals entziehen. Einerseits werden gewisse Elemente des kapitalistischen Produktionsprozesses ausserhalb davon produziert. Das kann der Fall sein in Bezug auf Rohstoffe oder sogar Maschinen. Das ist auch der Fall in Bezug auf einen bedeutenden Anteil der Nahrungsmittel, die von einer noch nicht kapitalistischen Landwirtschaft produziert werden. Das bedeutet, dass das Kapital noch nicht selbst oder nur auf sehr unvollkommene Art und Weise den Wert der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Waren determiniert und insofern sind die Löhne für das Kapital eine exogene Variable. Andererseits bedeutet das Überleben vorkapitalistischer Produktionsweisen, dass die Arbeitskraft nicht direkt und ausschliesslich mit dem kapitalistischen Monopol über die Produktionsmittel konfrontiert ist, und somit ist der Zwang zur Mehrarbeit nicht unmittelbar und direkt. Die Lohnarbeitskraft hat die Möglichkeit, einstweilen seine Arbeit für den Kapitalisten zu verlassen, um sich in der familiären Landwirtschaft oder im Handwerk zu beschäftigen. Und man weiss, dass das Problem der Disziplinlosigkeit der Lohnarbeiter eine permanente Sorge der Kapitalisten dieser Periode war.

Die Modalitäten der formellen Unterordnung des Proletariats unter das Kapital ergeben sich aus diesem allgemeinen Kontext:

1. Arbeitsmarkt: Das Kapital ist gezwungen, den Arbeitsmarkt stets mit neuen Proletariern zu versorgen. Für ersteres geht es nicht nur darum, die zu seiner Expansion notwendige Arbeitskraft zu finden, sondern auch, die Konkurrenz zwischen den Arbeitern zu stärken, welche nicht nur ein hohes Qualifikationsniveau haben, zumindest viele davon, sondern auch die Möglichkeit, sich aus dem Markt in die vorkapitalistischen Produktionsweisen zurückzuziehen. Das Kapital erzwingt also die Landflucht, indem es mit Gewalt die vorkapitalistische Landwirtschaft zerstört (siehe die clearances in Irland und Schottland sowie die Kolonialpolitik), um ein zahlreiches Proletariat auf den Markt der Städte zu werfen, welchem es zudem jegliche Vereinigungsfreiheit und jegliches Recht auf politische Betätigung abspricht. Der Zwang zur Arbeit und zur Mehrarbeit ist auch von einer Politik der sehr niedrigen Löhne begleitet, die zu Frauen- und Kinderarbeit führt. Noch einmal, die Gewalt spielt eine zentrale Rolle in der Durchsetzung dieser Politik.

2. Arbeitsprozess: Der Kern des Arbeitsprozesses wird von qualifizierten Arbeitern ausgeführt. Das Produktionsniveau und eine gewisse Rationalisierung in den zugehörigen Operationen machen jedoch den Einsatz einer zahlreichen unqualifizierten Arbeitskraft notwendig. In Anbetracht eines Arbeitsprozesses, dessen zentrale Elemente er nicht kontrolliert, hat der Kapitalist kein anderes Mittel zur Steigerung der Produktivität als die Durchsetzung einer Disziplin, die so strikt wie möglich ist. Gegenüber dem qualifizierten Arbeiter handelt er wie ein äusserer Zwang, er interveniert jederzeit, um die Regelmässigkeit und die Intensität der Arbeit zu garantieren. Sei es der Stücklohn, das Bussensystem, betrügerische Manipulationen der Stempeluhren, der Kapitalist interveniert immer von aussen, um den Zwang zur Mehrarbeit auszuüben. Er versucht jedoch allen voran, die Arbeitsdauer soweit wie möglich zu verlängern, denn es ist, da der Lohn tatsächlich dem Existenzminimum entspricht, die einzige ihm zu Verfügung stehende Möglichkeit, den Anteil der Mehrarbeit zu vergrössern.

3. Unmittelbare Reproduktion: Sie geschieht im absoluten Elend, derartigem Elend, dass einige bürgerliche Kritiker den kontraproduktiven Charakter jener Lebensbedingungen selbst erkennen, welche das Kapital dem Proletariat auferlegt. Sie betonen die zu schnelle Abnutzung der Arbeitskraft und das damit einhergehende Potenzial zur Revolte (gefährliche Klassen).

Weil es also eine zentrale Bedeutung im unmittelbaren Arbeitsprozess hat, ist das Proletariat dem Kapital auf extrem zerstörerische Art und Weise in den Momenten 1 und 3 untergeordnet. Es ist ein häufig wiederkehrendes Thema in den Aufständen des 19. Jahrhunderts: Wir sind die ausschliessliche Quelle des Reichtums, wir wollen am gesellschaftlichen Leben wirtschaftlich und politisch teilhaben.

2) Periodisierung der formellen Unterordnung

Die Periode beginnt mit den Ursprüngen der kapitalistischen Produktionsweise. Unser Schema setzt den Beginn des Kapitals der Einfachheit halber am Ende des 18. Jahrhunderts. Die formelle Unterordnung ist mit dem Ende der grossen Depression vollendet, in den letzten Jahren der 1890er Jahre.

