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Kapitalismus, Gender und Kommunismus

Freitag 19. April 2013, von Webmaster

Das Vorwort und der Text sind der Zeitschrift Incendo entnommen, eine Zeitschrift aus Avignon. Letztes Jahr erschien eine Sondernummer zum Thema Gender und Klassen.

Vorwort

Erste Hand: „Der Kampf gegen das Patriarchat* zuerst!“
Zweite Hand: „Es ist wichtiger, das Kapital zu zerstören!“
Letzte Hand: „Statt gegen das Patriarchat oder gegen den Kapitalismus zu kämpfen, würden wir besser für den Kommunismus* kämpfen, das wäre einfacher, oder nicht?“

Gesehen auf der Mauer im Klo eines Squats in Avignon 2007.
 
Einige werden sich fragen, was uns dazu brachte, eine Spezialnummer den Verbindungen zwischen dem Verhältnis Männer/Frauen* (oder Genderfragen* (1), oder geschlechtliche Differenzierung*) und den Klassenverhältnissen, zwischen Männerherrschaft* und Kapitalismus zu widmen, ein eher kniffliges Thema. Die Erklärung liegt in den lebendigen und konfliktreichen Diskussionen über die Unterdrückung der Frauen, welche eine Zeit lang die Gruppe der Zeitschrift (wo die Frauen zur Zeit in der Minderheit sind) beschäftigten. Vereinfacht könnte man sagen, dass jene, für welche der Klassenkampf* prioritär ist gegen jene stehen, welche denken, dass die Genderfragen sichtbar gemacht und somit voran gestellt werden müssen. Diese Spaltung, welche manchmal in gegenseitiger Ignoranz gipfelt, haben wir in etlichen anderen Umständen angetroffen und sie scheint ziemlich verbreitet zu sein. Einerseits klammern viele „klassenkämpferische“ Theoretiker, Aktivisten und andere Engagierte Genderfragen und Probleme der Männerherrschaft aus, betrachten sie im besten Fall als sekundär und als automatisch gelöst in einer unvermeidlich rosigen Zukunft. Andererseits interessieren sich viele Feministinnen* kaum, nur formell oder überhaupt nicht für den Klassenkampf. Wir waren grundsätzlich nicht zufrieden mit den uns bekannten Positionen (die relevanten Texte und Analysen, mehrheitlich aus den 1970er Jahren, schienen uns etwas veraltet) und unsere Unkenntnis der gegenwärtigen Männerherrschaft, jenseits von Aktivistenklischees, war offenkundig. Aus unseren ersten Fragen folgte eine beeindruckende Serie weiterer Fragen zum Verhältnis zur kapitalistischen Produktionsweise: Welche Verbindungen zwischen Gender und Klassen*? Zwischen Patriarchat und Kapitalismus? Handelt es sich um zwei unterschiedliche Systeme? Hat das eine das andere hervorgebracht? Hat das eine das andere absorbiert (integriert)? Sind die Geschlechterrollen Klassen? Kann der Kapitalismus die Geschlechterrollen aufheben? Usw.

Wichtig für uns war es, eine Analyse des Verhältnisses zwischen Gender und Klassen in der heutigen Zeit zu wagen, insbesondere zu analysieren, wie sich dieses Verhältnis seit den 1970er Jahren entwickelt hat und was diese Entwicklung bedeutet. Es ist offensichtlich, dass die Männerherrschaft immer noch präsent ist (2). Was weniger offensichtlich ist, ist ihr eventuelles Verschwinden. Kann man sie zerstören? Wie? Was können die Rolle und der Einfluss der „Revolutionäre“ in diesem Verschwinden sein? Ist eine spezifische „antipatriarchale“ Aktion notwendig? Frauen unter sich? Usw. Es handelt sich für uns nicht um ein kleines intellektuelles Spiel, denn, wenn diese Fragen in einer revolutionären Perspektive von Bedeutung sind, dann haben sie auch einen Einfluss auf unsere alltägliche Praxis.

Wir sind schnell zum Schluss gekommen, dass es unmöglich ist (jenseits einer ethischen Position, die sich gegen jegliche Unterdrückung richtet), die Genderfrage in einer revolutionären Perspektive auszuklammern. Einerseits weil die geschlechtliche Differenzierung (d.h. die Aufteilung der Aufgaben nach Geschlecht oder Geschlechterrolle, die erste Arbeitsteilung), die einiges älter ist als der Kapitalismus, mit diesem unzertrennbar verbunden ist. Andererseits weil eine Gesellschaft, in welcher Formen der Hierarchie oder der gesellschaftlichen Herrschaft fortbestehen, wohl kaum als Kommunismus qualifiziert werden könnte.

Mit dieser Spezialnummer „Gender und Klassen“ geht es für uns darum, am Ende einer ersten Etappe der (stets lebendigen und konfliktreichen) Diskussionen unsere Überlegungen im jetzigen Zustand zu präsentieren. Da wir uns ihrer Bescheidenheit und ihres unvollendeten Charakters bewusst sind, liefern wir sie als Sammlung von Notizen und Denkanstössen, um zur Debatte beizutragen. Wir hätten gerne auch andere Aspekte dieser Frage berücksichtigt, wie die Familie, die Arbeiterinnenstreiks und der Platz der Frauen während Kämpfen, die geschlechtliche Differenzierung in anderen Regionen der Welt (3), die Sexualität und die sexuellen Identitäten (ein zentrales Problem), das Verhältnis zum Körper, seine Aneignung* durch die Medizin, Feminismus und Islam, das Verhältnis zum Recht, usw. Was uns natürlich antreibt, weiter zu machen, unsere Überlegungen weiter zu entwickeln und eure Reaktionen, Kritiken und Beiträge, die ihr uns sicher zukommen lassen werdet, zu berücksichtigen (4).

Die Bande von Incendo

1 Die Sterne verweisen auf die Begriffserklärungen.
2 Wir erstellen keine Bilanz der „Ungleichheiten“ zwischen Männern und Frauen in dieser Gesellschaft, eine solche findet man leicht, besonders in der aktivistischen oder bürgerlichen Presse jedes Jahr im März.
3 Wir sind uns bewusst, dass unsere Überlegungen nur die westliche Gesellschaft, und spezifischer Frankreich, zum Gegenstand haben und dass das ein Problem ist. Unsere Analyse ist also partiell, doch die Revolution wird sowieso nicht auf der ganzen Welt gleich ablaufen.
4 In maximal 140 Zeichen.

Kapitalismus, Gender und Kommunismus

Der Generalaufstand, der die Männer und die Frauen zerstören wird

Dieser Text präsentiert den aktuellen Stand unserer Reflexionen über die Frage des Verhältnisses zwischen Gender und Klassen. Er ist auch ein Versuch der Synthese der anderen Artikel und Texte dieser Nummer von Incendo. Er ist also weder starr, noch definitiv und als Beitrag zu einer notwendigen Debatte zu betrachten.

Einige geschichtliche Anhaltspunkte

Die Ursprünge (1)

Die geschlechtliche Differenzierung charakterisiert, so scheint es, alle Gesellschaften, welche existieren oder existierten. Sie impliziert notwendigerweise eine Zuweisung der Individuen an eine bestimmte gesellschaftliche Rolle, doch mit variablen „Graden“ der Männerherrschaft.

Es ist kaum möglich, die Erscheinung dieser geschlechtlichen Differenzierung genau historisch zu situieren oder zu erklären, vermutlich geht sie auf die Urgeschichte zurück. Die Mutterschaft und ihre Zwänge werden allgemein als Erklärung für den Ursprung der geschlechtlichen Differenzierung vorgebracht. Gemäss diesen Hypothesen hinderte die Schwangerschaft und das Stillen die „Frauen“ daran, voll an den anderen Aktivitäten der Gruppe teilzunehmen, beispielsweise an der Jagd. Der Schutz der schwangeren Frauen (der für das Überleben der Gruppe lebensnotwendig ist) soll sich zu einem „Schutz“ der Frauen aufgrund ihrer potentiellen reproduktiven* Fähigkeit entwickelt haben. Doch das erklärt uns nicht das Aufkommen der Gruppe der Frauen, was bedeutet, diese Gruppe als eine natürliche Einheit zu betrachten. Ebenso wird die Schwangerschaft als natürliches Phänomen betrachtet, und nicht als gesellschaftlich organisierter Prozess. Die geschlechtliche Differenzierung, welche in allen bekannten Gesellschaften existiert, hat in den Urgesellschaften diverse Formen angenommen. Obwohl die Männer in allen Fällen das Monopol auf die Waffen und die politische Macht inne haben, bedeutet das nicht automatisch eine totale Männerherrschaft (diese wird manchmal durch die wirtschaftliche Macht der Frauen ausgeglichen).

Gemäss Friedrich Engels, dessen Thesen einen grossen Einfluss auf die sozialistische Bewegung hatten, hat die Männerherrschaft ihren Ursprung im Aufkommen des Privateigentums (die Sesshaftigkeit und die Landwirtschaft erlauben die Bildung von aneigenbaren Mehrerträgen). Die Entdeckungen der Ethnologie stellen diese Sichtweise jedoch in Frage, denn man findet Formen der Männerherrschaft in gewissen Urgesellschaften (einschliesslich bei den Jägern und Sammlern), die allerdings wirtschaftlich egalitär sind (d.h. sie kennen keinen Reichtum und keine Armut).

Trotzdem bewirkt das Aufkommen (wirtschaftlich) nicht-egalitärer Gesellschaften eine Verstärkung der Männerherrschaft. In gewissen Gesellschaften, wo die Macht (mehr oder weniger) geteilt wurde, sind die Männer danach bevorteilt. Durch das Aufkommen des Privateigentums entsteht das Bedürfnis, das Erbe und die Abstammung abzusichern; daher die Notwendigkeit, die Reproduktion durch die Kontrolle des Bauches der Frau zu organisieren. Das äussert sich durch ihre Aneignung (wie Vieh) durch den Vater oder den Ehemann, durch die Familie und die Heirat. Wenn auch die Hierarchie zwischen Männern und Frauen je nach Organisation der Gesellschaft variabel ist, so wird jedoch die Männerherrschaft sehr klar mit dem Aufkommen der Klassengesellschaften.

Im Verlauf der Jahrtausende und in der Mehrheit der Gesellschaften institutionalisiert sich (Staat, Recht, Religion, Politik etc.) diese Männerherrschaft in verschiedenen Formen, um den Fortbestand und die Stabilität zu garantieren. Die Familie ist ein wesentliches Element, denn sie erlaubt die Abstammung/Nachkommenschaft und die Weitergabe des Erbes (welches lange prinzipiell aus Grundbesitz bestand) und somit, eine gewisse gesellschaftliche Stabilität zu garantieren (2). In diesem Sinne kann man von Patriarchat oder patriarchaler Gesellschaft sprechen (institutionalisierte Macht des Mannes als Familienoberhaupt).

Mittelalter und frühe Neuzeit (3)

Während dieser Periode ist die Bevölkerung mehrheitlich ländlich und bäuerlich. Der Haushalt (welcher der Familie entspricht) ist zu dieser Zeit eine Einheit der Produktion und der Reproduktion.

Die Frauen nehmen an den landwirtschaftlichen Tätigkeiten teil, entweder alleine (zum Beispiel im Gemüsegarten) oder mit den Männern. Ihre Aufgaben werden nicht notwendigerweise abgewertet, denn sie sind genauso wichtig für das Überleben und die Produktion (prinzipiell für den Familienkonsum und den Unterhalt des Adels und der Geistlichkeit bestimmt). Die von den Frauen realisierten Aufgaben, welche man heute als „Haushaltsaufgaben“ (Küche, Waschen, Putzen) qualifizieren würde, sind noch sehr beschränkt und nicht getrennt von den anderen Tätigkeiten. Die Kindererziehung (ein Begriff, der erst am Ende des 18. Jahrhunderts aufkommt (4)) war ebenfalls sehr dürftig. Obwohl die Frauen die Meisterinnen im Haus sind, sind die Männer die Familienoberhäupter (einer meistens sehr grossen Familie) mit sehr viel Macht. Die Sicht einer sehr düsteren Zeit, die besonders durch eine tief frauenfeindliche Religion gekennzeichnet ist (die Frauen als teuflische, seelenlose Wesen; Hexenjagd etc.), muss scheinbar nuanciert werden (5).

Es muss auch gesagt werden, dass die Frauen sehr aktiv sind (häufig in den ersten Reihen) in den Kämpfen, den Hungeraufständen, den Brotkämpfen, welche die frühneuzeitliche Periode kennzeichnen und in den Jahren 1789-1795 ihren Höhepunkt erreichen.

19. Jahrhundert (6)

Die Machtergreifung der Bourgeoisie bedeutet zuerst einmal eine Verschlechterung der Situation der Frauen. Etwas später führt der Code Napoléon (1804) ihre Minderwertigkeit sowie eine veritable Segregation ein: die Frauen haben fast kein Recht, ausser jenes, den Männern (ihrem Vater oder ihrem Mann) zu gehorchen, und sie werden als minderjährig betrachtet (und das bis 1965!)

Die Literatur und die Wissenschaft jener Zeit präsentieren sie mehrheitlich als minderwertige Wesen, die intellektuell und körperlich unfähig sind, etwas anderes zu tun als sich um Kinder und den Haushalt zu kümmern.

Gleichwohl erlaubt die neue egalitaristische bürgerliche Ideologie (besonders mit der Menschen- und Bürgerrechtserklärung) die Vorstellung einer formellen Gleichheit zwischen Männern und Frauen, eine zuvor unmögliche Hypothese. Die Ideologie der kapitalistischen Klasse (die sich entwickeln wird) wird logischerweise die vorherrschende Ideologie, was ihr die Absicherung ihrer Position und die Verewigung des Systems erlaubt: Freiheit, Demokratismus, Arbeitswert, Erfolg, Wettbewerb, Individualismus etc. Der kapitalistische Wurm steckt in der patriarchalen Frucht.

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts erschafft, indem sie den Arbeitern die Produktions- und Selbsterhaltungsmittel entwendet, eine wirkliche Trennung zwischen dem Ort der Produktion (Lohnarbeit/Fabrik/Männer) und dem Ort der Reproduktion (Haushalt/Frau). Die öffentliche (männliche) und die private (weibliche) Sphäre* entstehen. Das ist eine grosse Neuheit, welche das Verhältnis zwischen Männern und Frauen komplett neu organisieren wird (7).

Der expandierende Kapitalismus* stützt sich auf existierende Strukturen, besonders auf das Patriarchat (8). In einer ersten Phase wird die billige (maximal 50% eines Männerlohns) weibliche und kindliche Arbeitskraft von den Ausbeutern massiv eingesetzt. Doch in der Mitte des Jahrhunderts sahen die hellsichtigsten Elemente der kapitalistischen Klasse darin das Risiko einer körperlichen und moralischen „Degeneration“ der zukünftigen Proletarier* (die Arbeits- und Lebensbedingungen sind so hart, dass die Mehrheit der jungen Arbeiter vom Militärdienst dispensiert werden wegen zu geringer Grösse, Missbildungen, Krankheiten usw.). Ein Teil der Arbeiterinnen wird also in die Haushalte zurückgeschickt, um eine wirkliche Reproduktion der Arbeitskraft* (9) zu garantieren (Gesetz zur Regelung der Frauen- und Kinderarbeit): Das bedeutet die Geburt der Hausarbeit. Es ist nicht überraschend, dass diese Rolle den Frauen zufällt, denn der Kapitalismus hat sich auf präexistierende Organisations- und Herrschaftsweisen gestützt, in diesem Fall das Patriarchat, nicht ohne diese jedoch zu verändern. Nachdem die traditionelle Familie auf den Kopf gestellt und die Vaterfigur entstellt wurde (bei den Proletariern durch die Arbeit in der Fabrik), wird das bürgerliche Familienmodell gepriesen: Entstehung der privaten Sphäre (welche mit den Frauen assoziiert wird), also der Intimität, Stärkung des Begriffs des Kindes (und der Mutterliebe), sogenannte Liebesheirat, Autorität des Familienoberhaupts, wachsendes Eindringen des Staates in den Prozess der Reproduktion der Arbeitskraft (Bildung, Medizin) usw. Diverse Elemente neuer sozialer Normen, die damals aufkamen und sich während des gesamten 20. Jahrhunderts entwickeln.

Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts (10)

Während des gesamten 20. Jahrhunderts verändert der Kapitalismus immer schneller die Gesellschaft und alle Aspekte des Lebens. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts, welche dem massiven Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt und die Entwicklung der Konsumgesellschaft entspricht, ist die Zeit der wichtigsten Veränderungen in den Verhältnissen zwischen Männern und Frauen.

Der massive und direkte Eintritt der Frauen in die Lohnarbeit erlaubt ihnen, eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen (gegenüber dem Ehemann oder dem Vater) während sich progressiv die formelle Gleichheit aufdrängt (11). Die Autorität des Familienoberhaupts wird (einmal mehr) geschwächt, doch bleibt (immer noch) sehr prägnant und die Frauen haben (immer noch) die Last der Hausarbeit, d.h. der Reproduktion der Arbeitskraft. Ihr Lohn, einiges tiefer als jener der Männer, ist nur ein Unterstützungslohn. Diese Situation erscheint vielen als inakzeptabel und das öffnet den Weg für die Frauenkämpfe der 1970er Jahre: Bewegung zur Frauenbefreiung (MLF (12)), Bewegung für die Freiheit zur Abtreibung und Verhütung (MLAC(13)) usw. Wie Engels sagte: „[D]ie Art der Herstellung einer wirklichen gesellschaftlichen Gleichstellung beider [wird] erst dann in grelles Tageslicht treten, sobald beide juristisch vollkommen gleichberechtigt sind.“ Die materiellen Existenzbedingungen der Frauen verändern sich drastisch; die Gesetze zur Verhütung und zur Abtreibung sind Zeichen dafür und Konsequenz davon. Diese Massnahmen versetzten dem Patriarchat fatale Schläge, sie sind Teil (wie auch die feministischen Kämpfe) eines Modernisierungsprozesses der kapitalistischen Produktionsweise in Frankreich, aber auch in anderen westlichen Ländern, wo ähnliche Reformen umgesetzt werden. Der Kapitalismus „befreit“ die Frauen nicht umsonst.

