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		<title>Pal&#228;stina: Volk oder Klasse? Interview mit Emilio Minassian</title>
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		<dc:subject>Emilio Minassian</dc:subject>
		<dc:subject>Israel/Pal&#228;stina</dc:subject>

		<description>
&lt;p&gt;Erster Teil &lt;br class='autobr' /&gt;
Zweiter Teil &lt;br class='autobr' /&gt;
Erster Teil &lt;br class='autobr' /&gt;
Als Fortsetzung und Vertiefung der Debatte, zu der es mit Emilio Minassian am libert&#228;ren Treffen in Quercy diesen Sommer kam, und zur Verteidigung einer klassenspezifischen Lesart und Perspektive auf die Situation in Pal&#228;stina-Israel haben wir ihm einige Fragen gestellt. In einem ersten Teil werden wir &#252;ber die Integration der Region Israel/Pal&#228;stina in den globalen Kapitalismus und die Klassenzusammensetzung in Pal&#228;stina sprechen. In der n&#228;chsten (...)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://kommunisierung.net/Artikel" rel="directory"&gt;Artikel&lt;/a&gt;

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&lt;a href="https://kommunisierung.net/Israel-Palastina" rel="tag"&gt;Israel/Pal&#228;stina&lt;/a&gt;

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 <content:encoded>&lt;img src='https://kommunisierung.net/IMG/logo/palestine.jpg?1738102817' class='spip_logo spip_logo_right' width='150' height='97' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&#034;#ErsterTeil&#034;&gt;Erster Teil&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&#034;#ZweiterTeil&#034;&gt;Zweiter Teil&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h3 id=&#034;ErsterTeil&#034;&gt;Erster Teil&lt;/h3&gt;
&lt;p&gt;Als Fortsetzung und Vertiefung der Debatte, zu der es mit Emilio Minassian am libert&#228;ren Treffen in Quercy diesen Sommer kam, und zur Verteidigung einer klassenspezifischen Lesart und Perspektive auf die Situation in Pal&#228;stina-Israel haben wir ihm einige Fragen gestellt. In einem ersten Teil werden wir &#252;ber die Integration der Region Israel/Pal&#228;stina in den globalen Kapitalismus und die Klassenzusammensetzung in Pal&#228;stina sprechen. In der n&#228;chsten Nummer werden wir die Auswirkungen auf die proletarischen K&#228;mpfe und den nationalen Befreiungskampf er&#246;rtern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Als Einleitung zu den &#196;usserungen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zuerst einige Worte dazu, &#8222;woher ich spreche&#8220;, wie man sagt. Ich bin nicht Pal&#228;stinenser, ich verbrachte regelm&#228;ssig einige Monate im Westjordanland und ging den &#252;blichen Besch&#228;ftigungen jener linken Westler nach, welche in die besetzten Gebiete reisen: solidarische Aktivit&#228;ten, kurze Dokumentarfilme, folgenlose akademische Forschungsarbeit. Es l&#228;sst sich wahrscheinlich weitgehend als eine Form aktivistischen Tourismus beschreiben, in einer autonom-marxistischen Variante.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich versuchte ziemlich schnell jenen gesellschaftlichen Rahmen zu umgehen, in welchen sich der propal&#228;stinensische Aktivismus hineinprojiziert, n&#228;mlich nicht mit &#8222;Profis&#8220; der Unterdr&#252;ckungserz&#228;hlung w&#228;hrend abgesteckten Treffen herumzuh&#228;ngen. Das habe ich mehr oder weniger geschafft, je nach Perioden, Zusammenh&#228;ngen und aufgewendeter Energie, und ich war eher an der Seite der Arbeitslosen und Schurken der Fl&#252;chtlingslager als an jener der Arbeiter (geschweige denn Arbeiterinnen): Die Arbeitslosen haben freie Zeit und die Schurken haben h&#228;ufig Lust, ihre Geschichten des Kampfes gegen die (israelischen, aber auch pal&#228;stinensischen) bewaffneten Kr&#228;fte, der Einsperrung und der (sowohl in den israelischen als auch pal&#228;stinensischen Kerkern praktizierten) Folter zu teilen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seinen Mund aufzumachen, um zu sagen, dass &#8222;es in Pal&#228;stina gesellschaftliche Klassen gibt&#8220;, mag in einem Kontext, wo die Bev&#246;lkerungen im Gazastreifen im Bombenhagel ertr&#228;nkt werden, schr&#228;g erscheinen. Wahrscheinlich w&#252;rde ich es nicht oder auf andere Art und Weise tun, wenn ich mich im Gazastreifen und nicht im Westjordanland herumgetrieben h&#228;tte. Ich mache es nicht, um das Massaker auf Distanz zu halten, sondern um die Idee einer radikalen Andersartigkeit, einer &#196;usserlichkeit im Verh&#228;ltnis zu dem zu bek&#228;mpfen, was hinsichtlich der kapitalistischen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse geschieht, dort genau wie hier.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Du verteidigst die Idee, dass Israel-Pal&#228;stina im globalen kapitalistischen Raum und in jenem der Region eine Einheit darstellt. Kannst du uns erkl&#228;ren, warum?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Urspr&#252;nglich konzipiert das zionistische Projekt eine getrennte j&#252;dische Gesellschaft in Pal&#228;stina. Dieses Projekt f&#252;hrt zur ethnischen S&#228;uberung 1947-1948, die, obwohl sie nicht vollst&#228;ndig ist, einen &#8222;j&#252;dischen&#8220; Raum erschafft, der damals im Wesentlichen europ&#228;ischen Ursprungs ist. 1967, mit der Besetzung des Gazastreifens und des Westjordanlands, zuvor von &#196;gypten f&#252;r ersteren und Jordanien f&#252;r letzteres annektiert, ist die Bev&#246;lkerung des von Israel verwalteten Territoriums nicht mehr haupts&#228;chlich j&#252;disch. Zur gleichen Zeit entsteht ein eigentlich pal&#228;stinensischer &#8211; und nicht mehr &#8222;arabischer&#8220; &#8211; Nationalismus. Man konnte damals den Eindruck gewinnen, zwei &#8222;Nationen&#8220; w&#252;rden sich auf dem gleichen Territorium entgegenstehen. Doch aus diesem pal&#228;stinensischen Nationalismus ist bis heute keine andere getrennte staatliche Entit&#228;t entstanden, als jene auf der Grundlage der Verwaltung von &#8222;Kesseln&#8220;, im Gazastreifen und im Westjordanland. Das von Israel kontrollierte Territorium besteht nicht einerseits aus j&#252;dischen, andererseits aus pal&#228;stinensischen Territorien. Es gibt zahlreiche mehrheitlich pal&#228;stinensische Gebiete in den Territorien des 1948 gegr&#252;ndeten Staates und eine bedeutende Siedlerbev&#246;lkerung im Westjordanland. Dieses Territorium ist ein Puzzle, in welchem die nationalen Unterscheidungen, vorausgesetzt, dass man von subjektiven Zugeh&#246;rigkeiten absieht, selbst in zahlreiche Untergliederungen unterteilt sind, diese sind ihrer Ethnisierung halber (auch auf &#8222;j&#252;discher&#8220; Seite) heutzutage von gesellschaftlicher Natur und alle Teil der israelischen Wirtschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von &#8222;der Einheit des Raumes&#8220; zwischen Israel und Pal&#228;stina auszugehen, ist also eine Art und Weise, eine Analyse der pal&#228;stinensischen Frage als eine eines durch ein gemeinsames Zugeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl und eine einzige und gemeinsame Enteignung vereinten &#8222;Volkes ohne Staat&#8220; zu &#252;berwinden. Diese Lesart tendiert dazu, gesellschaftlich hervorgebrachte nationale Kategorien zu essentialisieren und zudem die Gewalt des israelischen Staates in einer Kontinuit&#228;t seit 1948 zu verankern, was die Tatsache nicht ber&#252;cksichtigt, dass sie Teil globaler Dynamiken ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was sich seit einem Jahr abspielt, ist weder ein Krieg, an dem sich zwei sich gegen&#252;berstehende nationale R&#228;ume beteiligen, noch eine Eroberungsunternehmung, welche die Beschlagnahme von Rohstoffen und M&#228;rkten zum Ziel hat. Es ist nicht das &#8222;pal&#228;stinensische Volk&#8220;, das man im Rahmen eines Kampfes um die Existenz, in dem sich zwei Nationen gegen&#252;berstehen, im Bombenhagel ertr&#228;nkt. Der Gazastreifen ist keine ausserhalb von Israel stehende gesellschaftliche Entit&#228;t. Er ist seit etwa 60 Jahren in den israelischen Kapitalismus, den israelischen Markt integriert. Die dort lebenden Pal&#228;stinenser sind in ihrer &#252;berwiegenden Mehrheit Proletarier ohne eigene Ressourcen, die mit israelischem Geld gekaufte israelische Waren konsumieren, aber keine Arbeiter, deren Arbeit ausgebeutet wird. Es sind &#220;bersch&#252;ssige, die das israelische Kapital in den 1990er Jahren aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen und, gem&#228;ss einer Logik der Animalisierung, die Teil der kolonialen Geschichte ist, in ein immenses, einige Dutzend Kilometer von Tel Aviv entferntes &#8222;Reservat&#8220; gepfercht hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kannst du etwas n&#228;her auf die Geschichte der Integration dieses Raumes (und seiner Arbeitskraft) in den kapitalistischen Markt eingehen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vom Standpunkt des Marktes aus betrachtet, ist der &#8222;pal&#228;stinensische&#8220; Raum durch die Aufteilung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg konstituiert worden. Am Anfang steht eine Situation, in welcher feudale Strukturen und eine sich andeutende Handelsbourgeoisie vorherrschen. Das Mandat und der Zionismus markieren den eigentlichen Beginn der Proletarisierung der arabisch-pal&#228;stinensischen Bauernschaft, doch der wirkliche Ausl&#246;ser ist 1948 mit der Nakba. Pal&#228;stinensische Bourgeois und Feudalherren verlassen das unter israelische Kontrolle gekommene Territorium mit ihren beweglichen G&#252;tern unter den Armen; die pal&#228;stinensischen Bauern, mehrheitlich in Halbpacht, werden von ihrem Land verjagt und in Lagern zusammengepfercht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man kann den israelischen Kolonialismus in drei Zyklen unterteilen. In einer ersten Phase (1948-1967) ist es eine Typologie, die gegen&#252;ber der pal&#228;stinensischen Bauernschaft der Siedlerkolonie &#228;hnelt: ethnische S&#228;uberung, Landraub, &#8222;j&#252;disches&#8220; Kapital und &#8222;j&#252;dische&#8220; Arbeit. Als logische Folge davon wurde, wie ich es vorher gesagt habe, ein j&#252;disches Proletariat aus der arabischen Welt importiert, dieses war seinerseits ethnisiert und in ein koloniales Verh&#228;ltnis der Animalisierung und Ausbeutung eingebettet. Die Kapitalakkumulation geschah w&#228;hrend dieser Periode unter der Knute eines allm&#228;chtigen Planerstaates, kontrolliert von den aschkenasischen und sozialistischen Eliten mit einer in den Staat integrierten Gewerkschaftsbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einer zweiten Phase, zwischen 1967 und ungef&#228;hr 1990, mit der Eroberung des Gazastreifens und des Westjordanlands, gehen wir in eine koloniale Situation des Typs &#8222;Ausbeutung der eingeborenen Arbeitskraft&#8220; &#252;ber. Der israelische Kapitalismus tritt in eine intensive Phase der Integration ins internationale Kapital ein, unter anderem via die R&#252;stungsindustrie. W&#228;hrend ungef&#228;hr 20 Jahren erlebt das Proletariat des Gazastreifens und des Westjordanlands seinerseits eine massive Integration in die Lohnarbeit in die am wenigsten qualifizierten Sektoren: Bauwesen, Landwirtschaft usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Osloer Abkommen l&#228;uten eine neue Phase ein, jene eines kolonialen Verh&#228;ltnisses, das rund um die Figur des pal&#228;stinensischen &#220;bersch&#252;ssigen und der Fremdvergabe seiner Verwaltung strukturiert ist. Israel beh&#228;lt die Kontrolle &#252;ber das Territorium, setzt seine Offensive der Zerst&#246;rung der Bauernschaft fort und beauftragt eine aus dem Befreiungskampf entstandene nationale Struktur mit der Verwaltung der pal&#228;stinensischen Proletarier, die in geschlossene urbane Zonen eingepfercht worden sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Kontext kommt es zu einer Integration der Handelsbourgeoisien, die der Nakba entkommen waren &#8211; jene, welche in Hebron und Nablus verankert und Teil des von Jordanien zwischen 1948 und 1967 annektierten Territoriums waren &#8211;, in diese aus der PLO (Pal&#228;stinensische Befreiungsorganisation) entstandene F&#252;hrungsschicht. Integriert in den Sicherheitsapparat der PA (Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde), hat sie einen doppelten Ursprung: Es gibt die &#8222;&#228;usseren&#8220; Anf&#252;hrer, die 1994 und 1996 mit Arafat zur&#252;ckkehrten, und die &#8222;inneren&#8220;, hervorgegangen aus der Ersten Intifada und den israelischen Gef&#228;ngnissen. Es ist eine bunt gemischte, in konkurrierende Fraktionen gespaltene Klasse. Sie profitiert von einer internationalen Sicherheitsrente, doch sie kontrolliert auch ganze Sektoren der Wirtschaft der besetzten Gebiete, im Bauwesen, den Infrastrukturen, der Telekommunikation und nat&#252;rlich dem Import/Export mit Israel. All diese Sektoren sind mit dem israelischen Markt und israelischen Investitionen verbunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Markiert der Gazakrieg nicht den Eintritt in eine neue Phase?