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Nieder mit dem Proletariat, es lebe der Kommunismus!

Dienstag 4. Juni 2013, von Webmaster

NIEDER MIT DEM PROLETARIAT

Die akzeptierte Knechtschaft

Das grösste Hindernis für die Emanzipation des Proletariers befindet sich in ihm selbst. Das wirkliche Desaster des Arbeiters ist seine Akzeptanz des Elends, seine Art und Weise, sich mit seiner Ohnmacht abzufinden und sich zu vertrösten. Obwohl ihm die Erfahrung gezeigt hat, dass es keinen Ausweg im System und ohne zu kämpfen gibt. Doch er tobt sich lieber im Leeren aus und kleidet seine Passivität mit falscher Wut.

Der Fatalismus und die Resignation herrschen in den Reihen der Arbeiter. Es ist klar, es wird immer Bosse geben, es hat sie übrigens auch immer gegeben; es gibt wenig Hoffnung, wenn man auf der falschen Seite der Mauer geboren worden ist. Freilich geschieht es, dass ein Proletarier wütend wird und eine als unerträglich qualifizierte Situation nicht mehr akzeptiert. Doch ist es, um einen Aktionsplan zu erstellen? Nein! Da er jene, welche auf seinem Rücken reich werden, nicht erreichen kann, lässt er sein Ressentiment an jenen aus, welche er an der Strassenecke trifft: kleine Bosse, Nordafrikaner und andere Ausländer. Er hat das Gefühl, sie zu unterhalten. Aus den gleichen Gründen macht er auch seiner Frau und seinen Kindern Vorwürfe, wenn sie ihm nicht die erwarteten Befriedigungen geben und seine gesellschaftliche Minderwertigkeit nicht durch einen perfekt gehaltenen Haushalt oder angemessene schulische Resultate kompensieren. Der Angestellte hebt sich stolz vom Arbeiter ab, weil dieser sich die Hände schmutzig macht und wird im Gegenzug als parasitärer Bürohengst verachtet. Das Gewerkschaftsmitglied wird sich dem Nichtmitglied überlegen fühlen, jedoch mit der Überzeugung, diesem das Bewusstsein zu bringen. Im Gegenzug wird er ein – ehrlich gesagt leichtes – Objekt der Häme sein.

Sogar wenn er nicht verbittert ist, unfähig, das gute im Leben und seinen eigenen Anteil am Glück zu erkennen, bleibt der Proletarier gefangen in seiner engstirnigen Lebensweise. Er akzeptiert seine Knechtschaft bis er zu einem Punkt kommt, ab einem gewissen Alter, wo die Dinge sich langsam verbessern und er glaubt, die unzufriedene Jugend müsste lernen, die „Errungenschaften“ zu schätzen.

Es gibt ein Gefühl, das allgemein geteilt wird von den Proletariern aller Länder. Es ist nicht der Internationalismus, sondern das Gefühl, dass es woanders schlimmer sein könnte...Man klammert sich besser an seine Stellung, denn daneben und für die gleiche Arbeit...Der Arbeiter hat den Trost, dass er mitten im allgemeinen Unglück das Versteck gefunden hat.

Die Arbeit ist und bleibt die beste Polizei. Sie hält jeden in Zaum und hemmt die Entwicklung der Vernunft, der Wünsche, der Vorliebe für die Unabhängigkeit gewaltig, denn sie verzehrt gewaltig viel Nerven und entwendet sie der Reflexion, der Träumerei, der Liebe; sie setzt einem konstant ein schäbiges Ziel vor Augen und garantiert armselige, doch regelmässige Befriedigungen. Folglich ist eine Gesellschaft, wo man permanent hart arbeitet, eine sicherere Gesellschaft: Und man verehrt heute die Sicherheit als höchste Gottheit.

Es gibt immer noch Idioten, welche die widerliche Tätigkeit ehren, statt spontan vor ihr zu fliehen. Jener, welcher sich Tag für Tag kaputt macht, wird stolz auf seine Muskeln sein und sich darüber freuen, dass er keinen Sport mehr machen muss, um in Form zu sein. In einigen Werkstätten herrscht eine wahrhaft olympische Mentalität vor. Der Akkordlohn und der Bonus sind nicht einmal notwendig, damit jeder seinen kleinen Rekord jagt. Offene Verachtung oder Paternalismus für jenen, welcher nicht dazu fähig ist oder nichts darum gibt. Es ist jedoch immer schwieriger, an die wirkliche Nützlichkeit seines Tuns zu glauben und Gleichgültigkeit, ja gar der Abscheu der Arbeit gewinnen an Terrain.

Jener, welcher aufhört zu arbeiten, hat jedoch häufig ein schlechtes Gewissen. Krank oder arbeitslos, viele haben Angst, den Anforderungen nicht zu entsprechen und schämen sich, sich gehen zu lassen. Jener, welcher sich an der Arbeit misst, glaubt, sich beweisen zu müssen, dass er kein Lumpen und gesellschaftlich nützlich ist. Man berührt dort den fundamentalen Charakter des proletarischen Elends: Ohne die Arbeit hat das Leben keine Konsistenz, keinen Sinn, keine Wirklichkeit mehr.

Es ist nicht das Interesse für die Aufgabe, welche einem zur Maloche treibt, sondern die Langeweile und die Unentbehrlichkeit des Lohns. Die Routine des Alltags kann dazu führen, dass man glaubt, der Zugang zum Feierabend oder gar die Arbeitslosigkeit sei eine Befreiung. Man muss arbeitslos oder Rentner werden, um das Gegenteil festzustellen. Die Rente oder die Arbeitslosigkeit ist gleichbedeutend mit dem Nullpunkt der Arbeit.