Dieser massive Eintritt der Frauen in die Lohnarbeit bedeutet auch ihre direkte und massive Beteiligung am Klassenkampf, in den Fabriken, aber auch im tertiären Sektor (Supermärkte, Banken), nicht mehr als Frauen von Proletariern, sondern als proletarische Frauen. Es ist ungenügend, sie in der kapitalistischen Produktionsweise als proletarisch zu situieren, es muss auch präzisiert werden, dass sie Frauen sind. Die Modalitäten der Ausbeutung definieren die Modalitäten des Kampfes: Die „Brotaufstände“, in welchen die Hausfrauen eine zentrale Rolle spielen, machen den Streiks um Lohnerhöhungen Platz (oder heute, euphemistisch, zur „Erhöhung der Kaufkraft“), oder gar für die Lohngleichheit, was natürlich in beiden Fällen die Bosse nicht freut (14). Das Aufkommen der Frauenstreiks (manchmal mit Besetzungen), während welchen Genderfragen (Kinderbetreuung, Essenszubereitung usw.) auf den Tisch kommen, die in der Regel in gemischten Kämpfen (15) unter den Teppich gekehrt werden, sind bezeichnend für die 1970er Jahre; die private Sphäre ist davon erschüttert worden. Unter dem Einfluss des allgemeinen Abflachens der Aktivität der Proletarier während dieser Periode (Krise, Arbeitslosigkeit, Restrukturierung) leiden danach auch die Frauenkämpfe.

Zu Beginn der 1980er Jahre begünstigen die Regierungen die Entwicklung der prekären Teilzeitarbeit, welche besonders die Frauen betrifft, da sie eher an die Kinderbetreuung gewöhnt sind (und einmal mehr handelt es sich nicht um Altruismus, sondern um Zwangsarbeit (16)). Diese Teilzeitverträge verbreiten sich im darauf folgenden Jahrzehnt immer mehr und betreffen immer häufiger Männer (was erlaubt, die Löhne zu senken, die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und Flexibilität und Prekarität einzurichten).

Die Jobs, welche mehrheitlich den Frauen vorbehalten sind, sind übrigens sehr spezifisch und stehen in der Kontinuität der Genderkonstruktionen (zum Beispiel in den Putzunternehmen (17), in der Pflege, in der Kinderbetreuung – wenig anerkannte, und somit schlecht bezahlte Berufe).

Neue Probleme nehmen grössere Ausmasse an: doppelter Arbeitstag, Lohnunterschiede, Sexismus* und Unterdrückung der Frauen am Arbeitsplatz.

Die egalitaristische Ideologie hatte der Idee der Gleichheit zwischen Männern und Frauen die Tür geöffnet. Es wird in dieser Periode zu einer „Möglichkeit“, denn für die kapitalistische Produktionsweise ändert theoretisch die Geschlechterrolle der Person, welche die Ware produziert, nichts an deren Wert (anonymer Arbeiter, abstrakte, geschlechtlich undifferenzierte menschliche Arbeit). Die Aufrechterhaltung einer (neu angeordneten) geschlechtlichen Differenzierung erlaubt es jedoch ebenfalls, die unmittelbaren Interessen der Kapitalisten zu befriedigen (grössere Spaltung der Proletarier, Konkurrenz, Lohnunterschiede usw.).

Diese „Befreiung“ der Frauen durch die Lohnarbeit ist nämlich vor allem eine Antwort auf die Nachfrage an billiger Arbeitskraft und eine Methode, um den Konsum wieder anzukurbeln. Der Kapitalismus befreit die Frauen nur vom Patriarchat, um sie besser ausbeuten zu können. Die feministischen Kämpfe haben sicher auch dazu beigetragen, doch sie sind Teil dieses Prozesses; es ist nicht nur ein Kräfteverhältnis, welches zu diesen Umwälzungen führte: Es ist das Kapital, welches die Formen der geschlechtlichen Differenzierung modifiziert hat, um sie dem Bedarf anzupassen. Die Ketten ändern ihre Form und kommen in andere Hände, von jenen der Männer zu jenen des Staates, und somit des Kapitalismus, eine strukturierende individuelle Aneignung wird zu einer kollektiven Aneignung (18).

Heute (19)

Wir erleben seit einigen Jahren schon einen Niedergang der klassischen Kernfamilie, welche nicht mehr das einzige Dispositiv zur Reproduktion der Arbeitskraft ist (mehr Scheidungen, alleinerziehende Eltern, Partnerwechsel, gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Paare, Adoption, In-vitro-Fertilisation usw.). Die traditionelle Heirat ist obsolet geworden. Doch das Modell besteht fort und das Paar, welches das unerlässliche Dispositiv zur Geburtenkontrolle bleibt, ist keine erstarrte Struktur mehr, es hat sich liberalisiert. Der Partnerwechsel in den Beziehungen ist viel häufiger (die Monogamie wird in der Regel durch eine serielle Monogamie ersetzt). Die Fortdauer der Paarbeziehung kann hauptsächlich mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten erklärt werden, welche dazu drängen, sich zusammen zu tun, um ein Kind gross zu ziehen (20). Die Soziologen können versuchen diese Situation zu erklären, es ist jedoch klar, dass die traditionelle Familie heute den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mehr gerecht wird; sie bremst zum Beispiel die Mobilität der Arbeiter. Gleichwohl braucht der Staat immer noch eine Referenzstruktur zur Reproduktion der Arbeitskraft und, während der Phase der Kindererziehung, zur Reproduktion der herrschenden Ideologie (es geht nicht darum Kinder zu machen, sondern zukünftige Proletarier).

Trotz den Entwicklungen seit den 1970er Jahren sind es prinzipiell immer noch die Frauen, welche für die Reproduktion der Arbeitskraft verantwortlich sind: D.h. für die Ausführung der Hausarbeit und somit vor allem für die Kindererziehung. Die Anzahl alleinerziehender Eltern (mehrheitlich Mütter, welche ihre Kinder allein erziehen) zeigt, dass der Mann nicht mehr unerlässlich ist für diese Aufgabe (21).

Mit der massiven Einbindung der Frauen in die Lohnarbeit verschwindet auch die Figur der Hausfrau, sie wird ersetzt durch die Figur der Arbeiterin oder der Arbeitslosen (die jedoch nach wie vor, doch auf unterschiedliche Art und Weise, die Hausarbeit ausführen muss).

Der Fortbestand der Lohnungleichheit (weniger flagrant als im 19. Jahrhundert oder in den 1970er Jahren) kann unter anderem mit der Tatsache erklärt werden, dass die Arbeitsstellen der Frauen immer noch mehrheitlich prekäre, unqualifizierte Teilzeitjobs sind, die sich häufig auf quasi-weibliche Sektoren (Unterhalt, Soziales, Gesundheit, Kinderbetreuung usw.) beschränken und mit jener, dass die Mutterschaft die Entwicklung der Karriere bremst. Einige Sektoren sind heute mehr durchmischt als noch vor vierzig Jahren, während in anderen dieser Prozess erst beginnt, manchmal nicht ohne Schwierigkeiten, auch in den ehemaligen Männerbastionen der Polizei und der Armee (22). Wir erleben auch eine langsame, aber scheinbar unabwendbare Feminisierung der Macht- oder Prestigestellungen (es sei angemerkt, dass die Universitäten und Hochschulen sich seit den 1970er Jahren nur sehr langsam durchmischt haben) (23).

Andere Erscheinungsformen der Männerherrschaft dauern fort: Gewalt an Frauen, Vergewaltigung, Sexismus usw. Man kann sogar die Frage stellen, ob wir nicht, aufgrund all dieser Veränderungen und der Transformation der öffentlichen Sphäre, einen Rückzug (eine Stärkung) der Männerherrschaft in die (der) privaten Sphäre und in die (den) interindividuellen Beziehungen (auf der Strasse zum Beispiel) erleben. Diese Realität scheint die Frauen aller Klassen (auf gleiche Art und Weise?) zu betreffen. Es ist diese Realität, welche eine klassenunabhängige Lesart erlauben kann, während jedoch die Geschlechterrollen und die Männerherrschaft klar einen gewissen Nutzen haben für jede Klassengesellschaft und die Gewalt und die Vergewaltigungen wohl eher eine Konsequenz dieser Herrschaft, denn eine Ursache davon sind.

Eine bezeichnende Tendenz dieses Beginns des 21. Jahrhunderts ist die wachsende Durchmischung der kapitalistischen Klasse im strikten Sinn des Begriffs. Die bürgerliche Frau ist nicht mehr, wie in den 1970er Jahren, die Ehefrau des bürgerlichen Mannes, sondern sie hat direkte kapitalistische Interessen: Unternehmensleiterin, Verantwortliche für Humanressourcen, höhere Kader usw. Diese Tendenz scheint sich seit einigen Jahren zu verstärken, als Folge der Veröffentlichung etlicher Studien, Analysen und Empfehlungen, welche zeigen, dass diese Durchmischung den Unternehmen viele Vorteile bringt (besonders seit der Krise von 2008, während welcher von Frauen geführte Unternehmen scheinbar weniger litten als die anderen) (24). Es geht natürlich darum, nicht auf sichere Kompetenzen und wirtschaftliche Vorteile zu verzichten. Die „aufgeklärteste“ Fraktion der kapitalistischen Klasse ist mittlerweile vom positiven Charakter dieser Durchmischung überzeugt und viele grosse Unternehmen verfolgen seit einigen Jahren eine Politik der Feminisierung der Geschäftsleitung und der Kaderstellen. Dies hat nichts mit ethischen Betrachtungen zu tun, wenn auch das Image eines Unternehmens davon profitieren kann und die Mentalitäten der Bosse sich entwickeln können (25). Die Tatsache, von einer Frau ausgebeutet zu werden, macht die Ausbeutung logischerweise nicht angenehmer...

Demokratische und egalitäre Ideologie verpflichtet und somit gelangen Frauen auch zu politischen Machtpositionen in etlichen Ländern, wobei es sich nicht mehr um überraschende Ausnahmen handelt. Das ist eine grosse Neuheit, denn, seit die geschlechtliche Differenzierung existiert, war die politische Macht immer das Monopol der Männer. Wenn man das Bild mit der massiven Einbindung der Frauen in die Lohnarbeit komplettiert, wird klar, dass die öffentliche Sphäre im Wandel ist und dass sie den männlichen Charakter verloren hat, welcher für sie bezeichnend war (diese Veränderung hat nur für die bürgerlichen Frauen eine wirkliche Bedeutung). Man kann das gleiche nicht von der privaten Sphäre sagen, welche eine weibliche Domäne bleibt (26). Denn es geht auch darum, die Reproduktion aller Klassen, der ganzen Bevölkerung, und somit der kapitalistischen Verhältnisse zu garantieren. Die bürgerlichen wie auch die proletarischen Frauen bleiben von ihrer reproduktiven Funktion bestimmt (auch wenn sie, je höher sie aufsteigen in der sozialen Hierarchie, desto weniger Kinder zeugen (27)). Die kapitalistische Klasse muss auch ihre Reproduktion garantieren (und sei es nur, um die Abstammung und das Erbe zu gewährleisten).

Diese Entwicklung versetzt der patriarchalen „Ideologie“ einen harten Schlag, ohne allerdings die geschlechtliche Differenzierung in Frage zu stellen, von welcher Politikerinnen und weibliche Bosse profitieren: tiefere Löhne für Frauen, Teilzeitarbeit und auch Reproduktion der Arbeitskraft. Ihre Interessen sind definitionsgemäss im Widerspruch zu jenen der Proletarier, Männer wie auch Frauen.

Diese wachsende Durchmischung der herrschenden Klasse (Männer, Frauen, Heteros, Homos (28), Schwarze, Weisse, Gelbe usw.) hat freilich zur Konsequenz, die genderbezogenen Unterdrückungsformen teilweise zu kaschieren, doch sie ist vor allem die Widerspiegelung einer Realität: Der Ware ist die Geschlechterrolle des Proletariers und noch mehr jene des Kapitalisten scheissegal. Wie wir gesehen haben, können diese Entwicklungen auf keinen Fall einen Fortschritt für die Gruppe der Frauen bedeuten, sie nützen nur den bürgerlichen Frauen und zeigen uns, dass man sich vor einer klassenunabhängigen Lesart der geschlechtlichen Differenzierung hüten sollte. Vorerst erhält diese Tendenz der Durchmischung die genderbezogenen Identitäten aufrecht (oder stärkt sie gar?); doch man kann sich fragen, ob sie längerfristig, wenn auch nicht zu einer Auflösung, so doch zu einer Restrukturierung der genderbezogenen Identitäten und der geschlechtlichen Differenzierung führen könnte.

Die Entwicklungen der Genderverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert und der kapitalistischen Produktionsweise stellen zwangsläufig die Verwendung des Begriffes „Patriarchat“ (29) zur Benennung der Männerherrschaft in Frage. Wenn man dieser Tatsache nicht Rechnung trägt, geht man das Risiko ein, in eine ahistorische Vision des Patriarchats abzugleiten, in welcher dieses immer existierte (und somit immer existieren wird). Da das Patriarchat eine Form der gesellschaftlichen, politischen und juristischen Organisation ist, welche auf der Aufrechterhaltung der Macht der Männer (zu Lasten der Frauen) basiert, scheint uns dieser Begriff nicht angemessen, um eine Gesellschaft zu benennen, in welcher es mehrheitlich Männer sind, welche die Macht innehaben.

Als Paola Tabet 1998 über diese Veränderungen sprach, stellte sie die Hypothese einer (kapitalistischen) Befreiung der Frauen auf, vergleichbar mit jener der Leibeigenen (welche Umwälzungen zur Folge hatte, insbesondere die Umstellung auf eine neue Produktionsweise). Mit dem Ende des Patriarchats (jedoch nicht der Männerherrschaft) in einigen Ländern, der Umstellung einer strukturell individuellen Aneignung zu einer kollektiven, der Entwicklung der Familie, der Integration der Frauen in die öffentliche Sphäre und der Veränderung derselben kann man sich fragen, ob wir nicht einer Restrukturierung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen beiwohnen. Diese Herrschaft/Integration dieses Verhältnisses durch das Kapital, welches seit den Anfängen des Kapitalismus zu beobachten ist, hat sich beträchtlich verstärkt und beschleunigt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und diese Entwicklung geht bis heute immer noch weiter. Man kann diesen Prozess mit der Umstellung von einer formellen zu einer reellen Herrschaft des Kapitals* über die Arbeit vergleichen: Die Umstellung zu einer reellen Herrschaft des Kapitals über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen (andauernde, jedoch restrukturierte geschlechtliche Differenzierung).

Frage 1

Was können die Konsequenzen der aktuellen wirtschaftlichen Krise sein? Der gesamteuropäische Sparkurs und die Budgetkürzungen im Bereich der öffentlichen Dienste und im Sozialbereich betreffen häufig die Frauen (Gesundheit, Schliessung von Spitälern, ihre Entfernung aus dem Arbeitsmarkt durch familiaristische Massnahmen usw.), und vor allem die proletarischen Frauen (die anderen haben die Mittel, um auf den privaten Sektor zurückzugreifen). Dennoch hat die Krise von 1973 gezeigt, dass die Massnahmen, welche zum Ziel haben, die Frauen in den Haushalt zurückzuschicken, kaum Wirkung zeigen. Im Gegenteil, die Experten der OECD meinen, dass die Weiterverfolgung und die Verstärkung der Einbindung der Frauen in die Lohnarbeit der Schlüssel zum Wachstum von morgen ist (30).

Frage 2

Wie steht es wirklich um die Kämpfe der proletarischen Frauen in Frankreich heute? In den 1970er Jahren waren Streiks proletarischer Frauen noch ungewöhnlich. Ihre Forderungen waren häufig feministischen Typs (Lohngleichheit), hatten Konsequenzen im Haushalt (Kinderbetreuung, „Und wer wird meine Socken waschen?“ usw.) und standen in ihrem Ablauf in flagranter Opposition zu den Männern. Heutzutage sind Frauenstreiks nichts aussergewöhnliches mehr. Sie scheinen nicht mehr den Charakter einer flagranten Opposition zwischen Männern und Frauen zu haben (verstärkte Durchmischung in der Chefetage, den Gewerkschaften sowie auch der Arbeitskraft; Unterschiede zwischen Männer- und Frauenlöhnen existieren immer noch, sind jedoch nicht mehr gleich immens (31)). Die Auswirkungen auf den Haushalt sind immer noch aktuell. Das Problem des doppelten Arbeitstages ist eine Realität für jede proletarische Frau und die Frage der Hausarbeit stellt sich, sobald sie streikt. Zudem ist das Niveau der proletarischen Kampfbereitschaft relativ tief, man hat häufig wenig Informationen zu den Streiks und noch weniger zu deren Auswirkung auf die Genderverhältnisse (besonders im Haushalt).

WAS TUN?

Was die Feministinnen dazu denken

„Einige Feministinnen sind vulgär, unehrlich und voller Hass.“

„Und ich suche vergeblich nach Gründen, um ihnen unrecht zu geben.“

Tag und Antwort darauf auf einer Mauer in Valence 2006

Welche Kämpfe führen feministische Gruppen heute? Wenn es auch keine breite Bewegung mehr gibt wie in den 1970er Jahren, so gibt es doch noch einige feministische Organisationen, Gruppen und Strömungen...Man kann von Feminismus nicht im Singular sprechen. Wie schon vor vierzig Jahren handelt es sich eher um ein Gewimmel von Ideen, Praktiken und widersprüchlichen Debatten, die sich gegenseitig bereichern und im Wege stehen. Etliche Tendenzen existieren, sie scheinen ziemlich unklar, sehr durchlässig. Es wäre unmöglich, sie vollständig zusammenzufassen (die folgende Darstellung kann also durchaus etwas karikaturartig erscheinen). Folgend also einige ihrer Positionen.

Ein weit verbreiteter Ansatz ist der Aktivismus zur Verteidigung der Frauenrechte: Ligen aller Art zur Verteidigung der Frauenrechte, Chiennes de garde (32), Ni putes ni soumises (33), Marche mondiale des femmes (34) und Konsorten. Die Männerherrschaft wird als eine Reihe von Makel wahrgenommen, die man einfach nur korrigieren müsste. Man muss sich also auf den Staat beziehen und Druck auf die Gesetzgebung ausüben (insbesondere durch Lobbyingkampagnen gegenüber den Institutionen), um die „Bedingung der Frauen“ zu verbessern. Die zentralen Achsen des Kampfes sind folgende: die Gleichstellung, die Formen der Diskriminierung bezüglich der Anstellung, die Lohngleichheit, der Schleier, die Verteidigung des Rechts auf Abtreibung, Adoption und homosexuelle Heirat usw. Diese Kampagnen haben im besten Falle einen oberflächlichen Effekt auf die Männerherrschaft und die geschlechtliche Differenzierung, und auch in diesem Fall sind sie Teil der Entwicklungen des Kapitalismus. Sie stärken ihn, indem sie in ihm die „Bedingung der Frau“ einrichten und indem sie die Demokratie und die Gleichheit zwischen Männern und Frauen predigen, was offensichtlich keine Perspektive der Aufhebung der Geschlechterrollen öffnet. Man kann es für eine Feministin auch für eine Widersinnigkeit halten, sich auf jenen Staat zu berufen, welcher die Männerherrschaft organisiert und bestätigt.

