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Professionelle Anarchie und theoretische Abrüstung: Zum Insurrektionalismus

Sonnabend 4. Oktober 2014, von Webmaster

„Wir sind sicher, dass aus unserem Kampf hier und jetzt die Gemeinschaften der Freude hervorgehen werden.“

Alfredo Bonanno, Die bewaffnete Freude

Während den letzten zehn Jahren ungefähr wurde das überholte spanische libertäre Milieu von einer anarchistischen Strömung erschüttert, deren Tätigkeiten bezüglich des Ansatzes zur revolutionären Aktion zu einem Wechsel der Perspektive geführt haben. Da sie ihre Kritik auf Fragen der Taktik beschränkt und alles andere ignoriert, waren ihre Beiträge nicht zahlreich. Die wirklichen Bedingungen der gegenwärtigen Zeit, beginnend mit der Abwesenheit grosser Kämpfe, der Nichtexistenz einer Arbeiterbewegung und einem im Niedergang begriffenen anarchistischen Milieu, waren nicht die besten Umstände, unter welchen die insurrektionalistischen Aktionsvorschläge mit dem pazifistischen Spektakel der sozialen Pseudo-Bewegungen brechen könnte, welche vor kurzem aufgekommen sind. Die Sabotageaktionen der „Insus“ wurden von den unbewussten Massen als etwas ihnen fremdes wahrgenommen, was die Repression gegen sie erleichterte. Doch wir würden uns auf der Seite der Unnachsichtigkeit verirren, würden wir nicht im Antrieb hinter diesen Aktionen einen authentischen Willen zum Kampf und eine Intelligenz erkennen, welche effizienter in Richtung einer radikalen Kritik der bestehenden Bedingungen deutet als jene anderer moderner libertärer Strömungen, wie die primitivistische, grüne, kommunalistische, munizipalistische usw. Das ist Grund genug, um sich mit der Frage der insurrektionalistischen Strömung auseinanderzusetzen und ihre zentralen Postulate kritisch zu würdigen.

Zuerst muss gesagt werden, dass der insurrektionalistische Anarchismus sehr stark mit der Figur Bonannos verbunden scheint, er ist sein Hauptvertreter, auch wenn er keine offizielle Position in der Bewegung inne hat und auch keine Führungsrolle spielt; er ist einfach durch die Stärke seiner Persönlichkeit in der Bewegung repräsentiert. Obwohl es wahr ist, dass seine Meinungen und Aktionen auch feindliche Kritik und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gruppen provoziert haben und dass es auch andere bedeutende „Theoretiker“ wie Constantino Cavallieri gegeben hat, ist seine Rolle in der Entstehung jener Taktik unbestreitbar, welche den Insurrektionalismus charakterisiert. Bonanno ist ein anarchistischer Veteran mit sehr viel Erfahrung und ein öffentlicher Feind der Herrschaft, was er dem Staat mit etlichen Prozessen und Haftstrafen bezahlte. Er hat etliche Texte veröffentlicht, die uns erlauben, ein klares Bild seiner Ideen zu bekommen, welche alles andere als kompliziert oder originell sind; aufgrund seines Hintergrunds und seines Charakters hat er seit jeher jegliches bedeutende philosophische Nachdenken als „Metaphysik“ abgetan, was keine Überraschung darstellen sollte, denn der wirkliche Bonanno ist zuerst ein Agitator und ein Mann der Aktion und erst danach ein analytischer und klarer Denker. Das Ziel dieses Texts ist es, das Auftauchen insurrektionalistischer Ideen zu verorten und seiner Entwicklung durch eine Zusammenfassung seiner Erfahrungen und seinem persönlichen Werdegang zu folgen, allerdings mit methodischer Vorsicht und auf der Tatsache bestehend, dass Insurrektionalismus nicht nur aus Bonnanismus besteht.

