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Ausgehend vom Zwangsmoment – Kanton Cizire, Rojava

Mittwoch 27. Mai 2015, von Doc Sportello

Das Ausbeutungsverhältnis enthält auf immanente Art und Weise ein direktes Herrschaftsverhältnis, ein Verhältnis der Unterwerfung, und der gesellschaftlichen und polizeilichen Kontrolle. Doch wenn man das Herrschafts-, das Unterwerfungsverhältnis als Totalität des Ausbeutungsverhältnisses nimmt, das Teil als das Ganze, verliert man das Ausbeutungs- und Klassenverhältnis aus den Augen. Wenn das Zwangsmoment als Ausgangspunkt und als Totalität des Verhältnisses zwischen dem Individuum und der Gesellschaft gesetzt wird, gleitet es ab in den Standpunkt eines isolierten Individuums und der Kritik des alltäglichen Lebens. [1]

Eine Revolution des alltäglichen Lebens

Quer durch die Regierungsbereiche im Kanton Cizire arbeiten Leute, meistens auf einer freiwilligen Basis, um ambitionierte Veränderungen der Gesellschaft zu verwirklichen. Ärzte wollen ein modernes, kostenloses Gesundheitssystem aufbauen, aber auch, wie sie uns erzählten, vergessenes lokales Wissen bezüglich Heilung sammeln und verbreiten und die Lebensbedingungen allgemein verändern. Sie sagten, dass sie ein Leben frei von Trennungen aufbauen möchten – zwischen Leuten und auch Leuten und der Natur – Trennungen, welche verantwortlich sind für körperliche und psychische Krankheiten. Akademiker wollen die Bildung in Richtung aktueller sozialer Probleme orientieren. Sie sagten, dass ihr Plan ist, Prüfungen und die Kluften zwischen Lehrern und Studenten und zwischen etablierten Disziplinen abzuschaffen. Die neue Disziplin der „Jinologie“ (der Wissenschaft der Frauen) konstruiert eine alternative Darstellung von Mythologie, Psychologie, Wissenschaft und Geschichte. Immer und überall, so sagte man uns, sind die Frauen die zentralen wirtschaftlichen Akteurinnen und jene mit der Verantwortung für „Ethik und Ästhetik“, „Freiheit und Schönheit“, „Inhalt und Form“. Die Revolution möchte die diesen Tätigkeiten durch das Machtmodell des Staates auferlegten Grenzen überwinden.

Man wiederholte uns immer wieder, dass die Koexistenz und Koordination verschiedener sich überschneidender, schon zuvor existierender Identitäten „eine Fahne, eine Sprache und eine Nation“ ersetzen soll. Die neue Verwaltung besteht aus Vertretern der kurdischen, arabischen und assyrischen Gemeinschaften, welche gemäss ihren eigenen Gebräuchen nominiert werden. Obwohl die Milizen und Sicherheitskräfte gemischt sind, haben die assyrischen Gruppen ihre eigenen Bataillone. Das alltägliche Leben hat sich am meisten für die Frauen verändert, ihr Leben beschränkte sich zuvor auf die eigenen vier Wände. Obwohl die Strassen immer noch hauptsächlich männliche Zonen sind, haben die Frauen ihre eigenen Bildungsstrukturen und lokalen Räte aufgebaut. Alle gemischten politischen Gremien müssen einen Frauenanteil von 40% haben und ein Posten oder dessen Stellvertretung müssen weiblich besetzt sein. Frauen sind also sowohl autonom organisiert innerhalb der Revolution als auch ihre archetypischen Subjekte. Die Anschlagbretter in Qamislo zeigen häufiger die Kämpferinnen der YPJ als die Kämpfer der YPG. „Wir werden euch verteidigen“, kann man lesen.