Die beiden langen Zyklen der Periode sind durch eine Phase voneinander getrennt, die vom Standpunkt des Kapitals eine entscheidende Bedeutung hat. Die 1840er Jahre sind nämlich jene, während welchen das Kapital in seinem Kampf gegen den vorkapitalistischen Grundbesitz entscheidende Siege verbuchen kann. In Frankreich verliert er nach der Revolution von 1848 definitiv die Kontrolle des Staates. Die nationalen Revolutionen der anderen europäischen Länder entsprechen ebenfalls der Schwächung dieser Form der politischen Herrschaft. Doch es ist, in wirtschaftlichen Begriffen, in England, wo es zur eindeutigsten Zäsur kommt. Die Corn Laws, welche die Grundrente der Getreideproduzenten schützte, werden nämlich 1844 abgeschafft. Diese Gesetze waren 1815 in Kraft getreten und verboten den Import von Getreide solange der Inlandspreis nicht ein gewisses (hohes) Niveau erreicht hatte. Die Abstimmung über diese Gesetzgebung hatte übrigens Krawalle und Plünderungen seitens der englischen Arbeiter ausgelöst. Die Abschaffung der Corn Laws ist das Ergebnis eines gemeinsamen Kampfes der industriellen Bourgeoisie und des Proletariats. Sie erschafft für den englischen Kapitalismus eine bedeutende Möglichkeit, die Löhne zu senken, indem Getreide importiert wird, und erlaubt somit eine erste Einbringung des relativen Mehrwerts.

Man kann davon ausgehen, dass die Kapitalverwertung während des ersten langen Zyklus dieser Periode ausschliesslich auf dem absoluten Mehrwert basiert. Im zweiten Zyklus kommt es zu einer ersten Kombination von absolutem und relativem Mehrwert. Diese erste Kombination wird durch die Tatsache charakterisiert, dass nur ein Teil der Nahrungsmittel kapitalistische Waren sind. Der Mechanismus des absoluten Mehrwerts behält seine Vorrangstellung und bleibt die hauptsächliche Grundlage der Akkumulation [2]. So beschränkt sie auch sein mag, die Einbringung des relativen Mehrwerts erlaubt gleichwohl einen bedeutenden Aufschwung der Akkumulation nach der Phase der langen Wirtschaftsflaute in den Jahren 1820-1840. Es kommt also zu einer Phase der schnellen Akkumulation von fixem Kapital, die selbstverständlich von einem ersten Angriff gegen die vorkapitalistischen Qualifikationen der Arbeitskraft begleitet ist, u.a. in der Form einer Anstrengung der Umschulung mithilfe des Erziehungswesens. In Frankreich ist diese Tendenz v.a. in der zweiten Phase des zweiten Zyklus offensichtlich, d.h. zu Beginn der Dritten Republik. Andere bedeutende Elemente des Endes der Periode entsprechen der gleichen Anpassung der Modalitäten der Unterordnung des Proletariats und der Einbringung des relativen Mehrwerts. Das gilt besonders für die Entwicklung der Gewerkschaften und der Arbeiterparteien, die gleichbedeutend ist mit der progressiven Integration der Gesamtheit der Faktoren der proletarischen Reproduktion in die Selbstvoraussetzung des Kapitals. Gewerkschaften und Parteien treten also in Konfrontation mit dem Kapital über das, was für das Kapital in seinen permanenten Anstrengungen der Unterordnung des Proletariats dabei ist, zu einem Archaismus zu werden: Fehlen gewerkschaftlicher und politischer Rechte, Arbeitszeit, Lohnniveau. Doch das betrifft nur das Ende der Periode und den Übergang hin zur Periode der reellen Unterordnung.

3) Krisen der formellen Unterordnung

Wenn das Proletariat sich erhebt, dann immer, weil der Tausch der Arbeitskraft unmöglich wird. Die Gründe dieser Unmöglichkeit können genauso wenig wissenschaftlich bestimmt werden, wie es unmöglich ist, ein für allemal die Liste der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Waren und ihren Wert zu bestimmen. Die Krise bricht zu einem durch die Umstände gegebenen Zeitpunkt aus, weil die von den Kapitalisten erstrebte Verschlimmerung in den Modalitäten der Unterordnung zur Senkung der Löhne unzumutbar wird. Wir haben weiter oben gesehen, dass, in den spezifischen Bedingungen der formellen Unterordnung, die Kapitalisten die den Lohn bestimmenden Bedingungen auf politische und polizeiliche Weise beeinflussen. Die Diktatur der Kapitalisten ist nicht verkappt, sie ist direkt und gründet auf dem Ausschluss der Proletarier vom politischen Leben. Es ist ihre Art und Weise, auf die quantitative und v.a. qualitative Zentralität der lebendigen Arbeit im Arbeitsprozess sowie auf die Tatsache zu reagieren, dass die Parameter des Werts der Arbeitskraft sich ihnen weitgehend entziehen.

Zum Zeitpunkt, wo der Ausbruch der Krise den Tausch der Arbeitskraft verunmöglicht, besteht der Aufstand in allen Fällen darin, sich selbst gegen jene Gesellschaft zu bestätigen, welche sie ausschliesst. Die Unmöglichkeit des Lohnaustausches bringt das Proletariat in eine Situation der Irreproduzierbarkeit, welche es dazu zwingt, zu revoltieren, seinen Platz in der Gesellschaft zu verteidigen. Die unmittelbare Aktivität des Proletariats in der Krise ist immer nur diese Verteidigung gegen die extremsten Angriffe der Kapitalisten, die versuchen, seine Unterordnung zu stärken, um eine Lohnsenkung zu erhalten. Das Proletariat erhebt sich nicht, um „den Kommunismus zu machen“. Doch der Kommunismus, der gleichzeitig seine Negation darstellt, ist seine einzige konsequente Verteidigung insofern, als dass das objektive Element der Überakkumulation des Kapitals jegliche Überwindung der Krise im Rahmen der Lohnarbeit ausschliesst, die nicht gleichbedeutend wäre mit der Verschlimmerung der Unterordnung des Proletariats unter das Kapital. In jeder Krise stützt sich die Affirmation des Proletariats auf diese Elemente seiner Unterordnung, wo der kapitalistische Druck am geringsten ist, und konzentriert sich auf diese anderen Elemente, wo der kapitalistische Druck einen proletarischen Rückzug anstrebt.