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Davon kann man ausgehen. Die Phase nach Oslo war gepr&#228;gt von der Inflation der Kontrolltechniken, die von Israel gegen dieses im Wesentlichen unproduktiv gewordene Proletariat aufgeboten wurde: Aufteilung des Territoriums in Mikroregionen, Einf&#252;hrung eines verr&#252;ckten Genehmigungssystems zur Bewilligung von Reisen, Arbeit und Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, generalisierte Fichierung, &#220;berwachung der sozialen Netzwerke, digitales System der Gesichtserkennung, aber auch massive Willk&#252;r (hinsichtlich der Verhaftungen, der &#214;ffnung oder Schliessung von Durchg&#228;ngen, dem Zugang zu Genehmigungen), um die Verhaltensweisen zu &#8222;testen&#8220;. Diese Technologien und dieses Know-how wurden massiv exportiert und sind somit wertproduzierend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es scheint mir, dass wir seit letztem Jahr in die milit&#228;rische Dimension dieser experimentellen Logik eingetreten sind. Die gegenw&#228;rtige Praxis der Zerst&#246;rung und der Massaker ist nicht nur grenzenlos: Sie ist akribisch, &#252;berlegt, kontrolliert und gleichzeitig hat man M&#252;he, zu erkennen, welcher &#8222;Sieg&#8220; angestrebt wird. Meine Hypothese ist, dass die Massaker im Gazastreifen eine experimentelle Sequenz darstellen, die f&#252;r den globalen Kapitalismus n&#252;tzlich ist &#8211; genau wie es auf andere Art und Weise mit der ein starkes Ausmass an &#8222;Biomacht&#8220; implizierenden Logik des &#8222;Stop and Go&#8220; der Weltwirtschaft w&#228;hrend der Covid-Pandemie der Fall war. Aber Achtung, es geht nicht darum, hier auf postmodern zu machen und zu behaupten, irgendeine Herrschaftslogik sei von den kapitalistischen Verh&#228;ltnissen autonom geworden. Die &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier aus dem Gazastreifen haben keine produktive Funktion mehr f&#252;r das israelische Kapital, doch der f&#252;hrende Sektor der Kontrolltechnologien mit hoher Wertsch&#246;pfung &#8222;braucht&#8220; sie als Versuchskaninchen, um daraufhin seine internationale Zirkulation zu garantieren. So testet man die Bombardierungen und das Profiling von Individuen mit k&#252;nstlicher Intelligenz und verwaltet das Verh&#228;ltnis zur Hungersnot mit einer Akribie, die zum Ziel hat, stets am Rande der Mangelern&#228;hrung zu bleiben (bis heute), man tut das Gleiche mit den Epidemien, usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Logik der endlosen milit&#228;rischen Aggression gegen die &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier im Gazastreifen wird eifrig von den westlichen M&#228;chten unterst&#252;tzt: Alle politischen Gestikulationen bez&#252;glich einer M&#228;ssigung sind blosses Theater (es reicht, die Frage der Waffenlieferungen mit der Ukraine zu vergleichen, um festzustellen, dass ihre Verb&#252;ndeten der israelischen Kriegsmaschinerie keine Grenze setzen).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Du sprichst von einer Bourgeoisie und einem Proletariat in Pal&#228;stina. K&#246;nntest du uns die Klassenzusammensetzung im Gazastreifen und im Westjordanland skizzieren und die Bedingungen erkl&#228;ren, unter welchen der Kampf zwischen den Klassen stattfindet? Determiniert der Status gegen&#252;ber Israel diese Klassenzugeh&#246;rigkeit?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die pal&#228;stinensische Bourgeoisie bildet nicht eine fest konstituierte nationale Klasse: Sie bleibt in der Tat abh&#228;ngig von ihrer Unterordnung unter das israelische Kapital und den israelischen Staat. Die pal&#228;stinensischen Kapitalisten (wenn man darunter &#8222;urspr&#252;nglich aus Pal&#228;stina kommend&#8220; versteht) bevorzugen spontan, falls sie frei investieren k&#246;nnen, ihre Kapitale ausserhalb des pal&#228;stinensischen Territoriums &#8211; und somit ausserhalb des nationalen Rahmens Israels &#8211; zu realisieren. Es ist unbestreitbar, dass die israelische Besatzung die Entwicklung einer territorialisierten pal&#228;stinensischen kapitalistischen Klasse erzwungen hat. Eine amerikanische Forscherin (Sara Roy) hat den Begriff &#8222;De-Entwicklung&#8220; zur Bezeichnung der Art und Weise, wie Israel die Schaffung einer &#8222;freien&#8220; Marktwirtschaft, d.h. als Teil des Weltmarktes und der besetzten Gebiete, verhindert hat, popul&#228;r gemacht. Die Besatzung hat die Entwicklung des Kapitalismus im Gazastreifen und im Westjordanland in Richtung einer exklusiven und untergeordneten Komplementarit&#228;t gelenkt, die Produktion in einer Logik des Subunternehmertums gepr&#228;gt und die israelischen Kapitalisten haben sich in den besetzten Gebieten einen Eigenbedarfsmarkt geschaffen. Die pal&#228;stinensische Handelsbourgeoisie hat alle Gr&#252;nde der Welt, sauer auf die Besatzung zu sein: Sie ist auf den Sektor der Zirkulation beschr&#228;nkt, es ist eine Kompradorenbourgeoisie, um einen von den Trotzkisten erfundenen Begriff zu &#252;bernehmen. Bedeutet das, dass ihre K&#228;mpfe jene der Proletarier der besetzten Gebiete sind? Man muss man daran zweifeln, ausser wenn man an die Trickle-Down-Theorie glaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was hingegen in den gesellschaftlichen Dynamiken der besetzten Territorien zentral ist, ist diese im Kontext der Osloer Abkommen gebildete &#8222;politische&#8220; Bourgeoisie, deren Schicksal mit der Verwaltung des pal&#228;stinensischen Proletariats verbunden ist. In ihrer Soziologie entstammt sie selbst in weiten Teilen diesem Proletariat. Sie hat sich auf Kosten der traditionellen herrschenden Klassen (das, was man die &#8222;grossen Familien&#8220; nennt) durchgesetzt, sie haben ihr die Treue geschworen und erstere ist in die Welt letzterer eingedrungen. Ihre mittleren Kader (der Hamas im Gazastreifen, aber vor allem der Fatah im Westjordanland) konstituieren &#8222;auf dem Terrain&#8220; eine flankierende Kraft dieses &#252;bersch&#252;ssigen Proletariats. Sie sind die Schnittmenge der Welt des Aktivismus und jener der Rente der internationalen Kapitalgeber. Sie werden gleichzeitig stark infrage gestellt (insoweit als sie alles tun, um &#8222;die T&#252;re hinter sich zuzumachen&#8220;) und beansprucht in Bezug auf den Zugang zu L&#246;hnen; und sie haben eine Form des gesellschaftlichen Aufstiegs und der Klassenrache durch den politischen Kampf verk&#246;rpert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von &#252;bersch&#252;ssigem Proletariat zu sprechen, bedeutet nicht, dass die Leute nicht arbeiten, sondern dass sie an die R&#228;nder der kapitalistischen Ausbeutung gedr&#228;ngt worden sind. Viele arbeiten auf zerst&#252;ckelte Art und Weise in kleinen Strukturen, h&#228;ufig im Verkauf, f&#252;r miserable L&#246;hne und ohne Vertrag (in der Gr&#246;ssenordnung von 10 Dollar pro Tag, w&#228;hrend die Warenpreise an jene des israelischen Marktes gekoppelt sind).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Andere im Westjordanland arbeiten weiterhin in Israel, im Bauwesen, dem Gastgewerbe oder der Landwirtschaft, unter sehr prek&#228;ren Bedingungen, entweder indem sie illegal die Grenze &#252;berqueren oder von Zwischenh&#228;ndlern abh&#228;ngig sind, um Zugang zu jederzeit widerrufbaren Genehmigungen zu haben (sie sind seit dem 7. Oktober ausgesetzt worden). Die meisten Arbeiter hatten einen Lohn von ungef&#228;hr 1400 Euro pro Monat, wovon exorbitante Kosten f&#252;r die &#8222;Grenz&#252;berquerung&#8220; und h&#228;ufig den Kauf von Arbeitsbewilligungen abgezogen werden m&#252;ssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Westjordanland existiert auch weiterhin eine b&#228;uerliche Wirtschaft, die h&#228;ufig &#8222;nebenberuflich&#8220; ist und unter dem Druck der Kolonialisierung steht. Die Dynamik der Proletarisierung der Bauernschaft geht seit den Anf&#228;ngen des Zionismus konstant weiter, sie ist eine direkte Folge des Prozesses der Aneignung und Rentabilisierung des Bodens.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und dann gibt es also diese Welt der politischen Rente, die aus dem von den internationalen Kapitalgebern zur Verteidigung gewisser, mit ihren Interessen verbundener Formen relativer Stabilit&#228;t ausgegossenen Geld stammt. Diese Rente sorgt f&#252;r den Lebensunterhalt von zwischen einem Viertel und einem Drittel der Bev&#246;lkerung, wobei 40% der Angestellten des &#246;ffentlichen Sektors f&#252;r die Sicherheitskr&#228;fte der PA arbeiten. Sie werden gem&#228;ss der offiziellen Tabelle f&#252;r &#8222;formelle&#8220; L&#246;hne bezahlt, ungef&#228;hr 450 &#8364; pro Monat, aber die durch die Kapitalgeber und Israel (durch das System der R&#252;ck&#252;bertragung der Abgaben) an die PA gezahlten Gelder laufen stets Gefahr, eingefroren zu werden, was zu Unterbrechungen der Lohnzahlungen f&#252;hrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ausserdem wird ein Teil dieser politischen Rente von den politischen Anf&#252;hrern zu ihren Gunsten abgezweigt, zur Versorgung ihrer Klientel oder zur Investition in den informellen Sektor. Ein bedeutender Teil des &#252;bersch&#252;ssigen Proletariats &#252;berlebt dank dieses abgezweigten Geldes. Es ist eine gesellschaftlich unruhige Bev&#246;lkerung, die in den 1970er-1980er Jahren massiv in die Lohnarbeit in Israel integriert worden und w&#228;hrend den beiden Intifadas stark mobilisiert war. Sie ist in den Fl&#252;chtlingslagern konzentriert, sie sind historisch der N&#228;hrboden der pal&#228;stinensischen &#8222;gef&#228;hrlichen Klassen&#8220; und bleiben das bis heute. Im Gazastreifen wie im Westjordanland, von Jabalia bis Jenin, stehen diese &#8222;Vorst&#228;dte in den Vorst&#228;dten&#8220; konstant unter dem Feuer der israelischen Armee.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Volatilit&#228;t der gesellschaftlichen Struktur in den besetzten Gebieten ist also betr&#228;chtlich. Die politische Bourgeoisie und besonders ihre Anf&#252;hrer laufen stets Gefahr, den R&#252;ckw&#228;rtsgang einlegen zu m&#252;ssen, d.h. von Israel vom Status des Kollaborateurs auf jenen des Widerstandsk&#228;mpfers zur&#252;ckgestuft und somit eingesperrt zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Und im Gazastreifen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;W&#228;hrend der Machtperiode der Hamas (seit 2007) sind die Zentralit&#228;t der politischen Rente und eine Bourgeoisie, die haupts&#228;chlich eine in den politischen Betrieb integrierte &#8222;Kompradorenbourgeoisie&#8220; ist, unver&#228;ndert geblieben, aber in einem Kontext der Blockade und somit noch geringeren Investitionen und einer immer st&#228;rkeren Volatilit&#228;t. Die Renten stammten aus der Kontrolle &#252;ber die Warenzirkulation und der aus Katar und Iran kommenden Pfr&#252;nden. Jene Unternehmer, welche w&#228;hrend den letzten Jahren Verm&#246;gen angeh&#228;uft haben (z.B. in der Tunnelwirtschaft), taten dies in Verbindung mit dem Sicherheitsapparat der Hamas.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kann man in der gegenw&#228;rtigen Situation im Gazastreifen von einer Klassenstruktur sprechen? Es gibt immer, sogar in dieser Art von Situation, in welcher jeder Tag der letzte sein k&#246;nnte, Gruppen von Individuen (verbunden mit der Hamas, den milit&#228;rischen Strukturen der Clans oder als Gangs organisiert), die es verm&#246;gen, Gesch&#228;fte zu machen. Doch das ergibt keine Klassenstruktur &#8211; oder aber es ist eine Klassenstruktur in der Art eines Konzentrationslagers, die nicht Teil einer mittel- oder langfristigen gesellschaftlichen Reproduktion ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Fortsetzung in der Nummer 346 im Januar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interview durchgef&#252;hrt von zyg im Oktober/November 2024.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#220;bersetzt aus dem Franz&#246;sischen von &lt;a href=&#034;https://kommunisierung.net&#034; class=&#034;spip_out&#034;&gt;Kommunisierung.net&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&#034;https://oclibertaire.lautre.net/spip.php?article4309&#034; class=&#034;spip_out&#034; rel=&#034;external&#034;&gt;Quelle&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h3 id=&#034;ZweiterTeil&#034;&gt;Zweiter Teil&lt;/h3&gt;