Gewisse Gruppe führen auch Sensibilisierungskampagnen „für eine breite Öffentlichkeit“, die darauf abzielen, die Mentalitäten zu verändern: gegen sexistisches Spielzeug, gegen Sexismus in der Werbung, gegen Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen, für die Verhütung...(häufig geführt von Organisationen wie die Bewegung für Familienplanung und anderen, weniger institutionalisierten). Wenn auch der informative Charakter beachtlich ist und zum Nachdenken (oder gar mehr) einlädt, so kann man doch nur deren Grenzen bedauern: Diese Kampagnen berühren nur eine kleine Minderheit von Leuten und haben sehr wenig Wirkung. Man findet in ihnen die These, der Sexismus habe seine Wurzel in der Bildung, den Medien, der Werbung, diese werden somit zu den Streitobjekten: Der Sexismus kann aufgehoben werden durch die Veränderung der Bildung, die Säuberung der Medien und der Werbung. Doch die Unterdrückung der Frauen hat wesentlich tiefere Grundlagen, wovon die Bildung nur ein Träger ist.

Den Strukturen, welche diese Kampagnen organisieren, wird manchmal vorgeworfen „den Kampf“ zu vernachlässigen, um im Notfall zu handeln, oder gar „mit den Männern und dem Staat gemeinsam die Misere der Frauen zu verwalten“. Diese Kampagnen – und die Strukturen, welche sie organisieren – sind indessen mehr als ein Pflaster auf einem Holzbein. Sicher sind die Familienplanung (Zugang zu Verhütungsmittel, Abtreibung, gynäkologische Pflege), die Frauenhäuser, die Beratungsstrukturen nicht immer Allheilmittel. Doch es existieren im Moment ziemlich wenig andere Lösungen und sie erlauben vielen Frauen, im Alltag zu überleben oder aus Scheisssituationen herauszukommen.

Ausser diesem Feld- oder Büroaktivismus erstellen etliche nicht-institutionelle Gruppen oder Personen (vom Anarchafeminismus bis zu radikalen, materialistischen Lesben und Feministinnen usw.) sowie auch ein wichtiger Sektor universitärer Forschung häufig stichhaltige Analysen, welche die Notwendigkeit der Abschaffung der „patriarchalen Gesellschaft“ und der Geschlechterrollen hervorheben; und häufig auch die Abschaffung aller Formen der Unterdrückung (zu welchen manchmal die kapitalistische Ausbeutung gezählt wird).

Diese radikaleren Thesen (welche nicht immer die gleichen Mittel zur Verbreitung zur Verfügung haben) sind weniger sichtbar für die breite Öffentlichkeit und weniger oder gar nicht in den Medien präsent. Diese Ideen und Praktiken werden durch Zeitungen, Broschüren, Radiosendungen, Büchern, Filme, Poster und Flyer u.ä. in Umlauf gebracht. Die Thesen von Christine Delphy in den 1970er Jahren sowie jene von Paola Tabet, Colette Guillaumin, Monique Wittig und vielen anderen haben einen grossen Einfluss. Man trifft häufig die Idee an, dass das Patriarchat die Wurzel des Kapitalismus’ (ein System weisser heterosexueller Männer) ist und dass die Zerstörung ersteres (der Hauptfeind) notwendigerweise das Ende letzteres bedeutet. Die Sichtweise, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen wie „die Ausbeutung einer Klasse durch die andere“ (35) zu betrachten, ist ziemlich verbreitet.

Diese Reflexionen beschäftigen sich genauso mit sozialen Bewegungen (36) wie mit dem Alltag der Frauen. Doch häufig bemerkt man ein Durcheinander aller Unterdrückungsformen (Sexismus, Rassismus, Kapitalismus, Speziesmus, Ableismus, Altersdiskriminierung usw.), sie werden gleichgesetzt und nicht unter dem Gesichtspunkt ihrer Ursprünge und ihrer Funktionen in der aktuellen Epoche betrachtet.

Unter den Reflexionsansätzen findet man auch die Kritik der Heterosexualität, welche als Norm zur Organisation der Reproduktion definiert wird. Der Druck zur Heterosexualität wurde in den 1970er Jahren vom MLR oder von homosexuellen Gruppen wie der homosexuellen revolutionären Aktionsfront (FHAR (37)) heftig kritisiert. Obwohl die Homosexualität immer mehr dazu tendiert, vom Kapital integriert zu werden, ist die Kritik der Heteronormativität und ihr Pendant, der Druck zur Mutterschaft, heute immer noch begründet. Diese Kritik kann zur Theorie des Lesbianismus als politische Strategie führen. Man kann nur bedauern, dass diese manchmal in separatistischen männerfeindlichen Tendenzen gipfelt, welche die Heterosexualität als eine Form der Kollaboration mit dem Feind und der freiwilligen Unterordnung denunzieren. Durch diese Haltung verweigert man zwar die Männerherrschaft, aber sicher nicht den Sexismus und noch weniger die Geschlechterrollen...

Zudem kann man auch in den radikaleren Milieus eine Rückkehr essentialistischer Thesen* beobachten. Eine ganze Palette feministischer Reflexionen laufen auf eine Valorisierung des „Frauseins“ hinaus, auf eine angebliche „weibliche“ Natur*, die vom Patriarchat und dem Kapitalismus entwürdigt wird und die man wiederfinden müsste (um wieder an die „weibliche“ Art zu leben und zu handeln anzuknüpfen). Die amerikanische Neopaganistin Starhawk, die von sich behauptet, eine Hexe zu sein, ist die extreme Karikatur davon. Diese Theorien predigen ein „Zurück zum Natürlichen“ und verteidigen die (übrigens sehr sexistische) Idee, die Frauen seien der Natur („den Bäumen“, oder gar „den Sternen“, und wieso nicht den Tieren?) viel näher als die Männer. Die als „überaus natürlich“ betrachtete Mutterschaft wird manchmal als „Stärke“ verstanden, die also eingesetzt werden muss. Diese Thesen gehen häufig Hand in Hand mit einer Idealisierung präkapitalistischer Gesellschaften und mit dem Bedürfnis, sich alte Techniken und Kenntnisse wieder anzueignen (z.B. das Stillen, die pflanzliche Abtreibung, die Wickeln, welche dermassen umweltschonender seien als die Windeln!) (38).

Die Idee, sich von der sozialen Norm zu entfernen, um wieder an die „Frauennatur“ anzuknüpfen, ist ein Zurück zum Essentialismus. Unter diesen Feministinnen werden die Geschlechterrollen als etwas wahrgenommen und kritisiert, das uns als soziale Rollen aufgezwungen wird, jedoch zugunsten einer angeblich „wahrhaftigen“, „natürlichen“ Identität. Man findet darin den Einfluss der Theorien der 1970er Jahre, im speziellen jene von Antoinette Fouque und der Zeitschrift Sorcières [Hexen]. Diese Sichtweise beinhaltet offensichtlich weder die geringste Perspektive der Überwindung der Geschlechterrollen, ganz im Gegenteil, noch die geringste Perspektive der Überwindung überhaupt.

Einige dieser Diskurse sind gekennzeichnet durch eine Ablehnung (eine Verschleierung?) des Konflikts, welcher spezifisch männlich sei. Dies ist verbunden mit der Idee der Schwesterlichkeit (39), denn es geht darum, trotz den Uneinigkeiten eine Front gegen den Unterdrücker zu bilden. Auffallend ist der Wille, die Erinnerung feministischer Bewegungen lebendig zu halten und aufzuwerten, eine Vorgehensweise die manchmal in der Negation jeglicher Konflikte, Fehler und Widersprüchen gipfelt.

Der Schlachtruf der Wiederaneignung des Körpers ist sehr präsent in den feministischen Reflexionen. Seit den 1970er Jahren ist der Slogan „mein Körper gehört mir“ ein Credo geblieben. Das kann ebenso gut die „Wahl“ betreffen, Mutter zu sein oder nicht, die Vergewaltigung, ästhetische Normen oder die Medizin. Dieser Schlachtruf ist eine Antwort auf die Aneignung der Frauen durch die Männer. Einen Aspekt, den gewisse ultralinke* Theoretiker unfähig waren, zu erfassen, sie warfen den Feministinnen vor, damit den Begriff des Privateigentums zu verteidigen und auszuweiten.

Unter den verschiedenen Praktiken der Feministinnen sind Anlässe nur für Frauen immer noch aktuell und provozieren immer noch Polemiken, ob sie nun als Mittel oder als Ziel betrachtet werden. Da die Frauen voneinander isoliert sind (jede in ihrem Haushalt zum Beispiel), sind Momente, wo man Erfahrungen und Reflexionen austauschen und sich organisieren kann, fundamental. Was ist logischer als sich unter Unterdrückten zu organisieren? Was ist logischer als sich ohne das Lager der Unterdrücker zu versammeln? Anlässe nur für Frauen können aber logischerweise auch dazu führen, dass Proletarierinnen und Bürgerliche sich gemeinsam organisieren, was wieder andere Probleme aufwirft...Der Genderkonflikt kann jedoch nur durch die Auflösung der Kategorien Männer und Frauen gelöst werden. Es ist somit notwendig, dass Thema auch an allgemeinen Anlässen anzusprechen.

Dem Feminismus mangelt es oft an einer globalen Analyse, die versucht, die Verbindungen zwischen dem Klassen- und dem Genderverhältnis zu verstehen. Eine historische Sichtweise zeigt uns ein fluktuierendes patriarchales System, das ewigen Entwicklungen ausgesetzt gewesen ist und immer noch ist, die durch die aufeinanderfolgenden Produktionsweisen modelliert werden (heute das Kapital, auch stets in Bewegung). Eine aktuelle Tendenz gründet ihre Reflexionen jedoch auf einer ahistorischen Sichtweise. Das führt zu einem Durcheinander in der Analyse des Problems, in den Perspektiven und in den Praktiken (als ob es genügen würde, die Parolen und Methoden der MLF vor vierzig Jahren wieder aufzugreifen).

Notiz 1: Die Dekonstruktion

Die Dekonstruktion ist eine Idee (und eine Praxis), die man aktuell in einem Teil der feministischen Bewegung antrifft (40). Ihr Ausgangspunkt ist die Idee, dass die Geschlechterrollen soziale Konstruktionen sind und dass „das Private politisch ist“. Es geht darum, von einer individuellen Bewusstseinsbildung (oder in kleinen Gruppen) ausgehend, sein Verhalten zu ändern, um seine sexistischen Konstruktionen zu korrigieren und langfristig den Sexismus zu beseitigen.

Somit nimmt das Persönliche einen übergrossen Platz ein im Verhältnis zum Strukturellen, manchmal wird es gar zum einzigen Handlungsfeld. „Wegen der übermässigen Wichtigkeit, welche der subjektiven Erfahrung gegeben wird, wird die Politik der Subjektivität eine „Innerlichkeit“, d.h. eine persönliche Veränderung ohne Veränderung der Gesellschaft (41).

Mit dem Argument, dass „das Private politisch ist“ erkennt man, dass die private Sphäre sozial organisiert ist, dass sie nicht ausserhalb der Gesellschaft steht und dass unsere persönlichen Verhältnisse Teil davon sind. Das Private ist also auch ein Ort der Widersprüche, der Konflikte oder gar der Kämpfe. Die Streiks und sozialen Bewegungen in der öffentlichen Sphäre, wo die Frauen beteiligt sind, haben notwendigerweise eine Wirkung auf die private Sphäre (der Haushalt, die Familie: „Wer wird mein Steak kochen?“, „Schatz, wo ist die Bettwäsche?“) Falls keine solche Bewegung vorhanden ist, zieht sich die Tätigkeit der Aktivistinnen in die private Sphäre zurück und beschränkt sich darauf. Der Schlachtruf wird neu interpretiert : „Das Politische ist das Private“.

Die Dekonstruktion läuft auf eine individuelle und persönliche Infragestellung der Geschlechterrollen hinaus und betrachtet diese als starre Identitäten, als ein Kleid, das man bloss auszuziehen braucht, wenn man es denn will. Zwar sind die Geschlechterrollen eine soziale Konstruktion, doch es ist nicht möglich, sich den sozialen Verhältnissen zu entziehen, deren Manifestierung sie sind. Man kann nicht wählen, kein Mann oder keine Frau mehr zu sein, denn in dieser Gesellschaft existieren nur zwei Felder. Auf dem Sozialamt wird man immer entweder 1 oder 2 sein.

Es gibt, um es anders auszudrücken, keinen Zusammenhang zwischen dem Erkennen sozialer Strukturen und Verhältnissen und dem Willen, sich durch eine individuelle Handlung davon zu befreien. Während man sich anstrengt, sich zu dekonstruieren, wirkt diese soziale Konstruktion weiterhin auf Milliarden von Menschen, sich selbst eingeschlossen (42).

Die Dekonstruktion wirft das Problem der Wahlmöglichkeiten in unserer Gesellschaft auf: Kann man sich dafür entscheiden, sich zu dekonstruieren? Wer kann dies tun? Eine ledige Frau ohne Kinder wird vielleicht mehr Energie ihrer Dekonstruktion widmen können als eine Mutter von drei Kindern, genau wie eine bürgerliche Frau mehr Freizeit dafür haben wird als eine Angestellte im Mindestlohn usw. Trotz einem explizit subversiven Ziel (das Verschwinden der Geschlechterrollen) beschränkt sich die Dekonstruktion, wie jede Alternative, auf die Suche des individuellen Glücks in der kapitalistischen Gesellschaft.

In der Praxis führt diese durchaus sympathische Einsicht zu elitistischen Auswüchsen, zu einer Abwertung und zu einer Beschuldigung jener, welche sich nicht dekonstruieren, und somit zu einer neuen Norm, per Definition erstarrt und verpflichtend. Wir haben es mit einer neuen Ideologie zu tun (43).

Es geht hier nicht darum, jemanden davon abzubringen, sein eigenes Verhalten in Frage zu stellen. Alles in allem leben wir im Hier und Jetzt und es ist nichts als normal, dass man versucht, so wenig Scheisse wie möglich zu bauen und sich nicht wie ein Schweinehund zu verhalten...Genauso wie es auch logisch ist, dass die Unterdrückten ihre Bedingung verweigern, individuell oder kollektiv. Das sind Überlebenspraktiken. Es ist wichtig, unsere sozialen Konstruktionen zu hinterfragen, doch man sollte die Tatsache nicht aus dem Auge verlieren, dass jeglicher Versuch, sich total davon zu befreien, vergebens ist solange diese Gesellschaft fortbesteht. Die Dekonstruktion wird die Geschlechterrollen und die Männerherrschaft nie aufheben können.

Notiz 2: Queer*

Für die Queer geht es darum, die Geschlechterrollen, und somit die Gesellschaft, zu subvertieren, wodurch letztere erschüttert werde. Diese Bewegung entstand nicht zuletzt als Reaktion auf die Integration und die Institutionalisierung der Schwulen- und Lesbenbewegungen. Die Kämpfe der Homosexuellen hatten einen revolutionären Charakter solange sie nicht vom Kapital als Identität integriert worden sind.

Ihre Grenzen sind im persönlichen Charakter der Veränderung zu suchen, das Kapital kann sich damit sehr gut abfinden (44) (die Queer-Theorie übergeht übrigens die Klassenverhältnisse). Die Dissidenz bleibt innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse und ist somit keine (45).

Queer ist als Experiment interessant (jedoch notwendigerweise begrenzt, da es innerhalb und durch diese Gesellschaft erfolgt). Die Queer-Theorien zeigen, dass man heute die Aufhebung der Geschlechterrollen denken kann. Doch in Bezug auf Praktiken, Perspektiven oder eine Strategie gelten für sie alle Kritiken, welche wir an die Dekonstruktion gerichtet haben.

Marxisten, Anarchisten usw.

Betreffend Genderfragen und Männerherrschaft ist die Verweigerung am weitesten verbreitet. D.h. man weigert sich, das Thema anzugehen. In dieser sowohl praktischen wie auch theoretischen Wüste gibt es trotzdem einige Oasen...und viele Fata Morganas. Eine kleine historische Rekapitulierung ist notwendig, denn die Konzeptionen der Marxisten und der Anarchisten haben sich alles in allem kaum weiter entwickelt, obwohl das Aufkommen und die Verbreitung der Gendertheorie eine Neubelebung der Reflexion hätte bewirken sollen.

Die Marxisten

Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht interessierten sich Marx, Engels und einige marxistische Theoretiker (Lafargue, Bebel) für die Frage des Verhältnisses zwischen Männer und Frauen und bestreiten die Unterdrückung letzterer nicht, besonders wenn sie sich mit dem Problem der Familie beschäftigen. Für sie ist diese Unterdrückung eine Konsequenz der Entstehung der Klassengesellschaften; wenn der Kapitalismus, welcher das letzte Stadium der Klassengesellschaften ist, verschwindet, verschwindet diese notwendigerweise auch. Die Veränderung der Existenzbedingungen wird in diesem Prozess als entscheidend betrachtet und die Rolle des sozialistischen Staates ist fundamental. Er sollte Massnahmen ergreifen, um der Hausarbeit ein Ende zu setzen: Die Sozialisierung der Gesamtheit der von den Frauen erbrachten Hausarbeit durch die Bereitstellung von kollektiven Kantinen, Tagesstätten usw. Diese Sichtweise wird auch von den marxistischen Feministinnen des 20. Jahrhunderts (wie z.B. Alexandra Kollontaï oder Angela Davis) geteilt. Die russische Revolution bestätigt diese These teilweise: Die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen sind durch den Zusammenbruch des alten Systems, das Chaos und die Revolution erschüttert worden. Die Kollektivisierung gewisser Aspekte des Lebens (Kantinen) scheinen eine Rolle zu spielen; doch die Ursache dafür sind die katastrophalen Überlebensbedingungen, und nicht der Staat. Es geht übrigens schnell wieder normal zu und her als der revolutionäre Prozess unterbrochen wird und der Staat sich neu organisiert und die Verwaltung der Gesellschaft wieder in die Hand nimmt (46). In der Regel wird diese Frage während des ganzen 20. Jahrhunderts als sekundär (als nach der Revolution zu lösendes Problem) betrachtet. Umso mehr, da sie das Risiko birgt, „das Proletariat zu spalten“...

Die Anarchisten

Für die Anarchisten gibt es in der Regel keine Frauenfrage an sich, denn diese ist Teil des allgemeinen Problems der menschlichen Befreiung. Definitionsgemäss sind sie gegen alle Formen von Herrschaft, mehr oder weniger als ein Ganzes wahrgenommen.

Die Anarchisten unternehmen eine strenge theoretische Kritik von Institutionen wie der Familie oder der Heirat und setzen sich für die Gleichheit von Männern und Frauen ein. In diesem Sinne wird die Wichtigkeit der Bildung und der Propaganda unterstrichen (z.B. die neo-malthusianische Propaganda und besonders die Empfängnisverhütung zu Beginn des 20. Jahrhunderts). Es handelt sich um eine Vorgehensweise der individuellen Veränderung, welche der Unterdrückung der Frauen ein Ende setzen soll, als ob es reichen würde, dass alle Leute anarchistische Broschüren lesen oder anarchistischen Rednern zuhören...(man kann diese Vorgehensweise mit der Dekonstruktion vergleichen).

