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Die Bäckerin und der Theoretiker (zur Wertkritik)

Montag 15. September 2014, von Webmaster

Die v.a. auf Roberz Kurz, Anselm Jappe und Moishe Postone zurückgehende Wertkritik [1] hat mittlerweile seit der Übersetzung des Manifest gegen die Arbeit 2002 einen guten Ruf unter Radikalen, im wesentlichen weil sie sich erfolgreich als Vorposten der Gesellschaftskritik präsentiert.

Aus welchem Grund sollte man an einer Debatte teilnehmen, die allem Anschein nach eine Debatte von Spezialisten ist? (Wertform...schon der Begriff beeindruckt.) Allen voran, weil sie bedeutende politische Fragen betrifft. Doch auch, weil jeder von uns genauso viel davon wissen kann wie die Spezialisten.

1: Wert & Wert

Was wir Wert nennen, ist das, was die kapitalistische Produktion und Zirkulation bestimmt: die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit zur Produktion einer Ware. Der Wert ist Geld und die Zeit ist allen voran Arbeitszeit. Eine Ware ist geronnene Arbeitszeit. Die Zeit ist sowohl die Substanz als auch das Mass des Werts. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gelangt zuletzt logischerweise zu einer minimalen Arbeitszeit: Die Produktivität tendiert dazu, sich überall in der Gesellschaft durchzusetzen.

Die Wiederholung der Worte Zeit und Arbeit ist nicht eine stilistische Schwerfälligkeit: Das Verständnis des Werts ist von der Vereinigung dieser beiden Wirklichkeiten abhängig.

Ausbeutung ist nicht nur die Tatsache, dass dem Arbeiter alles oder ein Teil seiner Arbeit weggenommen wird. Doch sie wird normalerweise darauf beschränkt, was die doppelte Lösung der Wiederaneignung der Produktionsmittel und die Neuverteilung des Reichtums impliziert: die „Entwicklung der Produktivkräfte“ unter der Führung der Arbeiter, der „assoziierten Produzenten“.

Dieses Programm wurde nicht aufgrund der Dickköpfigkeit einiger Theoretiker in Frage gestellt. Der Anfang einer proletarischen Kritik, v.a. im Italien der 1970er Jahre, hat den Marxismus als Affirmation der Arbeit in Frage gestellt und erlaubte es, die Forderung der Abschaffung der Arbeit theoretisch zu gründen, während sie zuvor von Kommunisten nur als Gebot proklamiert wurde.

Die Loslösung der Produkte und der Wesen von ihrem Charakter als Waren bedeutet nicht nur die Abschaffung des Geldes, sondern ein Leben ohne Berechnung und Vergleich der Produktionszeit, um sie auf ein Minimum zu reduzieren: Es bedeutet, mit der Produktivität zu brechen.

Die Wertkritik erscheint als eine der Ausdrücke dieser Perspektive: Besteht sie nicht auf der Kritik der Arbeit, indem der Wert den Kern der Analyse darstellt?

Doch die Wertkritik verwandelt den Kern in die Totalität: Der Wert sei komplett autonomisiert, sich selbst unterhaltend. Alle Wirklichkeiten, allen voran jene des Kapitals im Sinne einer von einem Unternehmer investierte Summe mit dem Ziel, am Ende des Zyklus mehr Geld zu gewinnen als er investiert hat, alle Konzepte verlieren ihre Funktion und verschmelzen in einem grossen Ganzen, das von der „abstrakten Arbeit“ beherrscht wird.

Für die Wertkritik ist die „abstrakte Arbeit“ dermassen abstrakt, dass sie überall und nirgends existiert: Die Produktionsstätte, eine Fabrik für elektronische Teile beispielsweise, wird belanglos. Eine Vervielfachung von Begriffen („wesentliche gesellschaftliche Vermittlung“, „immanente Dynamik“, „Sozialisierung durch den Wert“, „tautologische Bewegung der Reproduktion und der Selbstreflexion des Geldes“) erklären uns, dass, entgegen dem Anschein, das System ganz alleine funktioniert. Wenn die Wertkritik von der Lohnarbeit spricht, tut sie es als nebensächlichen Punkt: Wo die abstrakte Arbeit herrscht, wird die Arbeit sekundär, deren Ausbeutung somit auch.