Das moderne Elend drückt sich nicht durch den Mangel an Freizeit oder an Konsumgütern aus, sondern durch die Trennung aller Tätigkeiten, die Zersplitterung der Zeit, die Isolierung der Menschen. Einerseits eine produktive Tätigkeit, häufig fürchterlich, abbröckelnd, wo die Notwendigkeit der Kapitalerzeugung aus dem Menschen ein Kadaver der Zeit machen, ein Instrument unter Instrumenten. Andererseits die Freizeit, wo er theoretisch sich selbst gehört, doch wo er, domestiziert durch die Bildung und verblödet durch die Arbeit, von allem abgeschnitten ist aufgrund der Notwendigkeit, zu bezahlen.

Der Konsum und die mit ihm verbundenen Träume bleiben der ultimative Trost. Die Arbeiterin, die Verkäuferin oder die Sekretärin nutzt ihre Vitalität, neben der dem Schaufensterbummel und der Lektüre von Fotoromanen gewidmeten Zeit, um ihre gesellschaftliche Stellung durch sichtbare Anstrengungen der Körperpflege zu verbessern. Die „Weiblichkeit“ kann sich nach Herzenslust ausleben dank den Wundern aller verfügbaren Waren. Der Wunsch, beachtet zu werden, und eine demütige Akzeptanz der servilen Repräsentationen der Frau vermischen sich, um sie besser über die Wirklichkeit ihrer Situation zu täuschen. Der „Haushalt“ des Arbeiters liebt die Idee dieses kleinen Einfamilienhauses in der Banlieue, um endlich „sein eigenes Zuhause zu haben“. Doch vor allem geht es um das Auto. Man träumt davon, eines zu kaufen, es zu wechseln. Es ist der Massstab des Reichtums und des Savoir-vivre, es liefert ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Obwohl der Arbeiter es vorzieht, mit seinem Kneipenwirt über den Ärger mit seiner Frau zu sprechen oder Fotos seiner Kinder zu zeigen, bleibt der KFZ-Mechaniker seine wahre Vertrauensperson.

Häufig zeigt sich der Arbeiter misstrauisch gegenüber der Politik, doch er kritisiert nur sehr selten die Politik und die Politiker. Voller Tatendrang durch die momentane Wichtigkeit, die es ihm verschafft, und angespornt durch die sportliche Seite der Sache, weigert er sich nicht, Schlange zu stehen, um seinen Stimmzettel einzuwerfen. Es genügt, dass der Wind der „Einheit“ wieder zu wehen beginnt, damit alle seine anscheinend verlorenen Illusionen wieder zurückkehren. Es spielt keine Rolle, dass die Linke regelmässig die Hoffnungen der Massen verraten hat, dass die Sozialdemokraten sie 1914 ins Schlachthaus schickten, dass die Linke an allen bürgerlichen Schwindeleien teilnimmt und die Repression in den Kolonien unterstützt. Was die angeblichen Kommunisten betrifft, sobald sie Zugang zur Macht haben, interessieren sie die Arbeiterinteressen nicht mehr: Sie rufen dazu auf, sich die Ärmel hochzukrempeln und zögern nicht, das Proletariat physisch niederzuschlagen wie in Kronstadt, Barcelona oder Budapest. Doch was weiss der Arbeiter schon von der Geschichte der proletarischen Kämpfe? Von der Pariser Kommune, der russischen Revolution, den Streiks während der Volksfront kennt er nur den Bilderbogen, welche ihm die politischen Apparate und die linken Pädagogen zusammengestellt haben.

Als Mitglied einer stalinistischen Partei wird der „Arbeiter“ die übermässigen Profite der Monopole und die schändlichen Spekulationen der Immobilienhaie verurteilen. Doch in seinem Kopf erkennt er nicht wirklich die Natur des Profits und die Funktion des Bosses. Er wird nur Diebstahl, Parasiten, Missbrauch der „Elite“ sehen und nicht wirtschaftliche Funktionen, die man liquidieren muss, indem man ihre Grundlage untergräbt: Kapital und Lohnarbeit. Sobald man von einem sozialistischen Modellstaat spricht, sei es Schweden oder Kuba, je nach Geschmack, scheinen ihm dessen Profite, dessen Prunk, dessen prächtige Büros, dessen Datschas im Dienste des Volkes sofort viel ehrlicher. Sobald irgend ein fetter Bürokrat ein „Anführer der Arbeiterbewegung“ ist, wird sein Lebensstandard sofort zu einer Frage der Würde des Arbeiters. In den Ländern, wo das Proletariat seine Diktatur ausübt, wie gross muss dort die Befriedigung des Arbeiters sein, frühmorgens in der Fabrik, wenn er eintrudelt und vor seinem Vorarbeiter seinen Hut zieht, zu wissen, dass er faktisch Eigentümer seiner Unternehmung und letztendlich höher gestellt ist als seine Vorgesetzten?

Der Feind des Proletariats ist nicht so sehr die Macht des Kapitalisten oder der Bürokraten, sondern eher die Tatsache, dass die wirtschaftlichen Gesetze die menschlichen Bedürfnisse, Tätigkeiten und das menschliche Leben diktieren. Die moderne Konterrevolution hat die Verteidigung der proletarischen Bedingung und nicht die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Privilegien zum Kern. Es ist im Namen des Proletariats und der wirtschaftlichen Notwendigkeiten, mit Hilfe seiner politischen und gewerkschaftlichen Repräsentanten, womit man versucht, die bürgerliche Gesellschaft zu retten.

Die Einrichtung der Knechtschaft

Der Protest und die Forderung sind auch Teil der Rolle des Arbeiters und seiner Ohnmacht. Eine Ohnmacht, Entkoppelung von seiner Wirklichkeit und Abwesenheit von Perspektiven, zu welchen ihn allen voran seine Arbeit konditioniert. Passiv und isoliert akzeptiert er, das Heil in den bürokratischen Apparaten zu suchen und glaubt, dass er in ihnen die Kohäsion findet, die ihm fehlt.