Der Gegensatz zwischen der Theorie und den Praktiken der anarchistischen Aktivisten ist jedoch besonders frappant (von den Milieux libres (47) bis zur spanischen Revolution); die explizite Frauenfeindlichkeit gewisser Theoretiker (allen voran Proudhon) hat damit wahrscheinlich auch etwas zu tun.

Heute

Es ist immer noch eine sehr verbreitete Position, zu sagen, die Genderfrage sei sekundär und verdiene keinen spezifischen Kampf: Nach der Revolution wird die Unterdrückung der Frauen wie durch Zauberei von alleine verschwinden (ein guter Trick, um sich die Frage nicht von heute an stellen zu müssen - und um den Kindern nicht den Hintern abwischen zu müssen, ihr faules Pack!)

Der Antisexismus ist auch eine der Facetten linker Gruppen, zusammen mit dem Antirassismus, der Ökologie, der Tierbefreiung - man scheint zwar gewillt, alle Unterdrückungsformen zu berücksichtigen, doch indem man sich darauf beschränkt, sie aneinanderzureihen, unfähig, das Ganze und Verbindungen zu denken und Perspektiven zu erkennen. Die Reflexionen begnügen sich häufig mit einer Bilanz und Verurteilung der Situation der Frauen heute. Dennoch ist die steigende Anzahl von Zeitungen, Gruppen, Zeitschriften (48), welche sich mit diesem Thema befassen, nicht zwingend uninteressant (49).

Es scheint, dass die Frage in den letzten Jahren wieder mehr Leute interessiert und es gibt auch den Versuch einer theoretischen Überwindung in ultralinken Gruppen (oder darüber hinaus), die lange allergisch auf diese Frage waren (50). Hoffen wir, dass sich das verallgemeinert...

Woher dieses Interesse? Oder eher, wieso kann die Frage heute in diesen Milieus gestellt werden, während die Feministinnen sich schon lange damit beschäftigen? Es gibt wohl einige Lösungsansätze, über die es nachzudenken gilt, wie die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen in den letzten vierzig Jahren (Ende des Patriarchats, immer noch relative, doch wachsende Durchmischung der kapitalistischen Klasse, aber Andauern der geschlechtlichen Differenzierung und der Männerherrschaft, etc.) oder die Entwicklung der Klassenverhältnisse (Ende der Arbeiteridentität, Restrukturierung, Atomisierung des Proletariats, etc.) Die materiellen Bedingungen verändern sich und es ist in einer kommunistischen Perspektive notwendig, dieser Tatsache Rechnung zu tragen.

Die Kämpfe der proletarischen Frauen

Jenseits des Aktivismus bringen sich proletarische Frauen ohne explizite feministische Forderungen in Kämpfe ein, z.B. während Streiks. Vergessen wir nicht, dass der massive Einstieg in die Lohnarbeit und direkt in den Klassenkampf dazu führten, dass Problematiken auftauchten, welchen ihnen eigen sind, was auch zu neuen Konflikten in der privaten Sphäre (Haushalt, Reproduktion) führt. Diese sind jedoch allgemein unsichtbar wegen dem „Vorrang“ des Kampfes gegen die Ausbeutung und werden somit selten als „Frauenkämpfe“ analysiert.

Die auf wahren Tatsachen beruhende Dokufiktion von Martin Karmitz Coup pour coup zeigt es gut. In den 1970er Jahren beginnen Arbeiterinnen einer Textilfabrik zu streiken und besetzen die Fabrik. Somit kümmern sie sich nicht mehr um die Arbeit im Haushalt und die Auswirkungen sind unmittelbar. Die Reaktionen der Männer sind vielsagend: Verloren, gezwungen, ganz alleine den Haushalt, die Kinder und ihre eigene Reproduktion zu verwalten, hemmen sie de facto den Kampf. Einige von ihnen werden sogar so weit gehen, ihren Widerspruch gegen den Streik ihrer Partnerinnen zu zeigen. Die Papas, welche unfähig sind, sich um ihre Kinder zu kümmern, deponieren sie in der Fabrik, die immer mehr einer Krippe gleicht. Die Arbeiterinnen sind am Schluss trotzdem die Siegerinnen gegenüber den Bossen und (provisorisch) gestärkt gegenüber ihren Männern. Es mangelt in der Realität nicht an Beispielen (51).

Man kann annehmen, dass ein Arbeiterinnenstreik genauso viel oder gar mehr Einfluss auf den Haushalt hat als die feministische Propaganda. Die Frauenstreiks machen die privaten Fragen zu öffentlichen Fragen (z.b. stellen die Fabrikkrippen die Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre praktisch doch provisorisch in Frage). Am Ende des Streiks ist häufig alles wieder so wie früher, mit allen Enttäuschungen und Frustrationen.

Die Frauenkämpfe stellen eine faktische Verbindung her zwischen dem Kapitalismus und der Männerherrschaft, in ihnen wird die Genderfrage offensichtlich. Doch sie werden (in der Praxis) nicht als solche gestellt. Das erklärt die Absenz von Informationen (und somit Analysen) über die unvermeidbaren Auswirkungen dieser Kämpfe auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, speziell in der privaten Sphäre.

Schlussfolgerungen und Hypothesen

Kapitalismus vs. Patriarchat

Vom 19. Jahrhundert an koexistieren zwei unterschiedliche, doch miteinander verbundene Systeme, das Patriarchat (soziale Organisation) und der Kapitalismus (Produktionsweise). Verbundenheit bedeutet nicht zwingend Harmonie (jedes System benutzt und stärkt das andere) und kann auch Gegensatz oder Widerspruch, ja sogar Bruch bedeuten.

Die Männerherrschaft, prinzipiell in der patriarchalen Form, war immer notwendig und charakterisierte alle Klassengesellschaften. Sie war speziell angepasst an die präkapitalistischen Gesellschaften, charakterisiert durch ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität (mit der Familienzelle als Basis, Einheit der Produktion und der Reproduktion).

Die geschlechtliche Differenzierung ist der Hintergrund vor welchem die verschiedenen Produktionsweisen aufeinander folgten; ihre Entwicklung ist nicht eine historische Dynamik. Im Gegenteil, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird zwar durch jede Produktionsweise modifiziert, behält jedoch seine prinzipiellen Eigenschaften (der Frau wird die Erziehung zugewiesen, Macht der Männer).

Der Kapitalismus hat seine Wurzeln in der feudalen Produktionsweise, doch vergessen wir nicht, dass in ihr die geschlechtliche Differenzierung strukturell war, massgebend sowohl in wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Hinsicht. Das Patriarchat war für die Entwicklung des Kapitalismus notwendig, besonders um die Reproduktion der Arbeitskraft zu garantieren (wobei es immer noch die Gesellschaft strukturierte). Doch aufgrund seines revolutionären Charakters (wie Marx es formulierte) verändert der Kapitalismus permanent dessen Ausgangssituation und dabei auch die ganze Gesellschaft. Er hat alle Produktions- und Organisationsweisen, die vor ihm existierten, entweder zerstört oder verändert, auch das Patriarchat.

In seiner Entwicklung ist der Kapitalismus mit dem Patriarchat zusammengestossen, einige Aspekte davon waren ihm nicht mehr angemessen (der Bedarf an weiblicher Arbeitskraft steht beispielsweise im Widerspruch zur Tatsache, dass die Frauen zu Hause eingeschlossen sind (52)). Das Patriarchat ist entstellt worden. Der Kapitalismus ist somit die erste Produktionsweise, welche ein Problem mit den Frauen hat.

Während langer Zeit waren die Zügel des Kapitalismus in den Händen weisser heterosexueller Männer (was zu Verwirrung führen konnte, besonders zum Glauben, dass die zwei Systeme eins seien oder dass der Kapitalismus in seiner Essenz männlich sei), was heute nicht mehr der Fall ist (53). Der Kapitalismus ist also nicht an sich patriarchal, doch er ist notwendigerweise geschlechtlich differenziert. Geschlechtliche Differenzierung und Männerherrschaft sind für ihn unerlässlich und er kann die Geschlechterrollen im Moment nicht aufheben. Sogar langfristig würde die Realisierung dieser Hypothese enorme Umwälzungen bedingen; die aktuellen Tendenzen gehen nicht in diese Richtung, eher in Richtung einer Restrukturierung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen.

Geburtenkontrolle

Die Geburten sind ein Streitobjekt in allen Gesellschaften. Die Kontrolle darüber war eine Notwendigkeit für alle Klassengesellschaften, speziell für den Kapitalismus, für welchen die Zunahme (oder zumindest die Erneuerung) der Anzahl Arbeiter die Bedingung für die wirtschaftliche Expansion darstellt. Dies impliziert die Kontrolle der Frauen.

Mehr noch als für die vorherigen Produktionsweisen ist die Expansion der Anzahl Arbeiter für den Kapitalismus fundamental, speziell in seiner Phase der formellen Herrschaft. Das erklärt (unter anderem) wichtige Veränderungen in der Organisation der geschlechtlichen Differenzierung. Heutzutage ist es unerlässlich für das Kapital, eine rationelle Kontrolle über die Vermehrung der Arbeitskraft (oder zumindest ihre Erneuerung) zu haben. In jenen Zonen allerdings, wo es in der Phase der reellen Herrschaft angekommen ist, ist eine übermässige Vermehrung der Arbeitskraft weniger notwendig als eine durchdachte Verwaltung der Anzahl Arbeiter, besonders der qualifizierten Arbeiter (wobei ein Teil der unqualifizierten Arbeiter durch die Einwanderung garantiert wird). Das manifestiert sich in gewissen Ländern durch eine geburtenfördernde Politik und in anderen durch gegenteilige Massnahmen (welche bis zur Sterilisierung und zur mehr oder weniger erzwungenen Abtreibung der Frauen gehen können).

Individuelle und kollektive Aneignung

Die Kontrolle über die Frauen bedingt die Aneignung des gesamten Körpers und des gesamten Geistes (unter anderem durch die Bildung). Bis zum 20. Jahrhundert war diese Aneignung individuell, prinzipiell durch die Heirat und die Familie. Die Heirat erlaubte die Kontrolle und platzierte die Frauen in eine Situation der sexuellen Verfügbarkeit und des maximalen Schwangerschaftsrisikos (der Ehemann spielt die Rolle des Mittelsmannes in dieser Kontrolle, was ihm gewisse Vorteile verschafft). Es ist eine direkte, persönliche Herrschaft (die man mit der Sklaverei oder der Leibeigenschaft vergleichen kann).

Heute ist diese Aneignung mehrheitlich kollektiv, die Herrschaft wird indirekt, unpersönlich. Das führt, wie bei der Lohnarbeit, zu einem Eindruck von Freiheit (der dem Kapitalismus eigen ist).

Die Rolle des Staates in diesem Dispositiv ist seit dem 19. Jahrhundert wichtig und wird immer wichtiger (54):

- er garantiert, durch die Medizin, die Kontrolle des Körpers der Frauen (Verhütung, Abtreibung usw.);

- er übernimmt einen Teil der Arbeiten zur Reproduktion der Arbeitskraft (Kinderkrippen, Bildung, Ausbildung, Gesundheit usw.);

- er setzt die juristische Gleichheit zwischen Mann und Frau durch;

- er garantiert eine Kontrolle über die Familie, indem er sozial und juristisch durch verschiedene Dispositive der sozialen Kontrolle (Familienhilfe, Kindergeld) in die private Sphäre eindringt (was einen Machtverlust für den Ehemann bedeutet). Er erstellt verschiedene Regelungen, die z.B. die Scheidung, die Adoption, die Kinderbetreuung, die häusliche Gewalt oder die eheliche Vergewaltigung (die zumindest auf dem Papier anerkannt ist) betreffen;

- er beteiligt sich an der gesamten Reproduktion der Arbeitskraft (soziale Sicherheit, Familiengeld, Sozialhilfe usw.).

Wegen der Entwicklung der Gesellschaft ist das traditionelle Paar heutzutage nicht mehr notwendig zur Erneuerung der Arbeitskraft; eine Frau kann sich mit Hilfe und mit der Kontrolle des Staates ganz alleine darum kümmern. Die Funktion des Vaters ist zwar nicht mehr unerlässlich (sein Bild ist seit dem 19. Jahrhundert herabgewürdigt worden, aber nicht verschwunden), jene der Mutter ist hingegen konstant und wesentlich geblieben (mit Variationen bezüglich der Form, besonders bezüglich der Zentralität der Mutterschaft im Leben der Frauen).

Wir fragen uns, ob die individuelle Aneignung deswegen vollständig verschwunden ist. Ist sie immer noch strukturell in der geschlechtlichen Differenzierung und der Männerherrschaft? Ist sie zu einem Element unter vielen im Dienst dieser Struktur geworden?

Das Paar ist immer noch das dominante Modell der Reproduktion, wenn es heute auch durch einen Turnover charakterisiert und nicht mehr hegemonisch ist.

Die Hausarbeit

Als Hausarbeit ist die von den Frauen ausgeführte „unentgeltliche“ Arbeit in der privaten Sphäre zu Gunsten des Haushalts zu verstehen. Sie ist im 19. Jahrhundert aufgekommen mit der Trennung zwischen dem Ort der Produktion und jenem der Reproduktion (welchem die Frauen zugewiesen sind). Doch seit dieser Epoche hat sich die Hausarbeit beträchtlich entwickelt. Sie ist jene Aktivität, welche die Frauen definiert und sie charakterisiert ihren Platz im gesellschaftlichen Verhältnis Männer/Frauen.

Sie hat zwei wesentliche Funktionen:

- die „generationsbezogene“ Reproduktion der Arbeitskraft (neue Proletarier kreieren) und in geringerem Masse der kapitalistischen Klasse. Die Reproduktion der „Rasse der Arbeiter“ ist das zentrale Element der Hausarbeit;

- die „alltägliche“ Reproduktion der Arbeitskraft (Unterhalt der existierenden Proletarier).

Man kann anfügen, dass:

- die Hausarbeit unerlässliche Aufgaben zur Reproduktion der Arbeitskraft beinhaltet (Aufgaben, die ausgeführt werden müssen wie die Zubereitung des Essens und die Kindererziehung);

- eine grosse Anzahl von Aufgaben sind während des 20. Jahrhunderts vom Staat übernommen oder sozialisiert worden (Einnahme von Mahlzeiten ausserhalb des Haushalts, Kinderkrippen usw.);

- die Hausarbeit ist unendlich. Wenn eine technologische Innovation (oder die Sozialisierung) es erlaubt, Zeit zu gewinnen, erscheint eine neue Aufgabe (was die beträchtliche Entwicklung nur schon seit den 1950er Jahren erklärt). Die proletarischen Frauen haben immer etwas zu tun. Für eine arbeitende oder arbeitslose Frau ist die Anzahl Stunden Hausarbeit jedoch viel geringer als für eine Hausfrau. Das zeigt den überflüssigen Charakter etlicher Hausarbeiten. Die Hausarbeit ist also etwas anderes als eine Liste von Aufgaben. Sie ist die Tätigkeit der Frauen im Haushalt;

- sie wird als „gratis“ wahrgenommen. Im Grunde genommen ist ihre Bezahlung Teil des Lohns des Proletariers, welcher nicht die Bezahlung für die ausgeführte Arbeit, sondern der Preis für die Reproduktion der Arbeitskraft (des Arbeiters und seiner Familie) ist.

- sie ist nicht gesellschaftlich anerkannt, sie ist unsichtbar;

- sie wird nicht von bürgerlichen Frauen ausgeführt (welche proletarische Frauen im Tausch gegen einen Lohn damit beauftragen);

- sie ist ein Trumpf für das Kapital, denn der tägliche Unterhalt der Arbeiter erlaubt auch eine Reduktion der notwendigen Arbeitszeit und somit eine Reduktion des Werts der Arbeitskraft. Das erlaubt auch innerhalb eines Tages den Anteil der Mehrarbeit (des Rests der Arbeitszeit) zu vergrössern (55). Wenn z.B. die Hausarbeit nicht von den Frauen gemacht wird, muss der Lohnarbeiter in die Reinigung gehen und Sandwichs essen. Der Wert seiner Arbeitskraft erhöht sich also;

- die (aufgezwungene) Teilzeitarbeit der Frauen erlaubt es (mehr oder weniger gut), Produktion und Reproduktion unter einen Hut zu bringen.

Frage 1: Kann man einen Vergleich mit der Lohnarbeit anstellen?

Die vorhergehenden Punkte zeigen, dass es gewagt ist, einen Vergleich zwischen Haus- und Lohnarbeit anzustellen.

Zudem ist eine der Eigenschaften der Lohnarbeit die angebliche Freiheit des Individuums, welches seine Arbeitskraft verkauft. Die Situation ist anders für die Frauen, welche trotz der kapitalistischen Freiheit ihrer selbst enteignet sind.

Andererseits ist die Hausarbeit eben nicht entlohnt, sondern indirekt bezahlt. Sie produziert auch keinen Mehrwert* und keine ihrer Produktionen wird auf den Markt gebracht (56). Wenn einige Aufgaben des Haushalts nicht mehr von der Mutter/der Ehefrau, sondern von einer entlohnten Frau ausgeführt werden, handelt es sich nicht mehr um Hausarbeit.

Lohn- und Hausarbeit gehorchen also nicht den selben Regeln und werden unterschiedlich organisiert. Letztere hat zwar einen direkten Nutzen für den Ehemann, doch sie nützt vor allem indirekt dem Kapital (57).

Frage 2: Eine ausgeglichene Aufteilung der Hausarbeit?

Ein neuer Bericht der OECD (58) ermutigt die Staaten zu Massnahmen, denn die Arbeit der Frauen sei der Schlüssel zum Wachstum von morgen:

- (finanzielle) Unterstützung für die Kinderbetreuung;

- Bereitstellung oder Entwicklung von Betreuungseinrichtungen (Kinderkrippen usw.);

- Anpassung der Arbeitszeit für Eltern von Kleinkindern;

- Ansporn der Männer, den Elternurlaub zu nehmen oder zu teilen, sich mehr an der Kindererziehung und an den „häuslichen Verantwortlichkeiten“ zu beteiligen.

Es geht darum, die Quote der Wiederaufnahme der Arbeit der Frauen nach einem Mutterschaftsurlaub zu verbessern (Hindernis für die Teilnahme der Frauen am Arbeitsmarkt und ihre beruflichen Karrieren) (59).

Würde eine ausgeglichene Aufteilung der Aufgaben die Definition der Hausarbeit in Frage stellen? Eine egalitäre Aufteilung in Bezug auf die Anzahl Stunden ist vorstellbar, das Ende der geschlechtlichen Differenzierung der Aufgaben jedoch kaum. Die Statistiken zeigen, dass natürlich die Aufgaben verbunden mit der Kindererziehung im Zentrum des Problems stehen. Die von den Frauen ausgeführte Hausarbeitszeit wächst rapide an sobald ein Kind Teil des Haushalts wird (während sie vorher der Hausarbeitszeit von Singles entspricht).