&lt;p&gt;Als Fortsetzung und Vertiefung der Debatte, zu der es mit Emilio Minassian am libert&#228;ren Treffen in Quercy diesen Sommer kam, und zur Verteidigung einer klassenspezifischen Lesart und Perspektive auf die Situation in Pal&#228;stina-Israel haben wir ihm einige Fragen gestellt. Im ersten Teil haben wir &#252;ber die Integration der Region Israel/Pal&#228;stina in den globalen Kapitalismus und die Klassenzusammensetzung in Pal&#228;stina gesprochen. In dieser Nummer m&#246;chten wir &#252;ber die Auswirkungen dieser Klassenzusammensetzung auf die proletarischen K&#228;mpfe und den nationalen Befreiungskampf sprechen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kann der nationale Befreiungskampf, so klassen&#252;bergreifend er auch sein mag, nicht die Schraube der Klassenherrschaft f&#252;r die pal&#228;stinensischen Proletarier etwas lockern? Denn es ist denkbar, dass die israelische Kolonialisierung die pal&#228;stinensische Bourgeoisie vor einer Ausweitung der Klassenwiderspr&#252;che sch&#252;tzt.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie steht es um den nationalen Befreiungskampf in Pal&#228;stina heutzutage? Existiert er &#252;berhaupt noch? Der nationale Befreiungskampf ist freilich eine Perspektive (ein des Kolonialherren entledigter Nationalstaat) und man kann der Ansicht sein, dass sie in Pal&#228;stina g&#252;ltig bleibt, solange der Kolonialismus fortbesteht. Aber wie steht es um den Mobilisierungsprozess? Historisch geschah er immer rund um die politischen Formationen, wobei er gleichzeitig Auswirkungen auf die Klassenstruktur hatte. In Pal&#228;stina wurde der nationale Befreiungskampf von den Parteien der PLO (Pal&#228;stinensische Befreiungsorganisation) verk&#246;rpert, sie waren die Akteure der sogenannten &#8222;pal&#228;stinensischen Revolution&#8220; nach dem Krieg von 1967: Rund um diese Parteien (Fatah, PFLP &#8211; Volksfront zur Befreiung Pal&#228;stinas &#8211; und all ihre Abspaltungen) verdichtete sich eine soziale Bewegung, welche die traditionellen, von der feudalen Welt geerbten Hierarchien umgest&#252;rzt hat. Die &#8222;pal&#228;stinensische Revolution&#8220; hat eine dem intellektuellen Kleinb&#252;rgertum im Exil entstammende F&#252;hrungsschicht hervorgebracht, die mithilfe der Zirkulation der politischen Renten das Proletariat der Fl&#252;chtlingslager in Jordanien, im Libanon und in Syrien (und manchmal nicht-pal&#228;stinensische Proletarier aus diesen L&#228;ndern) in Kampforganisationen integriert hat. Die traditionelle Bourgeoisie ist zwar nicht gest&#252;rzt, aber zumindest ins Wanken gebracht worden: Sie ist dazu gedr&#228;ngt worden, mit diesen Organisationen zu verhandeln, um vor jenen bewaffneten Proletariern besch&#252;tzt zu werden, welche ihre Farben trugen. Es ist der klassische Motor der nationalen Befreiungsbewegungen: Die Absorbierung einer proletarischen oder b&#228;uerlichen sozialen Bewegung, oder, in den meisten F&#228;llen &#8211; und das gilt f&#252;r Pal&#228;stina &#8211;, einer Bewegung, die Ausdruck der sich aus den kolonialen Verh&#228;ltnissen ergebenden Proletarisierung der b&#228;uerlichen Massen ist, durch einen politischen Rahmen, der die Verwandlung in einen Staatsapparat zum Ziel hat. Der Prozess hat sich danach, in den 1980er Jahren, auf den Gazastreifen und das Westjordanland ausgeweitet, jedoch ohne die milit&#228;rische Dimension: Die Erste Intifada beginnt als Revolte der vom israelischen Kapital ausgebeuteten Proletarier der besetzten Gebiete (weitgehend jene, welche in den Fl&#252;chtlingslagern leben); erst sp&#228;ter wird sie von der PLO &#8222;vereinnahmt&#8220;, um aus ihr eine nationale politische Bewegung zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was geschah danach? Im &#8222;klassischen&#8220; Modell kommt es, wenn die politische F&#252;hrung die Staatsmacht erobert, zur Trennung der Interessen zwischen der sozialen Bewegung und der politischen Formation, die Prolos werden von einem vermeintlich im Dienste der Massen stehenden Staat zur&#252;ck zur Arbeit geschickt. Was in Pal&#228;stina speziell ist, ist die Tatsache, dass diese Trennung geschehen ist, ohne dass die Unabh&#228;ngigkeit erlangt worden w&#228;re: Am Ende der Periode zwischen den Osloer Abkommen und der Zweiten Intifada (1993-2004) hat die nationale F&#252;hrungsschicht den Kampf f&#252;r die Unabh&#228;ngigkeit aufgegeben, um sich mit den von Israel gew&#228;hrten Renten und M&#228;rkten zufriedenzugeben. Seither tr&#228;gt die Unterdr&#252;ckung der Proletarier immer noch die Z&#252;ge der israelischen Besatzung und Kolonialisierung, aber es fehlt dabei eine von den aus dem nationalen Befreiungskampf entstandenen politischen Organisationen vorgelebte Kampfperspektive, denn die Anf&#252;hrer derselben sind mittlerweile als Subunternehmer in diese Konfiguration integriert. Es ist die ber&#252;hmte &#8222;doppelte Besatzung&#8220;, die in den Diskursen im Westjordanland allgegenw&#228;rtig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Hat die Hamas diese Aufgabe nicht &#252;bernommen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hinsichtlich gewisser Aspekte folgt die Hamas dem Weg der PLO. Die gesellschaftliche Zusammensetzung ihrer F&#252;hrungsschicht ist &#228;hnlich: aus den Universit&#228;ten stammende Mittelklassen ohne eigenes Kapital, die einen Spagat zwischen der proletarischen Basis und den Interessen der Handelsbourgeoisie machen. Doch die Hamas hat sich im Gegensatz zur PLO nicht auf eine soziale Bewegung gest&#252;tzt. Sie hat eine Art Gegengesellschaft aufgebaut, die fromm und hierarchisch ist und die soziale Ordnung respektiert. Die Proletarier sind in Form der Einreihung integriert worden, sie hat nie versucht, ihre autonome Aktivit&#228;t im Rahmen ihrer Verhandlungen mit der Bourgeoisie zu nutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diesbez&#252;glich muss man meiner Meinung nach zumindest methodisch den Begriff des Kampfes, der eine Form der Autonomie des Handelns und materielle Streitgegenst&#228;nde bedingt und gesellschaftliche Widerspr&#252;che ins Spiel bringt, von jenem des &#8222;Widerstands&#8220;, wie er von hierarchisierten milit&#228;rischen Organisationen wie den Al-Qassam-Brigaden im Gazastreifen benutzt wird, unterscheiden. Die Hamas kann legitimerweise von sich behaupten, Teil des Widerstands zu sein (wie die Hisbollah oder andere politisch-milit&#228;rische Gruppen der Region), aber ihr Modell des Widerstands ist zentralisiert, hierarchisch, milit&#228;risch, es trennt die Bev&#246;lkerung von &#8222;ihren&#8220; Truppen und letztere k&#246;nnen jederzeit eingesetzt werden, um K&#228;mpfe niederzuschlagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mitte der 2000er Jahre dr&#228;ngen interne Kr&#228;fte die Hamas dazu, sich durch die Teilnahme an Wahlen in die Rahmenbedingungen der Autonomieabkommen zu integrieren, d.h. sich im Gefolge der Fatah als Subunternehmerin Israels in der Verwaltung der Proletarier in den besetzten Gebieten zu positionieren. Genau dies tut sie letztendlich, indem sie 2007 im Gazastreifen die Macht ergreift. Da sie es milit&#228;risch und ohne mit dem Besatzer zu verhandeln getan hat, konnte sie den unbeugsamen Schein wahren, ungeachtet dessen ist sie objektiv zu einer lokalen Subunternehmerin in der Verwaltung der &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier geworden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;W&#228;hrend 16 Jahren hat die Hamas den Gazastreifen und die Beziehungen zu Israel (mithilfe von Verhandlungen und Raketen) verwaltet, die K&#228;mpfe niedergeschlagen und einer Unternehmerklasse erlaubt, sich unter ihren Fittichen zu bereichern. Bis zu jenem 7. Oktober 2023, als sie pl&#246;tzlich aus dieser Rolle der Subunternehmerin austritt, um, so denke ich, erneut den Schwerpunkt auf ihre Dimension der politisch-milit&#228;rischen Organisation des Typs Hisbollah zu legen. Indem sie das getan hat, hat sie die Klasse der Unternehmer im Gazastreifen geopfert, die sich unter ihren Fittichen entwickelt hatte. Man kann davon ausgehen, dass diese Umorientierung nicht ohne innere Reibereien geschehen konnte, dass sie gleichbedeutend ist mit dem Aufbruch eines alten internen Widerspruchs zwischen ihrem politisch-milit&#228;rischen Arm mit einer gewichtigen proletarischen Klientel und jener Fraktion, welche Teil der pal&#228;stinensischen Handelsbourgeoisie ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die britische Herrschaft, dann die zionistische Kolonialisierung, der enorme Fl&#252;chtlingsanteil, die t&#228;gliche Aus&#252;bung kolonialer Gewalt usw. haben dazu beigetragen, materiell eine gemeinsame Identifikation der Pal&#228;stinenser und ihres Widerstands zu konstruieren, die sich in der Form des Begriffs &#8222;Volk&#8220; ausdr&#252;ckt. Ist diese Konstruktion nur der Widerschein des Diskurses der pal&#228;stinensischen Eliten?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Identifikation existiert offensichtlich, doch man muss sich fragen, was sich dahinter abspielt. Ich versuche nicht um jeden Preis, zu sagen, dass &#8222;die V&#246;lker nicht existieren&#8220;, dass &#8222;sie bloss eine Mystifikation der herrschenden Klasse sind, die zum Ziel hat, ihre Klassenherrschaft zu kaschieren&#8220;; und noch weniger, dass, &#8222;wenn die Maske fallen w&#252;rde, sich die Proletarier ihrer Klasseninteressen bewusst w&#252;rden&#8220;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Idee eines pal&#228;stinensischen Volkes ist nicht auf die pal&#228;stinensischen Eliten beschr&#228;nkt, sie wird manchmal sogar gegen letztere benutzt. Die Frage ist: Welche K&#228;mpfe spielen sich innerhalb der Kategorie &#8222;Volk&#8220; offen oder diskret zwischen den verschiedenen sie benutzenden Klassensegmenten ab? Nur weil man sich mit einem Volk identifiziert, bedeutet das nicht, dass man nicht ausgehend von seiner gesellschaftlichen Stellung k&#228;mpft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit kommen wir auf das zur&#252;ck, was ich &#252;ber den nationalen Befreiungskampf und den Interklassismus gesagt habe. In den 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre brauchte die PLO die proletarischen K&#228;mpfe, um &#252;ber ihren Anteil am Kuchen gegen&#252;ber Israel zu verhandeln, w&#228;hrend die Proletarier ihre &#8222;nationale&#8220; F&#252;hrung als eine Art der Legitimation ihrer K&#228;mpfe gegen die Eliten benutzten. In den besetzten Gebieten stellte die Erste Intifada den H&#246;hepunkt dieser doppelten Logik der Absorption der gesellschaftlichen K&#228;mpfe durch die politischen F&#252;hrungen und Benutzung des nationalen Kampfes durch die gesellschaftliche Bewegung dar. Aber die proletarischen K&#228;mpfe und jene der nationalen F&#252;hrungen, die bis anhin den Weg (auf konfliktreiche Art und Weise) gemeinsam gingen, taten dies ab den Jahren zwischen 2002 und 2005 nicht mehr. Im Kontext des Scheiterns der Zweiten Intifada (die in den ersten Monaten der gleichen klassen&#252;bergreifenden Logik folgte und aufst&#228;ndische oder bewaffnete Proletarier mit den politischen Anf&#252;hrern verband) sind die nationalen F&#252;hrungen (im Westjordanland und sogar im Gazastreifen) in eine Logik der Niederschlagung der K&#228;mpfe eingetreten, auch jener, welche die Sprache der nationalen Befreiung mobilisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn das der Intuition scheinbar widersprechen mag, die proletarischen K&#228;mpfe in den besetzten Gebieten sind seit dem Scheitern der Zweiten Intifada in erster Linie gegen die nationale pal&#228;stinensische F&#252;hrung gerichtet. Weil sie es mit ihr zu tun haben, sie eine Pufferrolle spielen, hat sich Israel aus der Verantwortung f&#252;r die Reproduktion der Bev&#246;lkerungen zur&#252;ckgezogen, sie hat sie der pal&#228;stinensischen F&#252;hrung &#252;bergeben. Israel interveniert in Agglomerationen des Westjordanlands gem&#228;ss einer Logik des &#8222;&#220;berfalls&#8220; &#8211; und im Gazastreifen des Massakers.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Was ist mit den K&#228;mpfen seit 20 Jahren ausserhalb dieser Parteien oder gegen sie?