Wenn der Arbeiter, innerhalb dieser „verantwortungsbewussten Organisationen“, fordert, billigt er die Grundlage seines Elends. Was fordert er? Brot? Raum? Maschinen? Die nötigen Mittel, um sein Leben geniessen zu können, seine Freunde zu treffen, mit ihnen zu agieren und zu produzieren? Nein. Was er dickköpfig fordert, ist die Garantie, arbeiten zu können, sich in der Strafkolonie der Lohnarbeit ausbeuten lassen zu können, damit im Gegenzug das Rentenalter gesenkt wird, damit die Jungen von ihrem Recht auf Arbeit profitieren und die Alten ihr Begräbnis vorbereiten können. Finden wir uns damit ab, dass der Arbeiter von den wirtschaftlichen Gegebenheiten gezwungen ist, sich zu verkaufen, um überleben zu können; natürlich versucht er, einmal bei der Arbeit angekommen, alles mögliche, um nicht seine Gesundheit zu ruinieren, weiterhin ihm nützlichen Tätigkeiten nachzugehen und die Zeit zu reduzieren, während welcher er ausgebeutet wird. Diese Haltungen, die faktisch den wirtschaftlichen Gegebenheiten Rechnung tragen müssen, haben nichts zu tun mit der Forderung eines Rechts auf Arbeit und auf Rente.

Die Reformen sind nicht Errungenschaften des Proletariats, sondern Korrekturen, welche das System notwendigerweise vornehmen muss, um sein Überleben und seinen Fortschritt zu garantieren. Meistens liquidiert es – manchmal unter dem Druck der Massen – nur Archaismen. Der Arbeiterreformismus ist nur Steigbügelhalter der Entwicklung des Kapitals, besonders jener, die Arbeitskraft zu ihrer intensiveren Ausbeutung relativ gut zu behandeln.

Die Krise und die mit ihr verbundenen Unruhen sind ein Moment der Hoffnung für die Karrieristen und die Bürokraten. Sie versuchen sich an die Plätze an der Sonne heranzuschleichen, welche durch die Handlung des Proletariats frei geworden sind. Wir sahen das insbesondere während der russischen Revolution, wo die bolschewistische Partei die lebhaften Kräfte der Revolution zurückdrängte, manchmal militärisch, um die kapitalistische Ordnung und die Disziplin in den Fabriken wiederherzustellen: doch auch während der deutschen Revolution (1918-1923), der spanischen (1936-1937)...

Jene, welche ihre Macht als Vermittler der Arbeitskraft auf die Ohnmacht und die Atomisierung des Proletariats gründen, sind die Verteidiger der Ausbeutungsgesellschaft. Sie haben die Verwaltung der proletarischen Bedingung zum Programm. Sie können schon schreien „Es lebe das Proletariat!“, denn genau vom Proletariat leben sie auch! Diese Erben des Scheiterns der proletarischen Aufstände zeigen sich ohne Scham, denn sie wurden durch ihre Beerdigung zu neuer Blüte gebracht.

Eine grosse Illusion, die Selbstverwaltung

Das Kapital hat alle gesellschaftlichen Verhältnisse vermarktet. Doch diese Bewegung selbst hat es alle Regulierungsmechanismen des Systems und alle ihm zugrunde liegenden instabilen Gleichgewichte der Akkumulation geschwächt, seien es die monetären, die gesellschaftlichen, die demographischen oder die ökologischen. Die Krise von 1929 folgte auf die Niederschlagung des Proletariats (Scheitern der revolutionären Periode der 1920er Jahre), jene, welche wir erleben, ereignet sich unerwartet zu einer Zeit, wo das Proletariat seine Macht wiederentdeckt und eine entscheidende Konfrontation bevorsteht.

Das kapitalistische Universum basiert auf dem Proletariat wie keine andere Klassengesellschaft davor auf ihren Sklaven basierte. Die fundamentale Klasse des Kapitalismus ist das Proletariat, nicht die Bourgeoisie. Solange es das Proletariat gibt, gibt es den Kapitalismus und es ist übrigens der revolutionäre Charakter des Kapitalismus, das Proletariat zu vergrössern, jene Klasse, welche die Auflösung aller Klassen ausdrückt, jene Klasse, welche ihre Menschlichkeit nur zurückerobern und ihre Welt sich aneignen kann, indem sie die eigene Bedingung umstürzt und das Kapital zerstört.

Das Proletariat ist umso mehr dazu gedrängt, zu handeln, da mit der Krise die Arbeiterbewegung nicht mehr fähig ist, die Lohnarbeit einzurichten. Im Vergleich zu ihren Ahnen und den Armen der Dritten Welt sind die Ausgebeuteten der entwickelten Länder relativ verwöhnt. Die kommende revolutionäre Veränderung wird jedoch von ihnen abhängen, denn die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was möglich wäre, ist grösser denn je. Diese Diskrepanz, ob sie sich dessen mehr oder weniger bewusst sein mögen, ist sowieso ein Widerspruch, welcher sie zum Handeln antreiben und sie, um sich von der Situation zu befreien, umso mehr dazu antreiben wird.

Mangels der Möglichkeit, den Enteigneten eine bürgerliche, eigentümerische, moralische oder religiöse Ideologie entgegenzusetzen, setzt man ihnen eine proletarische Ideologie entgegen: der Sozialismus, die Selbstverwaltung. Die Verallgemeinerung der Lohnarbeit hat die alten Werte des Eigentums zerstört und zwingt das Kapital dazu, den Zugang zu Verantwortlichkeiten, die Bereicherung der Aufgaben, die Demokratisierung der Macht im Unternehmen, die Beteiligung hervorzuheben. Umso mehr, wenn durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Kompensierung mit barem Geld etwas schmerzhafter wird.