Für die Wertkritik ist mit dem Wort Wert alles gesagt: Die abstrakte Herrschaft des Werts, wobei es für die Wertkritik von geringer Bedeutung ist, dass die Ware Arbeitskraft zum Arbeiten gebracht wird, um Wert zu produzieren: Die Tatsache, dass sie Ware ist, zählt mehr als ihr Zweck. Die Arbeitskraft ist nicht jene Ware, welche die Grundlage aller anderen Waren ist, sie ist nur eine von vielen, nicht zentraler als Hundert andere für den Fortbestand des Systems.

Zusammengefasst hat das Konzept des Werts jenes des Kapitals absorbiert und die Ausbeutung der Arbeit ist ein davon abgeleitetes Phänomen: Der Begriff des Mehrwerts ist in jenem des Werts aufgelöst worden.

Daraus folgt logischerweise die Ausweitung des Begriffs des gesellschaftlichen Verhältnisses auf alle Handlungen des Lebens.

Ein Mann hat Geld investiert und ist Chef einer Bäckerei geworden. Ein Lohnarbeiter arbeitet am Ofen. Die Frau des Chefs ist Verkäuferin: Sie möchte ihren Mann verlassen, tut es jedoch nicht, weil sie nicht genug Geld hat. Der Theoretiker (der z.B. Lehrer im öffentlichen Sektor sein könnte) wohnt gegenüber. Seine Tochter, die glaubt, sie habe nicht genug Taschengeld, weigert sich, einkaufen zu gehen. Der Theoretiker geht sein Brot selbst kaufen. Er zahlt 1 € für die Baguette mit einem 2-€-Stück und bekommt 1 € Wechselgeld, das er beim Rausgehen einem auf dem Gehsteig sitzenden Obdachlosen gibt.

Für die Wertkritik ist der Kapitalismus von der Gesamtheit dieser Verhältnisse konstituiert, ohne dass eines die anderen bestimmt. Trotz den Status- oder Funktionsunterschieden sind die Unterschiede zwischen Chef, Arbeiter, Ehefrau ohne Ressourcen, Kind abhängig von seinen Eltern, bezahltem Lehrer, Obdachlosem weniger wichtig als ihre Gemeinsamkeit: alle sind sie „vom Wert“ beherrscht. Ob sie nun arbeiten oder nicht, befehlen oder gehorchen mögen, sie sind alle beherrscht von der „abstrakten Arbeit“. Jede Rolle stützt jede andere und das gesellschaftliche System reproduziert sich in gleichem Masse durch jede Handlung. Die gesellschaftliche Veränderung kann also nur von einer Addition der Verweigerung jedes Teilnehmers kommen.

Die Wertkritik gesteht der Arbeit nur eine beiläufige Rolle zu, gemäss ihr braucht der Kapitalismus die Arbeit nicht mehr wirklich, doch zwingt weiterhin jeden (Angestellter oder Arbeitsloser) zur Arbeit aus Gründen der sozialen Kontrolle. Die Funktion der Arbeit sei nicht mehr die Produktion, sondern die Herrschaft. Die Wertkritik ist eine Werttheorie ohne die Arbeit.

2: Klassengesellschaft oder Automatengesellschaft?

Obwohl die Wertkritik den Verdienst hat, verstanden zu haben, dass der Kommunismus nicht der Sieg der Arbeit über das Kapital, der Arbeiterklasse über die Bourgeoisie ist, dient ihr dieses Verständnis nur dazu, daraus die Nichtigkeit eines Klassenkampfes zu folgern, der sich damit begnüge, das System zu unterhalten.