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um von jenen Dingen zu sprechen, welche ich am besten kenne (ich betrat den Gazastreifen nur ein einziges Mal 2002), es gab 2015-2016 im Norden des Westjordanlands einen schwelenden Aufstand der Proletarier der Fl&#252;chtlingslager gegen die Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde (PA). Man sprach damals von einer &#8222;internen&#8220; Intifada, deren Epizentrum das Balata-Lager in einer Vorstadt von Nablus war. Diese soziale Bewegung hat die pal&#228;stinensische Polizei zur&#252;ckgedr&#228;ngt, sie hat Raum f&#252;r die Jungen gelassen, um erneut bewaffnete Gruppen auf ihren Grundlagen, ausserhalb der Hierarchien der Parteien zu formieren und sich gesellschaftlich gegen die mit der PA verbundenen Standespersonen in Nablus und Jenin durchzusetzen. Die Konfrontationen im Fr&#252;hling 2021 (Krawalle in Jerusalem und in den pal&#228;stinensischen St&#228;dten innerhalb der israelischen Territorien &#8222;von 1948&#8220;, politisch-milit&#228;rische Offensive der Hamas, Wahl-Annullierung durch die PA) haben die Sache noch schlimmer gemacht: Die PA ist geschw&#228;cht daraus hervorgegangen, was sie in ihren Bestrebungen hin zu einem autorit&#228;ren Regime etwas beruhigt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was ich am Krawallzyklus von 2015-2016 interessant fand, war die Tatsache, dass der Diskurs vieler Leute darauf hinauslief (was nur scheinbar ein Widerspruch ist), dass die pal&#228;stinensische Verwaltung zugleich eine physische Konfrontation mit der Besatzung und den Zugang zur israelischen Wirtschaft als Arbeiter verhindere. Es gab eine Nostalgie f&#252;r eine Epoche, w&#228;hrend welcher &#8222;man am Tag f&#252;r die Israelis arbeitete und in der Nacht Molotowcocktails auf sie warf&#8220;&#8230;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im selben Jahr kam es zu einem grossen Streik bei den von der PA angestellten Lehrkr&#228;ften, sie hatte es geschafft, ihn durch den Einsatz von Einsch&#252;chterung, Repression und Erpressung gem&#228;ss dem Modell der &#8222;arabischen Regime&#8220; der Region zu neutralisieren, doch er stellte eine Sequenz des sozialen Protests dar, welche die Grundlagen ihrer politischen Kontrolle ersch&#252;ttert hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wieso schweigt unser politisches Lager zu diesen K&#228;mpfen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die PA und die pal&#228;stinensische Bourgeoisie sind im Diskurs im Westjordanland als Quelle der Unterdr&#252;ckung allgegenw&#228;rtig. Aber man muss nat&#252;rlich die Situationen der Wechselwirkung ber&#252;cksichtigen: Wir, die angeheiterten weissen Aktivisten in den besetzten Gebieten, werden angeeignet, um eine Funktion zu erf&#252;llen: jene, zu bezeugen, um der israelischen Propagandamaschine entgegenzuwirken. Diese Aneignung ist im Wesentlichen das Werk der Mittelklassen, die auf die eine oder andere Art und Weise Zugang zu (materiellen oder symbolischen) aus dem Westen kommenden Kapitalen haben, und es ist eine Tatsache, dass niemand Solidarit&#228;t im Klassenkampf gegen die pal&#228;stinensischen Ausbeuter erwartet. Jene Leute, welche Teil dieser (vom nationalen Standpunkt aus) &#8222;internen&#8220; Ausbeutungsverh&#228;ltnisse sind, werden mit dir dar&#252;ber sprechen, die ganze Zeit sogar, doch ihr Reden dar&#252;ber wird nicht die Dimension einer politischen Botschaft annehmen &#8211; ausser w&#228;hrend extrem angespannten Momenten, wie es im Norden des Westjordanlands 2015-2016 der Fall war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was die pal&#228;stinensischen Proletarier als Proletarier erleben, erreicht unsere Ohren kaum, was alles andere als &#252;berraschend ist: Diese Erfahrung ist nicht Teil der &#8222;nationalen Sache&#8220;, welche die politischen F&#252;hrungskr&#228;fte ihren Kontakten im Ausland vermitteln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Welche gemeinsamen Perspektiven k&#246;nnen die Proletarier dieses Gebiets haben?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Israel repr&#228;sentiert das Bild einer albtraumhaften Zukunft: jenes eines Staates, der dem zentralen Block der kapitalistischen L&#228;nder angeh&#246;rt und auf seinem Territorium die globale Zoneneinteilung, wie man sie in der weltweiten Arbeitsteilung beobachten kann, reproduziert hat. Diese gesellschaftliche Zoneneinteilung spielt sich quasi in einem Ballungsraum ab: Die Distanz zwischen dem Gazastreifen und Tel Aviv ist kaum gr&#246;sser als jene zwischen Paris und Mantes-la-Jolie. Und sie funktioniert auf der Grundlage der Ethnizit&#228;t (das ist eine Konstante in der Geschichte Israels wie in jener vieler anderer Staaten, auch ausserhalb des Kontexts des nationalen Kampfes: vor der Besatzung des Westjordanlands und des Gazastreifens waren es die &#8222;importierten&#8220; j&#252;dischen Proletarier aus den arabischen L&#228;ndern, die den Preis daf&#252;r zahlten).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch im Verlauf der letzten 20 Jahre hat sich der Staat nicht nur als Garant der sozialen Reproduktion des von ihm beherrschten j&#252;dischen Proletariats durchgesetzt, sondern auch seiner &#8222;physischen&#8220; Existenz selbst, seines &#220;berlebens. Man kann heutzutage eine Einreihung dieses &#8222;nationalen&#8220; Proletariats hinter seinen Ausbeutern von einem nie dagewesenen Ausmass in der Geschichte gegen&#252;ber den in einem konstant bombardierten Konzentrationslager eingepferchten &#220;bersch&#252;ssigen des Gazastreifens beobachten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man sollte also nicht vergessen, dass die K&#228;mpfe Teil dieses albtraumhaften Universums sind. Es ist schwer vorstellbar, dass sie Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse hervorbringen k&#246;nnten, die f&#228;hig w&#228;ren, &#8222;die Segmentierungen zu zerst&#246;ren&#8220;. Bis vor einem Jahr war selbst die einfache Tatsache, dass diese K&#228;mpfe in den besetzten Gebieten weiterhin existierten und die Reproduktion der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse unter Zwang setzten (noch einmal, ich spreche hier von den K&#228;mpfen, nicht vom hierarchisierten Widerstand) etwas, das mich pers&#246;nlich aufr&#252;ttelte und n&#228;hrte. Heutzutage erdr&#252;ckt das Gewicht der Logik des Massakers alles: Die autonome Handlungsf&#228;higkeit des pal&#228;stinensischen Proletariats ist vom Bombenhagel bedroht und solange das j&#252;dische Proletariat ein Gefangener des israelischen Staates ist (was sich so schnell nicht &#228;ndern wird), gibt es durch das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis nichts zu verhandeln. Wir sind tats&#228;chlich in eine andere Phase eingetreten, sie gibt kaum Anlass f&#252;r Hoffnung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ist die Negierung der materiellen Grundlage des pal&#228;stinensischen &#8222;Volkes&#8220; nicht gleichbedeutend mit einer &#8222;passiven Unterst&#252;tzung&#8220; f&#252;r jenen Staat, welcher es kolonialisiert und niederschl&#228;gt?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich denke, dass es m&#246;glich ist, einen analytischen Rahmen zu entwickeln, innerhalb welchem man sich solidarisch mit den K&#228;mpfen in Pal&#228;stina f&#252;hlt, ohne sich Illusionen hinsichtlich der durch die soziopolitischen, &#8222;nationalen&#8220; Apparate getragenen Perspektiven hinzugeben. Das ist es, was Socialisme ou Barbarie zumindest teilweise w&#228;hrend des Algerienkrieges gelang: die Entwicklung einer internationalistischen Linie, die gegen&#252;ber der FLN eine kritische Position aufrechterhalten konnte, basierend auf einer Klassengrundlage.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Pal&#228;stina genau wie sonst &#252;berall auf der Welt sind wir in einer Periode, w&#228;hrend welcher man nirgends eine &#8222;klassenspezifische&#8220; Verk&#246;rperung des Proletariats finden wird. Einige h&#228;ngen immer noch einer Identifikation mit linken Parteien wie der PFLP oder der DFLP (Demokratische Front zur Befreiung Pal&#228;stinas) oder mit einer hypothetischen, von den Parteien entfernten Zivilgesellschaft an. Ich kann die Vorgehensweise verstehen und ich ging w&#228;hrend meiner Reisen aufgrund &#8222;kultureller&#8220; Affinit&#228;t selbst so vor, doch diese Parteien und diese Zivilgesellschaft sind von Klassenwiderspr&#252;chen durchdrungen, welche die F&#252;hrungsschichten als gegen&#252;ber der nationalen Herrschaft sekund&#228;r darstellen wollen. Nur ist man (im Allgemeinen) solidarisch mit den Diskursen dieser F&#252;hrungsschichten, ohne dass man sich dessen bewusst w&#228;re.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich halte an der Idee fest, dass die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse Vorrang haben vor politischen Ideologien und dass man, sowohl emotional als auch intellektuell, immer versuchen muss, gesellschaftlich gesprochen &#8222;von unten auszugehen&#8220;, jenseits der politischen Identifikationen, um jene K&#228;mpfe zu verstehen, welche &#8222;der&#8220; nationale Kampf behauptet, zu umfassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Identifikation mit Pal&#228;stina, der Idee Pal&#228;stinas, kann man je nach Klassen, Verh&#228;ltnis zur Politik, aktivistischem, kulturellem Kapital usw. unterschiedliche Logiken erkennen. Das gilt dort, aber auch hier bei uns, in den Ausdr&#252;cken der Solidarit&#228;t. Diese verschiedenen Logiken existieren nicht miteinander, sie skizzieren keine Konvergenz oder Einheit: Sie sind widerspr&#252;chlich, sie bek&#228;mpfen sich gegenseitig, auf mehr oder weniger bewusste oder stille Art und Weise.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zur Frage &#8222;Was tun?&#8220; habe ich nicht viel zu sagen. Es scheint mir auf jeden Fall, dass man, eher als die verschiedenen in der Bewegung der Solidarit&#228;t verteidigten politischen Positionen (was man &#252;ber die Hamas, die Zweistaatenl&#246;sung oder sonst etwas denkt), ihre gesellschaftliche Zusammensetzung und die daraus hervorgehenden Kampfpraktiken hinterfragen sollte, um sich daraufhin innerhalb der Bewegung zu positionieren &#8211; in der Hoffnung, &#8222;den Krieg nach Hause zu holen&#8220; und die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung dort anzugreifen, wo man ist, und so die Massaker im Gazastreifen zu beenden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Frankreich ist die Aneignung und die Umrahmung der Solidarit&#228;tsdemos durch die Politiker der France insoumise und Konsorten, welche die &#8222;pal&#228;stinensische Sache&#8220; im Rahmen ihrer Interessen instrumentalisieren, oder sogar durch Vereine, die sich als Gespr&#228;chspartner f&#252;r die Macht positionieren, meiner Meinung nach als Niederlage der proletarischen, apolitischen Komponente der Bewegung zu verstehen, diese kam zum Beispiel w&#228;hrend dem Krieg 2014 st&#228;rker zum Ausdruck.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interview durchgef&#252;hrt von zyg im Oktober/November 2024.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#220;bersetzt aus dem Franz&#246;sischen von &lt;a href=&#034;https://kommunisierung.net&#034; class=&#034;spip_out&#034;&gt;Kommunisierung.net&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&#034;https://oclibertaire.lautre.net/spip.php?article4337&#034; class=&#034;spip_out&#034; rel=&#034;external&#034;&gt;Quelle&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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		<title>Emilio Minassian - Gaza: &#8222;Eine extreme Militarisierung des Klassenkrieges in Israel-Pal&#228;stina&#8220;</title>
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&lt;p&gt;&#8222;Auf dieser Eskalationsstufe ist das Ziel des Krieges, die &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier im Gazastreifen im Bombenhagel zu ertr&#228;nken, ohne einen anderen Zweck, als sie zu &#8218;beruhigen&#8216;, die Hierarchie, welche die menschlichen Gruppen in dieser Region der Welt trennt, in Erinnerung zu rufen. Ein Hund beisst, man schlachtet das Rudel.&#8220; &lt;br class='autobr' /&gt;
Interview mit Emilio Minassian, 30. Oktober 2023. &lt;br class='autobr' /&gt;
1. &lt;br class='autobr' /&gt;
Du interessierst dich schon lange f&#252;r das, was in Pal&#228;stina geschieht, ohne jedoch ein (...)&lt;/p&gt;


