Startseite > Artikel > Floris Biskamp zum Salafismus: Eine linke Deklination der Extremismustheorie

Floris Biskamp zum Salafismus: Eine linke Deklination der Extremismustheorie

Sonntag 27. September 2015, von Doc Sportello

Auf der Homepage publikative.org erschien am 24. September ein Text mit dem Titel „Von Brüdern und Kameraden: Ist der Salafismus ein Fall für die Antifa?“. Als aussenstehender Beobachter der deutschen Linken ist man kaum überrascht: In Deutschland (und Österreich) ist absolut alles ein Fall für die Antifa. Das Profil des Autors Floris Biskamp ist ebenfalls typisch für moralische Autoritäten in einem gewissen Teil der deutschen Szene: Er unterrichtet als Politologe an der Uni Kassel, interessiert sich für Kritische Theorie und Postmodernismus und verwechselt moralische Empörung mit politischer Analyse.

Deshalb gleich diese Warnung: Dieser Text will die von Biskamp aufgeworfene Frage nicht beantworten, sondern die Art seiner Fragestellung kritisieren. Das ganze nahm auf Twitter seinen Anfang, doch Herr Prof. Biskamp findet den Avatar mit Stalin und Mao zu empörend, um auf die Kritik einzugehen. In den gehobenen Kreisen der deutschen Akademielinken macht man nämlich keine Witze, es könnte sich ja jemand dabei verletzen.

In diesem Text geht es deshalb nicht um „Antifa“, denn auch 80 Jahre später behält Bordiga recht: Antifaschismus ist Klassenkollaboration. Antifaschismus bedeutet ein Bündnis mit Sozialdemokraten, Stalinisten und manchmal auch Bürgerlichen, um die Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen. Für revolutionäre Kommunisten und Anarchisten gibt es überhaupt keinen Grund, ein solches Bündnis einzugehen, was natürlich nicht heisst, dass man gegen Faschisten nicht zurückschlagen soll. Aber sicher nicht, um den demokratischen Staat und seine Ausschaffungsflüge, Gefängnisse und Bullen zu verteidigen, sondern aus Solidarität zu Freunden, Genossen und anderen Proletariern, welche zum Ziel des faschistischen Terrors werden.

Genau deshalb ist es auch sinnlos, den Salafismus aus einer antifaschistischen Perspektive zu „analysieren“. Schliesslich läuft auch diese Analyse letztendlich darauf hinaus, „unsere Wertegemeinschaft“ gegen „die Barbarei“ zu verteidigen. Die weitgehende Gleichsetzung von „Rechtsextremismus“ [sic!] und Salafismus ist diesbezüglich aussagekräftig: Es ist das Bild einer barbarischen Horde inmitten unserer ach so toleranten Gesellschaft, welche es natürlich zu verteidigen gilt.
Bei der Lektüre des Texts ist man zuerst einmal überrascht, wie oberflächlich und karikaturartig der Salafismus dargestellt wird. Obwohl der Autor scheinbar seit Jahren zum politischen Islam forscht, fällt seine Analyse sehr dürftig aus. Für ihn gibt es „puristischen“, „politischen“ und „djihadistischen“ Salafismus und für jede dieser Strömungen gibt es so eine Art Pendant im „Rechtsextremismus“. Denn im Gegensatz zu „uns Zivilisierten“ sind die ideologischen Meinungsverschiedenheiten dieser „Barbaren“ nicht politisch, sondern psychologisch zu erklären.

Er schreibt: „Diese Parallelen [zwischen Salafisten und Nazis] sind alles andere als akzidentiell und gehen weit über das bloße Kopieren einer Propagandataktik hinaus. Über die ideologische Nähe von Islamismus und Rechtsextremismus wurde schon viel geschrieben. Auch die Ähnlichkeit der Faktoren, die junge Menschen dazu motivieren, sich der einen oder anderen Gruppe anzuschließen, ist unübersehbar: Es ist gut vorstellbar, dass dieselben jungen Männer, die diesen Sommer den deutschen Volkskörper von schwulen Gefahren reinhalten wollen, die muslimische Gemeinschaft gegen alles verteidigen würden, was ‚haram‘ ist, wenn sie nur in den entsprechenden Momenten ihres Lebens an einen Koranverteilungstisch statt an einen rechten Kader geraten wären – und andersherum.“