Alfredo Maria Bonanno wurde 1937 in Catania (Sizilien) geboren und war der Sohn einer relativ wohlhabenden Familie. Wir wissen nichts über seine ersten dreissig Jahre; seine ersten bekannten Schriften entstanden Ende der 1970er Jahre und handeln vom Atheismus und der „Autonomie der Basis der produktiven Kerne“. Ein Text von 1971 spricht von „Gegenmacht“, was auf „operaistische“ Einflüsse deutet, welche vermutlich entweder von Negri oder von der spontaneistischen maoistischen Organisation „Potere Operaio“ kamen. Der „Operaismus“ war eine kritische marxistische Strömung, welche in den 1960er Jahren ungefähr die gleiche Rolle spielte in Italien wie „Socialisme ou Barbarie“ in Frankreich und theoretische Erneuerung in die Reihen der libertären Milieus brachte. Bonanno übersetzte auch Klassiker wie Rudolf Rocker und weniger klassische Theoretiker wie Gastón Leval. Als die Wasser des italienischen Anarchismus sich zu bewegen begannen als Resultat von Mai 68 und den Streiks des „heissen Herbsts“ 1969, war unser Protagonist schon genug vertraut mit anarchistischer Ideologie, um sich in der Generationendebatte eindeutig „links“ zu positionieren. Die jungen Libertären wollten ihre Aktionen nicht auf Propaganda und Bekehrung beschränken; sie wollten tatsächlich an wirklichen Kämpfen teilnehmen, um „zur Ausbreitung eines revolutionären anarchistischen Bewusstseins in den Massen beizutragen“. Die Organisation der glorreichen Älteren und ihrer Anhänger war mehr mit Sitzungen und Kongressen als mit Kämpfen beschäftigt und hatte einzig zum Ziel, „so viele Leute wie möglich unter einem Kürzel oder einer Fahne zu versammeln“ und interessierte sich kaum für „den Angriff auf die Macht, sondern eher dafür, sie so wenig wie möglich zu stören, um die winzigen Räume zu benützen, wo ihre Kämpfe stattfanden oder wo sie den Illusionen über ihre Kämpfe frönt“. Es war also „eine Bewegung, welche als Hüterin eines Erbguts an Ideen, Analysen und besonderen Erlebnissen dient, doch sie hat keine direkte Beziehung zu den Kämpfen, welche gegenwärtig stattfinden“ [1]. Ein Morast von impliziten Abmachungen und Prozeduren erlaubte einer kleinen Bürokratie von Offiziellen, jede Initiative zu lähmen, welche nicht mit der offiziellen Linie übereinstimmte, genau deshalb ist es jenes implizite Vorgehen, welches den zentralen casus belli in der Auseinandersetzung zwischen den alten bewegungslosen Aktivisten und der neuen Generation darstellte. Die italienische anarchistische Föderation war auf der Grundlage eines „assoziativen Pakts“ organisiert, welcher von Malatesta selbst ausgearbeitet worden war. Als eine „synthetische“ Organisation hatte es Platz für Anarchisten aller Strömungen, doch nicht für alle Taktiken, denn diese wurden bequem an den Kongressen bestimmt, wo „kleine geistlose Machtzentren“ Minderheitsmeinungen kontrollierten, beurteilten, verurteilten oder ihnen die Absolution erteilten. Die jungen Anarchisten verteidigten eine flexible Struktur von „Affinitätsgruppen“, ohne Programm, Regeln oder Komitees und ohne vereinendes Band ausser individueller Autonomie und persönlicher Verantwortung. Sie waren kritisch gegenüber den Gewerkschaften und verteidigten die Idee kleiner Basisorganisationen, unabhängig von jeglicher politischen oder gewerkschaftlichen Struktur, wie z.B. die autonome Bewegung der Eisenbahnarbeiter Turins, als optimales Mittel zur Intervention in Kämpfen für die Anarchisten. Bonanno proklamierte: „Wir sind Anhänger der Organisation […] doch Organisation soll nicht zum Selbstzweck verkommen, soll nicht vom Kampf isoliert sein und kein Hindernis darstellen, das überwunden werden muss, um Zugang zur Arena des Klassenkrieges zu haben.“ Die wichtigste Frage, welche alte und junge Libertäre spaltete, war allerdings die Frage der revolutionären Gewalt. Zu dieser Zeit experimentierte die italienische Bourgeoisie mit dem Terror und das Problem einer gewalttätigen Antwort darauf kam auf, die bewaffneten Kämpfe oder die gewalttätigen Angriffe waren blosse Aspekte dieses Problems, welche man unmöglich ignorieren konnte. Die tonangebenden Aktivisten der FAI vermieden es nicht nur, an solchen Debatten teilzunehmen; sie versuchten auch all jene durch Verleumdungen und hinterhältige Machenschaften zu isolieren, welche sie für nötig hielten. Schliesslich wurde jener Punkt erreicht, wo das, was die jungen Libertären mit der FAI verband, komplett von dem überdeckt wurde, was sie von ihr entfremdete, womit es schon bald zu den ersten Spaltungen kam. Sie begannen 1969; es gab ungeduldige Aktivisten, welche Lotta continua oder Potere operaio beitraten, während andere die Föderierten anarchistischen Gruppen gründeten und A Rivista anarchica veröffentlichten, während Jahren die Tribüne der „alternativen“ Anarchisten. Ein interessanter Beitrag dieser Strömung war ihre Kritik der „Technobürokratie“ und des neuen „Managementkapitalismus“, der Begriff wurde James Burnhams Das Regime der Manager entlehnt, ein Buch, zu dem sich Bonanno Notizen machte und diese in späteren Texten wiederkäute. Eine dritte Strömung wurde von jenen geformt, welche von der Plattform Arschinows und Makhnos inspiriert waren, wie die französische ORA verteidigten sie eine noch strengere und besonders avantgardistischere Organisation, welche die Hüterin der Prinzipien eines eifrig verteidigten Anarchismus sein sollte. Abgesehen von den Spaltungen schien allerdings der Einfluss der situationistischen Ideen seit 1968 das Hauptproblem der FAI, es war das wahrhafte Lösungsmittel der stereotypen Aktivistenparolen und der lähmenden Ideologie, welche unfähig war, sich in einer einheitlichen und radikalen Kritik der neuen Klassengesellschaft zu beteiligen, innerhalb welcher sich die Kämpfe gegen eine erneuerte Macht orientieren mussten. Die Situationistische Internationale, welche eine italienische Sektion hatte, verkörperte in ihren letzten Jahren die Figur des „historischen Bösen“ für die alte Garde der FAI, jene Ideologen einer besonderen Art des Anarchismus, welcher durchwegs kompatibel mit der modernisierten Klassengesellschaft war. Die Spannung zwischen dieser alten Garde und einem dissidenten Sektor im Zustand konstanter Unruhe, welcher erstere des Bürokratismus und der Ideologie bezichtigte, eine Kritik des alltäglichen Lebens verteidigte, von Arbeiterräten sprach, gewalttätige Methoden proklamierte, provozierte bei der alten Garde der FAI einen paranoiden Verteidigungsreflex. Die Bürokraten der FAI dachten, sie seien von mysteriösen situationistischen Agenten infiltriert worden und reagierten, indem sie einen Kongress einberiefen, den zehnten der FAI, welcher am 10. April 1971 in Carrara gehalten wurde und besonders dem Kampf gegen das Phantom der SI gewidmet war. Der Kongress stimmte für den Ausschluss der „Anarcho-Situationisten“, um zu verhindern, dass ihrem Beispiel in den lokalen Gruppen und Föderationen gefolgt wird. Die unbedeutende FAI, besessen mit etwas, das nicht mehr war, als die antibürokratischen Effekte der ersten Stufe der proletarischen Autonomie, blieb blind für die wirkliche Gefahr, jene der Manipulation der libertären Bewegung durch die Geheimdienste des italienischen Staates. So schob die Polizei die faschistischen Bombenanschläge am 29. April 1969 in Mailand und auf der Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 den Anarchisten in die Schuhe. Ein Anarchist, Giuseppe Pinelli, wurde aus dem Fenster einer Polizeistation geworfen und ein anderer, Pietro Valpreda, wurde als Sündenbock auserkoren, um für die Bombenanschläge zu bezahlen. Die Affäre ging über den Bereich des libertären Milieus hinaus und erschütterte die gesamte Gesellschaft. Die Stimmung wurde im Mai 1972 weiter angeheizt als der Anarchist Franco Serantini von der Polizei an einer Demonstration totgeschlagen und der dafür verantwortliche Polizeiverantwortliche Calabresi ein paar Tage später von einem Kommando erschossen wurde. Die durch die Ereignisse aufgeschreckte FAI zögerte nicht, sich von den gewalttätigen Antworten auf die Repression zu distanzieren, indem sie die Angriffe und die Bombenanschläge gegen die Polizei und die Justiz verurteilte. Bonanno, der die Bombenanschläge in Mailand ein Jahr zuvor verurteilt hatte, nahm eine diametral entgegengesetzte Position ein, zeigte in einem Artikel für die von ihm herausgegebene Publikation Sinistra libertaria mit dem Titel „I Know Who Killed Chief Superintendent Luigi Calabresi“ [2] einen gewissen Sinn für Humor und war mutig genug, um dafür mit zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis für „Anstachelung zu Verbrechen“ zu bezahlen.

Alles deutet darauf hin, dass er im Knast viel las, denn er veröffentlichte 1974 einige Pamphlete über den Staat, die Stimmenthaltung und die Revolution. Auf dieser Stufe seiner Laufbahn glaubte er, er habe in seinem Denken eine Schwelle überschritten und veröffentlichte in Eigenregie eine dicke Anthologie mit dem Titel Selbstverwaltung und Anarchie. Während den nächsten Jahren druckte er weiterhin Exemplare des Buches, welches gemäss einer Copypaste-Methode zusammengestellt war […] und schrieb weiterhin Artikel für die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift Anarchismo, welche er in Catania gegründet hatte. Er rechtfertigte die Ablehnung der dialektischen Methode mit dem Argument, sie gehe Hand in Hand mit „autoritären“ Denkformen, welche autoritären Aktionsformen entsprechen [3]. Gemäss Bonanno ist Marx nicht einmal für die Kritik der Ökonomie nützlich, denn sein Denken sei philosophisch, hegelianisch und somit „metaphysischer Rauch“. Allergisch auf die Begrifflichkeit der Philosophie geht er so weit, das Marxsche Werk als „ein Programm“ zu definieren, „das seine Wurzeln im protestantischen Mystizismus des Mittelalters hat“ [4], ein Standpunkt, den man so akzeptieren könnte, hätte der Protestantismus irgendwas mit Mystizismus zu tun und v.a. im Mittelalter bereits existiert. Bonanno wird immer das Problem haben, zu allem irgendwas sagen zu können, ob er etwas davon versteht oder nicht, und häufig tauchen im weiten Katalog seiner Werke lächerliche Fehler auf. Durch das Beispiel Bakunins, eine unvergleichliche Figur des Hegelschen Einflusses, hätte er leicht die Rolle der klassischen deutschen Philosophie in der Entwicklung des revolutionären Denkens erkennen können. Bonannos Kritik der Gewerkschaften wiederholte, was man bereits seit Mai 68 wusste: „Der alte Kapitalismus wurde durch eine neue Version des Managements ersetzt. Dieser neue Kapitalismus weiss sehr gut, dass sein bester Freund und Bündnispartner die Gewerkschaft ist.“ [5] Soweit sagt er das selbe wie die rätekommunistischen Marxisten (er zitiert Pannekoek), doch er richtet seine Kritik einzig und allein gegen die libertären Gewerkschaften. Er legt den Fokus allerdings nicht auf Arbeiterräte, Versammlungen, Komitees und andere Formen horizontaler Koordination, schliesslich interessiert sich Bonanno nicht für die Arbeiterklasse „an sich“, sondern nur für die Art und Weise, wie in ihrer Selbstorganisation der Anarchismus artikuliert werden kann. Die Anarchisten müssen ihre Ideen nicht von aussen durch Propaganda in die Massen injizieren: „Das revolutionäre anarchistische Projekt beginnt beim besonderen Kontext aktueller Kämpfe, [es] kann nicht das Produkt einer Minderheit sein. Es wird nicht von letzterer innerhalb ihres Theoriegebäudes ausgearbeitet und dann ganz oder teilweise in die Bewegung exportiert […] es ist notwendig, vom aktuellen Niveau der Kämpfe zu beginnen, vom konkreten, materiellen Niveau des Klassenkampfes, indem kleine autonome Basisorganisationen aufgebaut werden, die fähig sind, den Konvergenzpunkt zwischen der totalen Vision der Befreiung und die für eine revolutionäre Zusammenarbeit unvermeidliche teilweise strategische Sichtweise zu besetzen.“ [6] Bonanno dachte 1975 (richtigerweise), dass die italienische Gesellschaft sich in einer vorrevolutionären Phase befand und dass die Grundlage davon die autonome Organisation der Arbeiter war, für welche sie „autonome Basisgruppen“ oder „autonome Arbeitergruppen brauchten“, die nichts anderes waren als „kleine autonome Basisorganisationen, welche sich dem radikalen Kampf gegen die bestehenden Produktionsbedingungen verschrieben“ [7]. Diese Gruppen wurden als Schnittpunkt zwischen Anarchisten und dem Proletariat betrachtet. Er hatte kein Vertrauen mehr in breitere Strukturen wie Arbeiterversammlungen, weil sie die Autonomie der Gruppen einschränkten und leicht von Bürokraten und Demagogen manipuliert werden konnten. Er war nicht sehr konkret bezüglich den Zwischenschritten hin zu einem qualitativen Sprung des gesellschaftlichen Konflikts hin zu einem Punkt, wo der bewaffnete Kampf auf dem Programm stand.