Unter den Bedingungen der formellen Unterordnung beruht die Affirmation des Proletariats auf der Zentralität der lebendigen Arbeit und die von der Erhebung getragene Forderung ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das drücken Aufstände wie jene von Lyon 1831, Paris 1848 und 1871 aus. Die Arbeiterquartiere werden zu mit unzähligen Barrikaden befestigten Bollwerken. Es ist charakteristisch, dass die Arbeitsplätze nicht betroffen sind, als ob sich alle Produktivkraft in den Händen der Arbeiter selbst befände und überhaupt nicht die Form von konstantem Kapital annähme. Die Arbeiterhochburgen bilden eine Art Schandfleck in der Stadt und sind da, um die Teilhabe am politischen Leben zu fordern. Das Ziel der Barrikaden ist nicht die Störung der Produktion, doch sie stellen das politische Leben der Stadt auf den Kopf. Sie bestätigen die Existenz des Proletariats in der Stadt mehr als in der Werkstatt und dienen als Basis für proletarische Angriffe in Richtung der Orte des politischen Lebens. Sie haben häufig das Rathaus zum Ziel, was wohl der Tatsache entspricht, dass die Bourgeoisie auf kommunaler Ebene präsenter ist als auf nationaler. Der Juniaufstand 1848 enthält allerdings nicht dieses Element, welches im Februar 1848 präsent war. Im Juni hat das Proletariat nämlich schon das Maximum an unter den damaligen Bedingungen möglicher politischer Teilhabe (die Kommission des Luxembourg) und genau diesbezüglich greift die Bourgeoisie es an. Der Aufstand ist somit eine reine Einsperrung des Proletariats in seinen verbarrikadierten Hochburgen und die Heftigkeit der Repression Cavaignacs drückt aus, inwiefern diese Affirmation des Proletariats in der Gesellschaft für die damalige französische Bourgeoisie unzumutbar war.

Die grösste Krise der zweiten Periode, die Pariser Kommune, ist nicht gänzlich frei von Voraussetzungen der ersten Periode. Der Aufstand, welcher die Antwort auf den Angriff Thiers gegen die Kanonen der Nationalgarde war, enthält freilich keine verbarrikadierten Arbeiterhochburgen auf dem Niveau von Juni 1848, doch er hat einmal mehr das Rathaus zum Ziel. Von Anfang an kämpft das Proletariat gemeinsam mit der republikanischen und kommunalistischen Kleinbourgeoisie von Paris gegen die monarchistische Bourgeoisie und die ländlichen Klassen. Die folgenden Kämpfe zur Verteidigung von Paris sind auch nicht mit den Barrikaden von 1848 vergleichbar. Es handelt sich also weniger um eine Selbsteinsperrung einer proletarischen Hochburg gegen den Rest der sie ausschliessenden Gesellschaft, sondern eher um die militärische Verteidigung einer politischen Erhebung, in welcher die Interessen der kommunalistischen/republikanischen Kleinbourgeoisie und des Proletariats unentwirrbar miteinander verknüpft sind. Denn hinter den Kämpfen auf den Befestigungen von Paris, die verknüpft sind mit der dubiosen Politik der in Konkurrenz zueinander stehenden Machtinstitutionen Zentralkomitee und Kommune, war die Erhebung von einer eigentlich proletarischen, oder gar programmatischen Praxis gezeichnet. Ein Buchhalter und ein Arbeiter werden ernannt, um die Kontrolle über das Finanzministerium zu übernehmen – und lassen die Tresore unberührt! Die Nachtarbeit der Arbeiter in den Bäckereien wird verboten; die Rückgabe der vom Monte di Pietà beschlagnahmten Güter existiert als Projekt, genau wie die Schaffung von Gemeindemetzgereien; ein nicht kumulierbarer Mindestlohn wird für die Funktionäre eingeführt; die Kommune entscheidet auch die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der Budgets für die Messen und die Beschlagnahmung der Güter der Kirche… Es ist wahr, dass ein Teil der von der Kommune ergriffenen Massnahmen in einem Projektzustand verblieben sind. So konnte die Abschaffung des Monte di Pietà und ihr Ersatz durch ein System der Arbeitslosenversicherung nicht durchgeführt werden; ein sehr komplettes Projekt der Volksbildung, deren Prinzipien von der Dritten Republik übernommen werden, wird nur sehr partiell angewendet.

Doch die revolutionäre Natur der Kommune bestand allen voran in der von ihr erfundenen politischen Form, jene der direkten lokalen Demokratie mit Abwahlrecht. Zwischen dieser Form und dem den Arbeitern von der Regierung der Zweiten Republik zugestandenen Klappsitz steht die gesamte kapitalistische Entwicklung der 1850er und 1860er Jahre, so wie sie auf die Extraktion von absolutem Mehrwert fokussiert war, doch unterstützt vom Erscheinen des relativen Mehrwerts: Das Proletariat blieb politisch ausgeschlossen, aber hatte an Bedeutung gewonnen. Diese Form wird während dem revolutionären Schub der Jahre 1918-1920 ausgiebig erwähnt, denn sie kritisierte bereits die politische Teilhabe des Proletariats an der bürgerlichen Demokratie, obwohl sie noch in ihren Kinderschuhen steckte. Sie unterscheidet sich jedoch beträchtlich von den Räten der Jahre 1918-1920 insofern, als dass die Wahlbasis der Kommune ausschliesslich das Quartier war und nie die Fabrik. Das führt zu einer gewissen „Klassenunreinheit“, die wohl dem noch beschränkten Stadium des Pariser Kapitalismus 1871 entspricht. Erst nach den im Verlauf der grossen Depression durchgeführten Restrukturierungen verschafft das Thema des Generalstreiks der Produktion Einlass in die proletarische Anfechtung der Macht der Bourgeoisie. Doch das Thema wird nie in die Tat umgesetzt werden.