Mitglieder der YPJ erklärten uns die nicht-hierarchische Organisation in den Milizen. Die Befehlshaberinnen werden gewählt, sagten sie, doch sie nehmen gleich wie alle anderen an allen Aktivitäten des Gemeindelebens teil. Doch es ist nicht alles Liebe und Poststrukturalismus. Disziplin ist ebenfalls ein wichtiger Teil der Ethik und Ästhetik des alltäglichen Lebens. Jenen Frauen, welche wir während ihrer Ausbildung zu Sicherheitskräften (Asayish) gesehen haben, brachte man bei, in Reihen zu sitzen. Am ersten Tag unserer Reise war es ein bisschen schockierend für uns, von einer Reihe von Rekruten in Uniform begrüsst zu werden, welche mit perfekter Steife in einer Reihe standen, während sie hin- und herbrüllten wie das Armeen eben so tun, präzise und sehr laut. Mit Musik untermalte Übungsvideos der YPG laufen auf allen Fernsehern. Sogar auf der Universität, wo junge Leute kollektiv leben, geschah das Kochen und Putzen auf unglaublich effiziente Art und Weise: Die Aufgaben werden kollektiv ausgeführt und zwischen allen aufgeteilt, die Gleichheit, Horizontalität und automatische Disziplin fallen vollständig zusammen.

Eine andere Ambivalenz bezüglich Ethik und Ästhetik umgibt die Bedeutung von Öcalan oder „Apo“ (sein Übername, welche die Leute gemeinhin auf Wände schreiben und in ihre Waffen schnitzen) in der PKK. Sein Bild hängt in fast jedem Raum an der Wand. Die „libertäre Wende“ der PKK, mit welcher die PYD verbunden ist, die Verweigerung hierarchischer Strukturen u.a., wurde von ihm initiiert. Es ist interessant zu bemerken, dass diese Wende auf einen Aufenthalt in dieser Region folgte, vor seiner Verhaftung 1999, obwohl die Ideen stets ihm zugeschrieben werden. Die anderen Bilder, welche die Wände, Anschlagbretter und Pflanzen schmücken, sind jene der Märtyrer – ihre Gesichter vor einem farbigen Hintergrund, welcher auf ihre Organisation hindeutet. Es ist von Bedeutung, dass Öcalan die einzige lebende Person ist, welcher diese Ehre zuteil wird, zudem ist er ein Anführer, mit dem niemand direkt kommunizieren kann und der de facto keine Macht hat.

Den Staat schwächen

Der Kern der Revolution, sagten uns viele Leute, ist nicht, eine Regierung durch eine andere zu ersetzen, sondern die Herrschaft des Staates zu beenden. Die Frage ist, so formulierte es der Ko-Präsident des kurdischen Nationalkongresses, „nicht, wie mit der Macht, sondern wie gegen sie zu regieren“. Die Staatsmacht wird auf verschiedene Art und Weise zerstreut. Die Ausbildung der Leute zu Asayish findet in grossem Rahmen mit dem Bestreben statt, dass alle in ihren Genuss kommen. Es ist Teil eines Versuches, die Zwangsmittel auf alle zu verteilen. Die Selbstverteidigung des Volkes, sagte man uns, ist „so wichtig, dass sie nicht delegiert werden kann“. Durch Ausbildung (nicht nur im Waffengebrauch, sondern auch in den Bereichen der Meditation, Ethik, Geschichte Kurdistans, Imperialismus, psychologische Kriegsführung durch Volkskultur und bezüglich der Wichtigkeit von Bildung und Selbstkritik), sagte uns der für eine Übung verantwortliche Kämpfer, soll das Ziel erreicht werden, die Asayish schliesslich komplett abzuschaffen.

Die neue Verwaltung (mit einem Parlament und 22 Ministerien), welche vorerst von verschiedenen politischen Parteien und Organisationen ernannt wird, bis irgendwann Wahlen stattfinden, hat die Verantwortung für gewisse staatliche Funktionen übernommen. Als ISIS im Frühling 2012 Rojava erreichte, sahen die Kurden das Blutbad zwischen ISIS und Assad voraus, sahen eine Chance in der Situation, umzingelten die staatlichen Kräfte in Derik und handelten ihre Abreise aus (ohne ihre Waffen). Nach einer Konsultation mit anderen politischen und gesellschaftlichen Kräften in der Region geschah das gleiche überall in Rojava. Das Assad-Regime ist allerdings nicht komplett verjagt worden. In Qamislo, der grössten Stadt in Cizire, kontrolliert es immer noch ein kleines Gebiet, wo auch der Flughafen liegt. Der alte Staat funktioniert auch parallel zu den neuen Strukturen. Syrische Spitäler im Süden akzeptieren immer noch einige der sehr Kranken und das Regime zahlt immer noch den Lohn gewisser Staatsangestellter, wie z.B. einiger Lehrer.