Für sie werden die Arbeit und das produktive Moment mit der Autonomisierung des Werts zu etwas Beiläufigem, die Revolution (um ein altes Wort zu gebrauchen) wird das Werk von Milliarden von verdinglichten und entfremdeten Wesen sein.

Man kann tatsächlich sagen, dass der Käufer eines Mercedes für 100 000 € entfremdet ist genau wie (und hier nicht als Vergleich, denn es ist nicht vergleichbar) der Obdachlose, welcher seine Nahrung in den Mülleimern sucht.

Doch um zu verstehen, wie die bestehende Gesellschaft funktioniert (und wie sie umgestürzt werden könnte), reicht die Entfremdung nicht.

Der Markt ist der notwendige Ort, wo sich die äquivalenten Substanzen an durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeit, also Wert, treffen, diese Äquivalenzen haben sich in und durch die Ausbeutung von Arbeitern formiert, wobei die Kosten gemessen (und auf das Minimum reduziert) werden.

Die Wertkritik präsentiert uns eine Welt, wo jeder permanent einmal Käufer, einmal Verkäufer ist, auch von sich selbst. In Wirklichkeit basiert der Wert auf der Arbeitsteilung, welche die Teilung des Eigentums zwischen jenen voraussetzt, welche die Produktionsmittel kontrollieren, und jenen „Reservelosen“, welche gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können. Anders gesagt: zwei Klassen.

Die Verortung des Werts in der Produktion bedeutet, den wesentlichen Gegensatz im Verhältnis Lohnarbeit/Kapital zu situieren, mit allem, was das bezüglich Klassenverhältnissen impliziert: Wir stehen dem unvermeidlichen Problem eines Klassenkampfes gegenüber, der fähig ist, etwas anderes als sich selbst hervorzubringen. Ein Problem, das bis heute von den Proletariern noch nie gelöst worden ist, und mit dem sich die kommunistische Theorie seit zwei Jahrhunderten beschäftigt, doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Die Wertkritik meidet die Schwierigkeit. Das Rätsel des Proletariats (diese Klasse, die keine ist...) wird gelöst, indem der Ursprung des Werts in der Zirkulation, im Austausch verortet wird: Das Problem wird in einem Ganzen von Widersprüchen aufgelöst, die durch die Konzepte der Entfremdung, der Enteignung und des Fetischismus zusammengefasst werden können, Wirklichkeiten, die mehr oder weniger alle betreffen.

Von der sehr richtigen Kritik einer Vision des Kampfes zwischen Bourgeois und Proletarier, wo es genügen würde, zweiteren von ersterem zu befreien, kommt die Wertkritik zu einer Negation der Realität der Klasse. Vom Verständnis der Unpersönlichkeit des gesellschaftlichen Verhältnisses (Bourgeois und Arbeiter sind nur Funktionen des Kapitals) kommt sie zu einer Entpersonalisierung, welche die Realität entrealisiert: Die Transformation des Werts sei das Werk all jener, welche dem Wert ergeben sind, d.h. die Gesamtheit der Opfer des Kapitalismus (die berühmten 99%).

Dazu kommt, dass, wenn das Kapital als Automat funktioniert und sein Automatismus alles und alle umfasst, wenn das einzig wahre Subjekt der Wert ist, so ist auf dieser Höhe der Abstraktion jene Kraft, welche fähig wäre, ihn zu stürzen (schon wieder ein exzessives Wort: überwinden reicht), auch automatisch. Die Veränderung, das sind ihr und ich, und das ist unvermeidlich.

3 : Fetish victims

Bei Gruppen wie Socialisme ou Barbarie führte die Theoretisierung eines „bürokratischen Kapitalismus“ (der in Russland als verwirklicht und in Amerika als sich ausbreitend betrachtet wurde) dazu, dass die Bürokratie zur Essenz des Kapitalismus wurde. Die situationistische Analyse der „spektakulären Gesellschaft“ hat schliesslich das Spektakel als Grundlage der Gesellschaft gesetzt.

Die Wertkritik geht gleich vor mit dem Fetischismus.