4) Der theoretische Kommunismus in der formellen Unterordnung

Der theoretische Kommunismus stützt sich auf die Krisenaktivität des Proletariats, um eine Lösung des gesellschaftlichen Widerspruches zu projizieren, welche den Modalitäten der Insubordination des Proletariats entspricht. Unter den Bedingungen der formellen Unterordnung ist diese Lösung in erster Linie in der politischen Sphäre verortet, denn dort befindet sich die zentrale Waffe der Bourgeoisie, um das Proletariat zur Mehrarbeit zu zwingen. Die Diktatur des Proletariats präsentiert sich freilich auf unterschiedliche Art und Weise zwischen dem ersten und dem zweiten Zyklus der Periode, doch es ist immer ausserhalb der eigentlichen Sphäre der Produktion, wo der theoretische Kommunismus sich zuerst platziert, um den gesellschaftlichen Widerspruch aufzulösen. Im ersten Zyklus geht es um die „Erkämpfung der Demokratie“ (Manifest), denn „[d]ie Demokratie hat […] die politische Herrschaft des Proletariats zur notwendigen Folge, und die politische Herrschaft des Proletariats ist die erste Voraussetzung aller kommunistischen Maßregeln.“ [3] Auf dieser Grundlage ist die Feststellung frappierend, dass die zehn vom Manifest vorgeschlagenen Massnahmen nie die Dauer oder die Bedingungen der Arbeit erwähnen und letztendlich auf die „assoziierten Produzenten“ als gesellschaftliche Form verweisen, innerhalb welcher die Klassen abgeschafft sind. Man findet die gleiche Problematik im zweiten Zyklus nach der Kommune, doch dieses Mal mit der Betonung auf der Transformation des Staates anstelle der Erkämpfung der Demokratie. Diese politische Dimension des proletarischen Programms zeigt anschaulich, wie der Kommunismus ausgehend von der konkreten Realität der Unterordnung und nicht von der abstrakten Analyse der Ausbeutung projiziert wird. Es geht nicht darum, die Mehrarbeit zu beseitigen (im Gegenteil, das proletarische Programm ist auch ein Programm der Entwicklung der Produktivkräfte, welche die Mehrarbeit voraussetzt), sondern den Zwang zur Mehrarbeit, so wie er von der Bourgeoisie unter historisch spezifischen Bedingungen durchgesetzt wird. Es wird argumentiert, dass die Ausbeutung einzig und allein durch die Tatsache beseitigt ist, dass die Arbeiter assoziiert sind und die Nutzung des Mehrprodukts kontrollieren, damit wird der gesellschaftliche Widerspruch als tatsächlich aufgelöst gesetzt. Diese angebliche Überwindung des Zwangs zur Mehrarbeit läutet eine Herrschaft der Freiheit ein, die fundamental gleichbedeutend mit der Freiheit der Arbeit im Sinne der Hervorbringung von Mehrarbeit ohne Zwang ist.

II Zweite Periode: Reelle Unterordnung

1) Definition

Genau wie die formelle Unterordnung muss die reelle Unterordnung des Proletariats unter das Kapital auf zwei Ebenen analysiert werden. Einerseits wird der Arbeitsprozess spezifisch, reell kapitalistisch. Das bedeutet, dass sein Inhalt nun direkt ans grundlegende Ziel der kapitalistischen Produktion angepasst wird, dieses Ziel ist weniger die Warenproduktion, sondern die Kapitalverwertung. Diese Anpassung ist gleichbedeutend mit einer zweiten Enteignung des Arbeiters. Während die ersten Kapitalisten die Arbeiter von den objektiven Bedingungen ihrer Arbeit enteignet haben, d.h. die Werkzeuge und die Rohstoffe, betrifft die Enteignung nun das, was ihnen in der ersten Phase blieb: ihre Qualifikation. Die Akkumulation des fixen Kapitals transferiert progressiv die Kenntnis vom Arbeiter hin zur Maschine und die ihm bleibende Qualifikation ist nun vollständig diesen Maschinen untergeordnet und muss sich ihrer kontinuierlichen Perfektionierung anpassen.

Andererseits vereinigt der Gesamtprozess des Kapitals die Gesellschaft nun vollständig. Die vorkapitalistischen Produktionsweisen sind dermassen zurückgegangen und dieser Rückgang genügt, um dem Arbeiter jeglichen Rückzug aus dem Lohnverhältnis zu verbieten. Die Gesamtheit der Sektoren der gesellschaftlichen Produktion werden nun vom Kapital kontrolliert, was die systematische Möglichkeit der Produktion von relativem Mehrwert durch die Anwendung der Methoden der kapitalistischen Produktion auf die Gesamtheit der den Einkaufskorb der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Nahrungsmittel determiniert. Die Modalitäten der Unterordnung des Proletariats können also auf folgende Weise zusammengefasst werden:

1. Arbeitsmarkt: Sobald die Produktion/Reproduktion der Arbeitskraft zu einer rein endogenen Variable des Kapitals wird, entstehen Institutionen, die es erlauben, den Arbeitsmarkt zu regulieren. Die Gewerkschaften werden nun legalisiert und die Arbeitgeberschaft betrachtet sie schon bald als notwendige Partner, z.B. zur Abschliessung von sektoriellen Abkommen und Gesamtarbeitsverträgen. Die Gesetzgebung über die Arbeit entwickelt sich und die Einsetzung eines Arbeitsministeriums ist gleichbedeutend mit dem Aufstieg der Arbeiterreproduktion zu einer legitimen Sorge des Staates. Die besonderen Bedingungen des Ersten Weltkrieges beschleunigen diese seit der Jahrhundertwende begonnene Entwicklung beträchtlich.

