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Postkapitalismus oder Kommunismus? Eine Kritik des Akzelerationismus

Sonntag 7. September 2014, von Webmaster

Auf einmal kann es die FAZ nicht mehr erwarten: „Die Revolution soll sich beeilen“ [1] betitelt sie die Rezension des Sammelbandes zum Akzelerationismus [2]. Auch in anderen bürgerlichen Feuilletons wurde das Erscheinen des kleinen Büchleins als Ereignis gefeiert. Georg Diez bringt im Spiegel den bürgerlichen Enthusiasmus für diese „neue linke Theorieströmung“ auf den Punkt: „Sie sind gegen Nostalgie und für mehr Fortschritt.“ [3] Ganz schnell vorwärts zum Postkapitalismus? Da sollte man sich doch mal genauer anschauen, wo die Reise denn genau hingehen soll.

Neben Nick Land, einem britischen Philosophen, der dem spekulativen Realismus zugerechnet wird, wird im „Beschleunigungsmanifest“ auch Karl Marx als wichtiger Vordenker bezeichnet: „Karl Marx bleibt, neben Land, der beispielgebende Vordenker des Akzelerationismus. Der allzu vertrauten Kritik und sogar dem Verhalten einiger zeitgenössischer Marxisten zum Trotz [sic!] müssen wir uns daran erinnern, dass Marx selbst – in dem Bestreben, seine Welt vollständig zu begreifen und zu verändern – die fortschrittlichsten theoretischen Werkzeuge und empirischen Daten, die ihm zugänglich waren, nutzte. Er war kein Denker, der sich gegen die Moderne sträubte, sondern eher einer, der in ihr nach Wegen suchte, um sie zu analysieren und zu verändern. Er verstand, dass der Kapitalismus trotz all seiner Ausbeutung und Korruption das bis dato fortschrittlichste Wirtschaftssystem war und dass dessen Errungenschaften nicht rückgängig gemacht, sondern über die Beschränkungen der kapitalistischen Wertschöpfung hinaus beschleunigt werden sollten.“ [4]

Grosso modo handelt es sich um eine von der angelsächsischen realistischen und analytischen philosophischen Tradition inspirierte Rezeption der (post-)operaistischen Diskussion über das Maschinenfragment und den general intellect. Das Kognitariat war ein Produkt dieser Diskussion und Marx ist daran tatsächlich nicht ganz unschuldig: „Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffne Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft. Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.“ [5] Wo „Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft“ wird, ist logischerweise ein Platz frei für ein neues Subjekt und das Kognitariat wurde von der Philosophie auf diesen Thron gesetzt.

Ehemalige operaistische Denker wie Toni Negri und Franco „Bifo“ Berrardi sahen im Kognitariat den einzigen theoretischen Ausweg angesichts des Niedergangs des Massenarbeiters, es bezeichnet die „Wissensarbeiter“, die „kreative Klasse“. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff vom „technischen Proletariat“ vom in Italien viel gelesenen Krahl inspiriert ist. Mit Hilfe der „Multitude“ ist es dazu bestimmt, dem „Empire“ endgültig den Gnadenstoss zu versetzen. Die philosophische Inspiration kam prinzipiell vom französischen Poststrukturalismus, was die häufige Rekurrenz von Begriffen wie Bio-Macht, Souveränität usw. erklärt. Diese theoretische Entwicklung war eine Reaktion auf die Niederlage im vorhergehenden Kampfzyklus und die darauf folgende Restrukturierung. Während Tronti bis heute geduldig versucht, die Partei von innen zu radikalisieren, hatte ein grosser Teil des Operaismus schon in den 1980er Jahren seinen Glauben an die Arbeiterklasse verloren.

Der Akzelerationismus ist die neueste Frucht dieser Entwicklung, ein Ausdruck des Niedergangs des Kognitariats: „Ein verschwindend kleines Kognitariat, eine Elite aus Geistesarbeitern, schrumpft mit jedem Jahr.“ [6] Auch in These 1.2 wird das Verschwinden der mit „geistiger Arbeit“ beschäftigten „Mittelschicht“ beklagt. Trotz dieser bedauernswerten Tatsache versprühen die Akzelerationisten einen Optimismus, der in linken Kreisen eher selten geworden ist. Sie träumen allen Ernstes davon, „eine neue globale linke Hegemonie aufzubauen“ (1.6), „eine soziotechnologische Hegemonie“ (3.11), alles, was es dazu braucht, ist „eine Ökologie von Organisationen, ein Pluralismus aus Kräften“ (3.15), wobei jegliche Ähnlichkeit mit der Multitude natürlich rein zufällig ist.