Wenn das Wort einen Sinn hat, dann insofern, als dass Fetischismus den Mechanismus beschreibt, durch welchen das Geld als etwas mit einer eigenen Kraft erscheint, obwohl es aus der Arbeit resultiert, aus Verhältnissen zwischen Menschen (zwischen Klassen).

Doch bei der Wertkritik ist der Fetischismus nicht mehr der Effekt einer gewissen Art der Tätigkeit: der Arbeit. Es ist umgekehrt: Die Arbeit ist ein Fetisch. Die Theorie des „Fetischkapitalismus“ verwandelt das Kapital (und seine ganze Gesellschaft) in einen Fetisch. Die Tatsache, dass die Proletarier ausgebeutet werden, ist nur eine Randwirklichkeit: In Tat und Wahrheit sind sie und wir alle Fetischisten.

Falls das das Wesen des Kapitalismus ist, ist die Lösung, persönliche, wirklich erlebte, nicht durch die Ware vermittelte Beziehungen zu unterstützen, wie sie von einer transparenten Gesellschaft der assoziierten Produzenten hervorgerufen werden können, denn, wenn sie assoziiert sind, werden sie wissen, was sie tun.

Indem der Fetischismus zum zentralen Ziel wird, werden gesellschaftliche und Produktionsverhältnisse getrennt. Das Wort „gesellschaftlich“ scheint der Analyse Breite und Tiefe zu geben, doch in Wirklichkeit löst es ihre Grundlage auf: Es gibt keine Ursache, keine Wirkung mehr, nur noch eine selbst-(re)produzierte Totalität.

Arbeit und Ausbeutung werden in Bezug auf eine verallgemeinerte Entfremdung (welche der Grund für den Fortbestand der gegenwärtigen Gesellschaft sei) als sekundär dekretiert, die Forderung der Authentizität erlaubt es, mehr oder weniger jeden mit einzuschliessen. Die 99%, einmal mehr.

Gehen wir das Risiko ein, als alte Marxisten dazustehen: Der Fetischismus liegt nicht in der Tatsache, dass die Bäckerin und ich gegenseitig Dinge austauschen, weil sie mir mit einer Hand die Baguette gibt und mit der anderen meine 2 € nimmt. Er liegt im Vergessen der Tatsache, dass das Geld ein Ausbeutungsverhältnis ausdrückt. Ein unvermeidliches Vergessen für die Bäckerin (sie hat andere Sorgen), doch weniger verzeihlich für jenen, welcher das Rätsel der modernen Gesellschaft entschlüsseln will. Der Theoretiker stellt die Wirklichkeit auf den Kopf, wenn er die Lohnarbeit als beiläufiges Phänomen, als einen einfachen Effekt der verallgemeinerten Unterwerfung unter die abstrakte Arbeit betrachtet. Fetischisieren bedeutet, vom König Geld oder der Herrschaft der Ware zu sprechen, obwohl sie nur durch Delegation souverän sind. Ein Eigentümlichkeit des Fetischobjekts ist seine Fähigkeit, als automatisches Subjekt zu handeln, dessen Kontrolle den Menschen entwischt. Die Wertkritik verhält sich gleich, wenn sie dem „Wert“ eine autonome Macht zugesteht.

Die Bäckerin zählt ihre Münzen, doch es ist der Theoretiker der Allmacht des Werts, welcher der Faszination für das Kapital erliegt.

Die wahren Opfer des Fetischismus sind jene, welche glauben, dass der Wert die Welt dirigiert.

4: Ihre Marx-Lektüre

Diese „neuen Marx-Leser“ sind wenig kritische Leser. Sie drücken nie eine ausdrückliche Uneinigkeit mit Marx aus.