Das Problem der Verwaltung kann nur in einem zerstückelten und atomisierten Universum, in welchem die Menschen gegenüber der wirtschaftlichen Notwendigkeit machtlos sind, zu einem zentralen Problem werden. Die Selbstverwalter und andere Apostel der Arbeiterkontrolle wollen die Arbeiter mit „ihrem“ Unternehmen verbinden. Konkret präsentiert sich das als Handlung von Komitees in jedem Unternehmen, welche die Bilanzen genau unter die Lupe nehmen, den Boss oder die Führungsspitze kontrollieren, die Produktion und die Handelsaktivitäten überwachen. Man geht also von einer Art ewigen Wirtschaft aus, deren Gesetze unter dem Kapitalismus oder dem Kommunismus mehr oder weniger gleich sind: Die Arbeiter müssen deshalb die Regeln der Verwaltung und des Handels lernen. Die Logik der Ware setzt sich durch und bestimmt alles: was hergestellt wird, wie usw. Doch das Problem des Proletariats ist nicht, die „Konzeption“ von jenen Dingen zu beanspruchen, welche es heute einzig „herstellen“ darf.

Im besten Fall wäre seine Lösung die Selbstverwaltung des Kapitals. Das Beispiel Lip [1] ist aussagekräftig: Die vorher vom Boss ausgeführten Aufgaben werden zu Aufgaben der Arbeiter. Zusätzlich zum Herstellungsprozess sind sie auch noch für die Vermarktung zuständig. Doch alle durch die „Verwaltung“ aufgeworfenen Probleme sind absolut unterschiedlich in einer Gesellschaft, die keine Warengesellschaft mehr ist. Deshalb ist die Arbeiterkontrolle eine Absurdität: Sie kann den Arbeitern nur die kapitalistische Verwaltung lehren, was auch immer die Absichten derjenigen sein mögen, welche sie ausführen.

Gepriesen von den modernen Ideologen schmückt sich die Selbstverwaltung mit dem Reiz der Utopie. Doch welch trauriger Traum ist diese Mischung aus Verwirrung eines Kapitalismus ohne Kapitalisten und der Lächerlichkeit, zu glauben, die Arbeiter wären morgen voller Enthusiasmus, für etwas, das sie heute völlig kalt lässt: die Aufrechterhaltung der Lohnarbeit...Gegenüber zukünftigen Exzessen sieht die demokratische Linke in der Selbstverwaltung einen Diskurs, welcher ihr erlaubt, sich zu stärken, vollendeter zu sein, eine Bewegung aufzusaugen, welche bedrohlich scheint.

ES LEBE DER KOMMUNISMUS

Der gestammelte Kommunismus

Was die Presse und das Fernsehen als „Klassenkampf“, Arbeiterkampf präsentieren ist häufig nur ein vorgefertigtes politisch-gewerkschaftliches Spektakel. Die wirkliche Macht der Arbeiterklasse und die Angst, welche sie hervorrufen kann, drückt sich auf effizientere und unterschwelligere Art und Weise aus. Die Haltungen des Ungehorsams, die Verweigerung der Arbeit wirken sich stärker aus, sogar auf das Lohnniveau, als die rituellen Umzüge am 1. Mai. Es existiert eine Komplizität zwischen den verschiedenen Mächten, welche sich die Gesellschaft teilen, um den sozialen Krieg zu verbergen, von welchem sie alle bedroht sind.

Durch ihre Situation, durch die enormen Massen an Kapital, die sie beseelen müssen, durch das Niveau an Integration aller produktiven und wirtschaftlichen Handlungen verfügen die Arbeiter über grossartige Aktions- und Druckmittel. Nicht zu vergleichen mit jenen, welche die Unterdrückten früher zur Verfügung hatten und doch fehlt ihnen meistens das Bewusstsein über diese Macht. Es handelt sich nicht um eine abstrakte Macht, welche die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit besässe, sondern um Mittel, über welche sogar beschränkte Gruppen aufgrund ihrer Klassensituation verfügen. Durch den Streik, die Sabotage, den Ungehorsam aller Art können die Arbeiter die Kapitalverwertung bedrohen. Sie sind in der Lage, die Produktion dieses unerlässlichen Gutes oder jener unerlässlichen Dienstleistung zu blockieren, grosse Fabrikkomplexe lahmzulegen, die Produktion für sich selbst abzuzweigen.

Diese Macht kann auf einem höheren Niveau eingesetzt werden, um anderen Unannehmlichkeiten zu ersparen. Ein Streik der Transportmittel führt zum Verlust von Arbeitstagen. Dumm gelaufen für die Arbeitswütenden. Es existieren andere Druckmittel, um dafür zu sorgen, dass diese Tage trotzdem bezahlt werden. Einige Streiks der Transportmittel führten zu einem schlichten Stopp der Zahlungskontrollen. Wie wär’s mit Gratisverteilung gewisser Produke, Postangestellten, welche die Briefe nicht mehr abstempeln, Kassiererinnen, welche aufhören zu arbeiten und den Kunden erlauben, ohne Bezahlung zu gehen, Angestellten, welche wichtige Papiere zerstören? Aussergewöhnliche Handlungsmöglichkeiten bestehen praktisch überall. Es fehlt an Dreistigkeit, Absprachen, wahrer Vorliebe für die Effizienz und das Spiel.

Es ist schon bezeichnend, dass Ausschreitungen heutzutage regelmässig, ob sie in den USA, Polen, London oder Kairo stattfinden, in den Angriff der Geschäfte münden. Ein Stromausfall in New York im Juli 1977 [2] und sogleich nahmen respektable Familienväter Seite an Seite mit den „Schurken“ an den Plünderungen der Unternehmen teil.