Gleichzeitig wird die neue Verwaltung durch etliche autonome Elemente ausbalanciert. Getrennt davon kümmern sich Räte auf Gemeinde- (wöchentliche offene Quartierräte mit ihren eigenen lokalen Verteidigungseinheiten und Unterräten, welche sich um die Jugend, Politik, Wirtschaft, öffentliche Dienste, Bildung und Gesundheit kümmern), Stadt- und Kantonsebene, welche aus gewählten Abgeordneten bestehen, um unmittelbare praktische Probleme, welche sofort gelöst werden können. Sowohl die Verwaltung als auch die Gemeinden wurden vom TEV-DEM aufgebaut, eine Koalition diverser Organisationen, wie z.B. die PYD, Genossenschaften, Akademien, Frauen- und Jugendorganisation und sympathisierende politische Parteien. Diese Organisationen haben alle ihre eigenen Strukturen der Entscheidungsfindung und manchmal ihre eigenen Bildungsprogramme in ihren „kulturellen Zentren“, „Häusern“ und „Akademien“. Daraus resultiert, dass alle politischen Kräfte komplexe, sich überschneidende Verbindungen zueinander haben, und dass überall etliche Versammlungen stattfinden.

Und Kommunismus?

Es gibt wenig landwirtschaftliche oder industrielle Produktion in Rojava, trotz flachem und fruchtbarem Boden. Der grösste Teil des Landes der syrischen „Kornkammer“ war Staatseigentum und wurde für Getreidemonokulturen oder Erdölförderung gebraucht. Ihre kurdische Bevölkerung emigrierte häufig in südliche Städte, um eine für tiefe Löhne arbeitende Klassenfraktion zu formen. Die neue Verwaltung hat das Land übernommen und Teile davon an selbstorganisierte Genossenschaften verteilt, welche daran arbeiten, Tierzucht auszudehnen und den Anbau zu vergrössern und zu diversifizieren. Sie fördert immer noch etwas Öl, verarbeitet es zu Diesel niedriger Qualität, um es im Kanton zu verkaufen und an Genossenschaften und andere Institutionen zu verteilen. Was Genossenschaften produzieren, wird entweder an die Verwaltung oder im Basar unter der Preiskontrolle der Verwaltung verkauft.Die Verwaltung stellt jedem Haushalt eine Brotration zur Verfügung. Die Schmuggeltätigkeit ist gewaltig.

Jene, welche diese Veränderungen beaufsichtigen, beschreiben sie schlicht und einfach als praktische Lösungen für die Probleme der Reproduktion der Bevölkerung in einem Kontext gezeichnet von Krieg und Embargo. Das ist ein grosser Unterschied zu den Beschreibungen der unmittelbaren praktischen Veränderungen in der Haushaltssphäre. Die Frauenmiliz, sagten uns Mitglieder der YPJ, „eröffnete einen Raum für Befreiung“: „Du beteiligst dich auf eine neue Art und Weise am Leben und wenn du mit anderen zusammen bist, realisierst du, dass du ein Machtfaktor bist.“ Und, sagten sie, „als die Leute uns Seite an Seite mit den Männern kämpfend sahen, akzeptierten sie auch, dass wir gegen männerzentrierte Mentalitäten kämpfen“. Wir haben nicht darüber diskutiert, ob die positive Ermächtigung mit der Notwendigkeit einher ging, Ausbeutungs- und Tauschverhältnisse zu zerstören. Vielleicht war der Grund dafür, dass die Leute, mit denen wir gesprochen haben, hauptsächlich den Mittelklassen angehörten, obwohl diese Tatsache selbst auch bedeutend ist.