Ihre Theorie ist allerdings weit entfernt von jener von Marx, um nicht zu sagen ihr Gegenteil, denn alle wesentlichen Marxschen Konzepte zur Analyse des Kapitalismus (Arbeit, notwendige Arbeit/Mehrarbeit, Lohnarbeit, Mehrwert, Profit, Klasse usw.) werden im Wert aufgelöst (man sagt, darunter subsumiert), welcher zum Status der „selbstvermittelnden“ und „selbstreferenziellen“ „gesellschaftlichen Totalität“ erhoben wird, mit anderen Worten, es wird zum alles erklärenden Konzept.

Da die Wertkritik behauptet, sie studiere die Arbeit, erwartete man eine Kritik der Art und Weise, wie der Autor des Kapital den Wert und die Arbeit behandelt und definiert, besonders am Anfang des ersten Bandes [2].

Wenn die Wertkritik das in Zehntausenden geschriebener Seiten nicht tut, bedeutet das, das sie ein anderes Ziel hat: Die Behauptung, der Wert sei alles, das Kapital auf den Wert reduzieren.

Deswegen interessieren sie sich nur für die Grundrisse (Manuskripte von 1857-1858) und auch da ist ihr Interesse beschränkt: Hauptsächlich das „Maschinenfragment“, jene Seiten, wo Marx erklärt, dass die Erschaffung von Reichtum immer weniger von unmittelbarer und direkter Arbeit abhängt und immer mehr von der Anwendung der Wissenschaft und der Technologie (der mittlerweile berühmte general intellect) auf die Produktion.

Die Wertkritik braucht Marx also nicht zu widerlegen. Es reicht, einen exoterischen Marx (jener des 19. Jahrhunderts, der Arbeiterbewegung, des Klassenkampfes, der Affirmation der Arbeit) von einem esoterischen Marx zu trennen, dem wahren, dem Revolutionär, jenem der Grundrisse, dem vorhersehenden Theoretiker der Wertform, welche im 20. Jahrhundert vorherrschend geworden ist.

Das Marxsche Werk war zu seiner Zeit gültig, doch sei heute überholt. Das Kapital galt für 1867. Nur die Grundrisse (das, was die Wertkritik davon benutzt) gelten für heute. Was der Wertkritik zugrunde liegt, ist die These eines neuen Kapitalismus, welcher von den historischen Zwängen wie der industriellen Arbeit, der Opposition Bourgeois/Arbeiter, dem Unterschied zwischen Arbeiter und Nicht-Arbeiter, zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit (alle und alles strebt mittlerweile nach Schaffung von Wert), zwischen Produktion und Zirkulation befreit ist. Dieser Neokapitalismus biete also den Vorteil, die Beseitigung einer Arbeit zu erleichtern, welche schon dabei ist, vom Kapitalismus selbst ausgelöscht zu werden.

5: Methode

Die Wertkritik macht aus dem „Wert“ eine magische Formel, einen Schlüssel zu universellem Verständnis, in der Funktion vergleichbar mit „Kapitalismus“ oder „Klasse“ im Marxismus. Der Leser steht einer Kombination einer Serie von Wörtern gegenüber und jedes soll das andere erklären: abstrakte Arbeit (ohne abstrakt grenzte es an Arbeitermarxismus), Form, Wert, Fetisch, gesellschaftliche Vermittlung, Reproduktion („Produktion“ tönt etwas veraltet) usw., ohne Demonstration einer Kausalität: Der Sinn wird von einem Begriff zu seinem Nachbarn umgegossen und dann fängt man wieder von vorne an.

Die Methode ist unwiderlegbar: Kein Moment des Gedankengangs kann bei einem Fehler ertappt werden, denn jeder verweist auf eine erste und letzte Ursache, „den Wert“, kaum spürbar, doch omnipräsent (genau wie „der Kapitalismus“ bei den Marxisten).

Die Wertkritik beeindruckt dank Konzepten, welche die Illusion erschaffen, den Dingen auf den Grund zu gehen, die Realität in ihrer allgemeinsten Wirklichkeit zu erfassen. Der Begriff Form suggeriert, dass man eine Unendlichkeit an besonderen Inhalten verstanden hat. Abstrakte Arbeit scheint alle möglichen Manifestationen von Arbeit und Nicht-Arbeit abzudecken. Die Wiederholung des Adjektivs gesellschaftlich weitet den Standpunkt auf eine Vielzahl von Gesten und Praktiken aus. Der Leser kann also den Eindruck haben, er werde von den oberflächlichen Phänomenen zu ihren tieferen Ursachen geführt.

