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Dies ist kein Vorwort

Sonntag 16. März 2014, von Webmaster

Krise ist zu einem Alltagsbegriff geworden und der Angriff auf den Wert der Arbeitskraft zu einer alltäglichen Realität. Ein solcher Angriff war bereits im genetischen Code des Kapitalismus durch die Restrukturierung der 1970er und 1980er Jahre eingeschrieben, doch die Krise des restrukturierten Kapitalismus gab ihm einen enormen Schwung. Seien es Kämpfe der Lohnarbeiter, welche ängstlich fordern, solche bleiben zu dürfen, und Mobilisierungen der Rentner, um ihr Überleben zu verteidigen, der Ausbruch der Wut der „barbarischen Unterschicht“ in entwickelten Ländern, gewalttätige Ausschreitungen der Arbeiter in der südostasiatischen Weltfabrik oder der arabische Frühling und seine Folgen, es sind alles solide Beweise für die andauernde Konfliktualität der gesellschaftlichen Wirklichkeit, welche sogar die reuelosesten Propagandisten des Endes der Geschichte zwingt, ihr Repertoire zu erneuern. Zugegeben: Nicht alles ist perfekt. Doch es scheint auch gute Neuigkeiten zu geben: Niemand braucht sich darüber Sorgen zu machen, wohin diese Welt steuert, es ist eine Einbahnstrasse, die Fahrt geht einfach weiter. Einige Änderungen des verwaltenden Personals werden gnädig zugestanden, jene Leute, welche das Mantra der „Alternativlosigkeit“ wiederholen, können stets erneuert werden und sogar nach Sozialismus riechen. Selbstverständlich formulieren die Überbleibsel der einst optimistischen Bürgerbewegungen weiterhin „Vorschläge“ - die immer weniger weit reichen und zahmer werden –, sie bitten den Kapitalismus weiterhin darum, hier und dort ein bisschen nachzubessern, doch niemand scheint diese noblen Seelen ernst genug zu nehmen, denn sie verfügen über keinen gut platzierten Ansprechpartner mit einem offenen Ohr. Trotzdem gibt es immer noch Kämpfe, Ausbrüche, Ausschreitungen, welche daran erinnern, dass der Klassenkampf noch da und dass das Kapital, heute nicht weniger als gestern, ein „prozessierender Widerspruch“ ist. Hand in Hand mit diesem wird die kritische Theorie seines Niedergangs hervorgebracht: Wo Geschichte gemacht wird, wird auch Theorie gemacht.

Die Kommunisierung wird nicht mehr als exotisches Biest wahrgenommen und sie tendiert manchmal gar dazu, zu einem Modewort zu werden. Gegenwärtige Kämpfe illustrieren das Ende der klassischen Arbeiterbewegung, zusammen mit dem Ende ihrer Ambition, den vermeintlich von Natur aus guten Kern der Wirtschaft den gierigen kapitalistischen Raubtieren zu entreissen und selbst zu verwalten. Es ist fast offensichtlich, dass die Welt unserer Tage, sowohl deren Materie als auch deren Geist, die durch und für das Kapital hervorgebrachte Welt ist; dass somit Arbeiter und ihre Produkte nie existiert hätten, wenn sie nicht vom Kapital kreiert worden wären; dass die Forderungen der Arbeiter heutzutage asystemisch geworden sind, oder, in anderen Worten, zu einem Skandal ähnlich dem Hochverrat; dass Proletarier gezwungen sind, ihre Bedingung gegen das Kapital zu verteidigen, doch in diesem Kampf sind Aktionen, welche das Kapital verletzen auch Aktionen, welche dazu tendieren, die proletarische Bedingung in Frage zu stellen; dass Kommunismus nicht als zu realisierendes Programm konzipiert werden kann, sondern nur als historisches Produkt des Kampfes des Proletariats gegen das Kapital und, gleichzeitig, gegen seine eigene Klassenzugehörigkeit usw. All das kann ziemlich einfach aufgezeigt werden, fast schon beunruhigend einfach.