Unter allen Umständen das vom Gewerkschafter heissgeliebte Arbeitswerkzeug zu verteidigen, vor einem Streik zu warnen, Warnstreiks zu machen, das Eigentum der Bosse oder des Staates zu beschützen, bedeutet, dem Fetischismus des Kapitals nachzugeben und sein Gefangener zu bleiben, es bedeutet auch, nicht zu benutzen, was dieses in die Hände der Proletarier legt. Die Arbeiter, für welche das Arbeitswerkzeug nichts heiliges mehr ist, das man unter keinen Umständen für andere Zwecke brauchen sollte, jene, welche es nicht mehr akzeptieren, ihr Leben einem Fetisch zu opfern, werden zum gegebenen Moment am besten wissen, wie die Instrumente eingesetzt werden können, welche das Kapital ihnen zur Verfügung stellt. Sie werden fähig sein, alles, was für die revolutionären Aufgaben notwendig ist, in Gang zu bringen: sich kleiden, sich ernähren, sich vereinen – leben.

Wenn die Arbeiter die Maschinen zu ihrem Profit nutzen, zeichnen sich eine Tätigkeit und eine Gemeinschaft ab, welche der Lohnarbeit entwischen. Die Anweisung „Dies muss getan werden!“ wird mit der Frage „Was können wir tun?“ ersetzt. Diese Arbeit, wenn sie auch ein Selbstzweck ist, ist insofern nicht ziellos. Die Möglichkeiten sind nicht unendlich, doch der Arbeiter, welcher für sich selbst arbeitet, braucht seinen Kopf, informiert sich. Er inspiziert das zur Verfügung stehende Material, prüft die ungenutzten Möglichkeiten jenseits jener, welche seine Maschine bietet: jene der kleinen Hilfsmaschinen, der Plattenschneidmaschine in der Ecke der Werkstatt, der Schleifscheibe, der verfügbaren Werkzeuge; und er entscheidet. Diese bescheidene, versteckt ausgeführte Arbeit für sich selbst ist der Keim der freien und kreativen Arbeit: Das ist das Geheimnis dieser Leidenschaft.

Wenn die Arbeiter gegen das Kapital handeln, ist ihre Aktion nicht mehr schlicht ein Mittel, sondern auch die Skizze von etwas anderem, einer Welt, wo die menschliche Tätigkeit nicht mehr angekettet, sondern befreit, nicht mehr der Produktion von Reichtum untergeordnet, sondern bereichert und Ausdruck des Reichtums selbst sein wird. Im Kampf wird der Arbeiter wieder Meister über sich selbst und übernimmt wieder die Kontrolle seiner eigenen Handgriffe. Der heilige Charakter des Arbeitswerkzeugs und die unterdrückende Ernsthaftigkeit der Fabrik brechen zusammen. Mit der Sabotage, und generell mit allen Arten, direkt die Organisation der Arbeit anzugreifen, taucht die Freude wieder auf.

Die wieder auftauchende Initiative, die neuen Bande, die Rassismen aller Arten, welche zurücktreten, die Unentgeltlichkeit der Gesten und Gefühle sind gleichbedeutend mit der neu entstehenden Gemeinschaft. Die revoltierenden Proletarier bringen einen unendlich viel reicheren Gebrauch ihres Lebens, ihrer Zeit und des flüchtig beherrschten Raums hervor. Die Bekräftigung ihres menschlichen Lebens, statt einem Leben für das Kapital, ist unmittelbar kommunistisch.

Drang nach Kommunismus

Der Drang nach menschlicher Gemeinschaft ist der Kern des Kommunismus. Die Beschreibungen der Utopisten zeigten schon den historischen Drang nach Kommunismus und machten daraus eine unmittelbare Forderung, in Übereinstimmung mit seiner tiefen Natur. Doch der Kommunismus ist nicht von Denkern erfunden worden. Es ist der alte Drang nach Überfluss und Gemeinschaft, welcher in den Sklavenaufständen der Antike genau wie in den Bauernaufständen im Mittelalter präsent war.

Der Kapitalismus versucht, jede Spur des Kommunismus zu verwischen. Doch auch die am stärksten integrierte und servilste Tätigkeit nährt sich von Beteiligung, Kommunikation, Initiative, obwohl diese Fähigkeiten sich nicht entfalten können. Die Notwendigkeit des Lohns reicht nicht, damit der Arbeiter funktioniert. Er muss auch seinen Teil dazu beitragen.

Der Kommunismus ist nicht eine starre Form sozialer Organisation. Man baut ihn nicht auf, wie es jene behaupten, welche Luftschlösser bauen. Er taucht ständig in der menschlichen Tätigkeit auf, auch wenn er sich nur manchmal entwickeln kann. Je mehr die Tätigkeit gegen das Kapital gerichtet ist, desto eher tendiert sie dazu, den Kommunismus hervortreten zu lassen. Wenn die Menschen wieder Erfahrungen, die sie einander mitteilen können, wieder Dinge zu sagen und zu tun haben, ist das Bewusstsein nicht mehr der passive Widerschein von vereisten Repräsentationen und Situationen. Je mehr sich der Kampf vertieft, desto mehr sind die Beteiligten von ihren Vorurteilen und ihrer Kleinlichkeit befreit. Ihr Bewusstsein entspannt sich und sie werfen einen neuen und erstaunten Blick auf ihre Wirklichkeit und ihre Existenz.

Die Proletarier können sich nicht Stücke der Produktionsmittel und eine total zerbröckelte Tätigkeit wieder aneignen, sie müssen sich zusammenschliessen und zusammenlegen.Doch jenseits dieser Bewegung der Wiederaneignung und der Zusammenlegung entwickelt sich eine neue Tätigkeit, neue Beziehungen entstehen, begrabene Leidenschaften erwachen, die Herrschaftsbeziehung der Dinge über die Menschen wird umgestossen.