In Wirklichkeit nimmt eine derartige Ausweitung den Konzepten jeglichen Sinn. In der Wertkritik bedeutet abstrakte Arbeit das Ende der Rolle der Arbeit: Die Behandlung der Arbeit als Abstraktion, die Trennung der Arbeit von jeglicher konkreter Arbeit ist gleichbedeutend mit ihrer Beseitigung. Die Form ist Synonym von Substanzverlust, der zeitgenössische Kapitalismus (der neue Kapitalismus, aufgrund der dritten industriellen Revolution) wird dahingehend beschrieben, dass er die Substanz der abstrakten Arbeit, der Grundlage des Werts auflöst.

Was das Wort gesellschaftlich betrifft (das bei der Wertkritik genauso häufig vorkommt wie „die Kämpfe“ bei den Aktivisten), banalisiert seine Verallgemeinerung den Sinn: Wenn es alles betrifft, von einer Renault-Fabrik bis zum Streit bei meinen Nachbarn, wenn auf diese Art und Weise von gesellschaftlichen Verhältnissen gesprochen wird, so bedeutet das, dass man die Produktionsverhältnisse und die Klassenverhältnisse in unserer Gesellschaft vergisst.

6: Politik

Was bringt eine Theorie für Vorschläge, welche sowohl gegenüber dem zeitgenössischen Antikapitalismus und den Globalisierungsgegnern als auch gegenüber der alten Arbeiterbewegung kritisch sein will?

In einer Gesellschaft ohne Schwerpunkt, welche automatisch funktioniert und den Gegensatz Kapital/Arbeit auf einen Interessenkonflikt zwischen Besitzern von verschiedenen Waren reduziert, braucht man kein „historisches Subjekt“ mehr zu suchen, es ist nur ausserhalb der (Re-)Produktionssphäre zu finden.

Hier gibt es etliche Optionen. Man kann z.B. die Gewalt der Ausgeschlossenen theoretisieren. Doch die Anhänger der Wertkritik bevorzugen mildere Lösungen, welche die Veränderung der Mentalitäten, Konsumentenbewegungen, die Genossenschaft, gesellschaftliche Experimente, ökologische Praktiken, Aktionen gegen die Schädlichkeiten mit einer Neuordnung der Aufgaben, eine Industrie „auf menschlichem Niveau“, mehr Automatisierung, die Reduzierung der Arbeitszeit, eine Akzentuierung der „Wissenswirtschaft“ dank der sogenannten digitalen Revolution vermischen, das Ganze wird dann noch mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und nach horizontaler Demokratie garniert.

Welch ein Kontrast zwischen der Ambition, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, und der Bescheidenheit der Ziele...

Die Tatsache, dass die Wertkritik kompatibel mit dem reformistischen Arsenal ist, liegt an ihrer Definition des Werts.

Genau wie Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert Gott definierte, ist der Wert ein „Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends ist“. Zum Glück ist dieses Monster verwundbar: Da es in jedem von uns steckt, können wir es zum Verschwinden bringen, wenn sich der Architekt und seine Sekretärin, der Kaufmann und seine Verkäuferin, der Schuldirektor und der Schüler, der Bürgermeister und der Müllmann in Praktiken der Unentgeltlichkeit, des Widerstands, oder gar des Ungehorsams engagieren. Statt der Revolution, dieses verstaubte Relikt aus dem 19. Jahrhundert, setzt man also ein oder zwei Milliarden Mikrorevolutionen, eine Unendlichkeit von kleinen und grossen Gesten.