Mitte der 1970er Jahre war der italienische Staat ernsthaft geschwächt worden und diese Schwäche hatte er durch seinen von den Medien und den Stalinisten unterstützten Rückgriff auf inszenierten, fiktive Feinde erschaffenden Terrorismus entblösst. Versuche, die Industrie zu restrukturieren, verschlimmerten die soziale Revolte, welche sich von den Fabriken auf die Strassen ausdehnte. In den Worten Bonannos: „Die revolutionäre Bewegung und in ihrem Inneren auch die anarchistische befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Entwicklungsphase und alles schien möglich, auch die Verbreiterung des revolutionären Kampfes.“ [8]. Die Existenz einer militarisierten Partei wie die Roten Brigaden erzeugte bei den Leuten aus dem anti-autoritären Milieus die Angst, die Roten Brigaden würden die Führung über die Kämpfe übernehmen. Die Debatte um bewaffnete libertäre Alternativen führte 1977 zur Entstehung von Azione rivoluzionaria, „eine Kampfstruktur, die so offen wie möglich für die Basis ist“. Die Kritik der Waffen, „die einzige Kraft, welche einem Projekt Glaubwürdigkeit geben kann“ gemäss Azione rivoluzionaria, erreichte nun ein derart hohes Niveau, dass sich die Konfrontationen nicht mehr nur auf die FAI beschränkten (die, da interessierter an Gewerkschaftsarbeit, denn an der Revolution, den bewaffneten Kampf natürlich verurteilte), sondern auch unter Revolutionären aufkamen. Für einige war das ganze eine getrennte Gewalt, welche nicht der Klassenkonfrontation, sondern dem Spektakel der Konfrontation nützte und zur Kriminalisierung der „Autonomiebewegung“ beitrug und Repression gegen sie provozierte. Für Azione rivoluzionaria wäre die Bewegung ohne die bewaffneten Gruppen nie ernst genommen und gefürchtet worden. Es war logisch, dass die Repression die revolutionäre Offensive treffen würde, bewaffnete Gruppen hin oder her, doch dank der Tatsache, dass diese zum Blitzableiter gegen den repressiven Apparat wurden, hatte die Bewegung immer noch ihre Räume, Zeitungen und Radiostationen. Bonannos Antwort nahm zuerst die Form eines Textes namens „Movement and Revolutionary Project“ und dann eines Buches namens Die bewaffnete Freude an, letzteres hatte eine grosse Wirkung zu dieser Zeit, nicht nur weil es die Tabus des aktivistischen Lebensstils brach, sondern auch weil es schnell verboten wurde (im Raum Bologna wurden ungefähr dreitausend Exemplare verkauft oder verteilt). Es wurde auch in diverse Sprachen übersetzt. Das Buch enthält keine bedeutende Analysen und erörtert auch das Thema des bewaffneten Kampfes nicht ernsthaft: Es ist nicht ein Strategiebuch, sondern ein Buch der Prinzipien. Seine Neuartigkeit lag nicht im Inhalt, der dem Werk der Gruppe „Comontismo“ (1972-1974) und von den Schriften „Terrorismus und Revolution“ (1972) und Vom wilden Streik zur generalisierten Selbstverwaltung (1974) des ehemaligen, in Italien einflussreichen Situationisten Raoul Vaneigem entlehnt wurde, sondern in der Tatsache, dass es auf einfache, einem breiten Publikum angepasste Art und Weise alle Themen zusammenfasst und erörtert, welche jene Rebellen interessieren könnten, welche nicht gerne zu viel lesen und jene, für welche die Revolution nicht unähnlich einer Art generalisierten Bar ist. Trotz einigen verächtlichen Worten gegenüber Mai 68 ist die Sprache pro-situationistisch: Die Revolution ist ein Fest, du wirst nie mehr arbeiten müssen, Selbstverwaltung ist die Selbstverwaltung der Ausbeutung, der Kampf ist Vergnügen, das Spiel ist eine Waffe, Zerstörung der Ware usw. Das Wort Spektakel wird Dutzende Male wiederholt, der Text enthält hingegen, was für einen anarchistischen Text ungewöhnlich ist, kaum Anspielungen auf den Staat. In einer Vaneigemschen Sprache fordert Bonanno: „Der Ethik der Arbeit muss die Ästhetik des Nichtstuns entgegengesetzt werden.“ Obwohl er kurz zuvor noch für die „autonome Organisation der Produktion“ agitierte, schreibt er nun: „Um dem Globalisierungsprojekt des Kapitals zu entkommen, gibt es für die Ausgebeuteten nur einen Weg: Die Verweigerung der Arbeit, der Produktion und der politischen Wirtschaft […] Die Revolution kann sich nicht darauf beschränken, die Organisation der Arbeit zu verändern […] Die Revolution wird immer und ausschliesslich die Negation der Arbeit und die Bejahung der Freude sein.“ Trotz der Tatsache, dass er ein ganzes Buch der Idee gewidmet hat, dass die Enteigneten sich die Totalität des Produktionsprozesses wieder aneignen sollten, d.h. Selbstverwaltung, verurteilt er sie nun als Mystifkation: „Wird der Kampf erfolgreich verwirklicht, wird die Selbstverwaltung der Produktion überflüssig, denn nach der Revolution ist die Organisation der Produktion überflüssig und konterrevolutionär.“ Falls man nach einem Ansatz von Strategie oder schlicht einigen praktischen Ideen zum Umgang mit den unmittelbaren Problemen der Revolution sucht, welche 1977 einen kritischen Punkt erreichten, wird man in diesem Buch nicht fündig; es ist ein langer Ausdruck der Mystifikation, sogar in Bezug auf den bewaffneten Kampf. Neben dem Ausdruck von Befriedigung mit der gegen die Polizei, Arbeitgeber und bürgerlichen Journalisten gerichtete Gewalt und dem Aufruf „beeile dich, dich zu bewaffnen“, warnt er vor der Heiligsprechung der Maschinenpistole, denn der bewaffnete Kampf kann „nicht die revolutionäre Dimension repräsentieren“. Auf jeden Fall konnte der bewaffnete Kampf nicht hinterfragt werden, denn jegliche gegen ihn gerichtete Kritik würde nur „den Folterknechten“ zum Vorteil gereichen: „Indem wir sagen: Es ist nicht der richtige Moment für einen bewaffneten Angriff gegen den Staat, öffnen wir die Türen der Irrenanstalten weit für die Genossinnen, die diesen Angriff durchführen.“ Nichts mehr als das: Ein Aufruf, das Leben zu geniessen und die bewaffneten Gruppen in Frieden zu lassen, während das italienische Proletariat mit dem Dilemma konfrontiert ist, die Arbeit abzuschaffen oder weiter zu arbeiten. Bonanno bemerkte in den Spalten von Anarchismo die Verallgemeinerung illegaler Verhaltensweisen und die vorrevolutionäre Tendenz der Zeit, doch die Guerillaorganisation Azione rivoluzionaria veröffentlichte ironische Kommentare über den rein literarischen Charakter der Haltung des „kritischen Kritikers von Catania“, der „letztendlich die genaue Natur der revolutionären Aufgaben der Anarchisten präzisieren will. Aufgrund seiner Prämissen würden wir eine Antwort dieser Art erwarten: Die Anarchisten müssen beginnen zu rebellieren. Doch das ist überhaupt nicht, was er sagt: Die Anarchisten müssen die Ausgebeuteten dazu ermutigen, zu rebellieren. Möchte man das bösartig interpretieren, könnte das bedeuten: Die alte Leier der Leninisten, der Stalinisten und der Arbeiterrebellen; doch wieso sollten sich die Anarchisten darauf beschränken, andere zur Rebellion zu ermutigen? Doch wer ermutigt dann die Ermutiger? Werden sie sich nicht einmal mehr ausserhalb der Geschichte befinden? Oder eine wohlwollendere Interpretation: Die Ausgebeuteten auf die einzig mögliche Art und Weise zur Rebellion ermutigen, nämlich durch Rebellion, und nicht durch Flüsse von Tinte...“ [9] Es gab keinen Generalstreik, was die bewaffneten Gruppen und unrealistische Elemente wie Bonanno zunehmend isolierte. Obwohl aufgrund des Rückgangs der Bewegung von 1977 für viele Rebellen der bewaffnete Kampf der einzige Ausweg war, bildeten sie nicht zehn, hundert oder tausend bewaffnete Zellen wie es die Azione rivoluzionaria in ihrem Gründungsmanifest ankündigte. Die Gewerkschaften setzten die Ordnung in den Fabriken, die Polizei auf der Strasse durch. Der Staat war gestärkt und illegales Verhalten sah sich heftiger Repression gegenüber. Es folgten Wellen von Verhaftungen; der bewaffnete Kampf löste sich auf wie ein Zuckerwürfel im Wasser. Ab 1979 waren die meisten Mitglieder von Azione rivoluzionaria im Gefängnis und sie versetzten von ihren Zellen aus der Guerillabewegung den Gnadenstoss, einige davon schlossen sich der leninistischen Organisation Prima Linea an, was Zweifel bezüglich der ideologischen Stabilität von Azione rivoluzionaria aufkommen liess, obwohl sie so lautstark in den Flugblättern und Pressemitteilungen der Gruppe proklamiert wurde. Ende 1977 wurde Bonanno aufgrund seines Buches Die bewaffnete Freude verhaftet und am 30. November 1979 dafür zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Statt allerdings Angst zu haben oder zu bereuen, verbrüderte er sich mit den anderen gefangenen Aktivisten, sogar mit jenen der Roten Brigaden und von P38 und denunzierte öffentlich Amadeo Bertolo und Paolo Finzi, welche, in den Spalten von A Rivista anarchica, seine Rezension eines Buches über Emile Henry entschieden verurteilten. Es war das erste Mal, dass er in den Spalten einer anarchistischen Zeitschrift öffentlich angegriffen worden war und es wurde dafür gesorgt, ihn an seinen Exhibitionismus zu erinnern, wenn er an Treffen sprach. Bonanno nutzte die Situation, um die Frage der Klassengewalt zu diskutieren ohne sich verdächtigem Moralismus hinzugeben: „Der Terrorist ist nicht jener, welcher die Konfrontation mit der Macht durch Gewalt sucht, um sie zu zerstören, sondern jener, welcher gewalttätige und grausame Mittel benutzt, um den Fortbestand der Ausbeutung zu sichern. Aus diesem Grund, da es nur eine kleine Minderheit ist, welche ein Interesse an diesem Fortbestand hat (Arbeitgeber, Faschisten, Politiker jeglicher Couleur, Gewerkschafter usw.), kann daraus logisch gefolgert werden, dass letztere die „wirklichen“ Terroristen sind, insofern als dass sie gewalttätige Mittel einsetzen, um Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Und die Gewalt jener Leute wird durch Gesetze, in den Gefängnissen, im Arbeitszwang, im automatischen Mechanismus der Ausbeutung ausgeübt. Die Rebellion der Ausgebeuteten ist nie Terrorismus.“ [10] Durch die Identifikation der bestimmenden Faktoren mit der extremen Form von Herrschaft, identifizierte er letztere schlicht und einfach mit Terrorismus: „Wir sollten betonen, dass der Terrorist jene Person sein muss, welche eine andere terrorisiert und versucht, etwas zu erhalten durch die Durchsetzung ihres Standpunkts mit Handlungen, welche Schrecken verbreiten. Es ist somit klar, dass die Macht die Ausgebeuteten auf hundert verschiedene Arten terrorisiert. Die Ausgebeuteten haben Angst, keine Arbeit zu finden, haben Angst vor Armut, vor den Gesetzen, der Polizei, der öffentlichen Meinung; sie erdulden eine konzentrierte Form von psychologischem Terrorismus, welche sie auf eine Situation fast vollständiger Unterwerfung im Kampf gegen die Macht reduziert. Das ist Terrorismus.“ [11] Bonanno verteidigte allerdings nicht den bewaffneten Kampf, der auf strategischer Ebene immer noch diskutabel war, und noch weniger die Notwendigkeit einer „bewaffneten Partei“. Was er, weil er sie als manichäisch betrachtete, ablehnte, war die absolute Gegenüberstellung des bewaffneten Kampfes und jenes der Massen, weil sie zur Delegitimierung und Kriminalisierung jener führt, welche sich in ersterem engagieren. Er stellte die Frage, beantwortete sie jedoch nicht. Der bewaffnete Kampf war somit eine respektable Option, mit welcher man einverstanden sein kann oder nicht, doch wegen welcher kein Hüter der Anarchie jemanden aufgrund der Unterstützung exkommunizieren kann. Er ist nicht wirklich gut und auch nicht wirklich schlecht, doch stets ethisch zu rechtfertigen. Dieses Thema wurde zu seiner Spezialität, doch er beliess es nicht dabei. Von diesem Zeitpunkt an zeigte sein Denken eine irritierende stilistische Diskontinuität und Verwirrung. Bonanno litt an Graphomanie und nahm selbstbewusst jedes Problem mit einem geschwollenen Ton in Angriff, welcher einen Versuch widerspiegelte, einen Eindruck von Tiefe zu produzieren, und mit etlichen Anspielungen, um den Eindruck zu vermitteln, dass er nicht alles sagte, was er wusste; die üblichen Dünkel, um den durchschnittlichen Leser in Erstaunen zu versetzen. Fakten wurden selten erwähnt und er griff fast nie auf sie zurück, um seine entschiedenen Behauptungen zu untermauern. Wenn er die „gegenwärtige Bewegung“ erwähnte, war es bloss ein Klischee für seine gezierte Rhetorik. Inmitten von Ausbrüchen, unpassenden Themen, unbegründeten Behauptungen und, zwischendurch, einer Wahrheit, die zwischen so vielen Sätzen fast verschüttet war, mischt er alles ohne die geringste logische Verbindung und geht von diesem zu jenem. Die Schlussfolgerung war das Prinzip: aufständische Aktion. Wir können Dutzende Beispiele seiner Irrationalität erwähnen; doch es wird reichen, einen Blick auf „The Baby and the Bathwater“ zu werfen, in diesem Text versucht er u.a. seinen armselig aufgenommenen Situationismus, die „Bewegung“, die Dialektik und den Marxismus ineinander aufzulösen. Die Tatsache, dass Bonanno theoretische Tätigkeit verachtete, wenn sie nicht zu unmittelbarer und kraftvoller Aktion führt, bewahrte ihn nicht davor, zu einem dieser, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, „Liebhaber der Feder“ zu werden, „welcher Analysen produziert wie FIAT Autos“.