2. Arbeitsprozess: Wie wir es schon gesagt haben, die Transformation des Arbeitsprozesses hat eine zweite Enteignung des Arbeiters als Inhalt. Taylor stellt fest, dass „die Werkstatt in Wirklichkeit von den Arbeitern und nicht den Vorarbeitern geführt wurde“. Als Werkstattaufseher stellt er fest, dass „die Summe der Kenntnisse und der Erfahrung der Arbeiter […] exakt zehnmal grösser war als seine“ [4]. Und er wird es sich zur Aufgabe machen, diese Machtbasis der Arbeiter in der Produktion zu zerstören. Die Arbeitsdisziplin wird nun vom fixen Kapital organisiert und nicht mehr nur polizeilich. Übrigens nicht ohne Konflikte, denn die Arbeitsversäumnis wird zu dieser Zeit bedeutend. Durch die Beseitigung der implizierten toten Zeit ist die Taylorisierung der Arbeit zudem eine der Arten, absoluten Mehrwert auf der Grundlage von relativem Mehrwert (intensiver Kapitalakkumulation) zu extrahieren. Die Taylorisierung öffnet den Weg für den Fordismus, er ist die Vollendung davon (siehe den nächsten Absatz).

3. Unmittelbare Reproduktion: Die relative Erhöhung der Löhne und die relative Senkung des Werts der Nahrungsmittel determinieren einen Anstieg des Konsums der Arbeiter. Doch es ist v.a. die Zusammensetzung des Einkaufskorbes der Nahrungsmittel, welche Rückschlüsse auf die Modifikationen der Modalitäten der Unterordnung des Proletariats in diesem dritten Moment erlaubt. Die intensive Kapitalakkumulation ist z.B. von einer bedeutenden Entwicklung der Urbanisierung begleitet und der Konsum der Arbeiter muss sich diesen neuen Lebensweisen anpassen (Grosswohnsiedlungen, Transporte). Gleichzeitig verlangt die Intensivierung der Arbeit für das körperliche und psychische Gleichgewicht der Arbeitskraft einen systematischen Konsum von medizinischen Diensten und Freizeitangeboten usw.

Das neue Gleichgewicht dieser drei Momente nennt man gemeinhin den „fordistischen Kompromiss“.

2) Periodisierung der reellen Unterordnung

Die Periode beginnt mit dem Ende der langen Depression Ende des 19. Jahrhunderts. Sie dauert bis heute an.

Die Periode der reellen Unterordnung kann in zwei Zyklen aufgeteilt werden, die vom Zweiten Weltkrieg voneinander getrennt werden. Der erste Zyklus ist jener der zweiten Kombination der beiden Extraktionsweisen des Mehrwerts. Der Taylorismus, dessen erste praktische Anwendung auf 1899 datiert werden kann, ist gleichbedeutend mit der Erschaffung der spezifisch kapitalistischen Arbeit. Doch seine progressive Durchsetzung lässt noch Raum für die absolute Mehrwertextraktion. Noch besser: Er erfordert sie. Das ist u.a. der Grund, weshalb die rivalisierenden Fraktionen des Kapitals auf dem Terrain des Kolonialismus immer noch in Konfrontation zueinander stehen.

Die beiden Zyklen unterscheiden sich durch den Taylorismus und den Fordismus voneinander. Die Taylorisierung der Arbeit beruht auf ihrer „wissenschaftlichen“ Aufgliederung in elementare Handgriffe, jeder reserviert für einen Arbeiter, was global einen Zeitgewinn erlaubt. Der Fordismus unterscheidet sich durch die Einführung eines zentralen Elementes, des Förderbandes, das es einmal mehr erlaubt Zeit zu gewinnen, indem die Maschine einen bestimmten und identischen Rhythmus für jede elementare Operation durchsetzt. Die Taylorisierung der Arbeit geschieht während der Jahrhundertwende, während das erste Fliessband erst 1913 entsteht, es verbreitet sich erst nach 1920 in den USA und nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Der Übergang vom Taylorismus zum Fordismus setzt eine bedeutende Fixierung von Kapital im Fliessband voraus. Er setzt auch voraus, dass der Widerstand der Arbeiter gegen die Einführung der neuen, vom Fliessband gebrachten Arbeitsmethoden besiegt wird. Hier verortet sich der Begriff des „fordistischen Kompromisses“. Dieser Kompromiss besteht darin, dass die Bosse, und an erster Stelle Ford selbst, die Löhne beträchtlich erhöhen mussten, um die Arbeitsversäumnis und die Personalfluktuation, welche durch die neuen Bedingungen der Fliessbandarbeit ausgelöst worden sind, zum Verschwinden zu bringen. In Europa spielte der Erste Weltkrieg eine fundamentale Rolle im Sieg des Kapitals gegen diesen Widerstand. Nicht nur, weil die qualifizierten Arbeiter, welche Widerstand gegen die Einführung der neuen Methoden geleistet hatten, an die Front beordert wurden und durch andere (hauptsächlich Frauen) ersetzt wurden, die gefügiger waren, sondern auch aufgrund des Kontexts der Union sacrée, der zugunsten der Kriegsanstrengung vorherrschend war.