Das kapitalistische System basiert auf der Opposition zwischen Produktion und Konsum. Hat der Proletarier nicht eine doppelte Existenz? Unter Druck, gemessen, ächzend wenn er schuftet; und beansprucht, umschmeichelt, getäuscht wenn er konsumiert. Für den Kommunismus ist nicht unbedingt die maximale Reduktion der Arbeitszeit das wichtigste, sondern die Enthüllung der vorgetäuschten Opposition zwischen Arbeit und Freizeit. Die Urgesellschaften benutzten das gleiche Wort für Arbeit und Spiel. Ab sofort kann man die Jagd, das Sammeln, die Gartenarbeit als etwas anderes als Arbeit konzipieren, obwohl sie produktive Tätigkeiten bleiben. Das gleiche gilt für die mit der Industrie verbundenen Tätigkeiten, doch das kalte Metall des Maschinenbetriebs macht unserer Vorstellungskraft schwer zu schaffen, nicht zuletzt weil diese Aufgaben nur auch zu Quellen des Vergnügens werden können mit der Emanzipation der gesamten Menschheit.

Durch unaufhörliche technologische Innovationen, durch die Rationalisierung des Gebrauchs der Arbeitskraft hat der Kapitalismus die produktive Effizienz gesteigert. Die Verkürzung der Arbeitszeit: Die Standardisierung der Teile, die Austauschbarkeit der Aufgaben, das ist es, was die Menschheit hetzt. Einige geben ihren Kommentar ab, indem sie sagen, der Fortschritt führe zu einer besseren Qualifikation. Und zitieren zum Beweis die Zunahme der Anzahl Ingenieure im ganzen 20. Jahrhundert. Doch sie vergessen, zu präzisieren, dass in den USA jene der Türsteher in der gleichen Zeit genauso zugenommen hat...Der Wettlauf nach Produktivität hat faktisch den Verfall, die Entwertung der Arbeit vertieft.

Die wissenschaftlichen und technischen Realisierungen zeigen, dass der Mangel direkt aus dem Überfluss resultiert. Während die Staus das Auto in Frage stellen, der pharmazeutische Konsum die Gesundheit, die Zerstörung der Natur ihre Vermenschlichung, betrifft der Bruch den Gebrauch der Waren als solches. Wieso sollten wir uns fortbewegen, wenn im System der Dinge niemand mehr zu treffen ist? Der Konsum, trotz allen falschen Versprechungen der Werbung, kann sich nicht mehr als Heilmittel gegen das Elend erweisen. Die Kolonialisierung der Ware und des Geldes des ganzen gesellschaftlichen Lebens hat die traditionellen Werte und den Respekt der Institutionen untergraben. Das intimste Elend erweist sich selbst als vom Kapital geprägt. Doch dessen Zerstörung ist auch eine Befreiung und eine Vervielfältigung der Wünsche.

Der Kommunismus ist nur möglich dank der Urbarmachung des Kapitalismus. Er ist nicht die Verteidigung der Proletarier, sondern die Aufhebung der proletarischen Bedingung. Sein Ziel ist weder die Machtergreifung der Arbeiter, noch die Lohngleichheit der gesamten Bevölkerung. Er setzt der Lohnsklaverei, dem Produktivismus, der Opposition Arbeit/Freizeit ein Ende. Er erlaubt die Wiedervereinigung der menschlichen Tätigkeit auf der Grundlage aller technischen und menschlichen Errungenschaften. Der Arbeiter ist nicht mehr an seine Fabrik angekettet, der Kader nicht mehr an seinen Aktenkoffer gefesselt. Der Handlungsbedarf ist nicht mehr dem Geldbedarf unterworfen.

Aufhebung der Arbeit und des Tausches

Die menschliche Gemeinschaft und das Ende der Unternehmung als Einheit des produktiven Lebens führen zum Ende des Tausches. Die Abschaffung des Geldes bedeutet nicht, zur primitiven Form des Tauschhandels zurückzukehren. Die Gegenstände zirkulieren nicht in eine Richtung, mit dem Ziel, durch die Zirkulation anderer Gegenstände in die gegenteilige Richtung kompensiert zu werden. Sie werden direkt bedarfsgerecht verteilt, konzipiert und produziert, um die gesellschaftlich produktivsten Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Für einige Banker und gewisse Ideologen ist es offensichtlich, dass es nie ohne Geld gehen wird: Es ist für den sozialen Körper, was das Blut für den menschlichen Körper ist. Man muss jedoch nicht weit zurückgehen, um auf eine Zeit zu stossen, wo die grosse Mehrheit einer bäuerlichen Menschheit allen voran produziert, um ihre familiären Bedürfnisse zu befriedigen und fast keinen monetären Tausch praktizierte.

Heutzutage resultiert der Zwang, seine Arbeitskraft zu verkaufen, nicht aus einer direkten und persönlichen Macht, sondern aus einer wirtschaftlichen und anonymen. Durch den Geldbedarf scheint es, als ob es die Diktatur ihrer eigenen Bedürfnisse wäre, welche ihnen auferlegt, zur Maloche zu gehen, als ob es eine natürliche Tatsache wäre.

Die Trennung zwischen den Menschen ist dermassen tief, dass das Geld, dieses abstrakte gesellschaftliche Bindeglied, als einzige Ware erscheint, die wirklich gemeinschaftlich ist, es geht unterschieds- und geruchslos von Hand zu Hand. Die Menschheit kann nur ohne Kohle, diese abstrakte, unpersönliche Beziehung, auskommen, indem sie sich konkret im kommunistischen Zusammenschluss vereint. Heutzutage misst man meinen persönlichen Beitrag nur abhängig von meiner persönlichen Bezahlung: Mit dem Zusammenschluss verschwindet der Begriff selbst der Gegenleistung, da meine Befriedigung gleichbedeutend mit der Bereicherung der Entwicklung der Gemeinschaft ist.