Im Mai 1980 führte die Polizei eine Razzia gegen mit der Zeitschrift Anarchismo assoziierte Anarchisten durch. Bonanno und seine Genossen wurden beschuldigt, Mitglieder von Azione rivoluzionaria zu sein, doch schon während die Beweise präsentiert wurden, war die Show zu Ende. Die letzten Tage der revolutionären Bewegung entfalteten sich in Gegenwart von etlichen Informanten und Reumütigen. Toni Negri höchstpersönlich war der Anführer der „Spalter“, jene, welche im Austausch für eine bevorzugte Behandlung im Gefängnis versprachen, nie wieder gegen den Staat zu kämpfen, und fügte seinen Aufruf in den Chor jener ein, welche eine Amnestie forderten. Bonanno griff sie in einem kleinen Buch mit dem Titel And We Will Still Be Ready to Storm the Heavens another Time: Against Amnesty [12] richtigerweise alle an, was ihm einen weiteren Prozess bescherte. Aufgrund der Tatsache, dass die Revolutionäre leicht besiegt wurden, zog er Schlussfolgerungen, die jenen der überlebenden anarchistischen Organisationen diametral widersprachen, denn seine Schlussfolgerungen wiesen in Richtung von gewalttätiger Aktion gegen die Personen und Dinge, welche die Repression verkörperten, die bürgerliche Justiz, die Technobürokratie, Gewerkschaften und der Kapitalismus, all das muss sich „in konkrete Akte, Akte des Angriffs verwandeln, nicht nur verbal, sondern in Form von Taten“ [13]. Echte Anarchisten müssen in einem Zustand permanenter Revolte sein und in die Offensive übergehen: „Wir bestehen beharrlich auf unserer Überzeugung, dass der Gebrauch von organisierter Gewalt gegen die Ausbeuter, auch wenn er die Form isolierter Aktionen von Minderheiten annimmt, ein unverzichtbares Instrument des anarchistischen Kampfes gegen die Ausbeutung darstellt.“ [14] Nachdem er jahrelang um den heissen Brei herum redete, wagte er schliesslich den Sprung. Die Diskussionen im Gefängnis und das beschämende Spektakel der Reumütigen und Spalter trugen zu seiner Entscheidung bei. Bonanno, dem wir dankbar sein können, dass er sich nicht mehr an Spinoza und den „diffusen Arbeiter“ erinnerte, drückte offensichtliche Wahrheiten aus, die glücklicherweise nicht hinter seinem überstürztem Redefluss versteckt waren: „Sie werden uns keine Amnestie geben. Wir werden dafür bezahlen müssen.“ Der Preis werden der revolutionäre Geist, die Ideen, die Würde, der Mut sein: „Indem wir das Abkommen heute akzeptieren, werden wir morgen im besten Fall vielleicht innerhalb jenes Ghettos kämpfen, wo die Macht uns eingepfercht hat […] Kollaboration bedeutet bedingungslose Kapitulation vor dem Feind.“ An die extremistischen Stalinisten gerichtet: „Die Reduzierung des Klassenkrieges auf eine blosse militärische Konfrontation trägt in sich die logische Schlussfolgerung, dass eine militärische Niederlage auf diesem Terrain bedeutet, dass der Klassenkrieg als solches aufhört zu existieren. Von dort kommen wir zur sowohl theoretischen als auch praktischen Absurdität, dass es heute in Italien, nach der Niederlage der Kampforganisationen, keinen gegenwärtigen Klassenkrieg mehr gibt und das ist im Interesse aller (allen voran im Interesse des Staates), zur Verhandlung einer Kapitulation, um die Entwicklung, oder die kontinuierliche Entwicklung eines Kampfprozesses zu verhindern, der für uns absolut inexistent und komplett nutzlos und auch gefährlich ist.“(15) [15] Der Verrat von Negri und den Kollaborateuren liegt in deren Leninismus, welcher alles in Begriffen getrennter Macht analysiert: Als selbsternannte Repräsentanten der Arbeiterklasse waren sie die privilegierten Ansprechpartner des Staates und ihre Rettung war die Beschönigung der zentralen Frage; die besiegte Partei würde nicht für ihre Befreiung kämpfen, sondern stattdessen versuchen, ihre Freiheit zu verhandeln, um den Kampf mit anderen Mitteln weiterzuführen. Welche Art des Kampfes kann es mit der Zukunft als Staatshypothek sein? Bonanno stellte scharfsinnig fest, dass es nicht das gleiche ist, seine Waffe aufgrund einer Meinungsänderung niederzulegen oder weil die herrschende Macht es verlangt: „Sie fordern uns auf, nicht mehr jene unartigen Jungen zu sein, die wir immer waren, und die Situation zu verstehen. Sie fordern uns zur Kollaboration auf.“ Für den Staat ist niemand unschuldig: „Wir können uns jetzt nicht in Zwerge verwandeln, nachdem wir Seite an Seite vom Angriff auf die Götter und deren Sturz geträumt haben, während jeder das Herzklopfen des nächsten fühlte. Das ist der Traum, welcher der Macht Angst einflösst […] Niemand kann neutral sein; wir sind der Planung und Vorbereitung dieses Klimas schuldig, das uns mit Enthusiasmus erfüllte und uns weiterkommen liess. Sogar der kritischste von uns kann sich nicht auf vollständige Unschuld berufen. In den Augen des Staates ist es genau dieses Klima, das schuldig ist. Wir müssen dafür Verantwortung tragen.“ [16] Doch diese Anflüge von Klarheit genügten nicht, um Aufschluss zu geben über das neue Panorama der 1980er Jahre mit einer besiegten Arbeiterklasse und Tausenden im Knast. In seinem Werk sucht man vergeblich nach einer Bilanz dieses Prozesses, welcher zur Katastrophe geführt hat. Bonanno offeriert uns nur eine Beteuerung: „In diesen Zeiten der Auflösung und der Stagnation beteuern wir, dass unser Kampf ein Kampf für totale Befreiung ist, jetzt und sofort.“ Er benutzt einen umgekehrten Manichäismus und stellt dem Massenkampf den aufständischen Kampf gegenüber, denn er betrachtet ersteren nicht als Moment der Entwicklung letzteren, sondern als Instrument davon: „Für uns sind Teilkämpfe kein Ziel, sondern ein Mittel, das wir (sogar ziemlich oft) benützen, um ein anderes Ziel zu erreichen: die Leute zur Revolte anzuspornen […] Wichtig ist, dass Teilkämpfe einen gewalttätigen Ausgang haben, einen Punkt des Bruches, eine wesentliche Linie erreichen, ausserhalb welcher die Vereinnahmung unmöglich wird...“ Um diesen Punkt zu erreichen, brauchen wir ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Verallgemeinerung der Gewalt und das war die Funktion der „spezifischen Bewegung“: „Wir müssen die Möglichkeit einer spezifischen Bewegung erschaffen, die fähig ist, die wirkliche Bewegung in jenen Plätzen und Stimmungen zu treffen, wo der Puls letzterer für erstere spürbar wird.“ [17] Falls dieser überstürzte Redefluss irgendwelchen Sinn hat, tönt er schlecht: Die Massen waren unfähig, revolutionäre Ziele ohne die Existenz einer Elite – nennen wir sie „spezifische Bewegung“ – zu erreichen, sonst werden ihre „Teilkämpfe“ nie das notwendige aufständische Niveau erreichen. Bonannistischer Anarchismus verkam zu einer vulgären Abenteuer- und Avantgardeideologie, in ihrer theoretischen Grundlage dem militaristischen Extremismus der „bewaffneten Partei“ nicht unähnlich. In den folgenden Jahren erarbeitet Bonanno die wesentlichen Konzepte der insurrektionalistischen Ideologie auf der Grundlage der Trennung zwischen dem Kampf der Massen und dem aufständischen Kampf, eine Trennung, die nur mit Hilfe einer ausgewählten, „spezifischen“ Minderheit überwunden werden kann. Sein Werk wurde ausserhalb Italiens bekannt und er wurde zu einer notorischen Figur des internationalen Anarchismus. Seine grosse theoretische Entdeckung – dass jede Art von Aktion, wie minoritär sie auch sein mag, jederzeit möglich und erstrebenswert ist – zeigte ihm unfehlbar den zu gehenden Weg.