Frage 3: Kann man von einer Klasse der Frauen sprechen?

Einige Feministinnen versuchten, die Kritik am Kapitalismus mit jener am Patriarchat zu vermischen. Für einige ist der Kapitalismus eine Frucht des Patriarchats. Der Sexismus ist eine der Grundlagen des Kapitalismus; man kann das eine nicht ohne das andere zerstören (doch das Patriarchat bleibt der Hauptfeind).

Die radikalen Feministinnen (Delphy) denken, dass das Patriarchat eine autonome Produktionsweise ist (mit zwei Klassen, die Männer und die Frauen, wobei erstere letztere ausbeuten), welche sie „patriarchale“ oder „Haushaltsproduktionsweise“ nennen. Sie benutzen den Begriff „Klasse“, denn für sie haben die Frauen einen spezifischen gemeinsamen Platz in einer spezifischen Produktionsweise, in welcher sie durch die Hausarbeit ausgebeutet werden. Es scheint uns indessen falsch, die Hausarbeit als „Produktionsweise“ zu qualifizieren. Die Frauen sind eine beherrschte Gruppe, wegen ihren mutmasslichen reproduktiven Fähigkeiten. Obwohl alle, Bürgerliche sowohl als Proletarierinnen, gegenwärtig die Männerherrschaft erdulden, sind sie nicht alle den gleichen materiellen Bedingungen unterworfen und haben widersprüchliche Interessen (es gibt keine Übereinstimmung zwischen der Gender- und der Klassenzugehörigkeit). Die Geschlechterrollen gehören spezifisch zum Reproduktionsprozess, die Klassen spezifisch zum Produktionsprozess. Man kann also nicht von einer Klasse der Frauen sprechen, sondern von einer Gruppe, deren Mitglieder ein spezifischer gemeinsamer Platz zugewiesen wird. Die Geschlechterrollen sind keine Klassen - sondern Geschlechterrollen.

GENDER UND REVOLUTION

Ausgehend von dem, was die Proletarier heute sind und denken, ist es nicht möglich, zu wissen, was die Revolution und der Kommunismus sein werden (unsere gegenwärtigen Mentalitäten sind von der gegenwärtigen Gesellschaft geprägt). Wenn man jedoch die vergangenen revolutionären Perioden, den aktuellen Gang des Klassenkampfes und den gegenwärtigen Zustand des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen untersucht, kann man versuchen, einige Hypothesen aufzustellen.

Die kommunistische Revolution

Unsere Sichtweise hat selbstverständlich nichts zu tun mit den (leninistischen oder anderen) programmatischen Konzeptionen der Revolution, in welchen das Proletariat aufsteigen, die Macht ergreifen, den Staat, die Fabriken und anderen Mist kontrollieren muss, um danach, während einer Übergangsphase, die Bedingungen für den Kommunismus aufzubauen. Es geht uns nicht darum, die Art und Weise, wie die Wirtschaft verwaltet wird, radikal zu verändern (und auch nicht darum, sich die Unternehmen anzueignen).

Wir denken, dass die Phase der Zerstörung der alten Welt gleichzeitig Phase des Aufbaus des Kommunismus ist (Beseitigung des Staates, des Eigentums, des Werts, des Geldes, des Tausches, der Lohnarbeit und der Klassen durch die Tätigkeit des Proletariats (60) und somit dessen Selbstnegation usw.). Dieser Prozess wurde in den 1970er Jahren von mehreren ultralinken Gruppen theoretisiert und als Kommunisierung* bezeichnet (61).

Aufstand und Kommunisierung bedingen einander. Es wird nicht zuerst einen Aufstand und danach eine durch den Aufstand ermöglichte Transformation der sozialen Realität geben. Der aufständische Prozess bezieht seine Kraft aus der Kommunisierung selbst.“ (62)

Dieser Prozess wird unvermeidlich Genderfragen ebenfalls betreffen und führt, unserer Meinung nach, schliesslich zu deren Aufhebung (andernfalls versinkt er in der Konterrevolution).

Dafür braucht es keine Dekrete zu verfassen und dann anzuwenden, nur viele Freudenfeuer und vor allem kommunistische „Massnahmen“ (63), welche das System niederreissen, jegliches Zurück verunmöglichen, mit der Vergangenheit Tabula rasa machen und gleichzeitig den Tisch für die neue Welt anrichten.

Der Kapitalismus basiert unter anderem auf einem gesellschaftlichen Verhältnis, der Lohnarbeit, dessen es sich zu entledigen gilt und welches im Moment der Revolution blockiert sein wird (64). Diese Krise hat als Ursache und Konsequenz den Ausbruch des Proletariats, welcher die Form von Generalstreiks, Ausschreitungen, Generalaufstand, Aneignung gewisser der Revolution nützlichen Produktionsmittel (und Abschaltung/Zerstörung der anderen) annimmt. Als brutaler Bruch wird die Kommunsierung aus Fortschritten und Rückschlägen bestehen und Gewalt und Konfrontationen werden leider unvermeidlich sein (gegenüber Bullen aller Art, der Armee, privaten Militärunternehmen usw.). Die physischen Elemente des Kapitals (nicht nur die Fabriken), welche seinen Fortbestand erlauben, werden nutzlos und unbrauchbar gemacht oder zerstört: Geld, Banken, Goldreserven, Eigentumstitel, notarielle Gutachten, Verwaltungen, Unternehmenssitze, „Kasernen und Kathedralen, welche für uns gleich absurd sind“ usw., alles mehr oder weniger traditionelle Ziele der proletarischen Wut (65). Die Revolution wird sich selbstverständlich nicht auf den Angriff einiger Gebäude beschränken; die Hauptwaffen der Aufständischen werden die eingeleiteten kommunistischen „Massnahmen“ und die Erschaffung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse sein.

Diese Bewegung hebt die existierende Ordnung der Dinge endgültig auf, d.h. die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser beschissenen Welt (Staat, Eigentum, Kapitalismus, Ausbeutung, Wert, Geld, Lohnarbeit, Tausch, Klassen usw.) und beseitigt gleichzeitig die Notwendigkeit, die Arbeitskraft, die Familie und die Geschlechterrollen zu reproduzieren. Die Aufhebung der Lohnarbeit und die revolutionäre Tätigkeit beenden die Unterscheidung zwischen gesellschaftlicher und individueller Tätigkeit, zwischen diversen Trennungen (Arbeits-, Ruhe-, Freizeit usw.), welche die Grundlagen der Hausarbeit sind (die Trennung zwischen privater/reproduktiver und öffentlicher/produktiver Sphäre). Neue Verhältnisse zwischen unmittelbar gesellschaftlichen Individuen* entstehen, gegen jegliche Vermittlung, Klassenzugehörigkeit und ähnliches gerichtet.

Die transformierende Revolution

Die „klassischen“ Kämpfe (Streiks, Besetzungen, Ausschreitungen, Aufstände usw.) transformieren jene, welche daran teilnehmen; die Proletarier führen Aktionen durch und kommen zu Überlegungen, die sie sich oft vorher nie hätten vorstellen können. Das alles wird möglich, weil der beschissene Alltag, die entfremdende und abstumpfende alltägliche Tätigkeit, die gewöhnlichen gesellschaftlichen Verhältnisse erschüttert und/oder unterbrochen werden. Neue Verhältnisse entstehen; man hat Zeit, sich zu treffen, zu diskutieren, zu überlegen usw. Einige werden sagen, dass „das Klassenbewusstsein sich im Kampf formt“ (Otto Rühle). Und je intensiver der Kampf ist, desto tiefer ist diese Transformation (66).

Bis jetzt waren diese Art von Situationen immer zeitlich und räumlich begrenzt und haben somit jedes Mal nur eine begrenzte Anzahl Leute berührt. Wenn ein Kampf vorbei ist, beginnt der Alltag, und insbesondere die Arbeit wieder von vorne, die Normalität kehrt zurück (manchmal nicht ganz bis in die „Geister“). Dank der Revolution wird diese Situation glücklicherweise keine räumlichen und zeitlichen Grenzen mehr haben.

Die Selbstnegation der proletarischen Frauen - und der Männer

Die Streiks der proletarischen Frauen (besonders in den 1970er Jahren) machen die Männerherrschaft offensichtlich und stellen sie manchmal gar in Frage (67). Der Kampf bringt sie weg vom Haushalt und zusammen, geteilte Momente, die Ideen geben und die Praktiken verändern. Die Ausführung oder Unterlassung der Hausarbeit wird zum Problem (entweder wird sie nicht mehr ausgeführt oder die sie wird den Frauen zugewiesen zu Lasten des Kampfes). Dies hat einen direkten Einfluss auf das Leben im Haushalt, im Paar, in der Familie: Sie sind nicht mehr verfügbar, um die Mahlzeiten zuzubereiten, die Wäsche zu machen, sich um die Kinder zu kümmern...Das damit konfrontierte Paar erlebt eine Krise und die geschlechtliche Differenzierung wird davon erschüttert. Die Probleme der Reproduktion (nicht der Arbeitskraft, sondern des alltäglichen Überlebens) werden notwendigerweise und direkt in den Kampf integriert (welcher somit nicht mehr nur Lohnfragen betreffen). Aber auch hier kommt das alltägliche Leben zurück und alles wird wieder mehr oder weniger normal sobald der Kampf vorbei ist.

Ausgehend von den Beispielen dieser Streiks können wir uns die Intensität vorstellen, welche diese Umwälzungen haben werden, wenn eine revolutionäre Periode eintritt. Die Beteiligung der Frauen am Aufstand wird unumgänglich und massiv sein. Dies wird einen bedeutenden Einfluss auf die private Sphäre (die, wie die öffentliche auch, verschwinden wird) und das alltägliche Leben haben. Sie werden nicht mehr als Frauen von Proletariern oder Hausfrauen intervenieren, was in den vergangenen „revolutionären“ Episoden mehrheitlich der Fall war. Sie werden als Proletarierinnen handeln (Infragestellung der Klassen) und auch als Frauen (Aufkommen von Fragen, die mit der Reproduktion und den Geschlechterrollen zusammenhängen) (68).

Historische Beispiele zeigen, dass in einer ersten Phase einer revolutionären Periode die Frauen sehr häufig aktiv sind, zu den Waffen greifen und die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Geschlechterteilung werden davon erschüttert (Paris 1871, Russland 1917 (69), Spanien 1936). Man könnte jedoch einwenden, dass sie schnell wieder auf die weiblichen Aufgaben (Pflege, Küche, Waschen usw.) beschränkt wurden, was stimmt. Es ist weniger so, dass der revolutionäre Prozess die geschlechtliche Differenzierung wieder einrichtet, sondern eher, dass er gebremst worden ist. Die Grundlagen der alten Welt bleiben erhalten (speziell die Lohnarbeit), die Verwaltung einer mehr oder weniger normalen gesellschaftlichen Ordnung wird zu einer Notwendigkeit und die Bürokraten (bolschewistische Partei oder CNT (70)) erscheinen oder ergreifen die Macht. Die Frauen in den Haushalt oder die Küche zurückzuschicken ist nicht schwer, denn es ist damals mehrheitlich ihr Platz in der Gesellschaft (Frauen von Proletariern). Dies ist heute nicht mehr der Fall.

Im revolutionären Prozess werden die von den Frauen getragenen Fragen offen gelegt werden, herausbrechen und unvermeidlich Konflikte provozieren (Wer kümmert sich um die Kinder? Die Pflege? Die Kantine? usw.) Ihre Lösung wird wahrscheinlich Formen der Selbstorganisation der Frauen herbeiführen (gegenüber den Männern?) (71), nicht um das Herrschaftsverhältnis umzukehren, sondern um die geschlechtliche Differenzierung aufzulösen (72). Ist dies nur eine Möglichkeit oder eine Notwendigkeit? Die Frage bleibt offen, wie auch jene des Risikos, damit die Geschlechterteilung zu bestätigen. Wenn in dieser Hypothese die Selbstorganisation der Frauen eine Etappe im Prozess der Kommunisierung darstellt, so wird sich doch der Rest (die Aufhebung der Geschlechterrollen) gegen sie (die Selbstorganisation) richten.

Die Untergrabung der Träger der sozialen Konstruktion

Die Kämpfe und Zerstörungen, die Aufhebung des Eigentums, des Geldes, des Werts, des Staats usw. werden faktisch im alltäglichen Leben etliche Träger der sozialen Konstruktion der Geschlechterrollen erschüttern, sie unwirksam, unbrauchbar, hinfällig machen oder ihr Verschwinden verursachen. Es ist unmöglich, davon eine vollständige Liste zu erstellen (denn das ganze Leben wird transformiert, erschüttert werden), doch man kann einige Beispiele geben: die Pornoindustrie, die Werbung, die Medien (Fernsehen, Zeitungen), die religiösen Institutionen, die staatliche Bildung, das Standesamt (Schluss mit Heiraten, Scheidungen, Heiratsverträgen, Abstammung, Erbe usw. (73)), die Prostitution, die Modeindustrie, die Schönheitswettbewerbe, die Nachtlokale, Walt Disney usw.

Zu diesen Erschütterungen des alltäglichen Lebens sollte man die Wirkung der neuen Funktionsweisen hinzufügen, welche im Kampf aufgebaut werden, um etliche Schwierigkeiten zu bewältigen (wie z.B. die Versorgung (74)): diverse Versammlungen und Orte der Diskussion, kollektive Kantinen, kollektives Wohnen, kollektive Kindererziehung und Bildung (Schluss der Kernfamilie), wahrhafte sexuelle Befreiung (Verschwinden der verknöcherten gesellschaftlichen und moralischen Rahmenbedingungen) usw. (wir gestehen hier die Schwäche unserer Vorstellungskraft ein).

Frage der Zeit

Es wird möglich sein, sich von der alten Welt zu befreien nach einigen Jahren entsetzlichen, blutigen und vielleicht ein wenig freudigen Kampfes, doch, obwohl der Kampf jene, welche daran teilnehmen, verändert, wird das vielleicht nicht für die etlichen schädlichen Einwirkungen ideologischen Charakters gelten. Insbesondere alles, was, als Frucht einer Bildung und einer Umwelt, die wir unser ganzes Leben erduldet haben, in jedem und jeder von uns tiefst verankert ist: der Sexismus, der Rassismus, der Individualismus, der Drang/die Lust nach Ordnung, Disziplin, Hierarchie, das Paar (welches wohl eine der letzten Widerstandsbastionen der Männerherrschaft sein wird (75)), die Aneignung der Kinder usw. All das hinter uns zu lassen mag heute schwierig erscheinen, doch erinnern wir noch einmal daran, dass der Prozess der Kommunisierung die Probleme der geschlechtlichen Differenzierung auf den Tisch legen wird und die Entwicklung der Mentalitäten wird wahrscheinlich viel schneller sein als man sich vorstellen kann.

Der Kommunismus

Aufhebung der Geschlechterrollen bedeutet nicht Vereinheitlichung, Gleichmacherei und Traurigkeit. Es ist heute unmöglich, sich vorzustellen, was in einer kommunistischen Welt die Schwangerschaft, die (wahrscheinlich kollektive) Kindererziehung, emotionale, körperliche und/oder sexuelle Beziehungen, der Körper usw. sein werden (der uns zu Verfügung stehende Wortschatz eignet sich übrigens nicht dazu).

Mit der Revolution werden die geschlechtliche Differenzierung und die Geschlechterrollen faktisch von unmittelbar gesellschaftlichen Individuen aufgehoben. Doch der Kommunismus wird selbstverständlich nicht die Unterscheidung aufheben zwischen jenen, welche schwanger werden können und jenen, welche es nicht können. Die Schwangerschaft ist jedoch kein natürliches Phänomen, sie wird gesellschaftlich organisiert (auf unterschiedliche Art und Weise je nach Epochen, Gesellschaft und Regionen (76)). Heute bedingt sie die Bildung der Gruppe der Frauen und die Männerherrschaft. Wie die Frage der Organisation der Schwangerschaft behandelt und gelöst wird während der Kommunisierung ist wesentlich und sehr problematisch. Es ist besonders diese Frage, die Mutterschaft, über welche die Aufhebung der Geschlechterrollen (77), und somit die Kommunisierung, zu stolpern droht.

Der Kommunismus kann nicht zusammen mit irgendeiner gesellschaftlichen Hierarchie (und somit der Aufrechterhaltung der Männerherrschaft) oder Bestimmungen gedacht werden. Doch man kann auch nicht sagen, obwohl wir die Idee der Übergangsphase ablehnen (welche die Grundlagen des Kommunismus aufbauen soll), dass die Menschheit wirklich glücklich sein wird, wenn der letzte Kapitalist gehängt werden wird. Anders gesagt: Obwohl es bei der Kommunisierung darum geht, kommunistische Verhältnisse (welche die Hauptwaffe der Revolutionäre sein werden) aufzubauen, wird man noch nicht von Kommunismus sprechen können, wenn die letzte bewaffnete Konfrontation beendet sein wird...Trotz den Umwälzungen werden die „Mentalitäten“ (eine Frucht der gesellschaftlichen Verhältnisse) noch nicht kommunistisch sein. Wäre der Begriff historisch nicht dermassen beladen, könnte man von einer Art Übergangsphase (nicht des Absterbens des Staates, sondern der kapitalistischen Mentalitäten) zum Kommunismus sprechen.

Der Kommunismus wird nicht das Paradies sein, er wird nicht alle Konfliktmöglichkeiten aufheben, aber diese werden nicht mehr durch das Kapital oder andere Herrschaftsformen vermittelt; die Konflikte werden wahrscheinlich auf noch nie dagewesene Art und Weise gelöst werden. Die Bedingungen, welche die Männerherrschaft und alle Formen der Herrschaft und der Unterdrückung erklären und erlauben, werden verschwunden sein, was ein guter Anfang ist. Die unmittelbar gesellschaftlichen (schon während der Kommunisierung transformierten) Individuen werden Existenzbedingungen kennen, welche für eine „positive“ Entwicklung besonders günstig sein werden. Die folgende Generation (welche nur den Kommunismus gekannt haben wird, in ihrer Bildung jedoch noch den Einfluss der „Überbleibsel“ der Erwachsenen erdulden werden) wird den Makel der alten Welt wesentlich weniger ergeben sein - und vielleicht überhaupt nicht mehr. Man wagt sich nicht vorzustellen, wie es zehn Generationen später aussehen wird...

SCHLUSSFOLGERUNG

Etliche Proletarier revoltieren heutzutage, brechen aus, weigern sich, sich der Ausbeutung und der Herrschaft zu fügen und sind somit faktisch Teil der wirklichen Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufheben wird. Diese Kämpfe stossen an die Grenzen ihrer Epoche und können, in dieser Periode relativer sozialer Ruhe (solange alles funktioniert), nur partiell, reformistisch usw. sein. Doch eine Periode der Krise/des Aufstands, welche nicht mit den aktuellen Kämpfen vergleichbar ist, wird Möglichkeiten zu einem radikalen und qualitativen Bruch erschaffen.