Gewissermassen ist Widerstand gegen den Staat gleichbedeutend mit Widerstand gegen das Kapital auf der Ebene seiner globalen Macht. Die neue Verwaltung widersetzt sich der NATO, nach eigenen Angaben, auf zwei Arten: einerseits gegen ISIS, von der Türkei unterstützt, andererseits gegen amerikanisches und internationales Kapital (eine Kategorie, in welche auch die kurdische Regionalregierung im Irak – wo zwei Herrscherfamilien nun auf der einen Seite der Autobahnen Flüchtlingslager und auf der anderen Einkaufszentren bauen – fällt). Sie haben keine Illusionen über die Beweggründe ihrer militärischen Unterstützer: „Jeder, die USA eingeschlossen, stellt es nun so dar, als ob wir auf ihrer Seite wären“, amüsieren sich Mitglieder des TEV-DEM. Doch es gibt keinen Widerstand gegen die anhaltende Existenz des Werts in seiner alltäglichen Form. Jene, welche die übermässig enthusiastischen Behauptungen von westlichen Aktivisten über die revolutionäre Natur der Vorgänge in Rojava entlarven, haben recht, sie stattdessen als den Aufbau eines Schutzschildes gegen den gegenwärtigen Krieg und die brutalste Unterdrückung zu beschreiben, mit Hilfe einer Armee als auch einer neuen Ideologie, welche die nationale Befreiung ersetzt [2].

Die Situation hat auch etwas gemeinsam mit der traurigen Entwicklung von Kämpfen weltweit in den letzten paar Jahren. Der Staat, nunmehr ein Agent des globalen Kapitals, wird als Schuldiger von sowohl aus Mittelklassen als auch dem Proletariat bestehenden Bewegungen betrachtet. Derweil wird die Nation als die ihm entgegenzustellende Kraft gesehen. Kämpfe stellen sich geschlossen hinter die Ideologie der Nationalität (und den Rassen- und Genderhierarchien, welche diese voraussetzt). Die stattfindende Veränderung in Rojava basiert bis zu einem gewissen Ausmass auf einer radikalen kurdischen Identität und auf einem beträchtlichen Anteil der Mittelklassen, welche, trotz ihrer radikalen Rhetorik, immer ein gewisses Interesse an der Kontinuität von Kapital und Staat haben.

Gleichzeitig hat sie jedoch auch etwas mit den Höhepunkten der Krisenkämpfe gemeinsam: ihre Ausschreitungen. Gewissermassen sind die in Rojava eingesetzten Strategien ein Produkt der Analyse des Scheiterns von Ausschreitungen: Ein Aufstand der Kurden, welcher 2004, nur einige Monate nach der Entstehung der PYD, politische Freiheit vom syrischen Staat forderte, führte nicht nur zu unmittelbarer Folter, Mord und Einsperrung, sondern auch zu einer langen Phase brutaler Unterdrückung. „Wir entschieden“, erinnerten sie sich, „die gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen“.

Was stattfindet, ist nicht die Kommunisierung. Doch es ist eine wirkliche Bewegung gegen die staatliche Plünderung und den staatlichen Zwang, welche militärisch an ihren Grenzen kämpft und im Innern durch die Streuung der Macht innerhalb derselben. Die Grenzen der Kämpfe in Rojava sind in diesem Sinne die gleichen, wie die der Kämpfe überall, wo das Verhältnis zwischen Arbeitskraft und Kapital zu einer Angelegenheit der Repression geworden ist, und von Kämpfen, für welche diese Repression den Ausgangspunkt darstellt. Es ist ein weiterer Kampf, der weit entfernt von den Hochburgen der Reproduktion des Kapitals stattfindet und nicht zum Ziel hat, die Ausbeutungsverhältnisse zu stürzen. Was interessant sein wird in Rojava, gegenwärtig weitgehend abgeschnitten von der Macht des globalen Kapitals, sind die kommenden Kämpfe in Verbindung mit Ausbeutungsverhältnissen – Landverteilung, Zuweisung zu verschiedenen Arten von Arbeit, Preise und Löhne, Importe und Exporte. Welche Veränderungen der Eigentums- und Produktionsverhältnisse werden die Frauen fordern, wenn sie aus ihrem Einsatz in den Milizen zurückkommen?

Becky

Quelle

Übersetzt aus dem Englischen von Kommunisierung.net

Anmerkungen

[1Theorie Communiste, The Glass Floor, 2009.