Im Anfang war die Tat. Die Trennung zwischen Theorie und Praxis reduziert erstere zu einer einfachen Begleiterscheinung und letztere zu einer blossen Technik. Für Bonanno erfordert die von den „spezifischen“ anarchistischen Organisation vertretene „Verweigerung des Wartens“ und ihr „Übergang zur Aktion“ eine andere Art der Organisation, die nicht permanent ist, als „informell“ definiert wird und er glaubte, er habe in den Affinitätsgruppen eine solche Organisation gefunden. Diese Gruppen werden ein „Projekt“ ausarbeiten müssen, welches das Produkt ihrer Analysen und Diskussionen ist und den Gruppen Orientierung und einen Impuls zur Aktion gibt. Im technischen Jargon des Geschäftsmarketings beschrieb er dieses Projekt in Anarchismo als „jenen Ort, wo Theorie zu Praxis konvertiert wird“ und präzisierte die vier notwendigen Vorbedingungen für seine Ausarbeitung, welche im Revolutionär vereint sein müssen, nämlich Mut, Beharrlichkeit, Kreativität und „Materialität“ (eine Art „praktischer Sinn“). Ein rund um das Thema „Anarchismus und das aufständische Projekt“ organisiertes Treffen in Mailand 1985 erlaubte es Bonanno, in groben Linien seine Sichtweise der im Kapitalismus stattgefundenen Transformationen darzulegen. Die oberflächliche Art und Weise, wie er Plattheiten ausbreitete, welche dank der amerikanischen Soziologie in Mode waren (z.B. die Definition der Gesellschaft als „postindustriell“) und sein professorenhafter Ton, der schnell seinen Charme verlor, waren ziemlich schockierend. In der Niederschrift seiner Rede kann man folgende Ungeheuerlichkeit lesen: „Die Fähigkeit des Kapitals vom produktiven Standpunkt aus gründet heute nicht mehr auf den Ressourcen des Finanzkapitals, d.h. auf Investitionen und Geld, sondern im wesentlichen und fast in seiner Totalität auf intellektuellem Kapital.“ Auch wenn es nach einer Lüge tönen mag, Bonanno wiederholte, was Professor Negri gesagt hatte. „Das Kapital muss nicht mehr auf Arbeiter zurückgreifen, um zu produzieren“, denn „der zentrale Fokus der Arbeiterklasse liegt nun woanders. Zuerst, schüchtern, im Sinne einer Ausbreitung der Fabriken im Territorium [wieder Negri]. Dann entschiedener im Sinne einer graduellen Ablösung der sekundären Produktionsprozesse durch tertiäre.“ Man muss sich fragen, ob er weiss, was er sagt, denn die Prozesse des tertiären Sektors haben nichts mit Produktion zu tun, doch bonannistische Prosa war schon immer eine gequälte Prosa, besonders wenn sie für theoretische Zwecke gebraucht wird. Seiner Meinung nach wird die Arbeiterklasse zunehmend von der Produktion verdrängt, womit sie ihre führende Rolle verliert und schliesslich kann die Revolution genauso gut stattfinden wie nicht stattfinden, weil in der postindustriellen Gesellschaft das Verhältnis von Ursache und Wirkung zwischen Kämpfen und ihren Konsequenzen verschwunden ist. Er sagt jedoch ohne Angabe von Gründen, dass „genau aus diesem Grund die Revolution möglich wird“. Bonanno hatte von den Revolten in den marginalen Quartieren der englischen Städte gehört und redete hochtrabend von der Aufgabe der Anarchisten: „Die Transformation der irrationalen Situationen der Erhebung in eine aufständische und revolutionäre Realität.“ Die Angelegenheit wurde auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verlegt, doch wir haben schon gesagt, dass Theorie nicht seine Stärke ist und weil er regelmässig Texte für zwei Publikationen verfasste, nutzte er raubkopiertes Material ohne Skrupel. 1987 kopierte er das Format und typographische Merkmale der Zeitschrift Encyclopédie des Nuisances für die neue Serie von Anarchismo, was eine unschuldige Anekdote wäre, hätte er nicht drei Artikel der Encyclopédie des Nuisances in seinen Publikationen mit ungenannten Streichungen, missbräuchlichen Einschiebungen, willkürlichen Korrekturen und etlichen scheinbar zwecklosen Fehlern veröffentlicht, was die Encyclopédie des Nuisances zwang, ein Communiqué mit folgender Schlussfolgerung zu schreiben: „Jene, welche, wenn sie eine Kritik zur Schau stellen, die nicht ihre eigene ist, damit beginnen, ihre Herkunft so gut wie möglich zu verstecken, sowie die Kämpfe, aus welchen diese Kritik entsteht, und die mit ihnen verbundenen Beziehungen zu verschleiern, zeigen somit, dass sie unfähig sind, sie zu benutzen und die Geheimnisse ihrer Epoche zu entdecken oder die diversen Spezialoperationen der spektakulären Demokratie zu verstehen. Wo die Fiktion das grosse Bild beherrscht, können kleine Fälschungen keine Bedeutung haben. Wir nutzen allerdings die Gelegenheit, um unsere bescheidene Überzeugung auszudrücken, dass diese Fälschungen den Sieg der Fiktion in grossem Umfang erklären und dass die Überwindung letzterer vom Ende ersterer abhängt.“ Solche Trivialitäten interessierten Bonanno nicht. Sein Problem war, einerseits, der „Angriff“ und andererseits die Versuche von Teilen der Polizei, ihn in etliche terroristische Zwischenfälle einzubeziehen.