Der Kommunismus ist nicht einfach die Verallgemeinerung der Unentgeltlichkeit, die Welt so wie sie ist minus das Geld, ein gigantischer Selbstbedienungsladen. Er beseitigt weder die schmerzhaften Entscheidungen, noch die Anstrengungen. Seine Verwirklichung wird nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen: Sie für einfach zu halten ist genauso trügerisch wie zu behaupten, sie sei unmöglich. Die über Jahrtausende andauernden Klassenkämpfe und die proletarischen Aufstände zeigen die Notwendigkeit des Kommunismus. Und es ist weniger die Stärke der Beherrscher, sondern die Unermesslichkeit der Aufgabe, welche zum Scheitern führte. Es gilt, einen enormen Sprung zu vollbringen und nur dieser Sprung garantiert den Sieg der proletarischen Klasse und bedeutet gleichzeitig ihre Negation.

Die Techniken, welche die Invasion aller Aspekte des Lebens durch die Ware unterstützen, erlauben es, alle für die Befriedigung der wesentlichen Bedürfnisse notwendigen Güter unentgeltlich zu liefern. Für die industrialisierten Länder ist es unmittelbar möglich jedem Nahrung, Kleidung, Wohnraum, Transportmittel und eine Serie weiterer ausgearbeiteter Produkte zur Verfügung zu stellen, doch das könnte schnell auf den Rest des Planeten ausgedehnt werden. Zudem führt das Ende der Ware, welche eine gigantische Transformation des Inhalts der Produktion und des Gebrauchs der Güter voraussetzt, zu einem Ende der Trennung Luxus/Notwendigkeit.

Der Einsatz der Automatisierung ist zwar momentan auf einige Industrien (Stahl, Petrochemie usw.) beschränkt, doch die Kommunisierung wird zu einem breiteren Gebrauch der Automatismen führen, welche, wenn sie auch nicht unbedingt in ihren Prinzipien einfach, so doch zumindest mühelos auf etliche andere Tätigkeiten anwendbar sind. Der moderne Maschinenbetrieb (siehe die elektronische Fernbedienung) erlaubt es nicht nur, die Produktivität zu erhöhen, die menschlichen Interventionen zu beschränken, sondern auch den Zugang zu den maschinellen Werkzeugen zu verallgemeinern. Die massive, möglichst automatisierte Herstellung von standardisierten Gebrauchsgütern verhindert keineswegs das Inverkehrbringen von Rohstoffen, Werkzeugen und Maschinen, welche dazu dienen, sie zu verändern. Wir müssen der Herrschaft des Vorverdauten ein Ende machen, damit jeder nach seinem Geschmack tätig werden kann, das Bedürfnis nach Quantität steht nicht mehr im Widerspruch zur Forderung nach Qualität.

So macht die übertriebene Spezialisierung der Vielseitigkeit Platz. Man ist gleichzeitig Arbeiter, Bauer, Künstler und Wissenschaftler; jenseits all dieser engen und primitiven Kategorien. Die Produktion schliesst die Experimente, die Kontakte und den „Zeitverlust“ nicht mehr aus und die Lehre verlässt die schulischen und universitären Ghettos, um mit der Bewegung selbst der produktiven Tätigkeit zu verschmelzen.

In Richtung Aufstand

Die Kommunisierung führt durch das Wiederauftauchen der revolutionären Räte, welche die proletarischen Aufstände dieses Jahrhunderts in embryonalen Zustand aufschimmern liessen. Wenn die Räte sich in den Quartieren entwickeln, werden die Produktionseinheiten, diese Art des Zusammenschlusses, welche direkt von den schreienden Massen ausgeht, die praktische Organisation und die Kontrolle der notwendigen Aufgaben regeln und dadurch gezwungen, die Organe der politischen Repräsentation kurzzuschliessen.

Die Räte der Vergangenheit, trotz ihrer Makel und ihrer Zaghaftigkeit, haben die Fähigkeit der Arbeiter gezeigt, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Die Räte zeigten sich von ihrer besten Seite wenn sie schnell, klar und hart auf ihre Feinde reagieren mussten. Sie bildeten sich direkt als Organisation des Kampfes. Doch häufig versandeten sie in der Verwaltung und im Warten. Es entstanden also die wunderbarsten Organisationen, doch im luftleeren Raum, ausserhalb der Imperative des Kampfes und der zu erledigenden Aufgaben. Diese Organe sind weder das Patentrezept, noch das Ziel der Revolution. Der Kommunismus ist nicht die Auswechslung der Macht der Bourgeoisie durch die Macht der Räte, der kapitalistischen Verwaltung durch die Arbeiterverwaltung. Sie bergen die Gefahr, zu einem Vorwand zu werden, um die Arbeiter weiterhin an die Unternehmung zu ketten, statt der Hebel zu sein, welcher die Abschottung des gesellschaftlichen Lebens aufsprengt, das Mittel, um sich zusammenzuschliessen und zu kommunisieren.

Das Treffen von Entscheidungen führt zu Meinungsverschiedenheiten. Der Kommunismus bedeutet nicht das Ende jeglicher Opposition, im Gegenteil, er macht sie fruchtbar, indem er ihren Inhalt verändert. Die Konflikte kommen nicht mehr von zu schützenden persönlichen Interessen, sondern von den Lösungen, welche jeder vorschlägt, um dem gemeinsamen Interesse gerecht zu werden. Es sind diese Meinungsverschiedenheiten selbst, welche es erlauben werden, die durch die Räte angeregten Handlungsmöglichkeiten zu vergleichen, ohne deshalb in Debatten parlamentarischen Stils zurückzufallen.