Logische Offensichtlichkeit ist nicht der Stoff, aus welchem die Wirklichkeit gemacht ist. Die extreme Segmentierung des Proletariats im restrukturierten Kapitalismus kann leicht die Unterscheidung zwischen jemandem und dem verwischen, wofür er kämpft, und es ist nur ein dürftiger Trost, dass am Ende zwingend der Sieg oder die Zerstörung des Kapitals stehen wird. Ausserdem gibt es keine zentrale Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit mehr inmitten von prä- oder protokapitalistischen gesellschaftlichen Schichten, welche unter Umständen den einen oder den anderen Protagonisten unterstützen. Die Gesamtheit der Gesellschaft wurde vom Kapital übernommen und wird von ihm reproduziert und das bedeutet unter anderem, dass diverse Mittelschichten, von Lohnarbeit oder anderweitig lebend, zwingend direkt involviert sind. In der real globalisierten Welt des restrukturierten Kapitalismus ist die Vereinigung nur möglich durch die Konstruktion von Unterschieden, deren Wechselbeziehung dem gewünschten vereinigenden Resultat zuträglich ist – die Ziele werden angepasst oder neu gesetzt, wenn das tatsächliche Kräfteverhältnis Form annimmt. Die Zoneneinteilung der Regionen der Welt und innerhalb jeder Region und jedem Land scheint weit weniger stabil als das, was damals als gut arrangierte Fraktalisierung der Welt erschien, samt ihrem unvermeidlichen Klebstoff des Autoritarismus und der Metzelei. Im Kontext einer verlängerten Krise streben die Proletarier nach Überleben und diverse Mittelschichten danach, die Proletarisierung und die Marginalisierung zu vermeiden, während der vernichtende Kampf diverser Kapitale dazu tendiert, zwischen zwei „reinen“, doch gleich unmöglichen Resultaten unendlich zu zögern: die Aufrechterhaltung der unmittelbaren globalen Mobilität des Kapitals mit gleichzeitiger Verschiebung der massiven Entwertung, welche für jegliche Art von Neustart notwendig ist; der Rückfall in die warme Umarmung von Staaten oder Blöcken von Staaten, welche durch Kampfflugzeuge, Panzer, Geheimdienste und dem ganzen Krimskrams auf dem sich stets erneuernden Spiel der Aneignung des weltweit produzierten Mehrwerts lastet. Die „Normalität“ des restrukturierten Kapitalismus deutete auf eine ungehinderte globale Fluidität des Kapitals und auf eine repressive Verwaltung nationaler Räume durch Staaten hin, deren einziges wirklich nationales Element die Ideologie der Repression ihres inneren Feinds wäre. Seine Krise deutet auf eine praktische Schwierigkeit hin, solch ein prozessierendes Gleichgewicht zu erreichen: Grosse Massen, welche sowohl vom „entwickelten“ als auch vom „sich entwickelnden“ Kapitalismus als überschüssige Bevölkerungen hervorgebracht werden, zeigen keinen besonderen Enthusiasmus, von der Erdoberfläche durch eine Abwärtsspirale des Elends zu verschwinden, nur weil der Kapitalismus sie dazu verpflichtet; etliche Mittelschichten von Ägypten bis in die USA weigern sich, von den dominanten Kapitalen zerquetscht zu werden, sie nehmen sich manchmal gar die Strasse; und v.a. wird die Schwächung oder Abwesenheit von vermittelnden Mechanismen in proletarischen Kämpfen immer offensichtlicher und das einzige daraus entstehende Dilemma scheint jenes zwischen offener Konfrontation oder bedingungsloser Kapitulation zu sein.