Bonanno war der erste Agitator seit Blanqui, welcher die Möglichkeit einer Offensive gegen die Macht während einer Periode proklamiert, wo die Arbeiterklasse sich vollständig im Rückzug befindet. Das bedingt natürlich einen Versuch, historischen Bestimmungen durch entschiedene Handlungen von Minderheiten zu entkommen. Gemäss Bonanno haben die informellen Gruppen die führende Rolle, sie sind die einzigen, welche zu ernsthaften Aktionen fähig sind. Solche revolutionären Feste waren nicht für die Massen. Er verurteilte Massendemonstrationen als nutzlosen Pazifismus und schlug stattdessen „die Notwendigkeit von zerstörerischen Aktionen des direkten Angriffs auf kleinem Niveau gegen die Strukturen des Kapitals“ vor, zusammen mit „aufständisch organisierten“ Demonstrationen. Die Gruppen müssen für diese Angriffe die volle Verantwortung tragen und nicht von günstigen oder ungünstigen Umständen oder vom allgemeinen Niveau des Bewusstseins abhängen. Die Entscheidung des direkten Angriffs auf das Kapital und den Staat bezieht nur die Revolutionäre ein, sie sind die Hüter der aufständischen Essenz des Konflikts: „Entweder greifen wir an oder ziehen uns zurück. Entweder akzeptieren wir die Klassenlogik der Konfrontation als unauflöslichen und unzerlegbaren Kontrast oder sonst schreiten wir zurück, zurück zu Verhandlungen, Details, sprachlicher und moralischer Verwirrung.“ Sie wollen ihre Leben leben, ihre Instinkte befreien, bürgerliche Ideale negieren, ihre authentischen Bedürfnisse befriedigen oder jede andere Lappalie des befreiten Vokabulars von unzufriedenen Rebellen, doch Worte genügen nicht. Jeder Anarchist muss die politischen und moralischen Hemmnisse überwinden, welche ihn daran hindern, zur Aktion überzugehen. Bonanno charakterisierte diese Bemühungen als „das grosse Projekt der Befreiung des neuen Menschen von der Ethik“ [18] Er verachtete Versammlungsmethoden, weil sie entschlossenere Aktionen verzögern oder verhindern, und auch Initiativen, die versuchen, so viele Unterstützer wie möglich zu gewinnen, und die er als „Manie der Quantität“ bezeichnet. Deshalb beachtete er die auf dem Arbeitsplatz gründenden Forderungen solcher Basisbewegungen wie die im November 1987 gegründete COBAS nicht. Dem bonannistischen Modell entsprachen die „selbstverwalteten Ligen“, welche Anfang der 1980er Jahre von den Einwohnern von Comiso (Sizilien) gegründet wurden, um gegen den Bau einer amerikanischen Raketenbasis zu protestieren. Diese Gruppen bestanden aus informellen „Kernen“ unter der Führung von Anarchisten, deren einziges Ziel die Zerstörung der militärischen Basis war, ohne jegliches Programm, autonom (unabhängig von Parteien, Gewerkschaften oder anderen Formierungen), in „permanentem Konflikt“ mit der Herrschaft und in einer „permanenten Offensive“ engagiert, ohne Bereitschaft für Dialog, Verhandlungen oder Abkommen. Zweifellos um diese Kämpfe von Kämpfen zu unterscheiden, die sich nicht unmittelbar in Richtung Zerstörung orientierten, nannte er letztere Art von Konflikt „Teilkämpfe“, während die anderen weitgehendere Ziele hatten, welche vom „Werk des Aufstands“ wie dem „Kampf gegen Technologie“ angetrieben waren, was dazu führte, dass mehr als Hundert Hochspannungsmasten zwischen 1986 und 1988 mit Dynamit angegriffen wurden. Die Übersetzung eines deutschen Pamphlets, welches die Details lieferte, wie ein solcher Masten zerstört werden muss, bescherte Bonanno einen erneuten Aufenthalt im Gefängnis. In dieser Kampagne gegen den Bau von Hochspannungsleitungen, an welcher sich Rebellen aus diversen Ländern beteiligten, kam die Manie der Quantität durch die Hintertür wieder zurück: Die Gewerkschafter zählen Mitgliederkarten und die Aktivisten Angriffe. Der quantitative Geist beherrschte alles. Doch die Effizienz eines Angriffs hängt nicht von der Anzahl Explosionen oder vom Ausmass der verursachten Zerstörung ab. Es gibt keine „Teilkämpfe“, welche wirklichen Kämpfen entgegengesetzt sind; es gibt praktische und nutzlose Kämpfe, Kämpfe, welche das Bewusstsein für die Herrschaft erwecken, und andere, welche es einschläfern. Die Polizei war unfähig, Bonanno in jegliche gewalttätige Handlungen hineinzuziehen, doch sie haben es mit List geschafft, ihn in einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft hineinzuziehen. Er wurde am 2. Februar 1989 verhaftet und zwei Jahre später entlassen, ohne dass irgendwelche Anschuldigungen den Weg in sein Dossier gefunden hätten. Als er entlassen wurde, nutzte er die Gelegenheit, um nach Spanien zu reisen und dem Insurrektionalismus den letzten Schliff zu verpassen, eine Ideologie, die in anarchistischen Szenen diverser Länder einflussreich gewesen ist, wo der Anarchismus stagnierte, schlief oder von Cliquen kontrolliert war.