Es geht nicht darum, auf diese Momente kollektiver Ausbrüche zu warten, doch es sind nicht wir (die mehr oder weniger selbst ernannten „Revolutionäre“), welche diese Kämpfe auslösen, wir entscheiden auch nicht die Ziele oder die Art der Angriffe. Wir nehmen daran teil wie alle Proletarier. Obwohl persönliche Vorgehensweisen (oder in kleinen Gruppen) selbstverständlich nicht abzulehnen sind, sollte man sich jedoch bewusst sein, dass nur ein kollektiver Kampf in einem gewissen Ausmass (die Revolution) in einem notwendigerweise einmaligen Akt die Klassen und die Geschlechterrollen wird aufheben können (78).

Die Beteiligung der Frauen an Bewegungen der Revolte in der Vergangenheit wurde oft als Gradmesser der Radikalität wahrgenommen. Aber seit ihrem massiven und direkten Eintritt in die Lohnarbeit und somit in die Streiks führt allein ihre Involvierung dazu, dass die Fragen der Reproduktion auftauchen. Die Revolution wird mit den proletarischen Frauen stattfinden und es ist diese Involvierung, welche einen bis anhin unmöglichen qualitativen Sprung erlaubt. Von diesem Moment an wird sich die Frage der Aufhebung der öffentlichen und privaten Sphäre in der Praxis stellen; genauso wie das Ende der Geschlechterrollen und der geschlechtlichen Differenzierung. In diesem konfliktreichen und problematischen Prozess wird die Rolle der Frauen also bestimmend sein - sowie als Reaktion jene der Männer. Wenn man sich die Genderfrage in einer revolutionären Perspektive nicht ersparen kann, so gilt das gleiche für die alltäglichen Kämpfe und das alltägliche Überleben.

Seien wir optimistisch, denn chronologisch betrachtet waren wir der kommunistischen Revolution noch nie so nah!

Nieder mit dem Proletariat! Nieder mit den Männern! Nieder mit den Frauen!
Es lebe die Anarchie, es lebe der Kommunismus!

Die Bande von Incendo

1 Für dieses Kapitel, siehe Christophe Darmangeat, Le communisme primitif n’est plus ce qu’il était… Aux origines de l’oppression des femmes, Toulouse, Smolny, 2009, 466 S.
2 Siehe zum Beispiel Sabine Melchior-Bonnet et Catherine Salles (dir.), Histoire du mariage, Paris, Robert Laffont, 2009, 1229 S.
3 Siehe in dieser Nummer den Artikel zur Hausarbeit, S. 47.
4 Siehe Philippe Ariès, L’Enfant et la vie familiale sous l’Ancien Régime, Paris, Seuil, 1975, 322 S.
5 Siehe zum Beispiel Jacques Le Goff, « Le christianisme a libéré les femmes » [sic], L’Histoire, Nr. 245, Juli-August 2000, S. 34-38.
6 Zu diesem Thema siehe den Artikel zur Reproduktion der Arbeitskraft im 19. Jahrhundert, S. 73.
7 Es gilt zu beachten, dass die öffentliche Sphäre nicht nur was mit der Produktion zu tun hat abdeckt (zum Beispiel die Politik). Die noch nie zuvor da gewesene Trennung in zwei Sphären ist eine notwendige Bedingung für den Kapitalismus, der einen „freien“ Arbeiter braucht (im Gegensatz zum Sklaven).
8 Es ist nur der Einfachheit oder der Faulheit halber, dass wir manchmal schreiben, dass „der Kapitalismus dies oder das macht“. Er ist weder ein Monster, das perverse Entscheidungen trifft, noch eine kalte Maschine, die von einem geheimen Komitee gelenkt wird, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Es muss also verstanden werden als „die Entwicklung des Kapitalismus’ führt zu...“ oder „hat zur Konsequenz“ usw. Dennoch ist der Staat da, um die grundsätzliche Ausrichtung vorzugeben, die notwendig ist für die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise (manchmal den spezifischen Interessen der Kapitalisten zuwiderlaufend, aber oft den Hinweisen der scharfsinnigsten unter ihnen folgend).
9 Die Reproduktion der Arbeitskraft beinhaltet die alltägliche Reproduktion des Arbeiters (Nahrung, Kleidung, Heizung usw.) und die „generationsbezogene“ Reproduktion der Arbeiterklasse (Kinder erzeugen und sie grossziehen).
10 Zu diesem Kapitel siehe den Artikel über den MLF, S. 93.
11 1944, Frauenstimmrecht; 1945, Abschaffung des Begriffs Frauenlohn; 1965, verheiratete Frauen können beruflich aktiv sein oder ein Bankkonto eröffnen ohne die Erlaubnis ihres Mannes, usw.
12 AdÜ: Der MLF entstand zwischen 1967 und 1970 und bestand grosso modo aus drei Tendenzen: einer klassenkämpferischen, einer klassisch-feministischen (die ihrerseits eher radikale und eher reformistische Ansätze beinhaltete) und einer psychoanalytischen Tendenz. Die Hauptfigur letzterer, Antoinette Fouque, liess 1979 ohne das Einverständnis des Rests der Bewegung das Siegel des MLF auf ihren Namen patentieren, was das Ende desselben bedeutete.
13 AdÜ: Der MLAC (Mouvement pour la liberté de l’avortement et de la contraception – Bewegung für die freie Abtreibung und Verhütung) war eine autonome Gruppe, die 1973 gegründet wurde und sich 1975, als die Abreibung in Frankreich legalisiert wurde, auflöste. Der MLAC war zusammengesetzt aus Mitgliedern des MLF und anderer feministischer Gruppen, unterstützte Frauen, die illegal oder im Ausland abtreiben wollten und setzte sich für einen freien Zugang zu Verhütungsmitteln ein.
14 Siehe zum Beispiel den Film von Nigel Cole, We Want Sex Equality, Grossbritannien, 2010, 113 Min.
15 Siehe den Artikel zu den Frauen in den Kämpfen, S. 147.
16 Sie erlaubt dem Staat unter anderem, die Kosten für die kollektive Ausstattung zu beschränken, indem sie für einen Teil der Reproduktion der Arbeitskraft sorgt.
17 Sehr bezeichnendes Beispiel. In diesem Sektor wird den Frauen der Unterhalt des Inneren der Gebäude zugewiesen, während die Männer draussen arbeiten.
18 Zur Aneignung siehe Paola Tabet, La Construction sociale de l’inégalité des sexes. Des outils et des corps, Paris-Montréal, L’Harmattan, 1998, 206 S.
19 Zu diesem Kapitel siehe den Artikel zur Familie heute, S. 59.
20 Ein einziger Lohn reicht kaum mit einem Kind. Im Vergleich zu den 1960er und 1970er Jahren ist der Lohn der Frauen nicht mehr ein Unterstützungslohn, sondern der nötige zweite Lohn, im allgemeinen niedriger als jener der Männer.
21 1970 führte der Staat die ersten finanziellen Unterstützungen für alleinerziehende Frauen ein. Diese Massnahmen haben sich nachher mit dem Anwachsen alleinerziehender Eltern entwickelt. Der Staat nimmt gewissermassen teilweise den Platz des fehlenden Elternteils ein (im allgemeinen des Vaters).
22 Frankreich ist diesbezüglich noch nicht sehr weit. Die amerikanischen Truppen in Irak und Afghanistan zählten 12 % Frauen. In diesen beiden Ländern testen die Marines seit einigen Jahren eine Kampfeinheit, welche nur aus Frauen besteht, deren Resultate werden von ihrem Oberkommando sehr geschätzt. Die geschlechtliche Differenzierung ist noch nicht verschwunden...
23 Die (vollständig) männlichen Sektoren tendieren dazu, sich auf einige Bastionen von Posten mit sehr hoher Verantwortung zu beschränken, was durch die Kooptation und die Furcht vor der Konkurrenz erklärt werden kann (die Anzahl Plätze sind nicht erweiterbar, die alten Haie der Hochfinanz sehen es nicht gerne, wenn junge weibliche Haie neben ihnen schwimmen...) Die Langsamkeit der Feminisierung der Macht- oder Prestigeposten kann auch mit einem Prozess des Generationenwechsels erklärt werden: Die Frauen sind heute in etlichen Schulen in der Mehrheit und das berühmte Beispiel vom Antagonismus zwischen männlichen Chirurgen und weiblichen Krankenschwestern wird bald nicht mehr aktuell sein. Die Frauen repräsentierten nämlich 1995 16 % der unter 35-jährigen Chirurgen, 36.6 % 2006, doch auch 60 % der Abschlüsse in Chirurgie 2006. Bei den Richtern wurde die Parität 2001 erreicht, doch 2005 waren 82 % aller zukünftigen Richter Frauen. Zu diesen Fragen siehe besonders Sylvie Schweitzer, Femmes de pouvoir. Une histoire de l’égalité professionnelle en Europe (XIXe-XXIe siècle), Paris, Payot, 2010, 258 S.
24 Siehe zum Beispiel « Plus de femmes, plus de profits », Libération, 04/03/2004. Das Quotengesetz von 2010 für die Verwaltungsräte grosser Unternehmen hat nicht ethische sondern wirtschaftliche Gründe. Um Führungsstellen zu erreichen müssen die Frauen viel mehr Kompetenzen zeigen als die Männer. Das eine erklärt vielleicht das andere.
25 „Was die Chefs von Unternehmen für ihre Frauen akzeptierten, tolerieren sie nicht mehr für ihre Töchter“, siehe Christine Ducros, Marie-Amélie Lombard, « Ces femmes à la conquête des conseils d’administration », 14/10/2010, lefigaro.fr.
26 Wenn es auch Beispiele von Ehemännern gibt, die zu Hause bleiben, um sich um die Kinder zu kümmern, da sie weniger als ihre Frau verdienen, so bleibt es doch eine seltene Ausnahme. Wie die soziale Durchmischung eben so ist, sieht man häufiger ein Paar hoher Kader aus Paris eine afrikanische Tagesmutter die Arbeit machen zu lassen (das Gleiche gilt für das bürgerliche Paar aus Shanghai und ihr philippinisches Dienstmädchen).
27 Wie eine Studie gezeigt hat, gibt es auch extreme Fälle wie die Deutschen mit Universitätsabschluss, die sich entscheiden, keine Kinder mehr zu zeugen; zwischen 60 bis 80 %, je nach Bundesland. Siehe Sylvie Schweitzer, op. cit., S. 170. Wollen die kapitalistischen Frauen ihre reproduktive Funktion nicht mehr wahrnehmen?
28 In den 1970er Jahren proklamierte der FHAR (Front homosexuel d’action révolutionnaire – Homosexuelle Front der revolutionären Aktion), die Homosexuellen erhalten das Vermögen der Bourgeoisie nicht („das Erbe kannst mit uns vergessen, das gibt es nicht mehr!“) und sind somit revolutionär. Heute sind die Schwulen und Lesben der bürgerlichen Klasse mit diesem Problem konfrontiert, was die aktuellen Entwicklungen der Gesetze zur Adoption und Heirat für Homosexuelle erklärt. In den bürgerlichen Klassen sind die Möglichkeiten gegen die gesellschaftlichen Normen zu verstossen grösser.
29 Es gibt keine Definition dieses Begriffs. Jede feministische Gruppe braucht ihn ein bisschen nach ihrem Belieben, häufig als Pendant für „Männerherrschaft“. Daher die Notwendigkeit, ihn zu definieren, wenn man ihn verwendet (siehe Begriffserklärungen, S. 197).
30 OECD, Assurer le bien-être des familles, 2011, 275 S.
31 Die proletarischen Frauen können allerdings streiken für Arbeitsbedingungen, die mit ihrer Funktion als Mutter vereinbar sind (zum Beispiel kürzere Arbeitszeiten).
32 Es ist Euch überlassen, zu erraten, wer wen ausbeutet.
33 AdÜ: Die Chiennes de garde (Wachhündinnen) wurden 1999 von Florence Montreynaud und Isabelle Alonso gegründent. Es handelt sich um eine reformistische feministische Organisation, die gegen „symbolische sexistische Gewalt im öffentlichen Raum“ kämpft.
34 AdÜ: Ni putes ni soumises (Weder Huren noch gefügig) ist eine reformistische feministische Organisation, die 2003 von Fadela Amara gegründet wurde. Sie hat den Anspruch, die Frauen aus den armen Quartieren zu vertreten. Amara ist Mitglied des Parti socialiste und war zwischen 2007 und 2010 Staatssekretärin unter Sarkozy.
35 AdÜ: Die Marche mondiale des femmes (Weltmarsch der Frauen) entstand 1995 in Québec. Sie kämpft gegen „die Armut und Gewalt an Frauen“ und steht der Anti-Globalisierungs-Bewegung nahe.
36 Zum Beispiel die Sendung Le Complot des cagoles über den Streik der Kassiererinnen von Carrefour in Marseille 2008, die man auf der Homepage von Basse intensité anhören kann: http://basseintensite.internetdown.org/spip.php?rubrique235
37 Wir kritisieren den ideologischen Charakter und nicht die Tatsache, diese alten Techniken zu erkunden, die in unserem alltäglichen Leben durchaus nützlich sein können (und die uns nach der Revolution sehr nützlich sein werden).
38 AdÜ: Der FHAR war eine revolutionäre Organisation feministischer Lesben und schwuler Aktivisten, die von 1970 bis 1974 existierte.
39 Dieses Konzept haben die Feministinnen als Gegenpart zur männlichen Brüderlichkeit entwickelt. Alle Frauen sind Schwestern und müssen Verhältnisse tiefer Solidarität entwickeln.
40 Diese Idee wird häufig auch von Pro-Feministen* vertreten.
41 Rote Zora, „Jedes Herz ist eine Zeitbombe“ in: Anonym, En Catimini… histoire et communiqués des Rote Zora, 2009, S. 72. Der Text ist ursprünglich in Revolutionärer Zorn, Nr. 6, Januar 1981 erschienen.
42 Sogar wenn der dekonstruierte Mann in seinen Kreisen nicht mehr Unterdrücker wäre, so würde er vom System doch immer noch als solcher betrachtet und diese Position als „Standardeinstellung“ ihn weiterhin im Verhältnis zu anderen bestimmen.
43 Man ist versucht, diese Ideologie mit dem politischen Lesbianismus à la Wittig zu vergleichen. Sie sagt dass „die Lesben keine Frauen sind“, denn sie entwischen der Männerherrschaft in der privaten Sphäre (« La pensée straight », Monique Wittig, Questions féministes, Nr. 7, Februar 1980). In Wirklichkeit können die Lesben der individuellen Aneignung entwischen, doch nicht der kollektiven.
44 Man kann sehr gut Queer sein und an einer grossen Universität unterrichten oder das Odeon leiten usw. ohne dass die Institutionen davon erschüttert werden. Es ist jedoch schwieriger, Queer und Maurer zu sein...
45 Siehe Anhang.
46 Diese Veränderung der Verhaltensweisen und der Beziehungen zwischen Männern und Frauen während der ersten Zeit der russischen Revolution wird zum Beispiel von Alexandra Kollontai (Marxisme et révolution sexuelle, Paris, Maspéro, 1973) und Clara Zetkin (Batailles pour les femmes, Paris, Editions sociales, 1980) betont.
47 AdÜ: Die Milieux libres (Freie Milieus) sind ein Überbegriff für diverse Formen kollektiven libertären Zusammenlebens während der Belle Époque (Ende des 19. Jahrhunderts bis 1914).
48 Sogar Barricata ! (Kulturmagazin der Pariser Redskins). Spezielle Widmung für ihre Nr. 21 im Sommer 2010.
49 Wie zum Beispiel die „antipatriarchale Motion“, welche von der Koordination der anarchistischen Gruppen [AdÜ: CGA – Abspaltung der Fédération anarchiste 2002] im November 2011 (zum Preis von Spaltungen) angenommen worden ist, die Geschlechterrollen als System gesellschaftlicher Kategorien präsentiert und den Essentialismus deutlich kritisiert. Die Feststellung ist zwar treffend, die vorgeschlagenen Lösungen jedoch etwas gar brav.
50 Wie zum Beispiel die Gruppen/Zeitschriften Théorie communiste und SIC (siehe Bibliographie, S. 202). In der ultralinken Szene sind sie beinahe die einzigen, welche eine Analyse der Geschlechterrollen wagen und vor allem bekräftigen, dass diese notwendig ist (man muss sich selbstverständlich zuerst an ihren sehr speziellen literarischen Stil gewöhnen). Wir sprechen hier von Frankreich, denn die Reflexionen über Genderfragen scheinen in anderen Ländern weniger tabu zu sein.
51 Marin Karmitz, Coup pour coup, Frankreich, 1972, 90 Min.
52 Siehe den Artikel über die Frauen in den Kämpfen, S. 147.
53 Je nach Land und seinem Entwicklungsstadium organisiert sich das Kapital anders. Gesellschaften, welche man zurecht als „patriarchal“ qualifizieren kann, gibt es immer noch viele (Maghreb, Asien usw.). Dennoch führt die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise (speziell durch den Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt) zu einer unvermeidlichen Entwicklung der geschlechtlichen Differenzierung und zum Auftauchen des „Frauenproblems“ (siehe in China, Nahost, Argentinien usw.). Der Westen kann nicht geographisch abgegrenzt werden; seine Kategorien werden dem Planeten durch die Ausbreitung und Vertiefung der kapitalistischen Produktionsweise aufgedrängt.
54 Was natürlich nicht bedeutet, dass die schwarzen, arabischen oder weiblichen Proletarier nicht mehr Diskriminierung und Ausbeutung erdulden müssen. Jedes Land braucht überausgebeutete und unterbezahlte Arbeiter, sie variieren je nach Region.
55 Der Staat kann sich jedoch nicht vollständig um die Reproduktion der Arbeitskraft kümmern, denn das würde bedeuten, dass der Arbeiter nicht mehr arbeiten gehen müsste.
56 Siehe, für jene, die mutig genug sind, „Distinction de genres, programmatisme et communisation“, Théorie communiste, Nr. 23, Mai 2010, S. 99-128.
57 Die jungen Proletarier, welche in den Arbeitsmarkt eintreten, haben nicht alle den gleichen „Wert“, er ist abhängig vom Studium und der Ausbildung, welche vom Staat zur Verfügung gestellt werden (und auch vom kulturellen Kapital der Eltern, das nicht viel mit der Hausarbeit zu tun hat). Der Haushalt ist keine Arbeitskraftfabrik.
58 Von der Hausarbeit der alleinstehenden Mütter profitiert einzig und allein das Kapital.
59 OECD, op. cit.
60 In Frankreich sind die Frauen zum Beispiel besser ausgebildet als die Männer. Bildung und Weiterbildung sind eine Investition. Die Mutterschaft schmälert also die Rendite - für die Oberschicht.
61 Da ihre Interessen im Widerspruch zu jenen der Kapitalisten sind, können nur die Proletarier die Revolution „auslösen“.
62 Das Konzept der Kommunisierung stösst seit einigen Jahre international auf ein gewisses Echo. Siehe Bibliographie, S. 193.
63 Quatre millions de jeunes travailleurs, Pour un monde sans argent : le communisme, 1975.
64 „Im Laufe des revolutionären Kampfes sind die Aufhebung des Staates, des Tausches, der Arbeitsteilung, jeglicher Form des Eigentums, die Ausdehnung der Unentgeltlichkeit zur Vereinigung der menschlichen Tätigkeit, d.h. die Aufhebung der Klassen, der privaten und öffentlichen Sphäre, „Massnahmen“, welche das Kapital aufheben und uns von den Notwendigkeiten selbst des Kampfes gegen die kapitalistische Klasse aufgezwungen werden. Die Revolution ist Kommunisierung, der Kommunismus ist nicht ihr Projekt und Resultat. Man hebt den Kapitalismus nicht für, sondern durch den Kommunismus auf, präziser ausgedrückt durch seine Hervorbringung.“ „Editorial“, SIC, Nr. 1, November 2011, S. 6.
65 Diese Revolution kann nicht „antikapitalistisch“ sein. Der Staat ist zum Beispiel nicht an sich kapitalistisch, er ist nur ein Werkzeug im Dienste der herrschenden Klasse. Siehe Bernard Lyon, « Nous ne sommes pas Anti », Meeting, Nr. 2, September 2005, S. 4-6.
66 Die Gruppe Rage Against the Kebab singt es melodiös: „Kommunisieren bedeutet zerstören“, doch nicht nur.
67 In einen Kampf können sich der spiessigste Prolet und der idiotischste sozialdemokratische Student verändern. Jene, welche aktiv an Kämpfen mit einem gewissen Ausmass (Mai 68 bis zum CPE) teilgenommen haben, haben das wahrscheinlich gemerkt. Sonst gibt es Hunderte von Büchern zur Geschichte der Klassenkämpfe, die das zeigen. Selbstverständlich haben die Kapitalisten, die nicht im gleichen Lager sind, nicht den Vorteil dieser Veränderung...Was die Spezialbehandlung erklärt, welche sie haben werden. Jene, welche in den Proletariern nur unverbesserliche (von Natur aus?) niederträchtige, individualistische und egoistische Wesen sehen, verweisen wir auf die vielen Studien zu den Reaktionen der Opfer grosser „Natur“katastrophen, wenn der Staat sich nicht einmischt. Sie zum Beispiel in Echanges Nr. 134 (Herbst 2010, S. 70-73) eine Lesenotiz zum Buch von Rebecca Solnit, A Paradise Built in Hell : The Extraordinary Communities That Arise in Disaster (Penguin Group, 2009).
68 Es wäre notwendig, die Teilnahme von Frauen an den zeitgenössischen Kämpfen spezifisch zu analysieren (2001 in Argentinien oder heute an den Streiks in Bangladesch, China, Frankreich usw.).
69 Das wirft eine wohl grundlegende Frage auf, auf die wir nicht wirklich eingegangen sind: Was wird die Reaktion der bürgerlichen Frauen während der Revolution sein? Werden sie nur als Bürgerliche intervenieren (Verteidigung ihrer Klasseninteressen) oder ist es vorstellbar, dass sie auch als Frauen intervenieren würden? Welche Formen könnte dies annehmen? Obwohl es unwahrscheinlich erscheint, ist Solidarität zwischen Frauen jenseits der Klassen vorstellbar? In beide Richtungen? Das wirft eine nicht minder knifflige und genauso grundlegende Frage auf: Gibt es einen Genderwiderspruch? Anders gesagt, gibt es einen doppelten Widerspruch (Klassen- und Genderwiderspruch)? Eine grosse Debatte innerhalb unseres kleinen Teams...
70 Kollontai zeigt zum Beispiel, dass die neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zu Beginn der Revolution zu einer Auflösung der Kernfamilie führen (kollektive Kantinen usw.) und dass „der kommunistische Staat darauf keinen Einfluss hat“, op. cit., S. 211.
71 Die Broschüre von Michael Seidman L’Individualisme subversif des femmes à Barcelone dans les années 1930 (https://infokiosques.net) zeigt den Widerstand der Frauen (Streiks, Ablehnung der Arbeit) gegen das Andauern der alten Welt (in diesem Fall die Behörden der CNT-UGT, welche versuchen, die Ausbeutung zu rationalisieren und welche übrigens die Fragen der Reproduktion überhaupt nicht berücksichtigen).
72 Die Männer werden also ihre Ärmel hochkrempeln müssen (und somit faktisch einen Beitrag zum Ende der geschlechtlichen Differenzierung leisten) oder sie werden es nicht tun (und somit faktisch den revolutionären Prozess hemmen).
73 Ein von einigen vorgebrachtes Beispiel ist die Gründung des Movimiento de Mujeres Desocupadas 2005, eine Abspaltung der dominanten Bewegung der piqueteros. Siehe Bruno Astarian, Le Mouvement des piqueteros. Argentine 1994-2006, Paris, Echanges et Mouvement, 2007, S. 42-43.
74 Es wird wohl immer noch einige Hinterwäldler geben, die heiraten möchten, um zum Beispiel „ihre Liebe zu beweisen“, doch es wird keinen Bürgermeister mehr geben, um es zu tun, kein Zivilstandsregister, um ihn einzutragen, kein Gesetz, um die Rahmenbedingungen zu definieren usw. (schade für die Homosexuellen, die ihr neues Recht verlieren werden!) Es wird wohl auch einige andere geben, die Autorität, Disziplin „brauchen“ oder Machtgelüste haben - doch es wird, im Gegensatz zur aktuellen Welt, nichts mehr geben, um derartige „Macken“ auszuleben...
75 „Im Vergleich zu kapitalistischen Kriterien wird der kommunistische Überfluss womöglich ziemlich einfach und dürftig sein.“ Collectif, Histoire critique de l’ultragauche, Marseille, Senonevero, 2009, S. 205.
76 In den russischen und spanischen Episoden findet man häufig die Figur des Revolutionärs, der nach seinem Tag der Militanz nach Hause geht, wo die Männerherrschaft weitergeht und wo er sich also als Ehemann und seine Frau als Mädchen für alles verhält...Doch in diesem Fall nehmen die Frauen nicht am Kampf teil und der revolutionäre Prozess ist schon gehemmt.
77 Siehe Paola Tabet, op. cit.: Um die niedrige Fruchtbarkeit der menschlichen Spezies zu kompensieren, ist es nötig, dass die Frauen auf optimale Art und Weise dem Koitus, und somit dem Schwangerschaftsrisiko ausgesetzt sind. Die beste Technik ist die Heirat (oder das Paar). Dadurch sind die Frauen zwar nicht „immer empfänglich“, doch sie sind „immer begattbar“.
78 Ein Genosse denkt, dass wir im Kommunismus „keine Kinder mehr haben, doch überall Kinder sein werden“. Ein anderer denkt, dass „wir überhaupt keine mehr machen werden“.
79 Wenn uns etwas bewusst werden sollte, so sind es vor allem unsere Grenzen und die Bescheidenheit unserer Aktionen und Fähigkeiten. Wie es der Volksmund so schön sagt: „Es sind nicht die Revolutionäre, welche die Revolution machen werden, sondern die Revolution, welche die Revolutionäre machen wird“. Wir sind eben ziemlich unbedeutend...