Der Kern des kapitalistischen Kraftwerks ist die Ausbeutung einer Klasse durch eine andere und, innerhalb dieses Prozesses, deren Reproduktion als eine Klasse der Ausbeuter und einer Klasse der Ausgebeuteten und die Reproduktion der Gesamtheit der Gesellschaft des Kapitals. Jeder Kampfzyklus konstruiert den Inhalt der Revolution, welcher einer historisch hervorgebrachten Klassenkonfiguration entspricht, und auch der entsprechenden Konterrevolution. Eine siegreiche Konterrevolution am Ende eines Kampfzyklus ist gleichbedeutend mit einer Restrukturierung in Anbetracht eines neuen Akkumulationszyklus: Es gibt keine Zusammenstellung von „objektiven Bedingungen“, welche „reifen“ und ein Urteil sprechen, das nur ein bisschen auf die Formalität seiner Vollstreckung warten muss. Der Stoff, aus welcher die Wirklichkeit gemacht ist, ist der Klassenkampf, doch nicht in einer vermeintlich reinen Form: Falls irgendeine „Reinheit“ überhaupt existiert, wird sie historisch vom Klassenkampf hervorgebracht werden müssen, in einer Art und Weise, die einen Bruch mit der Routine des Zyklus der Reproduktion des Kapitals darstellt. Es gibt keine lineare Entwicklung von gegenwärtigen Kämpfen zur Revolution, doch gegenwärtige Kämpfe sind, trotz ihrer Grenzen und Unmöglichkeiten, der einzige Anker der Theorie der Kommunisierung. Die zweite Nummer von Sic richtet den Fokus klar auf eine kritische Auswertung von Kämpfen an verschiedenen geographischen Orten und mit verschiedenem Inhalt; eine Diskussion über kommunistische Massnahmen dient womöglich als theoretisches Gegengewicht; die Analyse des Konzepts der Konjunktur wird den notwendigen Sprung weg von der inneren Kette der Kausalität der Reproduktion des Kapitals thematisieren.

Sic ist ein internationales theoretisches Projekt, nicht eine homogene Gruppe. Meinungsverschiedenheiten sind willkommen und werden eifrig diskutiert: Sie sollten keine Überraschung darstellen. Eine gemeinsame Grundlage existiert allerdings und sie unterscheidet Sic von anderen Strömungen. Ein transhistorisches und teleologisches Verständnis des Klassenkampfes, welches jegliche Periodisierung seines Inhalts verweigert, ist hier nicht zu Hause; die Konzeption von immer wiederkehrenden proletarischen Angriffen, welche sich alle gleichen und zwischen welchen keine tatsächliche Geschichte steht, gehört jenen, welche bereit sind, den womöglich guten genau wie die anderen zu interpretieren, mit dem einzigen Unterschied, dass er erfolgreich statt erfolglos war; der „Vorschlag“ (an wen?) von Gesellschaftsmodellen, welche „besser“ seien als das existierende, ist nicht Teil unserer Sorgen; den Glauben an eine Abgrenzung und Ausbreitung kommunistischen Terrains, wie eine kommunistische Maus, welche in den kapitalistischen Käse hineintaucht und ihn allmählich wegfrisst, teilen wir nicht.

Davon abgesehen ist Sic ein offenes Projekt. Offenheit ist selbstverständlich kein Allheilmittel und hilfreiche gegenseitige Erklärung und Verständnis gehören nicht zu den Spezialitäten jener Gesellschaft, wovon wir alle Teil sind. Vor einigen Monaten entschieden die Mitglieder der französischen Theoriegruppe Théorie Communiste (TC), Sic zu verlassen. Diese Entwicklung war besonders wichtig, denn die theoretische Arbeit von TC war der Eckpunkt der Lancierung von Sic. Doch das Leben geht weiter und Probieren geht über Studieren: Die Fähigkeit von Sic, kreativ gemeinsam zu funktionieren und Theorie auszuarbeiten wird in Zukunft das einzige entscheidende Kriterium für das Projekt sein (natürlich abgesehen von allgemeinen Entwicklungen). Das Verlassen des Tischs bedeutet nicht, dass das Essen darauf nicht mehr geniessbar ist, und spricht auch niemanden von gegenwärtigen oder vergangenen Sünden frei. Da die Geschichte sich nicht darum kümmern wird, in der Angelegenheit irgendein Urteil zu sprechen, genügt es zu sagen, dass wir sowohl TC als auch Sic eine konstruktive Zukunft wünschen.

T.H.

Übersetzt aus dem Englischen von Kommunisierung.net

Quelle