1992 schlugen Bonanno und einige seiner Genossen vor, einen qualitativen Sprung vorwärts in der Offensive durch den Aufbau einer „organisatorischen Gelegenheit“ zu machen. Dafür gründeten sie eine Gruppe, um für den Aufbau einer anti-autoritären aufständischen Internationalen zu werben. Das Wort „aufständisch“ wurde zu dieser Zeit geprägt. Im Januar 1993 ging er nach Griechenland und sprach an zwei Konferenzen an den Universitäten von Athen und Thessaloniki, während welchen er erklärte, „wieso wir aufständische Anarchisten sind“. Was folgt, ist die aufständische Ideologie in sechs Punkten zusammengefasst:

„Weil wir es als möglich erachten, die Entwicklung der Revolten zu fördern, die überall spontan entstehen, und aus ihnen Massenaufstände, das heisst eigentliche Revolutionen, zu machen.

Weil wir einen kapitalistischen Zustand der Welt, der dank der informatischen Restrukturation ausschliesslich den Verwaltern der Klassenherrschaft technologisch nützlich ist, zerstören wollen.

Weil wir für den unmittelbaren und zerstörerischen Angriff gegen einzelne Strukturen, Personen und Organisationen von Kapital und Staat sind.

Weil wir all jene konstruktiv kritisieren, die sich immer noch mit Kompromissen mit der Macht abgeben oder meinen, revolutionärer Kampf sei jetzt nicht mehr möglich.

Weil wir, anstatt abzuwarten, entschlossen sind, zur Tat zu schreiten, auch wenn die Zeiten noch nicht reif sind.

Weil wir diesem Zustand der Dinge sofort ein Ende bereiten wollen, und nicht erst sobald externe Bedingungen seine Veränderung ermöglichen.“ [19]

Die organisatorische Konzeption, deren Elemente allmählich im Verlauf der letzten 25 Jahre formuliert worden waren, komplettiert die Ideologie. Bonanno beschränkte sich darauf, sie in ein beschreibendes Label einzubauen, mit dem viele nicht einverstanden wären. „Die aufständische anarchistische Organisation“ besteht aus Affinitätsgruppen, welche während Kämpfen „zum Zweck von präzisen Aktionen gegen den Feind“ und „um die besten Bedingungen für eine massenhafte aufständische Erhebung zu erschaffen“ gegründet werden. Der aufständische Charakter wird durch den „permanenten Konfliktzustand“ gewährt, d.h. durch das Wissen, gegen die Unterdrückung von Kapital und Staat im Krieg zu sein. Diese Gruppen basieren auf „Basiskernen“, eine alte bonannistische Idee, deren Funktion es ist, „innerhalb der Arena der Teilkämpfe die alten Gewerkschaftsorganisationen des Widerstands zu ersetzen“, das alles auf einem Terrain, das „aus allem“ besteht, „was von den Fabriken, Quartieren, Schulen, gesellschaftlichen Ghettos und all jenen Situationen übrigbleibt, wo sich Klassenausschluss manifestiert“. Für Bonanno war es der zerstörerische Aspekt und nicht das Ausmass an Bewusstsein, welches eine Aktion in den Massen hervorruft, der den Standard zur Beurteilung der Effizienz einer Aktion ausmacht. Es muss nicht gesagt werden, dass die bevorzugte Aktionsform die Sabotage ist, „die klassische Waffe aller Ausgeschlossenen“ [20], sie ist in allen Situationen stichhaltig und für alle Zeiten angemessen. Sabotage ist wie die Lust, sie hat weder Zeitplan oder noch Termine auf dem Kalender.

Die Analyse der gesellschaftlichen Realität ist nach wie vor Bonannos Schwachpunkt. Er versichert die Inexistenz der „Fabrikmentalität“ und bezieht sich auf den „Fähigkeitsverlust“ des Individuums, sowie die „Pulverisierung“ der Arbeitsklasse, was der Grund ist, weshalb er jegliche Referenzen zu „lächerlichen Dichotomien wie jene zwischen Bourgeoisie und Proletariat“ als unbegründet betrachtet, nur um sofort ähnliche, von der Vulgärsoziologie abgeleitete Dichotomien zu gebrauchen: „Die spezifische gesellschaftliche Wirklichkeit […] hat immer eine Konstante: die Klassentrennung zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Eingeschlossenen und Ausgeschlossenen.“ Die Dichotomien hören hier auch nicht auf, denn er bezieht sich auf „den Konflikt zwischen reichen und armen Ländern“, welche die Form von nationalen Befreiungskämpfen oder Religionskriegen annimmt oder dazu tendiert. Diese Konfrontation, deren Ursache die Unfähigkeit des Kapitalismus ist, „das wirtschaftliche Problem der armen Länder zu lösen“, führt ihn zur Entdeckung positiver Aspekte des Nationalismus und des islamischen Fundamentalismus, deren Manifestationen rund um das Mittelmeer ihn zur Schlussfolgerung drängen, dass diese Region die „Bühne gesellschaftlicher Konfrontationen“ sein wird, „welche sich schnell verallgemeinern werden“. Durch das Lesen der Zeitungen kam er zur Überzeugung, er sei ein Experte für Geopolitik, denn er behauptet unerschütterlich aufzuzeigen, dass in den Mittelmeerländern „Konflik[e], welche die gegenwärtigen Spannungen verschlimmern […] in den nächsten Jahren [ausbrechen werden]“; er präzisiert nicht, ob es sich um Klassen- oder Staatskonflikte handelt, vermutlich beides, doch auf jeden Fall kann nur die angemessenste Praxis zur Konfrontation mit diesen Konflikten dienen, nämlich der Insurrektionalismus [21]. In Wirklichkeit bezieht sich Bonanno auf den Palästinakonflikt, in welchen er grosse Hoffnungen setzt. Wie immer bleibt der bewaffnete Kampf, welcher intensiv genug ist, um einen globalen Standpunkt zu erlangen, in den Wolken des Dritte-Welt-Fetischismus.