7: Im Zeitgeist

Die Komplexität im Dienste der Mässigung. Schon vor 15 Jahren beschrieb das Manifest gegen die Arbeit (welches von Krisis veröffentlicht wurde und Robert Kurz war einer der zentralen Figuren davon) ein System, das umso einfacher zu zerstören ist, weil es sich selbst auflöst: Der Kapitalismus entziehe der Arbeit und somit dem Wert die rationale Grundlage. Die Revolution wird nicht mehr gebraucht, schliesslich sei der Kapitalismus dabei, seine eigenen Grenzen zu erreichen. Genau wie im sozialdemokratischen oder stalinistischen Marxismus, über welchen sich die Wertkritik dermassen lustig macht, wird die kapitalistische Vergesellschaftung als widersprüchlich zum Kapitalismus präsentiert. Die „Krise des Werts“ (welche als umfassender als die banale Krise des Kapitals präsentiert wird) sei schon unterwegs, denn ganze Bereiche des gesellschaftlichen Lebens werden entkapitalisiert aufgrund mangelnder Rentabilität. Warten wir also nicht auf den Zusammenbruch des Kapitalismus durch den Klassenkampf, sondern durch den Wert, welcher an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde geht.

Die Wertkritik befindet sich auf der Kreuzung mehrerer ideologischer Pfade.

Sie drückt die Zersetzung des „Marxismus“ aus, welche mit dem Ende der damaligen Arbeiterbewegung und jenem des Staatskapitalismus zusammenhängt.

Sie ist ein sehr degradiertes Echo auf die neuen proletarischen Kritiken („gegen die Arbeit“).

Sie hängt zusammen mit der Selbstkritik eines Kapitalismus, der dazu gezwungen ist, über Produktivismus und Ökologie nachzudenken, am „Fortschritt“ zweifelt, der, obwohl sich die Lohnarbeit weltweit ausbreitet, „die Entwicklung der Produktivkräfte“ nicht mehr verherrlicht und der sich vorstellt, die Krise könne durch das Virtuelle und Immaterielle überwunden werden.

Die Stärke der Wertkritik ist, dass sie dem Leser Qualität bietet. Sie geht weiter als Fragen der (Arbeiter- oder allgemeinen) Verwaltung und scheint eine Brücke zu schlagen zwischen unmittelbarem Widerstand oder Revolte und gesellschaftlicher Veränderung. Während sie eine düstere Gegenwart beschreibt, verspricht die Wertkritik eine strahlende Zukunft, denn dieser omnipräsente Wert untergräbt seine universelle Herrschaft und gegen ihn werden wir alle vereint sein. Die Wertkritik beruhigt.

Die Wertkritik ignoriert die grundlegende Gewalt des Ausbeutungsverhältnisses, der Verkauf der Arbeitskraft ist der Effekt einer Situation, wo die einen, da „reservelos“, gezwungen sind, zu arbeiten, um zu leben, zu Gunsten von anderen, welche die Produktionsmittel kontrollieren. Die Tatsachen, dass die Ausbeutung der Arbeit ein Antagonismus ist, dass die Revolution (die Kommunisierung) von dieser Situation ausgehen und gegen sie gerichtet sein wird, sind zu banale praktische und theoretische Fragen, verglichen mit den Subtilitäten der Wertform.

Die Wertkritik ist eine gelehrte Ausführung der Warenkritik ohne den Idealismus der 1970er Jahre und dem Aufruf zu Arbeiterräten, doch auch ohne Ansprüche auf einen gesellschaftlichen Bruch [3].

G.D.

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Quelle

Anmerkungen

[1Die Homepage Palimpsao liefert das Wesentliche zur Wertkritik. (AdÜ: Auf Deutsch wären v.a. Krisis, Exit und Streifzüge zu nennen.)

[2Für eine kritische neue Marx-Lektüre, siehe Bruno Astarian, Feuilleton sur la valeur, Kapitel 1.

[3Für eine Entwicklung der Themen, welche hier nur angeschnitten werden, siehe: Bruno Astarian, Feuilleton sur la valeur, Kapitel 6 und 7.