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		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&#8222;Auf dieser Eskalationsstufe ist das Ziel des Krieges, die &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier im Gazastreifen im Bombenhagel zu ertr&#228;nken, ohne einen anderen Zweck, als sie zu &#8218;beruhigen&#8216;, die Hierarchie, welche die menschlichen Gruppen in dieser Region der Welt trennt, in Erinnerung zu rufen. Ein Hund beisst, man schlachtet das Rudel.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interview mit Emilio Minassian, 30. Oktober 2023.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du interessierst dich schon lange f&#252;r das, was in Pal&#228;stina geschieht, ohne jedoch ein propal&#228;stinensischer Aktivist zu sein. Was hat eine an der Revolution orientierte Kritik zu dem, worum es dort geht, zu sagen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erstens w&#252;rde ich sagen, dass man sich bewusst sein sollte, dass es nicht zwei Lager gibt, ein pal&#228;stinensisches und ein israelisches. Diese Leute leben in ein und demselben Staat und sind Teil einer gleichen Volkswirtschaft. Innerhalb dieses gleichen, sagen wir israelisch-pal&#228;stinensischen Ganzen &#8211; das jedoch vollst&#228;ndig von Israel abh&#228;ngig ist &#8211; stehen die gesellschaftlichen Klassen nicht nur in Zusammenhang mit Unterschieden des rechtlichen Status auf der Grundlage ethnisch-religi&#246;ser Kriterien, sondern sie sind &#8222;in Zonen eingeteilt&#8220;. Der Gazastreifen hat sich zunehmend in ein &#8222;Reservat-Gef&#228;ngnis&#8220; verwandelt, wo zwei Millionen Proletarier eingepfercht und an den Rand des israelischen Kapitals gedr&#228;ngt worden sind. Doch letzteres bleibt in letzter Instanz ihr Meister. Die Bewohner des Gazastreifens benutzen die israelische W&#228;hrung, konsumieren israelische Waren und haben Identit&#228;tskarten, die von Israel ausgestellt worden sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der gegenw&#228;rtige &#8222;Krieg&#8220; entspricht in Tat und Wahrheit einer extremen Militarisierung des Klassenkrieges.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein &#8222;Land f&#252;r zwei V&#246;lker&#8220;, diese Sichtweise auf die Situation in Israel-Pal&#228;stina ist abwegig. Nirgends auf der Welt geh&#246;rt das Land den V&#246;lkern. Es geh&#246;rt den Eigent&#252;mern. All das mag sehr theoretisch erscheinen, aber die blosse Existenz der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse verweist diese Idee der &#8222;Lager&#8220; an jene, welchen sie zugeh&#246;rt: die Anf&#252;hrer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Fl&#252;chtlingslager im Westjordanland, die man als das schlagende Herz &#8222;Pal&#228;stinas&#8220; betrachten k&#246;nnte, sind weiterhin die Vorst&#228;dte Tel Avivs. W&#228;hrend ganzen Abenden h&#246;rte ich Tagesarbeitern eines der Lager zu, wie sie davon erz&#228;hlten, wie sich die Ethnisierung der Arbeitskraft auf den Baustellen der israelischen Hauptstadt ausbreitete: die j&#252;disch-aschkenasischen Bautr&#228;ger, die pal&#228;stinensischen Anbieter von 1948 f&#252;r den Durchgang der Arbeitskraft der besetzten Gebiete, die ebenfalls arabischsprachigen j&#252;disch-sephardischen Vorarbeiter usw. Und dann all die anderen importierten Proletarier: die Thail&#228;nder, die Chinesen und die Afrikaner, deren Situation, ohne Papiere, in Wirklichkeit am schlimmsten ist. All das kann sich nicht durchmischen, denn jede Gruppe hat einen unterschiedlichen Status und eine unterschiedliche Stellung in den Produktionsverh&#228;ltnissen. Doch diese Welten sind nicht por&#246;s, sie sind ineinander verschachtelt, sie schauen sich an, kennen sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dutzende Thail&#228;nder, die rund um den Gazastreifen in der Landwirtschaft ausgebeutet werden, sind von der Hamas get&#246;tet und entf&#252;hrt worden. Anderen wird nun von den israelischen Chefs ihre L&#246;hne zur&#252;ckbehalten, um sie zu zwingen, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten. Jede einigermassen konsequente Sozialkritik muss, wenn es um die Geschehnisse in Israel-Pal&#228;stina geht, auch den Standpunkt der thail&#228;ndischen Arbeiter ber&#252;cksichtigen. Dieses Land ist nicht minder daf&#252;r bestimmt, den thail&#228;ndischen Arbeiter zu geh&#246;ren als den pal&#228;stinensischen Proletariern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;L&#228;uft es nicht ein bisschen darauf hinaus, eine Schwierigkeit zu umgehen, wenn man versucht, die &#8222;nationale Frage&#8220; in Israel-Pal&#228;stina aussen vor zu lassen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Israel hat es geschafft, eine einmalige Situation in der Welt hervorzubringen: die Integration eines seinerseits ethnisierten (&#8222;j&#252;dischen&#8220;) Proletariats in den Staat gegen den Rest des Proletariats, ebenfalls ethnisiert (&#8222;arabisch&#8220;). Der israelische Staat hat die Akkumulation des &#8222;nationalen&#8220; Kapitals in einer Rekordzeit und den Import des &#8222;nationalen&#8220; Proletariats organisiert, er hat sich zum W&#228;chter &#252;ber die Existenz und die Reproduktion desselben erhoben, da es in seiner Existenz selbst durch eine andere proletarische (&#8222;pal&#228;stinensische&#8220;) Randgruppe bedroht sei. Doch wenn man die Brille des Trugbildes des &#8222;Staates als Garant der Existenz der Leute&#8220; absetzt, zeigt sich, dass das j&#252;dische Proletariat Israels eine Art Kriegsbeute in den H&#228;nden desselben darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das gilt nicht aufseiten des pal&#228;stinensischen Proletariats, innerhalb welchem die Kampfdynamiken eine gewisse Autonomie bewahrt haben und auf komplexe Art und Weise mit den instrumentalen Logiken seiner nationalistischen politischen Umrahmung koexistieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es mag der Intuition widersprechen, aber ich denke, dass man die Hamas als Subunternehmer f&#252;r die Verwaltung des Proletariats im Gazastreifen betrachten muss. Wie ich es gesagt habe, letzteres ist, in letzter Instanz, vom israelischen Nationalkapital &#8222;abh&#228;ngig&#8220;. Solange dieses nicht die Entscheidung getroffen hat, die Entwicklung einer &#8222;pal&#228;stinensischen&#8220; kapitalistischen Entit&#228;t an seiner Seite zu erlauben, ist das Proletariat des Gazastreifens, sogar eingepfercht, Teil seiner Kreisl&#228;ufe. Doch diese Situation kann nicht ohne die Herausbildung einer externalisierten gesellschaftlichen Formation auskommen, die mit der Regulierung der Eingesperrten beauftragt ist &#8211; es gibt kein Gef&#228;ngnis ohne W&#228;rter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was geschieht, ist kein interimperialistischer Krieg. Es handelt sich im Wesentlichen um eine &#8222;innere Angelegenheit&#8220;, innerhalb welcher die &#8222;nationalen&#8220; Lager eine Ablenkung darstellen. In den gegenw&#228;rtigen Ereignissen gibt es keinen proletarischen Kampf. Die gemeinsam durch die Hamas und die israelische F&#252;hrungsschicht hervorgebrachte Militarisierung der Antagonismen bringt einen &#8222;Widerstand&#8220; hervor, der nicht die geringste Logik des autonomen proletarischen Kampfes enth&#228;lt, nicht einmal ansatzweise.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist nicht ein Krieg, sondern eine Verwaltung des &#252;bersch&#252;ssigen Proletariats mit den milit&#228;rischen Mitteln des totalen Krieges seitens eines demokratischen und zivilisierten Staates, der zum zentralen Block der Akkumulation geh&#246;rt. Diese Tausenden von Toten dort scheinen meines Erachtens eine besondere Bedeutung zu haben. Sie skizzieren ein erschreckendes Bild der Zukunft &#8211; der kommenden Krisen des Kapitalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber eine Verwaltung des &#252;bersch&#252;ssigen Proletariats durch Bombenteppiche macht das, was gegenw&#228;rtig geschieht, durch die Art und Weise, wie sie durch die Gesamtheit der zentralen Staaten der kapitalistischen Landkarte als legitim betrachtet wird, zum Teil einer globalen Offensive. In Frankreich ist dieser globale Charakter besonders auff&#228;llig: Wir sind in eine Phase eingetreten, wo sogar politische Formulierungen hinter humanistischen Losungen niedergehalten werden &#8211; sobald sie auf eine Strassenaktivit&#228;t der gef&#228;hrlichen Klassen treffen k&#246;nnten. Es gibt keinen &#8222;Import&#8220; des Konflikts. Es ist eine globale Offensive. In diesem Sinne findet der Kampf f&#252;r uns in Frankreich sehr wohl hier statt, gegen Frankreich. Wir m&#252;ssen stets unsere eigene Nation verraten, sobald es m&#246;glich ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;2.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was hat die Hamas in einer solchen Situation zu gewinnen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor dem 7. Oktober war meine Auffassung der Situation die folgende. Einerseits eine Offensive der kolonialen &#228;usseren Rechten, zugleich um das Westjordanland zu annektieren und die Hebel der Macht des israelischen Staates an sich zu reissen. Andererseits zwei pal&#228;stinensische Staatsapparate, die nur von Renten leben und deren einziges Interesse ihre eigene Reproduktion als solche ist. Ich dachte, dass sich diese M&#228;chte in einem Verteidigungskampf bef&#228;nden und sich allen voran auf eine Konfrontation mit einem Kontrollverlust &#252;ber die von ihnen verwalteten Bev&#246;lkerungen vorbereiten w&#252;rden, sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;All meine Gespr&#228;chspartner im Westjordanland, seien sie linke Akademiker oder bewaffnete Subproletarier, sagten mir vor einigen Monaten: &#8222;Die Hamas unterst&#252;tzt den Widerstand vor Ort nicht. Sie denkt nur an ihre eigenen Interessen.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und tats&#228;chlich verhielt sich die Hamas nicht wie eine Kampforganisation, sondern wie eine milit&#228;rische Struktur, wie ein Staat. Doch was ihre Operation besonders macht, ist die Tatsache, dass sie notwendigerweise die Perspektive einer israelischen Antwort enthielt, gegen&#252;ber welcher sie in einer Situation gewaltiger Unterlegenheit sein w&#252;rde. Die Hamas verh&#228;lt sich wie ein Staat, aber ohne die Mittel eines Staates, und sie opfert einen Teil der Interessen eines Teils ihres Apparats und ihrer gesellschaftlichen Basis im Gazastreifen in der Hoffnung, in der Zukunft mehr daf&#252;r zu erhalten. Viele Anf&#252;hrer werden ausserdem in dieser Geschichte ihr Leben verlieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Operation am 7. Oktober stellt seitens einer herrschenden Klasse ein erstaunliches Verhalten dar, das sich jedoch meines Erachtens in erster Linie durch die Widerspr&#252;che innerhalb der Hamas selbst erkl&#228;ren l&#228;sst. Es ist eine Hypothese, aber es ist nicht undenkbar, dass die Operation am 7. Oktober durch den bewaffneten Fl&#252;gel der Hamas ohne grosse Absprache mit der politischen F&#252;hrung konzipiert worden ist. (Man kann sich auch vorstellen, dass die Gr&#246;sse der &#214;ffnung in der Mauer die Planer des Angriffs selbst &#252;berrascht hat, die vielleicht urspr&#252;nglich versuchten, eine Art Selbstmordangriff auszuf&#252;hren, ohne mit einem derartigen milit&#228;rischen Zusammenbruch Israels zu rechnen, der den Weg f&#252;r umfangreiche Massaker geebnet hat.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Operation der Hamas ist &#252;berhaupt nicht aus einem fanatischen millenaristischen Wahn entstanden. Es ist eine riskante Wette, die jedoch Fr&#252;chte tragen kann. Die f&#252;r Israel verf&#252;gbaren Optionen sind begrenzt. Es gibt den Verhandlungsweg, jenen des regionalen Krieges und nicht viel dazwischen. Doch es bleibt eine Herausforderung, denn es ist nicht sicher, dass sich der israelische Staat und das israelische Kapital f&#252;r eine Stabilisierung entscheiden werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf jeden Fall ist die Etappe &#8222;Massaker&#8220; durch Bombenteppich unvermeidbar, aber das ist eine andere Frage, f&#252;r die Anf&#252;hrer ist es selbstverst&#228;ndlich die geringste ihrer Sorgen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Du sagst, dass sich die Hamas wie ein Staat verh&#228;lt, aber ohne die Mittel dazu zu haben. Du sagst auch, dass sie gewisse ihrer Interessen opfert, um danach mehr zu haben. Kannst du das pr&#228;zisieren?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schlicht und einfach die Anerkennung im Rahmen der Verhandlungen. Wohl kaum f&#252;r ein Friedensabkommen, soweit sind wir nicht und in Wirklichkeit denke ich, dass weder die Hamas noch Israel an einem umfassenden solchen Abkommen interessiert sind. Doch die Vernichtung der Hamas ist vom israelischen Standpunkt aus nicht ernsthaft vorstellbar. Indem sie ihre milit&#228;rische Kapazit&#228;t zeigt, versucht die Hamas, sich als unumg&#228;nglich im regionalen Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zu zeigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Scheitern der Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA die letzten Jahre zeigt, dass wir uns nicht in einer Zeit der &#8222;L&#246;sungen&#8220; befinden. F&#252;r die Hamas geht es darum, das sagen alle, die amerikanische L&#246;sung eines israelisch-saudischen Abkommens zu blockieren. Was sie dabei gewinnen kann, ist erst einmal, dass sie sich als Gespr&#228;chspartner f&#252;r die arabischen L&#228;nder in der Region aufdr&#228;ngt und die PLO [Pal&#228;stinensische Befreiungsorganisation, wovon die Fatah Teil ist, aber auch die Volksfront zur Befreiung Pal&#228;stinas (PFLP)] im Westjordanland und im Libanon weiter marginalisiert. Somit gewinnt sie kleine Marktanteile der pal&#228;stinensischen Repr&#228;sentation zulasten ihres Konkurrenten, der PLO.