Wir sagen, dass die Revolution in auf dem Klassenantagonismus basierenden Gesellschaften von den unterdrückten Massen realisiert wird, und nicht von formellen oder informellen Minderheiten. Die Organisation wird ein Produkt der gesellschaftlichen Kämpfe sein und nicht des aktivistischen Voluntarismus oder der aktivistischen Propaganda. Die Zeit ist nicht reif, weil es keine bewussten Massenbewegungen gibt. Mangels besseren Alternativen tut man, was man kann, doch die Abwesenheit massiver Kämpfe kann nie mit Aktivismus von einer Handvoll Gruppen kompensiert werden. Eine strategische Verteidigung muss darin bestehen, die Bühne des sozialen Kriegs zur Bekämpfung des Klassenfeindes zu organisieren. Das bedeutet die Befreiung von Räumen für die Entwicklung von Bewusstsein in den Massen; in anderen Worten, für das Aufkommen autonomer Kämpfe. Im gegenteiligen Sinn ersetzt der Aktivismus nicht nur diese Kämpfe, sondern erhebt sich selbst zu deren radikalem Spektakel, was der Grund ist, weshalb er das Fundament für deren Verknöcherung legt, statt dass er zum Wiederaufleben revolutionären Protests beiträgt. Die unglaubliche Verwirrung der insurrektionalistischen Thesen war nicht akzeptabel, doch die Widersprüchlichkeit und Oberflächlichkeit dieser Analysen störte Bonanno nie, er war besessen von einem Wunsch nach Aktion und er wusste, wie er ihn jenen Anarchisten vermitteln kann, welche von der Untätigkeit der traditionellen Organisationen desillusioniert sind. Diese Anarchisten wurden zu Anhängern seiner Ideen trotz aller Logik, denn Logik war nicht gerade sein bevorzugtes Mittel um Anhänger anzulocken. Der Insurrektionalismus breitete sich nicht aufgrund seiner Klarheit oder theoretischen Überlegenheit in gewissen jugendlichen Milieus aus. Sein Einfluss in diesen Milieus war auch nicht das Resultat der Effizienz seiner Aktionen, welche häufig den bitteren Geschmack von Gefängnis und persönlichen Tragödien hatten; auch die Verwirklichung von Bonannos Mittelmeerprophezeiung trat nicht ein. Die Gründe für deren relativen Erfolg sind psychologisch: Jene, welche Aktion wollen, bekommen Aktion. Aktion war eine Art emotionales Ventil. Bonanno hatte bemerkt, dass „Anarchismus eine Spannung […] und keine Realisierung“ ist [22] und beharrte auf dieser Tatsache. Bonanno beschrieb die Erreichung eines anarchistischen Bewusstseins als einen „persönlichen Aufstand […] jene Erleuchtung, welche eine kraftvolle Idee in uns hervorbringt“, eine Art Offenbarung, die einen Lebensstil bestimmt, nicht einfach eine Art und Weise, die Dinge zu sehen. Es bringt eine intime Befreiung hervor, die Erhebung zu einem Zustand der Anarcho-Gnade, welche einem hilft, sich von den Fesseln der Umwelt eines Individuums zu befreien: „Insurrektionalismus ist etwas persönliches; jede Person muss den Aufstand in sich selbst tragen, ihre eigenen Ideen modifizieren, die sie umgebende Wirklichkeit verändern, wobei man mit der Familie und der Schule beginnen sollte, jene Strukturen, welche unser Gefängnis darstellen...“ [23] Anarchisten, sofern sie wirklich Anarchisten sein wollen, müssen alles, was sie tun und denken, täglicher Prüfung aussetzen, denn was sie tun und was sie denken, kann nicht voneinander getrennt werden. Entweder „Metaphysik“ oder Anarchismus, d.h. Aktion. Aktion erlangt also eine existentielle Dimension. Ein Anarchist ohne Aktion ist wie ein Garten ohne Blumen oder ein Soldat ohne Uniform. Wie könnte man stoppen, wenn man sich in einem Zustand des „permanente Konflikts“ befindet? Aktion ist zu einem moralischen Kriterium geworden: Man ist ein guter oder schlechter Anarchist, je nachdem, ob man sich in Aktionen engagiert oder nicht. Bonannismus ist eine besondere Version der amerikanischen „Do It Yourself“- Haltung in revolutionären Begriffen und bietet alle Freuden eines sektiererischen Aktivistenlebensstils ohne dessen organische Knechtschaften. Die Abwesenheit wirklicher sozialer Bewegungen war nicht ein Nachteil, sondern eine Vorbedingung für den Insurrektionalismus: Das illegale Wesen seiner Agitation führte dazu, dass es aus offensichtlichen Sicherheitsgründen ratsam war, eine gewisse Distanz zur prosaischen Arbeit innerhalb der Massen zu halten. Ein extremer Individualismus, der „Autonomie“ genannt und von einigen Passagen Stirners gestützt wird, beschützt den professionellen Anarchisten vor jeglicher Kritik. Der Insurrektionalist kann somit an die Salbung glauben, unabhängig von der Irrelevanz oder der Sinnlosigkeit seiner Aktionen, denn da ihm die Massen gleichgültig sind, muss er sich vor niemandem rechtfertigen. Er ist der einzige Richter seiner selbst. Durch eine Ironie der Geschichte überlebte der ältere Bonanno seine Widersprüche und Defizite dank Akne.

Die insurrektionalistische Internationale traf sich in Athen im Herbst 1996, kurz bevor oder nach dem Gefängnisaufenthalt Bonannos aufgrund der Mitgliedschaft in einer bewaffneten Bande. Auch die Repressionskräfte machten sich 1994 die Sache der Aktion zu eigen und es gab viele Verhaftungen und mediale Prozesse. Anarchismo wurde eingestellt, doch in Canenero, einer in Florenz publizierten Zeitschrift, kamen die diversen informellen Fraktionen der Internationalen für kurze Zeit wieder zusammen. Die Insurrektionalisten hatten die revolutionären Möglichkeiten der Mittelmeerländer über- und die repressiven Fähigkeiten des bis an die Zähne bewaffneten Staates unterschätzt. Die elementarste Strategie hätte allen voran dazu aufgerufen, folgende Frage zu stellen: Kann die insurrektionalistische Praxis jene Repression überleben, welche unmittelbar gegen sie entfesselt würde? Natürlich nicht. Der Mariniprozess war die Antwort des italienischen Staates gegen den Stich der insurrektionalistischen Fliege. Es gab ähnliche Antworten in Griechenland und Spanien (Bonanno war kein Fanelli: Der Insurrektionalismus feierte 1996 in Spanien mit dem Fiasko des Überfalls in Cordoba Premiere). Bonanno wurde im Oktober 1997 aus dem Gefängnis entlassen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den diversen Gruppen wurden durch den Ausbruch der vorhersehbaren Repressionswelle verstärkt. Die Internationale traf sich zum zweiten Mal irgendwo in Italien und löste sich offiziell auf. Vier Jahre später gab es im Mariniprozess harte Urteile gegen die meisten Angeklagten. Die Insurrektionalisten haben allerdings nicht aufgegeben und ihre Gefangenen nicht vergessen. „Gebt Blumen den unterlegenen Rebellen“, wie Vanzetti sagte. Unsere Kritik hindert uns nicht daran, ihren Mut anzuerkennen und unsere Meinungsverschiedenheiten nicht daran, ihre Freiheit zu fordern.

Miguel Amorós

März-August 2007

Geschrieben auf Wunsch mehrerer Genossen

Übersetzt aus dem Englischen von kommunisierung.net

Englische Übersetzung

Spanische Originalversion

Anmerkungen

[3Siehe „Economic Crisis and Revolutionary Opportunity“.

[4„After Marx, Autonomy“.

[5“A Critique of Syndicalist Methods”, 1975: http://theanarchistlibrary.org/authors/alfredo-m-bonanno.

[6“Fictitious Movement and Real Movement”: http://theanarchistlibrary.org/authors/alfredo-m-bonanno.

[7„A Critique of Syndicalist Methods“.

[9Azione Rivoluzionaria, “The Movement of 1977 and the Guerrilla”.

[10“On the Terrorism of Certain Imbeciles and Other Matters”, 1979.

[11Ebd.

[13“The Illogical Revolution”, 1984.

[14“And Us, Etc.”.

[15“And We Will Still Be Ready To Storm The Heavens Another Time: Against Amnesty”, op. cit.

[16Ebd.

[17Ebd.

[18“The Moral Breaking Point” in: Provocazione, eine von ihm herausgegebene Publikation, März 1988.

[20“Another Turn of the Screw for Capitalism”.

[21“For an Anti-Authoritarian Insurrectionist International: Proposal for a Debate”, 1993: http://theanarchistlibrary.org/authors/alfredo-m-bonanno.

[23Interview mit Bonanno auf Radio Onda Rossa, 20. November, 1997.