Doch erst im Verlauf der Depression der 1930er Jahre und des Zweiten Weltkrieges werden die den fordistischen Kompromiss bildenden Elemente eingeführt. Diese Einführung steht besonders unter dem Einfluss der heftigen gesellschaftlichen Konflikte, die in den USA 1933 und 1934 stattfanden und die zur sozialen Dimension des New Deal (Wagner Act) geführt haben. Durch diesen wird die gesetzliche Arbeitszeit reduziert, die Gewerkschaften werden endgültig legalisiert und bemächtigt, Gesamtarbeitsverträge abzuschliessen.

Der letzte bedeutende Effekt der Krise in der USA ist der durch die Ruine der Landwirtschaft ausgelöste Aufbruch der Agroindustrie, welche die Produktion der Nahrungsmittel von einem Ende zum anderen der Nahrungskette industrialisiert.

Die Gesamtheit dieser Elemente, zusammen mit der amerikanischen Herrschaft über den globalen Zyklus des Kapitals 1945 führt dazu, dass sich nach 1945 eine schnelle Akkumulationsphase auf der Grundlage der fordistischen Arbeitsmethoden und einem ausgiebig spielenden Mechanismus des relativen Mehrwerts entwickeln kann, die Gesamtheit des Einkaufskorbes der Nahrungsmittel sind nun das Produkt von Kapital, das intensiv akkumuliert worden ist. Diese Phase kulminiert im Wendepunkt in den 1970er Jahren, der die lange Depression eröffnet, die wir gegenwärtig kennen, und deren Bedeutung es rechtfertigt, dass wir weiter besonders auf sie eingehen.

Der zweite Zyklus ist gleichbedeutend mit dem definitiven Übergang zur amerikanischen Hegemonie mit ihrer Begleitung amerikanischer Institutionen wie dem GATT, dem Weltwährungsfonds oder der Weltbank. Hinsichtlich der Modalitäten der Akkumulation bedeutet das nach 1945 die absolute Vorrangstellung des relativen Mehrwerts als Extraktionsweise des Kapitals. Diese Entwicklung äussert sich besonders durch die Eliminierung des Kolonialismus und die Ausweitung des amerikanischen Modells des Arbeiterkonsums auf die Gesamtheit der entwickelten Länder. Der Wohlstand der „Dreissig Glorreichen“ beruht wesentlich auf der Ausbeutung der Produktivitätsreserven im zweiten Sektor (Konsumgüter) und somit des relativen Mehrwerts. In diesem Zusammenhang zeigt das fordistische Modell in Europa und in Japan all seine Effizienz. In Frankreich kann man eine wahrhafte Modernisierung der Modalitäten der Unterordnung beobachten. Es ist die definitive Formalisierung von Institutionen wie der sozialen Sicherheit, die Verallgemeinerung der Fliessbandarbeit (Autos, Haushaltsgeräte…), die Entwicklung der Vorstädte und der Grosswohnsiedlungen, um nur einige Beispiele zu zitieren, die durch die Erschaffung der modernen Universität ergänzt werden müssen.

3) Krisen der reellen Unterordnung

Während dem Ende der Periode der formellen Unterordnung und dem Beginn der reellen Unterordnung hat das Proletariat der industrialisierten Länder die politische Staatsbürgerschaft gewonnen und konnte jenem extremen Elend entfliehen, welches ursprünglich sein Schicksal im Rahmen der Grenzen des absoluten Mehrwerts war. Während dieser Phase, wie wir es erwähnt haben, ist das grosse Problem des Kapitals die Unterordnung des Proletariats unter die durch den Taylorismus und den Fordismus spezifisch hervorgerufenen kapitalistischen Methoden. Unter diesen Bedingungen präsentieren die Krisen der Periode der reellen Unterordnung klar unterschiedliche Eigenschaften im Vergleich zur vorhergehenden Periode.

Freilich haben die Krisen immer die gleiche unmittelbare Ursache. Die konjunkturelle Verlangsamung der Akkumulation hat eine Blockierung des Tausches für Lohn und die daraus resultierende Irreproduzierbarkeit des Proletariats hat seine Erhebung zur Folge. Aber dieses Mal kommt es zu einer Umkehrung im Verhältnis zwischen den verschiedenen Momenten der Insubordination in der Krisenaktivität.

In den Krisen der Periode der reellen Unterordnung, und am klarsten während jener des ersten langen Zyklus, bestätigt sich das Proletariat auf der Grundlage der erworbenen Bürgerschaft – wenn sie auch in ihrer bürgerlichen Form kritisiert wird, und versucht, sich dem kapitalistischen Druck hin zur Taylorisierung/Fordisierung des Arbeitsprozesses zu widersetzen. Die Krisenaktivität ist freilich keine Verteidigung und Illustration der proletarischen Teilhabe am demokratischen Leben. Diese ist im Gegenteil durch die Entwicklung der Räte mit einer radikalen Kritik konfrontiert. Doch es ist auf der Ebene der unmittelbaren Produktion, wo diese Form all ihre Vitalität findet. Die Räteform ist zu diesem Zeitpunkt jene Form, welche es erlaubt, auf der Ebene der unmittelbaren Ausbeutung die zweite, vom Kapital seit dem Beginn der Periode der reellen Unterordnung begonnene Enteignung in Frage zu stellen, deren Mitverwaltung die Gewerkschaften und die Parteien nun akzeptieren. Indem es nach der Kontrolle der Fabriken strebt, versucht das Proletariat das zurückzuerobern, was die lebendige Arbeit in der Akkumulation von fixem Kapital schon objektiv an Qualifikation und an Autonomie verloren hat. Im Namen dieses Verlustes und um ihn zu vertiefen (zweite Enteignung), versucht das Kapital, die Unterordnung der Arbeit in der unmittelbaren Ausbeutung zu verstärken. Und im Namen seines durch die Demokratie erlangten Rechts, bezüglich der Verwaltung der Gesellschaft mitzureden, widersetzt sich das Proletariat dieser kapitalistischen Offensive und versucht, seine Kontrolle über die Produktion durchzusetzen. Indem es das tut, kann es natürlich nicht gleichzeitig die Formen der bürgerlichen Demokratie in Frage stellen, umso weniger, als dass sie selbst in den Zonen kapitalistischer Schwäche, wo die Krisen ausbrechen (Deutschland, Italien, Spanien), unvollendet sind.