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Sind die auf dem Spiel stehenden Interessen tats&#228;chlich so eng begrenzt?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich weiss nicht wirklich, wie ich auf diese Frage antworten soll. Selbstverst&#228;ndlich muss diese Milit&#228;roperation und der dadurch ausgel&#246;ste Krieg auch vor dem Hintergrund eines globalen Kontexts betrachtet werden, wo die kapitalistischen Regulationskan&#228;le dabei sind, vor die Hunde zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Krieg ist meiner Ansicht nach immer ein Versuch, die kapitalistische Verwertungskrise als Operation der Desakkumulation zu l&#246;sen. Doch er ist auch Ausdruck der Umw&#228;lzung des Gleichgewichts des Verh&#228;ltnisses zwischen Staat und Kapital. Er ist ein Krisenmoment, wo die Kontrolle des Kapitals, des globalen Kapitals, &#252;ber den Staat sich lockert zugunsten einer Aneignung gewisser besonderer kapitalistischer Sektoren durch den Staat, oder sogar durch Familienclans oder einzelne Politiker. Der Krieg zwischen Kapitalisten ist nicht nur ein Krieg zwischen Imperialismen. Er l&#228;sst diverse Akteure aneinandergeraten, die, da es keine Garantien mehr gibt, manchmal riskante Wetten eingehen, eine Karte spielen, um zu versuchen, von der Umw&#228;lzung der vorhandenen Kr&#228;fte zu profitieren. Wir k&#246;nnen eine solche Verkettung seit dem Krieg in der Ukraine beobachten. Die eingefrorenen Fronten erwachen: Wir hatten Bergkarabach, jetzt ist es Gaza.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Generalst&#228;be schreiten voran, versuchen Pl&#228;ne, testen die Widerst&#228;nde, springen ins kalte Wasser. Das ist es, was sie spontan tun m&#246;chten, die ganze Zeit. Was uns seit zwei Jahren &#252;berrascht, ist die Tatsache, dass die sie zuvor zur&#252;ckhaltenden Schutzmechanismen nicht mehr zu greifen scheinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Was ist das Wesen der Herrschaft der Hamas &#252;ber die Leute in Gaza? Wie sichert sie ihre Macht, was haben ihre Anf&#252;hrer davon, welche (offenen oder nicht offenen) Verbindungen unterh&#228;lt sie zu Israel?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Hamas ist aus der Bewegung der Muslimbr&#252;der entstanden. Wie ein bisschen &#252;berall in der arabischen Welt entwickelt sie sich vor Ort und in der Diaspora innerhalb des pal&#228;stinensischen Kleinb&#252;rgertums. Seit ihrem Einstieg in den Kampf gegen Israel, beg&#252;nstigt von der Ersten Intifada, hat sich ihre soziale Basis auf proletarischere Segmente erweitert, bevor die Kontrolle &#252;ber das Territorium Gazas und ihre Militarisierung ihr Wesen zutiefst ver&#228;ndern. Sie war pl&#246;tzlich, wie wir es gesagt haben, in der Position eines Staatsapparats, mit der Notwendigkeit, viele verschiedene und antagonistische Interessen diverser Gruppen zu integrieren, mit ihnen zu jonglieren und Schiedsrichter &#252;ber sie zu sein. Und, parallel dazu, da Gaza nicht ein richtiger Staat ist, hat sich die Hamas auch in eine Milizpartei verwandelt, vergleichbar mit der Hisbollah im Libanon.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese doppelte Entwicklung hat eine widerspr&#252;chliche Dimension. Ich stelle die Hypothese auf, dass der gegenw&#228;rtige Krieg gewissermassen den Sieg der zweiten Logik &#252;ber die erste darstellt. Der bewaffnete Arm hat den Staatsapparat und die milit&#228;rischen Rentenkreisl&#228;ufe (aus dem Iran) haben die zivilen Rentenkreisl&#228;ufe (aus Katar) verdr&#228;ngt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Hamas ist eine interklassistische Bewegung, was ihr erratisches Handeln erkl&#228;rt. Die Handelsbourgeoisie im Westjordanland hat sich Mitte der 2000er Jahre massiv zu ihr bekannt; die Bewegung hat die Parlamentswahlen 2006 als Partei der Ordnung gewonnen; sie versprach, die chaotische Sicherheitslage unter Kontrolle zu bringen, und sie garantierte die herrschende Ordnung mit einer auf der Wohlt&#228;tigkeit basierenden Umverteilung. Sie erschien paradoxerweise als Gegnerin der Intifada und die Mehrheit der Notabeln der beiden wirtschaftlichen Zentren des Westjordanlands, Nablus und Hebron, unterst&#252;tzten sie damals, w&#228;hrend sie mit jordanischen Wirtschaftsinteressen verbunden blieben. Die Hamas hat die gleichen Parlamentswahlen in Gaza gewonnen, aber indem sie Widerstandsparolen hervorhob und zur milit&#228;rischen Einreihung aufrief und somit das Lumpenproletariat der Fl&#252;chtlingslager ansprach. Nicht in einer Logik des Aufstands oder der sozialen Bewegung, sondern in einer des milit&#228;rischen Klientelismus. Im Gegensatz zum Westjordanland gibt es im Gazastreifen keine urbane Handelsbourgeoisie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Interklassismus ist seither weitergegangen. Die Hamas hantiert weiterhin mit widerspr&#252;chlichen Logiken der Mobilisierung. Der Anf&#252;hrer ihres bewaffneten Arms, Mohammed Deif, ist eine Art mythische Ikone, ein &#220;berlebender etlicher gezielter Mordversuche. Er wird zum James Bond erhoben, um zu den Teenagern in den Fl&#252;chtlingslagern zu sprechen, w&#228;hrend die Anf&#252;hrer in Anzug und Krawatte ihre Zeit in den F&#252;nfsternehotels in Katar vertreiben und sich mit Ministern und Kapitalisten der arabischen und t&#252;rkischen Welt fein verk&#246;stigen. Und wenn die Fraktion um Mohammed Deif eine Operation wie jene am 7. Oktober lanciert, l&#228;sst sie die Anzug- und Krawattenfraktion machen, denn sie hofft im Geheimen, dass sie in den diplomatischen Verhandlungszimmern die Fr&#252;chte davon ernten kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin vorsichtiger betreffend dessen, was die Kompradorenbourgeoisie von Gaza-Stadt davon h&#228;lt, w&#228;hrend ihre Villen von den Bomben zerst&#246;rt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Was sind die Eigenschaften der Ausbeutung der Proletarier im Gazastreifen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe ziemlich viel Zeit im Westjordanland verbracht, aber ich kenne den Gazastreifen nicht direkt. Aufgrund seiner politischen und geographischen Situation gleich neben einem Raum intensiver kapitalistischer Akkumulation k&#246;nnte man sagen, dass der Gazastreifen ein grosser &#8222;M&#252;lleimer&#8220; Israels ist. Doch sogar in den M&#252;lleimern der Kapitalisten gibt es gesellschaftliche Spaltungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ist es unter dem Strich eine Art Ghetto? Konkret, haben die Proletarier im Gazastreifen Arbeit (formell oder auch nicht) oder m&#252;ssen sie mehrheitlich als &#252;bersch&#252;ssig betrachtet werden?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#8222;&#220;bersch&#252;ssig&#8220; in dem Sinne, dass die Arbeit im Gazastreifen fast nirgends kapitalistische Akkumulation erlaubt. Die Kapitale, die dort zirkulieren, kommen im Wesentlichen aus Renten (und zwar aus sehr kleinen Renten): Rente der Aussenhilfe (Iran und Katar), Renten aus Monopolsituationen (die Tunnels). Die generierten Profite sind nicht das Resultat der Ausbeutung von Arbeit durch Kapitalisten. Reproduktion der Proletarier und Verwertung sind zwei unterschiedliche Prozesse, wie der b&#228;rtige Alte sagen w&#252;rde. Die Chefs sind grossmehrheitlich kleine Chefs und der Staat reguliert nichts.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Gazastreifen ist ein Raum, der in Bezug auf die Kreisl&#228;ufe der kapitalistischen Verwertung komplett abseits steht, wie viele andere Peripherien der Welt. Es gibt keine &#8222;nationale Bourgeoisie&#8220;, denn es gibt keine Kapitale aus dem Gazastreifen. Es gibt auch keine &#8222;traditionelle Bourgeoisie&#8220;, wie im Westjordanland oder Jerusalem &#8211; diese alten Familien, die auf einem verstaubten alten Handels- und Bodenkapital sitzen, das jedoch in den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen noch wirksam ist. Im Gazastreifen gibt es hingegen sehr wohl eine neue Form der &#8222;Kompradorenbourgeoisie&#8220;, die auf Zirkulationsrenten sitzt. Sie ist jedoch keine Klasse im engen Sinne, sie ist eine gesellschaftliche Gruppe, die ein enormes Einkommen aus ihrer Stellung als Zwischenh&#228;ndlerin im Handel mit den ausl&#228;ndischen Kapitalisten zieht (im Gegensatz zu einer Bourgeoisie, die ein Interesse an der Entwicklung einer National&#246;konomie hat).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Teil dieser Bourgeoisie ist deckungsgleich mit dem politischen Apparat der Hamas, denn die zirkulierenden Kapitale kommen zu einem grossen Teil von einer geopolitischen Rente, sie kommen von Staaten wie Katar und dem Iran. Doch es gibt auch andere Renten, zum Beispiel jene, die mit der Grenzzirkulation mit &#196;gypten zusammenh&#228;ngen. Aus den Schmuggeltunneln sind Verm&#246;gen entstanden und hier handelt es sich eher um die Figur des globalisierten Feudalherren &#8211; typischerweise ein Verh&#228;ltnis zwischen Chef und Arbeiter. Es kam 2007 zu heftigen bewaffneten Konfrontationen zwischen gesellschaftlichen Clanstrukturen und dem politisch-milit&#228;rischen Apparat der Hamas in Rafah, im S&#252;den des Gazastreifens, es ging um die Besteuerung der Warenzirkulation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Hamas ist, im Gegensatz zur Pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde (PA), nicht verantwortlich f&#252;r die &#246;ffentlichen Dienste, sie zahlt die L&#246;hne nicht: Diese werden immer noch von der PA gezahlt. Das ist &#252;brigens Gegenstand permanenter Erpressung: Die PA friert die L&#246;hne der Funktion&#228;re in Gaza regelm&#228;ssig ein oder reduziert sie, um die Hamas zu schw&#228;chen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es kommt auch regelm&#228;ssig, und wahrscheinlich zumindest teilweise als Folge davon, zu &#8222;sozialen&#8220; Mobilisierungen, die W&#252;rde fordern &#8211; typischerweise Wasser, Elektrizit&#228;t und die L&#246;hne. Die Hamas schl&#228;gt sie nieder, auf mehr oder weniger heftige Art und Weise, aber immer mit einer gewissen Zur&#252;ckhaltung, die einem zum Schluss kommen l&#228;sst, dass sie kein &#214;l ins Feuer giessen will. Die gegenw&#228;rtige milit&#228;rische Offensive folgt auf eine Episode dieser Art, die sich diesen Sommer abgespielt hat. Es ist leicht vorstellbar, dass es eine Verbindung zwischen diesen beiden Arten von Ereignissen gibt oder dass sie zumindest einer gewissen Logik unterliegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Protest gegen die verwaltende Hamas und die Unterst&#252;tzung f&#252;r die k&#228;mpfende Hamas sind &#252;berhaupt keine Gegens&#228;tze. Erstere greift deine W&#252;rde an, w&#228;hrend letztere sie r&#228;cht. Ohne die k&#228;mpfende Hamas w&#228;re die verwaltende Hamas im Gazastreifen wahrscheinlich mit bedeutenderen Protesten konfrontiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Du sagst, dass du das Westjordanland besser &#8222;kennst&#8220; als den Gazastreifen. Gibt es zwischen diesen beiden Territorien bedeutende Unterschiede oder handelt es sich im Gegenteil um zwei Varianten einer gleichen Logik?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Gazastreifen ist seit Langem dieser &#8222;M&#252;lleimer&#8220; f&#252;r &#220;bersch&#252;ssige, den ich vorher angesprochen habe. Ein winziges Territorium, in das 1947-1948 ein Fl&#252;chtlingsstrom gedr&#228;ngt wurde, der die lokale, haupts&#228;chlich b&#228;uerliche Bev&#246;lkerung &#252;berschwemmt hat. Es gibt dort &#252;berhaupt keine Rohstoffe. Im Westjordanland ist die Klassenbildung anders, mit St&#228;dten und Notabeln. Und es gibt landwirtschaftliche und hydraulische Ressourcen, die Israel sich aneignet. Die L&#246;hne sind doppelt so hoch, es gibt einige Industrien, die auf der relativen Integration der Kompradorenklasse der PA in das israelische Kapital basieren. Die Fatah, welche die St&#228;dte regiert, ist eine Partei, die keine gesellschaftliche Koh&#228;renz mehr hat. Sie hat 2006 die Wahlen gegen die Hamas verloren. Durch einen von Israel und den USA unterst&#252;tzten Gewaltstreich 2007 konnte sie die Hebel der &#246;ffentlichen Macht in den St&#228;dten des Westjordanlands behalten, indem sie den Gazastreifen der Hamas &#8222;&#252;berliess&#8220;. Seither hat sie keine auch nur irgendwie auf eine demokratische Prozedur gr&#252;ndende Legitimit&#228;t mehr. Ihre Macht basiert auf der Zusammenarbeit mit Israel, die hinter einem hohl t&#246;nenden nationalistischen Diskurs verschleiert wird. Sie regiert Enklaven, die voneinander getrennt und immer mehr von der Kolonialisierung umzingelt sind, die israelische Armee dringt regelm&#228;ssig in sie ein. Was das Proletariat des Westjordanlands betrifft, ist es st&#228;rker ins Kapital Israels integriert als jenes des Gazastreifens. Viele pal&#228;stinensische Arbeiter malochen, legal oder illegal, im israelischen Territorium oder in den Kolonien. Sie unterhalten wirtschaftliche Beziehungen zu den Pal&#228;stinensern von 1948, welche die israelische Staatsb&#252;rgerschaft haben, und sprechen h&#228;ufig hebr&#228;isch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Was geschieht aktuell im Westjordanland? Was macht die Fatah? Gibt es gesellschaftliche oder politische Kr&#228;fte, die einen mehr oder weniger proletarischen Charakter haben und im Moment der Krise gest&#228;rkt daraus hervorgehen k&#246;nnten?