Doch im Unterschied zu den Postoperaisten glauben die Akzelerationisten nicht mehr an den traditionellen Aktivismus: „Die gewöhnlichen Strategien des Marschierens, des Plakatehochhaltens und des Einrichtens vorläufiger autonomer Zonen laufen Gefahr, zum beruhigenden Ersatz für wirkliche Erfolge zu werden.“ (3.12) Auch gegen ihre Kritik des Alternativismus kann man nicht viel einwenden: „Dabei fördern sie oft Varianten eines neo-primitivistischen Lokalismus zu Tage, als könne man sich der abstrakten Gewalt des globalisierten Kapitals mit der fadenscheinigen und flüchtigen »Authentizität« der unmittelbaren Gemeinschaft widersetzen.“ (1.5) Théorie communiste bezeichnete dieses Phänomen 1997 als „radikalen Demokratismus“ (TC 14) und ihre Kritik ging in eine ähnliche Richtung. Sie steht gewissermassen in einer Kontinuität mit der situationistischen Kritik des Aktivismus in den 1970er Jahren [7].

Die Kritik am Primitivismus kann aus einer kommunistischen Perspektive ebenfalls geteilt werden, eine blinde Apologie des Fortschritts, begriffen als losgelöst von der kapitalistischen Produktionsweise, hingegen nicht. Falls die Studien zur Finanzwirtschaft, Astrophysik und Mikroprozessortechnik ihnen zwischendurch etwas Zeit lassen, sollte man den Akzelerationisten ans Herz legen, vielleicht auch andere Passagen der Grundrisse als nur das Maschinenfragment zu lesen. Marx war zwar tatsächlich nicht gegen den Fortschritt an sich, erkannte aber sehr wohl, dass er von der kapitalistischen Produktionsweise bestimmt ist. Eine ähnliche Inkohärenz zeigt sich in ihrer Einschätzung des zeitgenössischen Kapitalismus: Einerseits wird sehr richtig erkannt, dass es „keine Rückkehr zum Fordismus geben“ (3.4) kann, andererseits wollen sie „die Errungenschaften des Spätkapitalismus […] bewahren“ (3.1). Nur, was sind diese Errungenschaften, wenn nicht Relikte des Fordismus?

Da verwundert es nicht, dass auch der Aktivismus nur kritisiert wird, um ihm eine alternative Form davon entgegenzusetzen. „Eine neue globale linke Hegemonie“ (1.6) sollen wir aufbauen, ja, wir müssen gar „verschiedene Formen der Klassenmacht wiederherstellen“ (3.18). Doch selbstverständlich keine Arbeitermacht mithilfe von Streiks, Demos oder anderem altmodischem Zeug, auch die kulturelle Hegemonie wäre für die Akzelerationisten wohl etwas gar zu staubig, nein, es geht um den Aufbau „eine[r] soziotechnologische[n] Hegemonie“ (3.11). Sie wissen auch wie wir das anstellen können und behaupten „dass die Technologie genau darum beschleunigt werden muss, weil sie gebraucht wird, um sich in sozialen Konflikten durchzusetzen“ (3.7). Der tiefere Sinn dieses kryptischen Satzes bleibt mir schleierhaft, auf jeden Fall kann man soweit resümieren, dass wir die kapitalistische Technologie unbedingt brauchen, um endlich den freien Fortschritt zu entfesseln.