Der Ausbruch der deutschen Revolution ist diesbezüglich charakteristisch. Sie beginnt mit einer Meuterei von Marinesoldaten in Kiel und wird erst zu einer eigentlichen revolutionären Krise, als der Aufstand sich auf die Arbeiterklasse von Hamburg ausweitet. Hinsichtlich der Tatsache, dass das militärische Leben, so wie es vom Krieg 1914-1918 erfunden worden ist, eine Form der Unterordnung des Proletariats unter das Kapital darstellt [5], sind die Meutereien eine eigentlich proletarische Revolte gegen die Aufhebung der demokratischen Mechanismen durch die Bedingungen des Krieges. Sie wird den „Hamburger Punkten“, die von den Soldatenräten zur Umgestaltung der militärischen Disziplin im November 1918 durchgesetzt worden sind, all ihre Bedeutung geben. Die Krise beginnt also mit einer Bürgertätigkeit. Die Meutereien sind die proletarische Form des Pazifismus. Doch erst danach, Anfang 1919, als der Kampf sich direkt auf die Sphäre der Produktion ausweitet, wird der Aufstand all seine Kraft erlangen. Im Ruhrgebiet oder in Zentraldeutschland konzentriert sich der bewaffnete Kampf der Räte für die Sozialisierung „von unten“ direkt auf die Sphäre der Produktion und geht klar über die Ebene des politischen Protests hinaus.

In Italien ging die Erfahrung der Räte bezüglich Selbstverwaltung am weitesten (April, dann September 1920), denn die Besetzung der Fabriken kulminierte in einigen Fällen in der Wiederaufnahme der Produktion. Es ist wahrscheinlich, dass diese teilweise Wiederaufnahme der Arbeit mit einer relativ geringen Akkumulation von fixem Kapital zu tun hat. Das gleiche gilt unter gleichen Bedingungen für den Fall der spanischen Selbstverwaltung. Was jedoch in allen Fällen charakteristisch ist für die Krisenaktivität in dieser Periode, ist die Art und Weise, wie sie in die Sphäre der Produktion eindringt, um mithilfe der Selbstverwaltung zu versuchen, die zweite Enteignung zu überwinden, sie ist nämlich die Stärke des Angriffs des Kapitals zur Stärkung der Unterordnung des Proletariat und zum Wachstum der Mehrwertrate.

Die zweite Hälfte des zweiten Zyklus der reellen Unterordnung (seit 1970) ist andernorts ausführlich analysiert worden, wir werden hier nur von der ersten Hälfte des zweiten Zyklus (1945-1970) sprechen. Diese Periode enthält zwei prinzipielle Arten der Krise. Es handelt sich einerseits um die Krisen, welche im östlichen Teil des globalen Kapitalismus ausbrechen. Ihr Inhalt ist zu stark von den spezifischen Bedingungen der Kapitalakkumulation in diesen Gebieten determiniert, um sie in dieser Skizze behandeln zu können. Man müsste hierfür den globalen Zyklus des Kapitals in der Nachkriegszeit in seiner Einheit definieren, jenseits der Trennung von Ost und West – und das ist eine Frage, die nach wie vor offen ist. Die andere Art der Krise ist die Gesamtheit der sozialen Bewegungen der 1960er Jahre, wovon Mai 68 in Frankreich am ehesten einer typischen Krise ähnelt. Situiert auf dem Höhepunkt des zweiten langen Zyklus der reellen Unterordnung ist die Krise von Mai 68 eine Form des Übergangs zwischen den typischen Krisen der vorhergehenden Periode und dem, was man von den kommenden Krisen antizipieren kann. Sie wiederholt die Problematik der Räte und der Fabrikbesetzungen, ohne wirklich daran zu glauben, das, was man damals den verallgemeinerten Protest nannte, ist kennzeichnend für sie, und sie stellt eine Ankündigung einer neuen Form der Krisenaktivität dar, genau wie die Kommune – ebenfalls der Höhepunkt eines Zyklus – die Krisen der folgenden Periode ankündigte.