Das Ziel der kommunistischen Revolution ist es nicht, ein demokratisches oder diktatorisches Machtsystem zu gründen, sondern eine andere Tätigkeit. Das Problem der Macht taucht auf, wenn die Menschen die Fähigkeit verlieren, sich selber und ihre Umwelt zu verändern, wenn sie gezwungen sind, für ein anderes Ziel als den Inhalt ihrer Tätigkeit zu handeln.

Die kommunistische Revolution strebt nicht nach Macht, doch sie muss ihre Massnahmen verwirklichen können. Sie löst die Frage, weil sie deren Ursache angeht: Sie ist Aneignung aller materiellen Lebensbedingungen. Durch die Zerreissung der Fesseln der Abhängigkeit und der Isolation wird die Revolution den Staat und die Politik zerstören. Diese Zerstörung ist nicht automatisch. Er wird nicht langsam verschwinden, nicht nach und nach durch die Ausbreitung der Sphäre von Tätigkeiten ohne Handel und Lohn. Oder besser gesagt, diese Sphäre wäre sehr zerbrechlich, wenn sie den Staat neben sich duldet, wie das die Linken und die Umweltschützer wollen. Eine der Aufgaben der Revolutionäre ist es, Massnahmen zu ergreifen, welche die Macht des Staates untergraben und eine unumkehrbare Situation erzeugen. Zum Beispiel griffe die Zerstörung aller Fichen des Zivilstandsregisters und anderer Bevölkerungsregister diverser Verwaltungen wirtschaftliche und repressive Funktionen an. Die Zentralisierungsprozesse durch Computer und Mikrofilm machen die Staatsmaschine letztendlich verwundbarer.

Der Kommunismus ist die zentrale Frage und die Waffe des Aufstands. Der Sieg des Proletariats hängt von seiner Fähigkeit ab, die Wirtschaft und seine Bedingung zu revolutionieren. Im sozialen Krieg ist das anfängliche militärische Kräfteverhältnis nicht entscheidend. Die Revolution muss die Armee dazu bringen, nichts mehr zu verteidigen zu haben und ihre materielle Grundlage untergraben. Die Zerschlagung der Einkasernierung der Soldaten durch Demonstrationen der Verbrüderung kann beispielsweise effizienter sein als chaotische Angriffe. Sie verfügt zwar über eine schlimmere destruktive Macht als je zuvor, doch die Armee ist auch konfrontiert mit der Zersetzung ihrer traditionellen Werte, da sie in der modernen Welt zu Fremdkörpern werden. Durch das Wesen ihrer Waffen und ihres technischen Apparats ist sie abhängig von der wirtschaftlichen Basis wie nie zuvor. Wenn die Produzenten auf kohärente und entschiedene Art und Weise ihre Macht einsetzen, haben sie die Möglichkeit, ihre Gegner hungern zu lassen, zu entmutigen, zu spalten, zu lähmen, niederzuschlagen. Wenn sie aus ihrer Position und der anfänglichen Verwirrung des Feindes keinen Vorteil ziehen, um das Kapital dort, wo es verwundbar ist, anzugreifen, werden es sie sein, welche zu einem einfachen Ziel für die ideologische und politische und danach für die militärische Konterrevolution werden.

Die revolutionäre Gewalt ist ein gesellschaftliches Verhältnis, welches die Wesen erschüttert und aus den Menschen Subjekte ihrer eigenen Geschichte macht. Doch die Aufständischen begäben sich auf feindliches Terrain, wenn sie sich die Logik der Konfrontation eines Lagers gegen das andere zu eigen machen, versuchen, ein Kräfteverhältnis zu stabilisieren und „Errungenschaften“ zu schützen. Der Aufstand würde sich somit zu einem Bürgerkrieg pervertieren, ein fataler Schritt, der einzig und allein die Ursache des Scheiterns der revolutionären Vergangenheit reproduzieren würde (Kommunarden – Versailles, Anarchisten – Franquisten...). Angesichts eines Gegners, der in einer militaristischen Konzeption der Konfrontation gefangen ist, haben die Aufständischen ihre Beweglichkeit und ihre Mobilität als Trümpfe. Der Aufstand fürchtet sich nicht davor, die Leidenschaften, die Fantasie, die Verwegenheit aufs Spiel zu setzen und muss sich stets auf seine eigene Dynamik stützen: die Kommunisierung.

Viele wissen vage, dass wir das Ende einer Welt erleben, auch wenn sie noch nicht wissen, was kommen wird: Die Bewegung hatte noch nicht die Kraft, ihren Inhalt sichtbar zu machen und ihre Perspektiven zu bekräftigen. Jene, welche die kapitalistische Barbarei immer weniger aushalten, müssen entdecken, was sie anstreben: Die Welt, den Kommunismus, wovon ihre Revolte die Trägerin ist.

Proletarier, noch eine letzte Anstrengung, um es nicht mehr zu sein...

Les Amis du Potlatch [Die Freunde von Potlatch], 1979.

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Quelle

Anmerkungen

[1AdÜ: Nach der Ankündigung eines Entlassungsplans und dem Einfrieren der Löhne wird die Uhrenfabrik Lip in Besançon im Juni 1973 von den Arbeitern besetzt. Der Streik endet mit einem Abkommen, das Ende Januar 1974 unterzeichnet wird. Im April 1976 wird die Fabrik nach einer Konkursankündigung erneut bestreikt. Während beiden Kämpfen produzierten die Arbeiter Uhren in Selbstverwaltung. Lip wird trotzdem am 12. September 1977 liquidiert.

[2AdÜ: Am 13. und 14. Juli 1977 war fast die ganze Stadt New York von einem Stromausfall betroffen, der zu heftigen Plünderungen und Ausschreitungen führte. Nanni Balestrini thematisierte dieses Ereignis in seinem Gedicht Blackout.