Nazis und Salafisten werden also nicht als Teil politischer Bewegungen verstanden, welche aufgrund gesellschaftlicher Widersprüche im Kapitalismus erklärt werden können, sondern pathologisiert. Der Verfassungsschutz von Brandenburg verfährt da ganz ähnlich: „Sie [„extremistische“ Bestrebungen] richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. So streben Teile des linksextremistischen Spektrums beispielsweise eine "Diktatur des Proletariats" an. Rechtsextremisten wollen statt dessen einen rassistischen "totalen Führerstaat" errichten. Und Islamisten sind auf einen "Gottesstaat" ausgerichtet. Gewalt wird dabei häufig als Mittel zur Durchsetzung der jeweiligen Ziele befürwortet, propagiert oder sogar praktiziert.“ Die „ideologische Nähe“ zwischen den beiden beschränkt sich also auf eine linke Deklination der Extremismustheorie, nur dass in dieser Variante implizit die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ als antirassistisch, antisexistisch und frei von jeglichen anderen Formen von Diskriminierung gesetzt wird. Wer häufiger auf den Strassen als in den Gängen der Uni unterwegs ist, dürfte sie durchaus anders erlebt haben.

Noch peinlicher wird es, wenn der Autor „puristische Salafisten“ als „unpolitische Skinheads mit Bart und ohne Alkohol“ bezeichnet. Mal abgesehen davon, dass der Autor nicht die geringste Ahnung der Skinhead-Subkultur zu haben scheint, ist die Unterteilung der Salafisten in verschiedene Niveaus des Extremismus typischer Politologenquatsch. Er schreibt über „puristische Salafisten“: „Als puristisch-salafistisch sind insbesondere die Anhängerinnen von Predigern wie al-Albani und al-Madkhali zu bezeichnen, die beide in der Entwicklung des Salafismus in Saudi-Arabien entscheidende Rollen spielten. Deren Denken prägt in Deutschland eine Reihe von Moscheegemeinden insbesondere in größeren Städten. Diese Gemeinden sind zwar theologisch radikal, ihnen kann jedoch keine im engen Sinne politisch radikale Gesinnung unterstellt werden.“ Nur, wie misst man genau eine „politisch radikale Gesinnung“? Da diese Moscheen vermutlich weitgehend von Saudiarabien finanziert werden, wäre also das saudische Regime auch bloss „theologisch radikal“? Ihm kann gewiss keine „politisch radikale Gesinnung unterstellt werden“, schliesslich ist es mit den USA und Israel verbündet und spielt somit geopolitisch im gleichen Team wie der Autor.

Im gleichen Stil geht’s weiter, wenn der Autor beim „djihadistischen Salafismus“ ankommt. Claudia Dantschke mag die salafistische Szene tatsächlich sehr gut kennen, doch ihre Analogie zwischen diesem Spektrum und der freien Kameradschaftsszene trägt überhaupt nichts zum Verständnis des einen oder des anderen bei. „Gewaltbereitschaft“ ist allgemein kein sinnvoller Indikator für die Radikalität oder den Charakter einer politischen Bewegung, denn diese hängt sehr stark vom gesellschaftlichen Kontext ab. Man braucht nicht Alkohol zu trinken, um sich an Krawallen zu beteiligen, bei den Aufständen in Ägypten und Tunesien beteiligten sich auch Islamisten an den Strassenkämpfen. Der Staat erfüllt allerdings in diesem Bereich seine antifaschistischen Pflichten, somit spricht der Autor die Antifa von jeglicher Pflicht frei.