Diese Neuheit, für welche eine vertiefte Studie notwendig sein wird, besteht in der Tatsache, dass die drei Momente der Unterordnung ebenfalls das Ziel der kapitalistischen Offensive sind. Die Bedingungen der Affirmation des Proletariats in der Krise werden von ihr zutiefst dahingehend modifiziert, dass die Grundlagen dieser Affirmation von Anfang an vom Kapital in Frage gestellt wird und dass das Proletariat keine erlangte Legitimität hat, welche ihm erlaubt, seine Offensive auf andere Punkte der Unterordnung zu stützen. Obwohl es zunehmend wahr ist, dass die quantitative und qualitative Bedeutung der Arbeit in der unmittelbaren Produktion jegliche Affirmation auf dieser Grundlage verbietet, ist es hingegen relativ neu, dass die Staatsbürgerschaft des Proletariers auf dem Arbeitsmarkt und in seiner unmittelbaren Reproduktion zunehmend zu einer leeren Hülle wird, deren Kritik es nicht einmal mehr erlaubt, die Affirmation der Klasse sehr weit zu treiben. Ob es sich um die Gewerkschaften und die Lohnverhandlung oder die Bedingungen der unmittelbaren Reproduktion (Lebensstandard, Ausbildung, soziale Sicherheit, Renten…) handeln mag, es ist mittlerweile klar, dass es sich nicht um Errungenschaften handelt, die einen neuen Kompromiss wie den fordistischen Kompromiss, der eben genau auf den Verzicht auf eine gewisse Stellung im Arbeitsprozess im Tausch gegen Rechte in den anderen Momenten der Unterordnung gründete, erlauben würden.

Im Gegenteil, diese alten Errungenschaften werden nun in Frage gestellt, gleichzeitig verstärkt sich die Offensive an den Arbeitsplätzen, was dazu führt, dass die Aktivität des Proletariats künftig dazu gezwungen sein wird, von Anfang an alle Formen der kapitalistischen Sozialisierung in Frage zu stellen – davon war der verallgemeinerte Protest im Mai 68 ein Vorgeschmack. Daraus resultiert, dass die Krisenaktivität notwendigerweise kurz und destruktiv sein wird. Die Präzisierung der Eigenschaften dieses kritischen Prozesses ist das zentrale Ziel von Hic Salta und alles Vorhergehende ist nur ein historisches Panorama der Problematik dieser Recherche.

4) Der theoretische Kommunismus in der reellen Unterordnung

Es erschliesst sich aus dem Vorhergehenden, dass zwei zentrale Elemente im theoretischen Kommunismus der ersten Hälfte der Periode der reellen Unterordnung vorherrschen: die Problematik der Selbstverwaltung und die Kritik der Politik, besonders in ihrer demokratischen/parlamentarischen Form. Im Vergleich zur Periode der formellen Unterordnung ist die Entwicklung in der theoretischen Produktion der deutschen Revolution absolut klar. Während die KPD versucht, die definitiv kompromittierte sozialdemokratische Problematik zu retten, indem sie voraussetzt, dass eine eingefleischte Arbeiterpartei sehr wohl letztendlich den Parlamentarismus akzeptieren kann und muss, sieht die KAPD und noch mehr die AAUD nur in den Basisorganen der Arbeiterpartei, den Räten, die Grundlage für eine Umsetzung des proletarischen Programms, das sich direkt auf die Kampforgane stützt, um die Arbeit von den extremsten Formen ihrer Unterordnung zu befreien und im gleichen Zug den Inhalt der anderen Momente der Unterordnung zu transformieren. Was zuvor, in der Periode der formellen Unterordnung, eine unmittelbare Affirmation der Arbeit war, wird nun zur Affirmation der Verwaltungsfähigkeit der Arbeiter. Das kommunistische Modell der „assoziierten Produzenten“ auf einer mehr oder weniger handwerklichen Grundlage wird nun durch eine Verwaltungsassoziation gesamter Fabriken ersetzt, welche die Basis einer Rätepyramide bildet, innerhalb welcher die direkte Demokratie die Freiheit aller auf eine Art und Weise garantiert, die letztendlich gleichbedeutend mit einer Verinnerlichung des Wertgesetzes ist.

Die theoretische Erneuerung, hervorgerufen durch die Krisen Ende der 1960er Jahre und durch die gegen die Arbeit gerichtete Bewegung, die durch die spezialisierten Arbeiter in diese Richtung gedrängt wird, wird sehr schnell dieser Grenze begegnen. Daraus resultiert eine systematische Kritik des proletarischen Programms in all seinen Formen und die Entstehung einer kommunistischen Theorie, die als Grundlage ihrer Recherche das Prinzip setzt, dass die Revolution nicht ein Auswuchs der Affirmation des Proletariats in der Krise und a fortiori in seinen alltäglichen Kämpfen ist. Die Beseitigung des Kapitals ist auch Selbstnegation des Proletariats. Hic salta.

Oktober 1997

Quelle

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Anmerkungen

[1Wir sprechen hier von sozialen Krisen, charakterisiert durch den Aufstand des Proletariats, und nicht einfach von Wirtschaftskrisen, wovon eine solcher Aufstand häufig nicht Teil ist.

[2Auf schematische Art und Weise geschieht die Penetration des Kapitals in die Gesamtheit der Wirtschaft folgendermassen:
Formelle Unterordnung:
Erster Zyklus: Produktion von Produktionsgütern für das Kapital und Konsumgütern für den Export in Richtung Präkapitalismus
Zweiter Zyklus: Landwirtschaft
Reelle Unterordnung:
Erster Zyklus: Konsumgüter für die Arbeitskraft (ausserhalb der Agroindustrie);
zweiter Zyklus: alle Produktion ist kapitalistische Produktion, auch die Agroindustrie.

[3F. Engels, 7.10.1847, MEW 4, S. 317.

[4Zitiert von Dockès und Rosier: Rythmes économiques, Crises et changement social. Une perspective historique, Paris, 1983, S. 137, FN 14.

[5Sie wirkte zur Niederschlagung des Widerstands des Proletariats gegen die Einführung des Fordismus (siehe Dockès und Rosier, S. 149-150).