Ganz allgemein scheinen die Akzelerationisten viel Vertrauen in den „öffentlichen Raum“ zu haben, zumindest sofern er virtuell ist. Um den Aufbruch in den Postkapitalismus vorzubereiten, sollten wir eine Art Mont Pelerin Society der Linken gründen (3.16). Kohle dafür nehmen wir von jedem, schliesslich „brauchen wir Finanzierung, ob durch Regierungen, Institutionen, Think Tanks, Gewerkschaften oder individuelle Förderer“ (3.20). Dann „müssen wir eine weitreichende Medienreform durchführen“, um die Medien „so weit wie möglich in öffentliche Kontrolle zu bringen“ (3.17). Materialismus sucht man hier vergebens: Der Ansatz erinnert an den Habermasschen „öffentlichen Raum“ als „freier Markt der Diskurse“. Und wie „wir eine weitreichende Medienreform durchführen“ sollen, bleibt unklar und die Forderung tönt etwa gleich pathetisch, wie ein Sozialdemokrat, der proklamiert, dass „wir die Armut beseitigen müssen“.

Auch das Konzept der Beschleunigung selbst ist problematisch. Das Konzept der Überwindung des Kapitalismus ohne Moment des Bruches steht letztendlich in der neukantianischen Tradition Eduard Bernsteins. Es kontrastiert mit der „Revolution als Notbremse“ von Walter Benjamin, ein Konzept, das sich z.B. auch Mario Tronti zu eigen gemacht hat. Die „Revolution als Notbremse“ unterstreicht die Notwendigkeit des Bruches. Keine langfristige Entwicklung wird jemals dazu führen, dass der Kapitalismus einfach abstirbt, unabhängig von jeglicher Beschleunigung.

Letzten Endes versucht also der Akzelerationismus ein Programm für das sich im Niedergang befindende Kognitariat zu skizzieren. Obwohl dieser Niedergang im Manifest explizit unterstrichen wird, ist es nichts anderes als eine Affirmation des Kognitariats, das als Subjekt präsentiert wird, welches fähig wäre, den Zug in Richtung Postkapitalismus aufzugleisen. Zwar wird die Klimaerwärmung als vom Kapitalismus verschuldetes Problem diagnostiziert, doch alles in allem haben die Akzelerationisten den Kapitalismus v.a. satt, weil er den Fortschritt hemmt (3.3), die Ausbeutung scheint ihnen hingegen herzlich egal zu sein.

Somit überrascht es kaum, dass der Postkapitalismus, wie er im Manifest skizziert wird, verdächtig viele Ähnlichkeiten mit dem Kapitalismus aufweist. Schon der Begriff „postkapitalistische Planung“ (3.8) jagt einem einen Schauer über den Rücken. These 3.10 zeigt dann endgültig, wohin die Reise gehen soll: „Das chilenische Projekt Cybersyn ist vorbildlich für diese experimentelle Haltung – es verbindet hochentwickelte kybernetische Technologie mit ausgefeilten ökonomischen Modellen und einer demokratischen Plattform, die in die technologische Infrastruktur selbst eingelassen ist. In der sowjetischen Ökonomie der 50er und 60er wurden ähnliche Experimente unternommen, um mit den Mitteln der Kybernetik und der linearen Programmierung die neuartigen Probleme zu lösen, mit denen sich die frühe kommunistische Ökonomie konfrontiert sah.“ Es geht also nicht um Freiheit, sondern um totale Verwaltung. Der Kommunismus kommt nur in dieser Passage als „erste kommunistische Ökonomie“ vor („first“ ist fälschlicherweise als „frühe“ übersetzt worden), ist also lediglich Planwirtschaft, einfach viel effizienter als zu Zeiten der UdSSR und mit den modernsten Werkzeugen der Kybernetik.

Beim Akzelerationismus handelt es sich also um eine durch und durch reformistische Lesart des Maschinenfragments. Für all jene, die endlich einmal zum Mond fahren möchten, ist es zweifellos die richtige Ideologie: „Schließlich wird nur eine postkapitalistische, durch akzelerationistische Politik ermöglichte Gesellschaft je in der Lage sein, das Versprechen der Raumfahrtprogramme des mittleren 20. Jahrhunderts einzulösen – als Verschiebung über eine Welt der minimalen technischen Upgrades hinaus zu allumfassendem Wandel.“ (3.22) Für alle anderen hingegen ist diese „Vision einer globalen Verbürgerlichung des Proletariats“ [8] von geringem Nutzen und wir können den alten Maulwurf getrost brav weiter wühlen lassen.

Doc Sportello, September 2014