Anhang:

Va te faire queer un œuf*

Gegen die Gleichheit und die Altbackenheit des Feminismus, welcher im Problem des kollektiven Kampfes verankert ist, entstand in den 1990er Jahren eine neue Art und Weise, Gender zu denken, die Queer-Theorie. Sie positioniert sich gegen jeglichen Essentialismus.

Doch mit der vorherrschenden Forderung nach Gleichheit geht die Kritik des Essentialismus in der Regel vergessen. Da die Naturalisierung effizient ist und dem „spontanen“ Denken entspricht, kommt sie stets zurück, wenn sie nicht kritisiert und bekämpft wird. Die Schwulen- und Lesbenbewegung ist auch Teil dieser allgemeinen Bewegung, welche in einer Welt der Beherrscher und Beherrschten Gleichheit fordert.

Somit erscheint Queer als eine Erneuerung essentialistischer Kritik. Sie unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von jener des Feminismus der 1970er Jahre, indem sie die Minderheiten in eine Strategie der Kritik des herrschenden Denkens einbettet, die das Streben nach Gleichheit beinhaltet.

Es geht also nicht mehr darum, zu zeigen, dass es gesellschaftliche Verhältnisse und eine gesellschaftliche Struktur gibt, die die Individuen aus materiellen Gründen unter Zwang setzt, sondern zu zeigen, dass es Dissidenz gibt.

Die Minderheiten, insbesondere die sexuellen, sind also das bevorzugte Experimentierfeld eines von allen gesellschaftlichen Zwängen losgelösten Individuums, das die Freiheit hat, zu subvertieren, gegen die herrschende Norm zu verstossen und ihr abzuschwören.

Jeder wird in gewisser Weise zum kleinen Unternehmer seiner Identität, einer Identität in Bewegung, nicht beeinträchtigt von der Norm und konstituierend durch die einfache Tatsache ihrer Art der Existenz, als etwas betrachtet, das man „wählen“ könnte.

Es ist somit nicht mehr eine Sichtweise eines Systems gesellschaftlicher Verhältnisse, in welchem die Leute kämpfen und debattieren, sondern von individuellen Identitäten, von welchen man sich befreien, zu welchen man in ein Verhältnis der Dissidenz eintreten und von welchen man sich abspalten kann.

Die Sackgasse von Queer liegt also in der Tatsache, dass die Theorie nicht erklären kann, warum die Individuen diese „Rollen“ dermassen überzeugend und manchmal unter Lebens- oder Verletzungsgefahr „spielen“. Es ist ebenfalls unverständlich, warum nur ganz wenige diese Fähigkeit zur Subversion haben sollten, während alle anderen nur als Schafe, Entfremdete, Unfreie qualifiziert werden können. Butler mit ihrer Theatermetapher zeigt, dass die Schwäche von Queer ist, in Identitätsfragen nur eine Haltung, eine Rolle, gekünstelt und ideologisch, zu sehen.

Es ginge somit darum, sich individuell eine andere gesellschaftliche Performance zu konstruieren, indem man auf der Bühne der Gesellschaft eine andere Rolle spielt.

Der mit Ach und Krach vertriebene Naturalismus ist also im Handumdrehen wieder da: Es ginge also darum, sich von jeglicher definierten und stabilen Identität zu lösen, doch wozu? Es kann nur darum gehen, eine Essenz, eine Natur wieder zu finden: jene des freien, von allen Normen befreiten Individuums – historisch eine sehr zeitgenössische Idee. Man kann davon ableiten, dass die Dissidenz entweder in den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen enthalten und von ihnen konstruiert ist, und somit keine ist, oder dass wir es mit einem Individuum zu tun haben, dessen Identität sich anders als durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, wovon es Teil ist, definieren kann, womit wir beim Naturalismus angekommen wären.

Tarona
(Auszug eines unveröffentlichten Textes)

* „Geh dir ein Ei kochen“. Wortspiel zwischen „cuire“ („kochen“) und „queer“.

Begriffserklärungen

Viele Begriffe, die Geschlechterrollen und Klassen betreffen, haben keine strikte und noch weniger eine konsensuelle Definition. Das erste Vorkommen jedes Begriffs ist in den Artikeln mit einem * markiert.

ANEIGNUNG

Verhältnis, innerhalb welchem eine (beherrschte) Kategorie von einer anderen (herrschenden) angeeignet wird. Colette Guillaumin, auf welche diese Reflexionen zurückgehen, bezieht sie auf die Aneignung, welche die Sklaverei (Meister/Sklave) oder die Leibeigenschaft (Feudalherr/Leibeigener) darstellen. Sie bezeichnet das Verhältnis der Aneignung der Frauen als sexage [übersetzt Sexerei oder Geschlechterei]. Die Individuen der beherrschten Gruppe sind das Eigentum anderer Individuen (sie gehören ihnen mit Körper und Seele, schulden ihnen Gehorsam usw.). Die Frauen werden kollektiv (als Gruppe, im Rahmen der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse) und individuell (im Rahmen der Familienverhältnisse, durch die Heirat) angeeignet. Einige denken, dass letztere Aneignung heutzutage in den westlichen Ländern fakultativ geworden ist, zumal das schrittweise juristische und soziale Eindringen des Staates in den Haushalt sie geschwächt hat (die Frauen werden nicht mehr als Minderjährige unter der Autorität ihres Ehemannes betrachtet, die eheliche Vergewaltigung ist juristisch anerkannt usw.). Für andere wiederum ist die individuelle Aneignung immer noch notwendig zur Kontrolle der Frauen, jedoch komplexer als noch vor fünfzig Jahren.

ESSENTIALISMUS

Um es kurz zu machen, kann man sagen, dass die Eigenheit der essentialistischen feministischen Strömungen ist, dass sie denken, es gebe einen Wesensunterschied zwischen Männern und Frauen, der die geschlechtliche Differenzierung erklärt und bestätigt. Was dazu führt, dass sich die Kritik häufig auf die Ungleichheit von Männern und Frauen beschränkt, ohne die Organisation der Gesellschaft in zwei Geschlechterrollen in Frage zu stellen, d.h. diese Kategorien nicht als Frucht gesellschaftlicher Verhältnisse zu betrachten und ihre Funktion nicht zu erkennen.
Kurz, der Essentialismus ist zusammen mit dem Pro-Feminismus das schlimmste Produkt des Sexismus.

FEMINISMEN

Der Feminismus, als kollektive Bewegung der Frauenkämpfe, kommt als solcher erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Er basiert auf der Erkenntnis der Frauen ihrer spezifischen und systematischen Unterdrückung (die nicht durch die Natur bedingt ist). Diese Forderung entsteht aus der Diskrepanz zwischen der Behauptung universeller Gleichheit und der Realität (Erklärung der Menschenrechte, bürgerliche Demokratie). Er ist zu unterscheiden von Massenbewegungen der Frauen, die nicht direkt die Forderung nach solchen Rechten hervorheben. Der Begriff wird von sozialistischen Frauen der zweiten und dritten Internationalen (wegen seiner bürgerlichen Konnotation) abgelehnt, obwohl diese als Vorreiter desselben betrachtet werden.
Im Gegensatz zur gängigen Meinung ist es schwierig, den Begriff im Singular zu gebrauchen, denn die Positionen und Ziele der Feministinnen sind zu verschieden.

FORMELLE/REELLE HERRSCHAFT

Die zwei historischen Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung der kapitalistischen Produktion. In der ersten Phase, „formelle Herrschaft des Kapitals über die Arbeit“ genannt, dominiert das Kapital, doch der konkrete Modus der Arbeit wird nicht modifiziert und bleibt global jener der vorhergehenden Produktionsweise.
In der Phase der reellen Herrschaft werden diese konkrete Arbeit, sowie das ganze Leben, komplett transformiert und der kapitalistischen Produktionsweise angepasst. Die Herrschaft ist effektiv und reell.
Die genaue Datierung dieser beiden Perioden ist unmöglich (das Übergehen der einen zur anderen ist progressiv und in jedem Land verschieden) und wird kontrovers diskutiert. Man kann dennoch für die westlichen Länder sagen, dass die Herrschaft am Anfang des 19. Jahrhunderts formell und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reell ist.
Zu diesem Thema siehe Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, 1863-1865, http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1863/resultate/index.htm.

FRAU

Ein Individuum, das in erster Linie durch seinen Platz in der Reproduktion der Bevölkerung definiert ist (und somit in der privaten Sphäre) und stets in diesen Zustand zurück verwiesen wird (wenn nötig mit Gewalt). In allen Gesellschaften führt ihre mutmassliche reproduktive Fähigkeit dazu, dass ihr Körper kontrolliert und sie von den Männern angeeignet/beherrscht wird. In der kapitalistischen Produktionsweise gerät diese reproduktive Funktion in Widerspruch zu ihrer Rolle als Proletarierin (oder sogar als Bürgerliche). Die Frauen sind nichts natürliches.

GENDER

Der Begriff kommt in Grossbritannien in den 1970er Jahren in den feministischen Milieus auf, um das gesellschaftliche (gesellschaftlich konstruierte) Geschlecht zu bezeichnen.
Er basiert auf anatomischen Eigenschaften, ohne diese jedoch exakt abzudecken. Abhängig von anatomischen Variablen (welche insbesondere eventuelle Zeugungsfähigkeiten gewisser Individuen bestimmen) erlaubt er die Kreation/Unterscheidung der Gruppe der Männer und jener der Frauen, die als „natürlich“ wahrgenommen werden (und wenn nötig chirurgisch durchgesetzt werden bei mindestens 2% der Geburten). „Die Geschlechterrolle konstruiert das Geschlecht.“ (Christine Delphy)
Ausgehend von dieser vermeintlichen Dichotomie konstruieren die menschlichen Gesellschaften zwei gesellschaftliche Gruppen und weisen ihnen verschiedene Funktionen und Rollen zu (die meistens hierarchiesiert sind), die die Gesamtheit der Gesellschaft abdecken (geschlechtliche Differenzierung): Hierarchie, Arbeitsteilung, gesellschaftliche Organisation der Zeugung/Mutterschaft (notwendige Kontrolle der Reproduktion und somit der Frauen), Heterosexualität und Familie als Norm usw. Die tägliche Konstruktion und der Fortbestand dieser Gruppen (dieses Unterschieds/dieser Ungleichheit) erfordert die Einrichtung und das Funktionieren etlicher Dispositive (insbesondere kulturelle, Bildung, Kleidung, Verhalten usw.), welche die Gesellschaft, in welcher wir leben, ausmachen/sind. Diese Bestimmungen variieren je nach Epoche und Gesellschaft, was aufzeigt, dass es sich um eine gesellschaftliche Konstruktion handelt (die nichts natürliches an sich hat).
Siehe insbesondere Paola Tabet, Colette Guillaumin, Christine Delphy und Françoise Héritier.

GESCHLECHTLICHE DIFFERENZIERUNG

Das ist die Teilung der Aufgaben/Zuweisungen/Machtbefugnisse abhängig vom Geschlecht (die erste Arbeitsteilung). Die geschlechtliche Differenzierung existiert in allen bekannten Gesellschaften (in gewissen Urgesellschaften implizierte sie nicht unbedingt eine klare Hierarchiesierung zwischen den Gruppen). Mit dem Aufkommen der Klassengesellschaften hat sich die Herrschaft über die Frauen bestätigt, verschärft und vor allem institutionalisiert, um dem Patriarchat Gestalt zu geben.