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Gazastreifen scheint mir im Moment hinsichtlich der M&#246;glichkeiten einer proletarischen Aktivit&#228;t verloren. Das Gleiche gilt nicht f&#252;r die St&#228;dte des Westjordanlands, wo der innerpal&#228;stinensische Kampf um die politische Kontrolle seit Jahren mit autonomen Manifestationen des Klassenkampfes einhergeht. Die soziale Kontrolle wird gemeinsam durch einen von Israel abh&#228;ngigen Kompradorenkapitalisten gehaltenen Sicherheitsapparat und urbanen, mit Jordanien verbundenen Baronien garantiert. Die Koh&#228;renz dieser Klasse l&#246;st sich immer mehr auf, die Fatah reguliert &#252;berhaupt nichts mehr und alle versuchen, ihre Hochburgen zulasten anderer zu verteidigen. Das erwartete Ereignis, welches all das regeln sollte, war der Tod des paranoiden Dinosauriers Mahmud Abbas, aber jetzt wird notwendigerweise alles schneller gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Hamas ist im Westjordanland seit 15 Jahren im Stand-by-Betrieb. Nicht die geringste direkte &#246;ffentliche oder milit&#228;rische Aktivit&#228;t. Sie unterh&#228;lt Loyalit&#228;ten, aber diskret. Die bewaffneten Gruppen, die im Norden (Nablus, Jenin, Tulkarem) aufgetaucht sind, sind nicht mit ihr verbunden. Diese Passivit&#228;t erweckte den Eindruck, dass die Hamas die Situation akzeptiert hat und den Status Quo nicht zerst&#246;ren wollte. Innerhalb der bewaffneten Gruppen in den Fl&#252;chtlingslagern verschaffte ihr das einen schlechten Ruf: Sie sei die Kehrseite der Fatah, eine grosse Klappe, nichts dahinter, andere politische Interessen als jene des Volkes. Und dann diese Operation: Sie &#228;ndert eindeutig die Voraussetzungen hinsichtlich der Wahrnehmung. Ihr Image, ob man das will oder nicht, wird davon betr&#228;chtlich aufpoliert sein. Jetzt schon sieht man die Fahne der Hamas ziemlich &#252;berall an den Demos wehen, was vor einem Monat unvorstellbar gewesen w&#228;re. Wird die Hamas direkt die Macht der PA im Westjordanland infrage stellen? Das ist wenig wahrscheinlich, weil ihre Aktivit&#228;ten nicht nur von der PA strikt &#252;berwacht werden, sondern auch von Israel, und die pal&#228;stinensischen Enklaven im Westjordanland kein koh&#228;rentes Territorium bilden, es kann nicht milit&#228;risch gehalten werden, ohne das mit der israelischen Armee zu verhandeln. Doch sie kann ihre Strategie &#228;ndern und die Aktivit&#228;ten der bewaffneten Gruppen auf die eine oder andere Art und Weise unterst&#252;tzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was auch immer geschehen mag, die Dinge werden sich notwendigerweise ver&#228;ndern. Die PA wird M&#252;he haben, bez&#252;glich der Sicherheit die Kontrolle zu behalten. Die Koh&#228;renz der politischen Klasse der Sicherheitspolitik wird einer schweren Belastung ausgesetzt sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Armee und die Siedler haben parallel zur Offensive im Gazastreifen eine Reihe von Angriffen im Westjordanland lanciert. Diese Offensive wird an Intensit&#228;t gewinnen und von diversen Massakern begleitet sein, sie werden &#246;rtlich begrenzter, aber wahrscheinlich auch st&#228;rker &#8222;selbstorganisiert&#8220; als im Gazastreifen sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt also etliche Gr&#252;nde, beunruhigt zu sein. Aber ich hoffe irgendwie auch, dass sich ein Raum f&#252;r autonome K&#228;mpfe er&#246;ffnet und die durch die PA in den letzten 15-20 Jahren hervorgebrachte Ohnmacht der Repression und des Klientelismus beendet &#8211; dass ein Zusammenbruch der pal&#228;stinensischen Sicherheitskr&#228;fte die seit Jahren erwartete soziale Explosion erm&#246;glicht. Die Klassenverh&#228;ltnisse im Westjordanland sind von einer aussergew&#246;hnlichen Gewalt gepr&#228;gt. Die dortige Bourgeoisie hat lange von der Situation der Zusammenarbeit mit Israel profitiert, sie hat sich die Taschen gef&#252;llt, es w&#228;re angebracht, dass sie ein bisschen beginnt zu zittern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Seit einer Weile gibt es einen sozialen Protest in Israel gegen Netanjahu und besonders gegen seine Justizreform. Welche Folgen haben diese K&#228;mpfe (falls &#252;berhaupt) in der aktuellen Situation? Inwiefern dr&#252;ckt der &#8222;zivile&#8220; Widerstand der israelischen Bev&#246;lkerung (zum Beispiel die j&#252;ngsten K&#228;mpfe gegen die Justizreform) einen solchen Anspruch aus?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Krieg scheint mir auch Ausdruck eines Verlusts der Koh&#228;renz der kapitalistischen Klasse zu sein; und gleichzeitig kaschiert die milit&#228;rische Einheit denselben. Der milit&#228;rische Zusammenbruch Israels am 7. Oktober scheint weitgehend eine Folge des Kampfes innerhalb der kapitalistischen Klasse Israels zu sein, ein Kampf, der zum ersten Mal auch die milit&#228;rische Institution erreicht hat. In den letzten Monaten war der Kampf sehr intensiv und er hat sich auf der Strasse ausgedr&#252;ckt. Das alte Israel, aschkenasisch, b&#252;rgerlich, laizistisch und milit&#228;risch, das in Tel Aviv vertikal akkumuliert, ist mit der &#228;usseren Rechten an der Macht konfrontiert gewesen, letztere ist sephardisch, revanchistisch und akkumuliert horizontal in den H&#252;geln des Westjordanlands. Aber in diesen Demos ist nie etwas Proletarisches &#252;ber die Ufer getreten. Schlimmer: Nichts Demokratisches, im Sinne von &#8222;zivil&#8220;, wie du es formulierst. Das Proletariat in Israel, das zwar ein hohes Niveau der Ausbeutung erdulden muss, ist durch seine existenzielle Integration in den Milit&#228;rstaat mundtot gemacht worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die kriegerische nationale Einheit kehrt diesen Kampf innerhalb der herrschenden Klasse provisorisch unter den Teppich: Alle sind einverstanden mit einem Bombenteppich im Gazastreifen; und auch mit der Durchsetzung einer rigiden Sicherheitspolitik. Seit der Generalmobilmachung ist die Jagd auf den inneren Feind er&#246;ffnet. Sie betrifft die wenigen Linken, die noch &#252;brig geblieben sind, aber auch und zuallererst das muslimische Proletariat (die Pal&#228;stinenser von 1948), deren kleinste Solidarit&#228;tsbekundung mit den Opfern der wahllosen Bombenangriffe verfolgt wird. Was wird in einigen Monaten geschehen? Wird der Krieg dazu f&#252;hren, dass die herrschende Klasse auf die Linie der Partei der Siedler einschwenkt? Letztere ist, obwohl sie von der Mehrheit der Bourgeoisie f&#252;r ihre religi&#246;se R&#252;ckst&#228;ndigkeit verachtet wird, nichtsdestotrotz am ehesten im Einklang mit einer auf eine auf die Jagd auf Araber ausgerichteten Mobilisierung, die wohl nicht so schnell aufh&#246;ren wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denkst du, dass die rein koloniale Lesart stichhaltig ist, um die Beziehungen zwischen Israel und dem pal&#228;stinensischen Proletariat zu definieren?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ja und nein, nat&#252;rlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind in einer Situation, wo das, was auf dem Spiel steht, weniger die Ausbeutung einer eingeborenen Arbeitskraft als die Verwaltung einer &#252;bersch&#252;ssigen proletarischen Bev&#246;lkerung ist, in Verh&#228;ltnissen, die innerhalb der Zentren der kapitalistischen Akkumulation einmalig sind. F&#252;r jeden Arbeiter mit einem Arbeitsvertrag in Israel gibt es einen anderen, der in den grossen geschlossenen Vorst&#228;dten festsitzt, welche die Bev&#246;lkerungszentren unter pal&#228;stinensischer Gesetzgebung darstellen: der Gazastreifen und die St&#228;dte des Westjordanlands. Das macht fast f&#252;nf Millionen Proletarier, die einige Kilometer von Tel Aviv entfernt eingepfercht sind, sie sind unsichtbar, leben vom Verkauf ihrer Arbeitskraft von einem Tag auf den anderen und werden von Soldaten bewacht, damit sie ihre K&#228;fige nicht verlassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese grosse Einsperrung, diese Operation der Trennung zwischen n&#252;tzlichen und &#252;bersch&#252;ssigen Proletariern auf einer ethnisch-religi&#246;sen Grundlage beginnt zeitgleich mit dem Friedensprozess, der in Wirklichkeit ein Prozess der Externalisierung der sozialen Kontrolle der &#220;bersch&#252;ssigen ist. Zuvor, in den 1970er-1980er Jahren, waren die Pal&#228;stinenser massiv vom israelischen Kapital angestellt worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Sinne ist der Begriff &#8222;kolonial&#8220; irgendwie unpassend, um das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis zu beschreiben, das seit dem Beginn der 1990er Jahre in Israel-Pal&#228;stina vorherrscht. Er hat zudem den Nachteil, dass er einen Gegensatz zwischen zwei nationalen Gebilden annimmt, die in Wirklichkeit zusammen hervorgebracht und reproduziert werden. Pal&#228;stinensische und israelische Proletarier sind Segmentierungen eines gleichen Ganzen. Was sich seit dem 7. Oktober abspielt, muss als eine Verhandlung durch Gewalt zwischen dem Subunternehmer aus dem Gazastreifen und seinem israelischen Arbeitgeber betrachtet werden. Dieser Aspekt muss in diesem Sinne klar von der Aktivit&#228;t des Kampfes der pal&#228;stinensischen Proletarier unterschieden werden, ihnen stehen in erster Linie die Subunternehmer der Hamas und der PA gegen&#252;ber. Dieser Kampf hat nie aufgeh&#246;rt, aber die nationale Einreihung wird ihm einen harten Schlag versetzen, zumindest im Gazastreifen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jenseits jeglicher moralischen Betrachtung scheint mir der Begriff &#8222;Widerstand&#8220;, der auf die koloniale Vorstellungswelt verweist, unangebracht, um die Milit&#228;roperation am 7. Oktober zu beschreiben: Die Interessen der Hamas sind nicht jene der Proletarier, sind nicht jene &#8211; um das geltende Vokabular zu &#252;bernehmen &#8211; des &#8222;pal&#228;stinensischen Volkes&#8220;. Die Proletarier im Gazastreifen, was auch immer das Resultat dieser Verhandlung sein mag, werden im Wesentlichen jene sein, welche geopfert werden &#8211; sie werden es schon jetzt. Falls sich Israel gegenw&#228;rtig dermassen im Aufwind f&#252;hlen w&#252;rde, um sich seines Subunternehmers zu entledigen, w&#252;rde das bedeuten, dass es bereit w&#228;re, sich der &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier im Gazastreifen zu entledigen. Das Eine geht nicht ohne das Andere.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Andererseits denke ich jedoch, dass man nicht ohne eine koloniale Lesart auskommen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Israel hat diese europ&#228;ische Logik geerbt, die darin besteht, die Arbeitskraft auf der Grundlage rassischer Kriterien zu &#8222;vertieren&#8220;, eine Grenze zwischen zivilisierter und pr&#228;zivilisierter Welt zu ziehen. Dieses Paradigma l&#228;uft in Israel auf Hochtouren und auf eingestandene Art und Weise. Gegenw&#228;rtig massakriert man die Bewohner des Gazastreifens gem&#228;ss dieser Logik: Man ertr&#228;nkt sie im Bombenhagel ohne ein anderes politisches Ziel, als sie zu &#8222;beruhigen&#8220;, die Hierarchie, welche die menschlichen Gruppen in dieser Region der Welt trennt, in Erinnerung zu rufen. Ein Hund beisst, man schlachtet das Rudel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es muss daran erinnert werden, das die Grenzen zwischen dem Zivilisierten und dem Tierischen unbest&#228;ndig sind. Sie galten und gelten immer noch innerhalb der j&#252;disch-israelischen Staatsb&#252;rgerschaft. Die arabischen (Mizrachim) und die &#228;thiopischen (Falascha) Juden waren lange auf der schlechten Seite der Grenze und stellen eine Art eingeborene Hilfskr&#228;fte zur Beruhigung anderer Eingeborener dar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Koloniale, als Erbe der kolonialen Periode im eigentlichen Sinne, erzeugt eine Art &#8222;Trieb&#246;konomie&#8220;, rund um welche sich die Konstruktion gesellschaftlicher Kategorien verknotet &#8211; und das ist &#252;brigens nur das vergr&#246;sserte Bild dessen, was in der Gesamtheit der aus den zentralen L&#228;ndern der kapitalistischen Akkumulation bestehenden &#8222;Festung&#8220; geschieht, man sieht es mit dem unmittelbaren Transfer des &#8222;Krieges der Zivilisationen&#8220; nach Frankreich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die aktuelle Dynamik und ihre Logik der Zur&#252;cklegung der &#252;bersch&#252;ssigen Proletarier f&#252;hren eine Menge an auf Erniedrigung basierender Affekte mit sich. In Anbetracht der Unm&#246;glichkeit, das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis kollektiv zu beeinflussen, bringt die Ohnmacht eine doppelte Logik des Ressentiments hervor: Streben nach Anerkennung einerseits, nach Rache andererseits.