Den „politischen Salafismus“ soll die Antifa hingegen bekämpfen, dieser steht in Biskamps Politologenschema zwischen den beiden anderen: „Der politische Salafismus ist weder bereit, sich quietistisch auf den Aufruf zu einer islamisch-korrekten Lebensführung im Privaten zu beschränken, noch propagiert er offen Gewalt gegen die staatliche Ordnung.“ Zumindest kann sich hier kein Antifa ob der exzessiven Komplexität der Analyse beklagen. Die Worte sind klar, jetzt sind wir bei der wissenschaftlich abgesegneten Mission der Antifa. Wer mehr wissen möchte, wird auch hier nicht satt. Man sagt sich als Leser, dass es doch möglich sein müsste, die Diskurse der jeweiligen Prediger zu analysieren und so herauszufinden, ob sie eher auf der Linie der Muslimbrüder, Al Qaida oder des IS sind. Dem Autor geht es jedoch gar nicht darum, er analysiert politische Strömungen nicht als solche, sondern beschränkt sich darauf, den Extremismus-Anteil zu messen. Was die Antifa genau tun soll, präzisiert der Autor auch nicht, er belässt es bei der folgenden Warnung: „Antifaschistisches Engagement sollte möglichst nicht dazu führen, dass diese Leute stärker ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rücken und sich dort im schlimmsten Falle noch als Opfer inszenieren können.“ Doch wenn die Nazidemo mit 20 Leuten durch die leeren Strassen von Kaffhausen dank der antifaschistischen Gegenmobilisierung ein mediales Echo bekommt, ist das gleiche auch in Bezug auf eine Koranverteilung denkbar. Und eins wissen wohl, im Gegensatz zu den meisten Antifaschisten, sowohl die Nazis als auch die Salafisten: Es gibt keine schlechte Werbung.

Am Schluss wird der Vergleich noch tollkühner: Der Islamische Staat sei der Nationalsozialismus des Salafismus. Es ist wieder eine typische Politologenanalogie, welche die Komplexität des Phänomens verdeckt. Genau wie sich der „Rechtsextremismus“ nicht auf Nazis beschränkt, beschränkt sich der Salafismus nicht auf Anhänger des IS. Gemäss dieser Logik ist Zawahiri kein echter „djihadistischer Salafist“, schliesslich verurteilt er das Kalifat des IS aufgrund einer mangelnden „prophetischen Methode“. Hier zeigt sich die Dürftigkeit der Analyse in aller Deutlichkeit: Aufgrund einer total verfehlten Schematik ist der Autor nicht einmal fähig, den Konflikt zwischen Al Qaida und dem IS zu erfassen. Es hat zumindest den Vorteil, dass er daran nichts ändern muss, sollte Al Qaida eines Tages tatsächlich ein Verbündeter der USA werden, wie vor kurzem von Dan Petraeus gefordert.

Alles in allem weiss man also nach der Lektüre dieses Texts nicht mehr als vorher, die Antifaschisten kennen nun zumindest ihre neue Mission. Der Autor macht den gleichen Fehler wie etliche Politologen und Soziologen: Er erstellt ein Schema mit verschiedenen Kategorien und dann wird die gesellschaftliche Realität aufgrund willkürlicher Kriterien dort reingepackt. Er verliert kein Wort zur wirklichen Geschichte des politischen Islams, zur Gründung der Muslimbruderschaft 1928 oder zur amerikanischen Unterstützung der Mudjahedin in Afghanistan (wobei letztere Auslassung bei den Antideutschen häufig ideologische Gründe hat). Es gibt also in seinem Schema keine Geschichte und somit logischerweise auch keinen Klassenkampf. Das ganze Weltgeschehen beschränkt sich auf einen heroischen Kampf zwischen Kräften des Guten (die „tolerante“ Gesellschaft verteidigt von der Antifa, welche von Uniprofessoren ihre Instruktionen bekommt) und den barbarischen Armeen der Finsternis („Rechtsextreme“, Salafisten). Politisch zeigt sich zudem, dass die antideutsche Ideologie schon lange die Teppichetage der Gesellschaft erreicht hat. Es hat sich eine Art antideutsche Sozialdemokratie etabliert, genau wie ihre ideologischen Wegbereiter beschäftigt sie sich obsessiv mit den Themen Antisemitismus, Rassismus und Antifaschismus. Wer will kann das ganze, wie unser Salafismus-Experte, noch mit einer Prise Postmodernismus würzen und fertig ist der deutsche Durchschnittslinke – garantiert frei von Extremismus.

Doc Sportello