KAPITALISMUS

Die kapitalistische Produktionsweise entsteht aus der Auflösung der europäischen feudalen Ordnung. Ihre prinzipielle Eigenschaft ist das Monopol der Bourgeoisie auf die Produktionsmittel und die Mittel zum Lebensunterhalt (Trennung zwischen Produzenten und Produktionsmittel). Der mittellose Proletarier ist zur Lohnarbeit und zur Produktion von Mehrwert gezwungen.
Der Kapitalismus passt sich an, entwickelt sich, verändert sich andauernd (was ihn charakterisiert): „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren.“ (Marx und Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, 1848). Er kann funktionieren, indem er sich auf ein diktatorisches oder demokratisches Regime stützt, auf liberale Art und Weise oder staatlich geplant, ohne Bosse (UdSSR), ohne Hierarchie (Selbstverwaltung) usw. Um seine Expansion und seine Herrschaft über die Jahrhunderte hinweg zu garantieren, hat er sich diverser gesellschaftlichen, politischen, moralischen, wirtschaftlichen und Wertsystemen entledigt, welche für ihn zum Hindernis geworden sind. Da kein wirtschaftliches oder gesellschaftliches System unsterblich ist, wird der Kapitalismus auf irgendeine Weise ein Ende haben.

KLASSE

Die Klassenzugehörigkeit (einer Gruppe oder eines Individuums) ist definiert in Bezug auf den Platz, welche man in einer gegebenen Produktionsweise einnimmt – für die kapitalistische Produktionsweise: kapitalistische Klasse/Proletariat (das ist die klassische marxistische Definition, die wir so benutzen).
Ab den 1970er Jahren wird dieser Begriff benutzt, um die Gruppe der Frauen zu bezeichnen. Sie haben diesen Begriff nicht zufällig gewählt, sondern weil sie im allgemeinen einen marxistischen Hintergrund haben. Von einer „Frauenklasse“ zu sprechen bedeutet, dass alle Frauen einen identischen Platz in einer Produktionsweise einnehmen: Die Haushalts- oder patriarchale Produktionsweise wie sie von Christine Delphy theoretisiert wurde. Ihr Platz ist selbstverständlich jener der Ausgebeuteten, im Gegensatz zur „Männerklasse“, welche jene der Ausbeuter ist.
Heute benutzen Feministinnen und andere diesen Begriff ohne Bezug zu dieser Theorie, um die Gruppe der Frauen oder jede andere unterdrückte, beherrschte oder Minderheitsgruppe zu bezeichnen.

KLASSENKAMPF

Im Klassenkampf stehen sich Klassen mit widersprüchlichen Interessen gegenüber: In der kapitalistischen Produktionsweise die kapitalistische Klasse, welche die Produktionsmittel besitzt, und das Proletariat, welches von ihr ausgebeutet und beherrscht wird. Dieser Kampf ist alltäglich, häufig kaum sichtbar (Ausbeutung, Widerstand gegen die Arbeit, Sabotage, Fernbleiben von der Arbeit usw.) oder manchmal sehr greifbar (Restrukturierungen, Streiks, Aufruhr usw.). Von hoher oder tiefer Intensität je nach Periode wird er erst mit der Aufhebung der Klassen aufhören.

KOMMUNISIERUNG

In den 1970er Jahren haben aus der ultralinken Tradition kommende Gruppen den Begriff Kommunisierung zur Beschreibung des revolutionären Prozesses geprägt. Zuvor wurde die Revolution gemäss dem klassischen Schema definiert (das, obwohl in verschiedenen Varianten, für die alten Sozialdemokraten, die Leninisten und etliche Anarchisten Gültigkeit hatte): Aufstieg der Klasse, Machtergreifung, Übergangsphase/Diktatur des Proletariats, Aufbau der Bedingungen des Kommunismus und dann schliesslich der Kommunismus. Aufgrund der Entwicklung des Klassenkampfes haben diese Gruppen dieses Schema für inadäquat, um nicht zu sagen für komplett hinfällig befunden. Es geht nicht darum die Revolution für den Kommunismus, sondern durch den Kommunismus zu machen, daher der Begriff der Kommunisierung. Sollte es eine Revolution geben, müsste sie gleichzeitig eine Phase der Zerstörung der alten Welt und eine Phase des Aufbaus des Kommunismus sein: Beseitigung des Staates, des Eigentums, des Werts, des Geldes, des Tausches, der Lohnarbeit und der Klassen durch die Tätigkeit des Proletariats, und somit Selbstnegation desselben usw. (das hat selbstverständlich nicht viel mit dem Aufbau von Alternativen, „kleine Inseln“ des Kommunismus mit eingeschlossen, in der gegenwärtigen Gesellschaft zu tun).
Wir denken, dass der Prozess der Kommunisierung unvermeidlich die Genderfrage einbeziehen wird und sie wird lösen müssen oder andernfalls in der Konterrevolution versinkt: Die einzige vernünftige Antwort, die er darauf geben wird, ist zweifellos die Aufhebung dieser widerlichen Kategorien (Selbstnegation der Frauen und der Männer).

KOMMUNISMUS

Der Kommunismus hat selbstverständlich nichts zu tun mit den ungerechtfertigterweise „kommunistisch“ genannten Diktaturen des 20. Jahrhunderts, welche in Tat und Wahrheit autoritäre Formen von Staatskapitalismus waren. Negativ kann man sagen, dass der Kommunismus das Ende (die Aufhebung, Überwindung) von allen Formen menschlicher Entfremdung, Vermittlung, Herrschaft, die Aufhebung des Staates, der Klassen (und somit des Proletariats), der Geschlechterrollen, der Lohnarbeit, des Geldes, des Werts, des Eigentums, des Rechts, der Moral usw. sein wird, was nicht ohne eine totale und internationale Revolution erreicht werden kann.

MANN

Gesellschaftlich konstruierte Kategorie. Im Gegensatz zur Frau ist der Mann in erster Linie durch seinen Platz in der öffentlichen Sphäre definiert. Die Gruppe der Männer eignet sich die Gruppe der Frauen an und beherrscht sie. So wird die Kontrolle der Körper der Frauen und der Reproduktion organisiert.

MÄNNERHERRSCHAFT

Dieser Begriff wird allgemein als weniger konzeptuell oder theoretisch betrachtet als „Patriarchat“ (obwohl häufig als Synonym gebraucht); denn er beschränkt sich auf eine simple Feststellung (die allerdings nicht neutral ist). Wir bevorzugen den Gebrauch dieses Begriffs anstelle jenes des Patriarchats, um eine Gesellschaft zu beschreiben, in welcher die Männer mehrheitlich und global die Macht inne haben, die jedoch nicht mehr zu diesem Zweck strukturiert ist.
Ein Herrschaftsverhältnis kann total, totalisierend sein, sich aber auch entwickeln, erodieren, umgestürzt oder aufgehoben werden. Es ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das es erlaubt, Ziele zu erreichen (die Herrschaft über die Frauen erlaubt die Kontrolle der Reproduktion; die Herrschaft über die Proletarier erlaubt ihre Ausbeutung).

NATUR

Das existiert nicht.

NOTWENDIGE ARBEIT/MEHRARBEIT

Die notwendige Arbeit ist jene Arbeit, welche die Proletarier ausführen, um die Reproduktion ihrer Arbeitskraft zu garantieren (Nahrung, Wohnung, Kleidung usw., sie entspricht dem Lohn). Die Mehrarbeit ist die zusätzlich zur notwendigen Arbeit ausgeführte Arbeit (sie wird umsonst für die Bosse ausgeführt und verwandelt sich in Mehrwert).

ÖFFENTLICHE/PRIVATE, PRODUKTIVE/REPRODUKTIVE SPHÄRE

Begriffe, die die begrenzten Bereiche bezeichnen, in welchen sich die jeweiligen Tätigkeiten, Zuweisungen und Einflüsse manifestieren und in welchen sie ausgeübt werden. Die private Sphäre besteht global aus dem Haushalt/dem Paar/der Familie, die reproduktiven Tätigkeiten stehen in ihr im Zentrum. Die Frauen sind in erster Linie durch ihre Funktion in dieser Sphäre definiert (der Reproduktion zugewiesen). Die öffentliche Sphäre umfasst alles, was ausserhalb des Haushalts ist, sie ist der Ort der Produktion, des Politischen, Kulturellen, Militärischen usw. Diese Sphäre, die lange als Ort der Tätigkeit der Männer definiert war, tendiert seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu, sich progressiv zu durchmischen (im Gegensatz zur privaten Sphäre).
Es ist die kapitalistische Produktionsweise, welche diese nie dagewesene Teilung zwischen Ort der Produktion und Ort der Reproduktion produziert.

PATRIARCHAT

Im engeren Sinne handelt es sich um die Macht des Familienoberhaupts. Das Patriarchat wird allgemein als eine Art der gesellschaftlichen Organisation definiert, in welcher die familiäre und politische Autorität von den Männern ausgeübt wird. Es organisiert durch Gesetze, Institutionen und Bräuche die geschlechtliche Trennung der Arbeit und den Ausschluss der Frauen von Tätigkeiten, durch welche man Macht bekommt (Monopol der Politik, des Gebrauchs von Waffen und den effizientesten Werkzeugen).
Dieser Begriff wird von den Feministinnen (seit den 1970er Jahren) meistens als Synonym für „Männerherrschaft“ gebraucht, als ob diese seit Tausenden von Jahren gleich geblieben wäre (mit Christine Delphy als erwähnenswerte Ausnahme, die den Begriff nur gebraucht, um die Männerherrschaft in den zeitgenössischen industriellen Gesellschaften zu bezeichnen).
Wir denken, dass dieser Begriff nicht mehr adäquat ist, um heutzutage unsere (westliche) Gesellschaft zu bezeichnen, die, obwohl die Männer mehrheitlich die Macht innehaben, nicht mehr in diesem Sinne (juristisch, politisch) organisiert ist.

PRO-FEMINIST

Pro-feministische Definition: Ein Mann, welcher sich seiner Rolle als Unterdrücker in der Gesellschaft und gegenüber den Frauen bewusst geworden ist und sich die feministische Sache zu eigen macht. Er muss faktisch stets auf seine Dekonstruktion achten und weigert sich, eine Frau in irgendeiner Weise zu kritisieren.
Feministische Definition: Krebsartiger Auswuchs des Feminismus, ein Mann, der den Sexismus besser verstanden hat als die Frauen und der vor allem verstanden hat, dass er sich besser (in der Gesellschaft) etwas klein macht, um Feministinnen zu erobern.
Entomologische Notiz: Der Pro-Feminist kann bis zu einer Verehrung/Verherrlichung des Weiblichen gehen, die im Essentialismus endet (oder zumindest in der Dummheit).

PROLETARIAT

Das Proletariat ist die Klasse jener, welche, da sie keine andere Mittel zum Überleben haben, zur Lohnarbeit (zum Verkauf ihrer Arbeitskraft an die Klasse jener, welche die Produktionsmittel besitzen) gezwungen sind; daher die Ausbeutung und die widersprüchlichen Interessen dieser beiden Klassen. Es beinhaltet sowohl die Arbeiter, wie auch die Angestellten und die Arbeitslosen und war, da in permanenter Expansion, noch nie so massiv wie heute. Es war nie einheitlich und ist heute gespaltener denn je. Der einzige Moment, wo es sich selbst erkennen und sich als Klasse vereinen können wird, wird die Revolution sein, während welcher es sich als solches aufheben wird.

QUEER

Ursprünglich eine Beleidigung („komisch, dubios“), die die Homosexuellen in den USA bezeichnet und später beansprucht wird, um anormale (nicht-heterosexuelle) Verhaltensweisen zu bezeichnen. Die Anfang der 1990er Jahre aufgekommene Queer-Theorie kritisiert die feministischen und homosexuellen Bewegungen, die zu stark auf Fragen kollektiv konstituierter Identitäten fixiert sei, welche sie für überholt, normiert, gar essentialistisch hält. Es geht also darum, die Geschlechterrolle und die geschlechtlichen Identitäten zu überwinden (zu stören). Queer geht einher mit einem Versuch, beide Geschlechterrollen zu überwinden, doch dieses Konzept scheint eine Vervielfachung der Geschlechterrollen durch die Verweigerung der herrschenden Normen zu beanspruchen, was nicht die Zerstörung des Rahmens der Unterdrückung bedeutet, sondern nur dessen Vergrösserung: Auferlegte Normen zu verweigern, um andere zu wählen, wie viele es auch immer sein mögen, bedeutet an die Möglichkeit der Selbstverwaltung seiner eigenen Unterdrückung zu glauben oder die Kreation von sehr ästhetischen alternativen Nischen im System zu wollen.

RELATIVER MEHRWERT/ABSOLUTER MEHRWERT

Der Mehrwert ist die Differenz zwischen dem vom Arbeiter der ursprünglichen Ware (durch seine Arbeit) zugefügten Wert und dem Wert seiner notwendigen Arbeitskraft (Äquivalent seines Lohnes). Er repräsentiert den Wert der Mehrarbeit (des unbezahlten Anteils der Arbeit). Der Mehrwert wird im wesentlichen reinvestiert in den Prozess der Produktion/Verwertung (es ist die Akkumulation von Kapital). Er ist auch das Einkommen der Bosse, individuell sowie kollektiv (Staat, Polizei usw.).
Die Bosse, welche stets den Mehrwert vergrössern müssen, haben zwei Arten, dies zu tun. Die absolute Art: Indem sie die Arbeitszeit verlängern, wie zum Beispiel im 19. Jahrhundert (die zur Reproduktion notwendige Arbeitszeit bleibt gleich, es ist also die Mehrarbeitszeit*, und somit der Mehrwert, die grösser werden). Die relative Art: Indem sie den Wert des zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Lebensunterhalts durch die Produktivitätssteigerung verringern (zum Beispiel neue Maschinen, Erhöhung der Tagesleistung usw.).

REPRODUKTION

Sie hat nichts natürliches an sich, obwohl sie so wahrgenommen wird. Die Reproduktion ist ein gesellschaftlich organisiertes Phänomen (um sich davon zu überzeugen, reicht es, die sehr variablen Fruchtbarkeitsraten und die verschiedenen dazugehörigen Organisationsweisen historisch und geographisch miteinander zu vergleichen). Die Phänomene, welche mit ihr assoziiert werden (und sie erlauben) und gesellschaftlich in jedem Moment organisiert und aktualisiert werden, werden ebenfalls als natürlich betrachtet: Männer und Frauen, sexuelle Verhältnisse (normalerweise die Heterosexualität, eindringende Sexualität (vaginaler Koitus), welche mit der männlichen Ejakulation abgeschlossen wird), die Schwangerschaft, die Mutterschaft...Andere, welche nicht als natürlich betrachtet werden können, werden unter dem Aspekt der staatlichen/medizinischen Begleitung eines natürlichen Phänomens betrachtet (Verhütung, Abtreibung, Familienpolitik usw.). Zu diesem Thema siehe insbesondere die Arbeiten von Paola Tabet.

REPRODUKTION DER ARBEITSKRAFT

Tägliche Reproduktion der Arbeitskraft: Die Tatsache, dass der Proletarier fähig ist, zu überleben und am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu kommen. Sie bedingt die Befriedigung gewisser Bedürfnisse (die je nach Epoche und Land variieren), insbesondere Ernährung, Kleidung usw. Die Aufgaben, die mit ihr verbunden sind, werden im allgemeinen von den Frauen ausgeführt (Hausarbeit) oder manchmal sozialisiert (Kantinen, Schnellimbisse usw.).
Generationsbezogene Reproduktion: Die Tatsache, dass die Proletarier Kinder „machen“ und sie grossziehen, d.h. neue Proletarier, die fünfzehn oder zwanzig Jahre später ausgebeutet werden können. Die Aufgaben, die mit ihr verbunden sind werde im allgemeinen ebenfalls von den Frauen ausgeführt (Hausarbeit) oder manchmal sozialisiert (Kinderkrippen, Schulen usw.).

SEXISMUS

Ähnlich dem Rassismus eine diskriminierende Haltung gegenüber einem Geschlecht (in der üblichen Bedeutung und in Wirklichkeit gegenüber den Frauen). Dieser Begriff verweist auf eine individuelle Haltung, eine geistige Verfassung (die es zu korrigieren gälte) oder allenfalls auf eine Ideologie. Dennoch umgeht der Begriff jegliche Strukturierung der Gesellschaft, die jedoch seine Existenz erklärt, deswegen brauchen wir ihn nur selten (der Sexismus ist für uns ein Rädchen und die Konsequenz der Männerherrschaft).
Gewisse Männer werden sich der Existenz des Sexismus bewusst, wenn Feministinnen ihnen männerfeindliche Witze erzählen, die sie im allgemeinen überhaupt nicht lustig finden.

ULTRALINKE

Dieser Begriff bezeichnet historisch die „Linkskommunisten“, welche Lenin in seiner Broschüre Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus (1920) kritisiert: Die deutsch-holländische (Pannekoek, Gorter, Rühle usw.) und die italienische Linke (Bordiga). Man kann global sagen, dass die Gruppen und Theoretiker dieser marxistischen Strömung den Staat, den Parlamentarismus, die Organisationen (Parteien und Gewerkschaften), die Demokratie, die Diktatur des Proletariats, den Antifaschismus, den Frontismus, die Arbeiterverwaltung usw. in diversen Varianten abgelehnt und kritisiert haben. Im Frankreich der Nachkriegszeit können Gruppen wie Socialisme ou Barbarie, Informations et Correspondances Ouvrières (ICO), sowie die situationistische Internationale zu dieser Strömung gezählt werden. In den 1970er Jahren brechen verschiedene kleine Gruppen und Zeitschriften (Le Mouvement communiste, Négation, La Guerre sociale, La Banquise usw.) mit der ultralinken „Ideologie“ (insbesondere mit dem Rätekommunismus); dies geht einher mit der Entwicklung der Thesen zur Kommunisierung.
Seit einigen Jahren wird dieser Begriff in Blaue hinein von den Journalisten und den Bullen gebraucht, um Gruppen zu bezeichnen, die ausserhalb ihres Verständnisbereiches agieren.

UNMITTELBAR GESELLSCHAFTLICHE INDIVIDUEN

Individuen, welche durch die Revolution und neue (kommunistische) materielle Existenzbedingungen transformiert werden. Sie werden faktisch neue Verhältnisse pflegen, befreit von allen Vermittlungen, durch welche wir konstruiert und definiert sind in der kapitalistischen Produktionsweise und durch sie: Klassen, Geschlechterrollen, Ethnien, Herkunft, gesellschaftliche Rollen, Arbeitsstellen, kulturelle Niveaus usw. Sie werden also das Gegenteil der getrennten/atomisierten Individuen sein, die wir heute sind, jenseits von sympathischen Erfahrungen in einem Squat, in einer ländlichen Gemeinschaft oder einer Besetzung.

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

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