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da sie keine Bourgeoisie haben, auf die sie sich st&#252;tzen, und kein Proletariat, das sie selber ausbeuten, sind Politiker wie jene der Hamas dazu veranlasst, sich auf die Ausbeutung dieser Affekte zu st&#252;tzen, sie werden &#8211; wohl oder &#252;bel &#8211; zur Inkarnation davon.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Um auf Israel zur&#252;ckzukommen, wenn man davon ausgeht, dass die kapitalistische Akkumulation weitgehend auf der permanenten &#8222;Kriegswirtschaft&#8220;, der Aneignung von Boden und der Ausbeutung des mehr oder weniger formellen pal&#228;stinensischen Proletariats gr&#252;ndet, muss dann jegliche &#8222;L&#246;sung&#8220; (z.B. die &#8222;Zweistaatenl&#246;sung&#8220;) als absolut unm&#246;glich betrachtet werden?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ab den 1990er Jahren, als Israel sich der Verwaltung der pal&#228;stinensischen Arbeitskraft in den besetzten Gebieten entledigen will, wird sie einem Subunternehmer &#252;berlassen, der Pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde. Doch Israel respektiert jenen Vertrag nicht, welcher zu einer Form symbolischer Souver&#228;nit&#228;t h&#228;tte f&#252;hren sollen. Es behandelt seinen Subunternehmer schlecht. Dieser revoltiert also: Es ist die Zweite Intifada, wo sich der Kampf der PA gegen ihren Arbeitgeber und ein umfassender proletarischer Kampf gegen Israel und den Subunternehmer vermischen, letzterer wird jedoch durch die Einklemmung erstickt. Am Ende dieser historischen Sequenz spaltet sich das Subunternehmertum der PA. Ein schlecht behandelter, aber unterw&#252;rfiger Subunternehmer im Westjordanland; ein anderer schlecht behandelter und aufm&#252;pfiger im Gazastreifen. Die Hamas kann zwar als Feind behandelt werden, es ist aber offensichtlich, dass Israel in diesem Zusammenhang nicht ohne Subunternehmer auskommen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kommen wir kurz auf diesen Prozess und sein Scheitern zur&#252;ck. Warum haben die Kapitalisten die M&#246;glichkeit zum &#8222;Frieden&#8220;, die darin bestand, einen &#8222;nationalen Prozess&#8220; f&#252;r Pal&#228;stina im Gazastreifen und im Westjordanland zu unterst&#252;tzen, nicht genutzt? Was sie damals h&#228;tten bekommen k&#246;nnen, w&#228;re die &#214;ffnung eines regionalen Marktes mit den umliegenden L&#228;ndern und die M&#246;glichkeit f&#252;r Investitionen in L&#228;ndern mit billiger Arbeitskraft gewesen. Es h&#228;tte gereicht, der Autonomiebeh&#246;rde die Attribute eines Rumpfstaates zu &#252;berlassen, der mit ausgestreckten Armen von &#228;usseren Spendern unterst&#252;tzt worden und ein interner Markt geblieben w&#228;re. Die Antwort auf diese Frage ist meines Erachtens alles andere als klar. Ich stelle zwei Hypothesen auf. Die erste ist jene des Gewichts des &#8222;milit&#228;rischen&#8220; Kapitals, das durch die von den USA an Israel ausgezahlte milit&#228;rische Rente unterst&#252;tzt wird. Dieser milit&#228;rische Kapitalismus, der mit dem Sektor der Spitzentechnologie verbunden ist, ist &#252;ber die K&#246;pfe des regionalen Marktes hinweg international. Die zweite Hypothese stellt das Scheitern des Friedensprozesses in Zusammenhang mit dieser grossen Katastrophe, die der durch die USA in den 2000er Jahren unternommene Versuch der Umgestaltung des Mittleren Ostens darstellte. Somit h&#228;tte sich Israel in Erwartung der Verfl&#252;ssigung der Zirkulation der Kapitale in der Region auf milit&#228;rischem Wege gehalten, womit die Vorstellung einherging, dass es m&#246;glich sei, das Subunternehmertum zu haben, ohne gegen&#252;ber den bestehenden Beh&#246;rden in den pal&#228;stinensischen Reservaten auch nur irgendwie einzulenken. Das hat fast 20 Jahre lang funktioniert. In diesem Zusammenhang er&#246;ffnete sich sogar die Perspektive der &#214;ffnung neuer M&#228;rkte in der arabischen Welt (die sogenannten Abraham-Abkommen und die neuen Perspektiven einer Pax Americana mit Saudi-Arabien) und diese Situation ist nun wahrscheinlich geplatzt. Was sich am 7. Oktober gezeigt hat, ist, dass die Gleichung, alles haben zu wollen, nicht haltbar ist: Es wird n&#246;tig sein, mit den pal&#228;stinensischen Gef&#228;ngnisw&#228;chtern der pal&#228;stinensischen Reservate zu verhandeln, um die als Ghettos fungierenden Reservate auf ihrem Territorium zu z&#252;geln, oder sich ihnen zu entledigen, was eindeutig ein neues Kapitel in der Geschichte der kapitalistischen Gewalt in den L&#228;ndern des Blockes der zentralen Akkumulation er&#246;ffnen w&#252;rde. Das ist nicht unm&#246;glich. Es l&#228;sst einem erschaudern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ist die Idee eines &#8222;pal&#228;stinensischen Volkes&#8220; zur Umgehung der gesellschaftlichen Trennungen nicht trotzdem operativ, auch innerhalb der beherrschten Klassen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Gesellschaftskritik ist meines Erachtens vor allen Dingen die Hervorbringung von Kategorien, die es erlauben, die Gegens&#228;tze in Begriffen der gesellschaftlichen Widerspr&#252;che zu denken. In einem Kontext wie jenem von Israel-Pal&#228;stina kann das scheinbar eine Operation sein, welche die zirkulierenden subjektiven Kategorien verbiegt, auf welchen sich die Affekte des Kampfes aufbauen, auf dem, was als Identit&#228;t wahrgenommen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Idee eines &#8222;pal&#228;stinensischen Volkes&#8220; als eine Israel entgegengesetzte Kategorie wirkt nat&#252;rlich in etlichen Bereichen: auf den Ausweispapieren und in dem meisten K&#246;pfen, auch als Art der Legitimierung der proletarischen K&#228;mpfe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber die Ethnisierung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse hat eine Geschichte, die prim&#228;r jene der herrschenden Klassen ist: Es ist die Geschichte der Herausbildung einer kapitalistischen j&#252;dischen Bourgeoisie, die eine arabische feudale Handelsbourgeoisie vernichtet hat; die Fusion dieser Bourgeoisie mit einem Milit&#228;rstaat usw. Die Proletarier sind zwangsl&#228;ufig Teil dieser Ethnisierung der Gegens&#228;tze innerhalb der herrschenden Klasse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man darf nie vergessen, dass der &#8222;pal&#228;stinensische Kampf&#8220;, auch jener unter der Flagge der Hamas, vorrangig als von den herrschenden arabischen Klassen &#8211; oder jenen, die Teil davon wollen &#8211; gef&#252;hrter Kampf um ihre Integration ins israelische Kapital gelesen werden muss. Die Interessen der Proletarier, die sich manchmal unter dem Banner des nationalen Kampfes wiederfinden, sind in letzter Instanz im Widerspruch zu jenen ihrer Bourgeoisie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich denke, dass man nicht mit dem &#8222;pal&#228;stinensischen Widerstand&#8220; solidarisch sein sollte, sondern mit den von Proletariern gegen die ihnen auferlegten Existenzbedingungen gef&#252;hrten K&#228;mpfen. Doch die Proletarier k&#228;mpfen unter jenen Flaggen, die sich ihnen anbieten. Man sollte nicht die Flagge anschauen, sondern die K&#228;mpfe selbst. Eine pal&#228;stinensische Fahne, oder sogar eine der Fatah oder der Hamas, sie alle sind potenziell Fahnen des Kampfes, die, je nach Kontext, den politischen Verwaltern entwischen. Im &#220;brigen ist es nicht, weil die Hamas islamistisch ist, dass man auf sie scheissen sollte, sondern weil sie ein Kontrollapparat &#252;ber das Proletariat ist, ein im Entstehen begriffener Staat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem mag diese Sozialkritik manchmal als unglaublich kalt und weit entfernt vom Erleben der K&#228;mpfe erscheinen, da werden andere Kategorien mobilisiert. Meine Rolle, wenn ich kalt von dialektischem Materialismus spreche, ist nicht die gleiche, wie jene, wenn die Situation sich vor meinen Augen abspielt, mit ihrer Gewalt, ihren K&#228;mpfen, ihren Subjektivit&#228;ten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;L&#228;uft eine materialistische Kritik, in einem Kontext, der dermassen von Begriffen der Identifikation gen&#228;hrt ist, nicht Gefahr, als zu herausgel&#246;st zu erscheinen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es scheint mir, dass es in einem solchen Kontext nicht um eine Position geht, sondern um einen Standpunkt, eine Methode. Ein revolution&#228;rer Blick besteht in erster Linie darin, sich nicht blenden zu lassen von der Autonomisierung der durch die Linke gehandhabten Kategorien. Ich nehme zwei davon wahr, die im Moment in den Diskussionen ein der Dialektik zugewandtes Denken konstant zu erschlagen drohen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die erste ist der Reflex der Wehklage &#252;ber das Thema &#8222;das Proletariat ist nicht, wie wir es gerne h&#228;tten&#8220;: antisemitische muslimische Proletarier, rassistische j&#252;dische Proletarier. Abgesehen von der Tatsache, dass dieses Denken &#8211; das darin besteht, das Innere des Proletariers von einer intellektuellen Position aus zu betrachten &#8211; in ihrem Wesen b&#252;rgerlich ist, ist es besonders unangebracht in einer Situation eines Gegensatzes, wo sich nicht die geringste Form proletarischer Autonomie manifestiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was sich im Moment abspielt, ist einerseits eine Logik der Einreihung des Proletariats und andererseits ein pures Massaker &#252;bersch&#252;ssiger Proletarier. Gewisse werden also die gute alte Zeit zur&#252;ckw&#252;nschen, wo die politischen Formationen in Pal&#228;stina (und deshalb, so mutmasst man, das Volk selbst) links waren. Das scheint mir idiotisch. Die Ideologie der politischen Gruppen, sobald man davon ausgeht, dass diese insbesondere k&#228;mpfen, damit ihre Anf&#252;hrer sich als herrschende Klasse aufspielen und als solche reproduzieren, ist sekund&#228;r. Betreffend der Methoden m&#246;chte ich einfach daran erinnern, dass es ein Kommando der DFLP [Demokratische Front zur Befreiung Pal&#228;stinas] war, eine ideologisch extrem linke pal&#228;stinensische Formation (die mit Elementen der &#228;usseren Linken Israels verbunden war), die das Massaker an 22 Kindern in einer Schule in Ma'alot 1974 beging.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein zweiter problematischer Denkreflex besteht darin, die Metaphysik sich in die Analyse einschleichen zu lassen. Dieses metaphysische Denken ist in der Idee der erstarrenden und verbl&#252;ffenden Wiederholung enthalten. Sie ist in den Ausf&#252;hrungen &#252;ber die &#8222;Massaker an den Juden&#8220; am Werk; aber auch in jenen rund um die &#8222;pal&#228;stinensische Trag&#246;die&#8220;. Diese Ausf&#252;hrungen, die wom&#246;glich auf autonome Art und Weise im Innersten der Psyche entstehen, sind nichtsdestotrotz reine Produkte der Art und Weise, wie das b&#252;rgerliche Denken die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse in den Himmel der Ideen aussiedelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vergessen wir die Geschichten, sowohl die Farce als auch die Trag&#246;die. Die Geschichte wiederholt sich nicht: Die sich ausbreitenden Gegens&#228;tze sind &#252;berwiegend gegenw&#228;rtige Gegens&#228;tze.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#220;bersetzt aus dem Franz&#246;sischen von &lt;a href=&#034;https://kommunisierung.net/&#034;&gt;Kommunisierung.net&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&#034;https://leserpentdemer.wordpress.com/2023/10/30/gaza-une-militarisation-extreme-de-la-guerre-de-classe-en-israel-palestine/&#034; class=&#034;spip_out&#034; rel=&#034;external&#034;&gt;Quelle&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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